K. 174

Streichquintett Nr. 1 in B-Dur, K. 174

di Wolfgang Amadeus Mozart

Miniature portrait of Mozart, 1773
Mozart aged 17, miniature c. 1773 (attr. Knoller)

Mozarts Streichquintett Nr. 1 in B-Dur (K. 174) ist ein frühes, selbstbewusstes Experiment mit der Klangwelt des „Bratschenquintetts“, vollendet in Salzburg am 1. Dezember 1773, als der Komponist siebzehn Jahre alt war [1] [2]. Auch wenn es im Schatten der großen Wiener Quintette der 1780er Jahre steht, zeigt K. 174 bereits, wie Mozart im Rahmen der Kammermusik orchestrisch denkt – die zweite Viola nicht als bloße Füllstimme, sondern als Quelle von Wärme, Dialog und harmonischer Tiefe.

Hintergrund und Kontext

Salzburg im Jahr 1773: Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791) kehrt von seinen Reisen zurück und bündelt, was er aus italienischer Melodik, österreichisch-deutscher Satzkunst und (zunehmend) dem modernen Quartettstil mitgenommen hatte, der damals in Wien aufblühte. Unmittelbar vor K. 174 schrieb Mozart den Zyklus von sechs sogenannten „Wiener“ Streichquartetten, K. 168–173; das Quintett in B-Dur folgt ihnen in Köchels ursprünglicher Ordnung direkt und wirkt wie der natürliche nächste Schritt in derselben Ideenwerkstatt – klanglich weiter ausgreifend und in der Behandlung der Mittelstimmen experimentierfreudiger [3] [4].

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Was K. 174 – über sein historisches „Erstes“ hinaus – hörenswert macht, ist seine Unmittelbarkeit. Mozart zielt noch nicht auf die kontrapunktische Dichte oder die dramatische Spannweite der späteren Quintette (K. 515, K. 516), behandelt aber bereits fünf Streicherstimmen als ein einzigartig flexibles Medium: fähig zu orchestraler Fülle und zugleich zu intimem Gespräch, in dem die Mittellage ebenso viel bedeutet wie die Oberstimme.

Komposition und Widmung

Das Werk ist für die klassische mozartische Streichquintettbesetzung gesetzt – Streichquartett plus zusätzliche Viola (ein „Bratschenquintett“) – und wurde in Salzburg am 1. Dezember 1773 abgeschlossen [1] [2].

  • Streicher: 2 Violinen, 2 Violen, Violoncello [1]

Eine gesicherte Widmung ist in den gängigen Referenzzusammenfassungen zu K. 174 nicht überliefert; wie bei vielen Salzburger Kammermusikwerken Mozarts diente es vermutlich eher dem praktischen Musizieren in höfischen und bürgerlichen Kreisen als einem einzelnen, namentlich genannten Auftrag.

Auch die Veröffentlichungsgeschichte weist auf eine spätere, breitere Verbreitung hin: Das Quintett erschien erst nach Mozarts Tod im Druck, 1798 in Wien bei Johann Traeg in Stimmen herausgegeben [5]).

Form und musikalischer Charakter

K. 174 besteht aus drei Sätzen – ein kompaktes Konzept, das es mit divertimentoartigen Kammermusikwerken der Zeit verbindet, zugleich jedoch auf die ernsthafte Argumentationsführung des Quartetts zielt.

  • I. Allegro (B-Dur) [3]
  • II. Adagio (Es-Dur) [3]
  • III. Menuetto – Trio (B-Dur; Trio in F-Dur) [3]

Der fünfstimmige Satz: warum die zusätzliche Viola wichtig ist

Mozarts Entscheidung für zwei Violen ist keineswegs nur eine Verdickung des Quartettsatzes. Sie verändert die Rhetorik des Ensembles. Mit zwei verfügbaren Innenstimmen lassen sich Begleitfiguren verteilen (statt sie zu verdoppeln), und die Harmonik kann von innen heraus belebt werden – ein Effekt, den man oft mit Mozarts reifen Quintetten verbindet, der hier jedoch bereits als leitender Gedanke wirkt.

Der Kopfsatz erinnert in der Anlage häufig an ein „orchestrales“ Modell: Die Violinen tragen helle, nach außen gerichtete Gesten, während Violen und Cello ein gepolstertes harmonisches Fundament liefern, das plötzlich in Imitationen oder Antwortphrasen hervortreten kann. Der langsame Satz, in der Unterdominanttonart Es-Dur, nutzt die warme Lage der Violen besonders überzeugend – weniger als virtuose Zurschaustellung denn als getragenes Cantabile und als ausgewogene Stimmführung.

Dass das Finale ein Menuett ist (und kein schneller Sonatensatz oder Rondo), ist ein Grund, warum K. 174 im Umriss stärker an eine klassische Serenade erinnern kann als die späteren viersätzigen Meisterwerke. Doch auch hier zeigt sich Mozarts Sinn für Charakter: Der Wechsel des Trios nach F-Dur und die leichtere Satzweise schaffen einen deutlichen Raumkontrast, als hätte sich die „Kameraperspektive“ des Ensembles nach innen verschoben.

Rezeption und Nachwirkung

Da K. 174 1798 veröffentlicht wurde, gehört es zu jener Gruppe von Mozarts Kammermusikwerken, deren Ruf vor allem im 19. Jahrhundert entstand – als das Streichquartett zum bürgerlichen Zentralgenre wurde und Mozarts frühe Salzburger Stücke selektiv wiederentdeckt wurden [5]).

Im heutigen Konzertleben steht dieses erste Quintett seltener auf den Programmen als das überragende späte Trio K. 515, K. 516 und K. 614. Dennoch bietet es etwas, das die späteren Werke nicht haben: einen Blick auf den siebzehnjährigen Mozart, der erprobt, wie weit sich das Quartettidiom allein durch das Hinzufügen einer weiteren Mittelstimme erweitern lässt. Für sich gehört – hell, elegant und meisterhaft gesetzt – ist K. 174 weniger ein „Vorspiel“ als vielmehr eine frühe Bekundung jener Klangwelt, die Mozart später unverwechselbar zu der seinen machen sollte.

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[1] Köchel-Verzeichnis (Internationale Stiftung Mozarteum Salzburg), work entry for KV 174 (genre, scoring, dating).

[2] Digital Mozart Edition (Mozarteum), New Mozart Edition (NMA) String Quintets VIII/19/1 (English preface/comments including completion date).

[3] Wikipedia, “String Quintet No. 1 (Mozart)” (movement list and general overview; used cautiously as secondary reference).

[4] Wikipedia, “Viennese Quartets (Mozart)” (context for K. 168–173 and their date/place).

[5] IMSLP work page for Mozart’s String Quintet No. 1 in B♭ major, K. 174 (publication details incl. Traeg 1798; access to score/parts).