
Joseph Leutgeb bat Mozart um Musik, lieh sich Geld von dessen Vater und bot ihm eine Unterkunft an. Aus ihrer langen Freundschaft entstand einige der anspruchsvollsten Musik, die je für das Naturhorn geschrieben wurde.
Am 27. Mai 1783 vollendete Mozart ein Hornkonzert mit einer ungewöhnlich derben Widmung. Er habe, schrieb er, Mitleid gehabt mit Leutgeb, „Esel, Ochse und Narr“. Der Adressat war Joseph Leutgeb, ein Hornist, der dreiundzwanzig Jahre älter war als Mozart und eine Bekanntschaft aus Kindertagen. Mozart setzte die Beleidigung auf das Manuskript von K.417 – Musik, die dem Mann, den er verspottete, beträchtliches Können abverlangte. [1]

Die Widmung ist oft das Erste, was man über Leutgeb erfährt. Als Einstieg taugt sie wenig für einen Musiker, der eine internationale Laufbahn gehabt hatte und dessen Freundschaft mit der Familie Mozart fast dreißig Jahre währte. Die Briefe zeichnen ein vollständigeres Bild: Bitten um Musik, offene Darlehen, praktische Hilfe und gemeinsam verbrachte Abende.

Ein alter Salzburger Bekannter
Leutgeb, 1732 in der Nähe Wiens geboren, war bereits ein etablierter Solist, bevor er 1763 den Salzburger Hofmusikern beitrat. Zwischen November 1761 und Januar 1763 trat er im Wiener Burgtheater mindestens vierzehnmal mit Hornkonzerten auf. Zu seinem Repertoire gehörte auch ein heute verschollenes Konzert von Michael Haydn. Wolfgang war sieben, als Leutgeb nach Salzburg kam; dort war Leopold Mozart Kollege im Hofensemble. [2]
Leutgeb reiste zudem als Solist. In Paris fanden seine Auftritte beim Concert Spirituel 1770 Anerkennung – besonders sein kantables Spiel wurde gelobt. Diese Eigenschaft hilft zu erklären, warum Mozart später gerade für ihn schrieb. Neben schnellen Passagen und Jagdsignalen stehen langsame Sätze, in denen das Horn eine Melodie so mühelos tragen soll wie ein Sänger. [1]
Die Familie blieb auch außerhalb Salzburgs mit ihm in Verbindung. Im November 1772, als die Mozarts in Mailand waren, sprach Leopold über mögliche Arbeit dort für Leutgeb und bot ihm Quartier an. Reisen, Empfehlungen und eine Unterkunft gehörten zum Auskommen eines Musikers – und die Mozarts waren bereit zu helfen. [3]

Eine Bitte um ein Konzert
Bis 1777 hatte sich Leutgeb in Wien niedergelassen. Am 1. Dezember berichtete Leopold Wolfgang, ihr Freund habe auf Kredit ein kleines Haus vor der Stadt gekauft. Zugleich gab er eine musikalische Bitte weiter: „von dir erbat er ein Konzert.“ Leutgeb fragte also mehrere Jahre nach Musik, bevor das früheste sicher datierte vollständige Konzert aus der bekannten Gruppe entstand. Diese Bitte lässt sich nicht eindeutig als Auftrag für K.417 identifizieren, doch sie zeigt, wer die Initiative ergriff. [2]
Der Hauskauf trug dazu bei, dass die vertraute Geschichte vom „Käsehändler“ Leutgeb entstand. Leopold erwähnte dessen Hoffnung, mit Käse Geld zu verdienen. Doch Michael Lorenz’ archivalische Recherchen führen das Familiengeschäft auf Leutgebs Schwiegervater zurück; es war bereits 1764 verkauft worden. Die Quellen stützen nicht das gängige Bild, Leutgeb habe neben seiner Musikerkarriere einen Käseladen betrieben. [2]
Seine Schulden waren allerdings real genug. Am 8. Mai 1782 bat Wolfgang Leopold, mit dem Freund nachsichtig zu sein: „Wegen dem armen Leitgeb bitte ich dich, habe noch ein wenig Geduld.“ Er meinte, sein Vater würde Verständnis haben, wenn er die Umstände kenne, und versprach, mit Leutgeb über eine Rückzahlung in Raten zu sprechen. [4]
Das macht die ein Jahr später geschriebene Widmung schwerer, sie einfach wörtlich zu nehmen. Mozart konnte grob sein – zugleich hatte er sich aber für Leutgeb eingesetzt. Wie der Hornist jeden Scherz aufnahm, wissen wir nicht; dass ihr Umgang über Jahre fortbestand, wissen wir hingegen.
Spielen ohne Ventile
Leutgebs Instrument verlangte Fertigkeiten, die ein modernes Horn teilweise kaschieren kann. Das Naturhorn hatte keine Ventile. Sein gewundenes Rohr erzeugte eine Reihe von Naturtönen (Obertönen), die durch Lippenansatz und Atem ausgewählt werden. Austauschbare Rohrstücke, sogenannte Bögen, änderten die Grundtonart des Instruments. Einen Bogen zu wechseln war ein handfester Vorgang – nichts, was man zwischen den Tönen einer schnellen Melodie erledigen konnte. [5]
Für Töne außerhalb dieser Obertonreihe veränderte der Spieler Ansatz und die Stellung der rechten Hand im Schallbecher. Ein teilweise geschlossenes Horn veränderte die Tonhöhe, aber auch Farbe und Tragfähigkeit des Klangs. Eine scheinbar „glatte“ Phrase konnte daher mehrere sehr unterschiedliche Arten der Tonerzeugung erfordern. In den hohen Obertönen liegen die Töne eng beieinander – Präzision wird so zur weiteren Herausforderung. [5]
Hören Sie die langsamen Sätze mit diesem Wissen. Ihre scheinbare Schlichtheit beruht auf sorgfältig kontrollierten Wechseln von Klangfarbe, Intonation und Atem. Die lebhaften Finalsätze verlangen eine andere Art von Sicherheit: saubere Artikulation und schnelle Beweglichkeit zwischen den Tönen. Das Horn erinnert noch an die Jagd – doch Mozart verlangt weit mehr, als nur ein Signal zu geben.

Musik für einen bestimmten Spieler
Das Hornquintett K.407, gewöhnlich auf Ende 1782 datiert und mit Leutgeb in Verbindung gebracht, stellt das Horn neben Violine, zwei Violen und Violoncello. Dieses ungewöhnlich warme Streicherensemble lässt dem Solisten Raum sowohl für wendige Wechselspiele als auch für getragenes Melos. [6]
K.417 folgte 1783. Ein weiteres Konzert, K.495, verzeichnete Mozart am 26. Juni 1786 in seinem eigenen Werkverzeichnis ausdrücklich als ein Werk für Leutgeb. Das Manuskript ist mit vier Tintenfarben geschrieben. Oft wird das als weiterer praktischer Scherz erklärt, doch der Zweck bleibt unklar. Die Musik selbst wechselt zwischen weit ausgreifender Solopartie, einer lyrischen Romance und einem flinken Jagdrondo. [1]
Das Finale, bezeichnet Rondo: Allegro vivace, rückt Leutgebs Beweglichkeit und Mozarts spielerischen Dialogsinn scharf ins Licht. Achten Sie auf die hellen, wendigen Rufe des Horns, auf die das Orchester antwortet, während das Hauptthema immer wiederkehrt. Diese Aufführung des Schlusssatzes bietet die Gelegenheit, die Virtuosität zu hören, die Mozart für seinen alten Freund schrieb.
K.447 bietet eine andere Besetzung: Zwei Klarinetten und zwei Fagotte treten zu den Streichern um das Solohorn. Die chromatische Schreibweise stellt feine Anforderungen an die Stopftechnik, und die Holzbläser verleihen den musikalischen Gesprächen einen milden Klang. Das Manuskript ist undatiert; der aktuelle Köchel-Katalog ordnet es zwischen 1784 und 1787 ein. Diese Konzerte entstanden über mehrere Jahre hinweg, statt als gemeinsam konzipierter Zyklus. Ihre Entstehungsdaten sollten nicht mit belegten Uraufführungen verwechselt werden. [1] [7]
Besonders irreführend ist die Nummerierung beim D-Dur-Konzert K.412, das meist als Nr. 1 bezeichnet wird. Mozart arbeitete daran 1791, gegen Ende seines Lebens. Das Rondo ließ er unvollendet zurück – mit weiteren spöttischen Bemerkungen an den Spieler. Franz Xaver Süssmayr lieferte das separate Rondo nach, das als K.514 bekannt ist und auf den 6. April 1792 datiert. Die geläufige Aufführungsfassung verbindet somit Arbeit zweier Komponisten. [1]
Eine Unterkunft
Im Juni 1791, während Constanze zur Kur in Baden war, wohnte Mozart in Leutgebs Haus. Aus einem kleinen Schlafzimmer neben dem Garten berichtete er, er habe gut geschlafen und werde noch eine Nacht bleiben: Da das Dienstmädchen entlassen sei, wäre es daheim unerquicklich leer gewesen. Außerdem beklagte er sich in häuslicher Vertrautheit, Leutgebs Frau könne seinen Halsbindenknoten nicht so binden wie Constanze. [8]
Im Oktober wünschte Leutgeb einen weiteren Besuch von Die Zauberflöte. Mozarts Brief an Constanze hält die Sache schlicht fest: „Leitgeb bat mich, ihn wieder mit hineinzunehmen, was ich auch tat.“ [9]
Quellen
Image credits
Staatliches Institut für Musikforschung, Musikinstrumenten-Museum / Jürgen Liepe. CC BY-SA 4.0. Unmodified. Image source. Licence.
Attributed to Johann Nepomuk della Croce / Wikimedia Commons. Public domain. Image source. Licence.
Staatliches Institut für Musikforschung, Musikinstrumenten-Museum / Antonia Weiße. CC BY-SA 4.0. Unmodified. Image source. Licence.
Biblioteka Jagiellońska, Kraków / IMSLP. Public domain. Manuskriptquelle.