K. 359

12 Variationen in G über „La Bergère Célimène“ (K. 359): Mozarts Virtuosität für den Wiener Salon

von Wolfgang Amadeus Mozart

Mozart from family portrait, c. 1780-81
Mozart from the family portrait, c. 1780–81 (attr. della Croce)

Mozarts 12 Variationen in G-Dur über „La Bergère Célimène“ (K. 359) sind ein gewandter, farbiger Variationszyklus für Tasteninstrument mit begleitender Violine, entstanden im Juni 1781 in Wien – genau in jenem Moment, als sich der 25-jährige Komponist als freischaffender Musiker neu erfand. Ausgehend von einem modischen französischen Lied, das mit Antoine Albanèse (1729/31–1800) verbunden ist, verwandelt das Werk eine urbane Melodie in ein kompaktes Theater pianistischen Witzes, eleganter Raffinesse und rasch wechselnder Affekte.[3]

Hintergrund und Kontext

Mozart kam 1781 unter angespannten Umständen nach Wien: Er hatte mit dem Salzburger Hof gebrochen und begann, eine neue Karriere aufzubauen – getragen von Unterricht, öffentlichen Auftritten und einem wachen Gespür dafür, was der musikalische Markt der Stadt verlangte. In diesem Umfeld waren Variationszyklen keine nebensächlichen Kleinigkeiten, sondern praktische, gut verkäufliche Vehikel – Musik, die man zu Hause spielen, in aristokratischen Salons vorführen und an die Fähigkeiten eines bestimmten Schülers anpassen konnte.

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Die 12 Variationen in G-Dur über „La Bergère Célimène“ (K. 359) gehören zu einer kleinen Gruppe Wiener Variationswerke aus derselben Zeit, darunter K. 360 (über „Au bord d’une fontaine“ / „Hélas, j’ai perdu mon amant“) und K. 352 (über Grétrys „Dieu d’amour“).[1] Zusammengenommen zeigen sie, wie Mozart auf die damalige Vorliebe für wiedererkennbare Melodien – oft französischen Ursprungs – reagiert und dabei stillschweigend die kompositorischen Ansprüche erhöht: klare Anlage, pointiertere Charakterisierung und eine Klaviersprache, die bereits auf seine großen Wiener Klavierkonzerte vorausweist.

Komposition und Widmung

Das Werk ist zuverlässig auf Juni 1781 in Wien datiert.[3] Die Besetzung ist Tasteninstrument (Cembalo oder Fortepiano nach damaliger Praxis) mit begleitender Violine – ein typisches „Hausduo“-Format, bei dem das Tasteninstrument den Hauptteil des musikalischen Geschehens trägt, während die Violine koloriert, verstärkt und gelegentlich in einen Dialog tritt.[2]

Der Kommentar der Neuen Mozart-Ausgabe verbindet das Stück mit Mozarts Briefen aus dieser Zeit: Am 20. Juni 1781 schreibt er an seinen Vater, er müsse „Variationen für meinen Schüler“ fertigstellen, und in einem Brief an seine Schwester Nannerl vom 4. Juli erwähnt er, er habe „3 Arien mit Variationen“ geschrieben. Der Herausgeber weist darauf hin, dass nicht sicher ist, auf welchen konkreten Zyklus sich diese Bemerkungen beziehen; dennoch zählt K. 359 zu den plausiblen Kandidaten.[1]

Das Thema selbst – „La Bergère Célimène“ – war ein weit verbreitetes französisches Lied, das mit Antoine Albanèse (auch Antonio Albanese genannt) in Verbindung gebracht wird, einem in Italien geborenen Musiker, der im Pariser Musikleben aktiv war.[3][4] Für Mozart war eine solche Melodie ideal: unmittelbar singbar, sauber gegliedert und flexibel genug, um Kontraste zu tragen, ohne ihre Kontur zu verlieren.

Form und musikalischer Charakter

K. 359 ist im Kern eine dramatische Miniaturabfolge: ein Thema, gefolgt von zwölf knappen Verwandlungen, von denen jede eine andere Facette von Stil, Anschlag und musikalischer Rhetorik erprobt. Obwohl die Violine oft unterstützend wirkt, ist ihre Präsenz bedeutsam. Sie verleiht dem Ganzen einen konversationellen Glanz – mal durch schlichtes Verdoppeln, mal durch eine Gegenbewegung – und verankert die Virtuosität des Tasteninstruments in der geselligen Klangwelt der Kammermusik.

Ein aufmerksames Ohr erkennt rasch, was den Zyklus innerhalb von Mozarts Schaffen des Jahres 1781 besonders macht: die Balance zwischen Brillanz und Charme. Anstatt die Melodie bloß als Gerüst für Passagenwerk zu behandeln, denkt Mozart ihren Charakter immer wieder neu – er wechselt die Textur, variiert die Begleitmodelle und belebt das harmonische Tempo –, während die klare Periodik der Melodie den Hörer stets orientiert. So entsteht Musik, die zugleich „nützlich“ wirkt (hervorragend für Unterricht und Präsentation) und dabei subtil kunstvoll ist.

Das Variationsprinzip spiegelt zudem Mozarts Wiener Professionalität. Jede Wendung scheint darauf angelegt, nicht nur technische Gewandtheit, sondern vor allem Geschmack zu demonstrieren: zu ornamentieren, ohne die Linie zu verwischen; Energie zu steigern, ohne schwer zu werden; witzig zu sein, ohne die Eleganz einzubüßen. Diese Ästhetik – Virtuosität als kultivierte Verfeinerung – rückt K. 359 nahe an die Salon-Kultur des frühen Wien der 1780er Jahre, deutet aber zugleich schon jene öffentlichere, orchestrale Rhetorik an, die bald in Mozarts Konzertschaffen aufblüht.

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Instrumentation (wie in gängigen modernen Quellen überliefert):

  • Tasteninstrument: Cembalo oder Fortepiano (heute meist Klavier)
  • Streicher: Violine (ad libitum / begleitend)

Rezeption und Nachwirkung

K. 359 wurde Mitte der 1780er Jahre als Teil einer Gruppe von Mozart-Variationszyklen veröffentlicht, die Artaria in Wien herausgab – mit einem generischen Titelblatt-Layout, das nicht einmal den Ursprung der Melodie nannte; ein Hinweis darauf, dass der Reiz ebenso sehr in „Mozart-Variationen“ lag wie in einer einzelnen benannten Weise.[1] Weitere frühe Angaben zur Veröffentlichung sind auch in Bibliotheks- und Katalogeinträgen überliefert und spiegeln die Verbreitung des Werks über Wien hinaus in den späten 1780er Jahren.[2]

Warum verdient das Stück heute Aufmerksamkeit, obwohl es nicht zu Mozarts „Aushängeschildern“ gehört? Gerade weil es zeigt, wie er in Echtzeit als Wiener Musiker dachte: Er formte Repertoire, das zwischen Unterricht, Salon und Druckerei zirkulieren konnte – und tat dies doch mit jener motivischen Finesse und formalen Souveränität, die seinen reifen Stil kennzeichnen. Auf wenigen Seiten bündelt K. 359 eine wichtige mozartische Wahrheit: In seinen Händen kann selbst Musik für den unmittelbaren Gebrauch zu einem kleinen Meisterwerk an Charakter und Proportion werden.

[1] Neue Mozart-Ausgabe (Digital Mozart Edition), commentary for *Sonatas and Variations for Keyboard & Violin* (includes discussion of K. 359, letters of 20 June 1781 and 4 July 1781, and Artaria’s 1786 publications).

[2] IMSLP work page: *12 Variations on “La bergère Célimène”, K. 359/374a* (catalog data, instrumentation tags, publication notes).

[3] Wikipedia: Köchel catalogue entry showing K. 359 as June 1781, Vienna, age 25, and naming the source song and Antoine Albanèse.

[4] French Wikipedia biographical entry on Antoine/Antonio Albanèse (dates, Paris career context).