Streichquintett Nr. 6 Es-Dur (K. 614)
av Wolfgang Amadeus Mozart

Mozarts Streichquintett in Es-Dur, K. 614âvollendet in Wien am 12. April 1791âist das letzte und in mancher Hinsicht rĂ€tselhafteste seiner reifen Violaquintette. Entstanden, als Mozart 35 war, verbindet es eine nach auĂen hin heitere, fast âfreiluftartigeâ Brillanz mit einem ungewöhnlich bewussten Spiel aus Textur, Lage und instrumentaler Rollenverteilung.
Hintergrund und Kontext
Im April 1791 war Mozarts Berufsleben in Wien keineswegs jene geradlinige âNiedergangsâ-Geschichte, die spĂ€tere Biografien bisweilen nahelegen; vielmehr war es eine Zeit intensiver, sich ĂŒberlagernder Projekte und einer wachen, situationsbezogenen Praxis des Musizierens, in der Kammermusik sowohl private Kunst als auch soziale WĂ€hrung sein konnte. K. 614 gehört in dieses GefĂŒge: Kammermusik, gedacht fĂŒr Spieler, die zugleich Freunde, Gönner und Kenner waren, und fĂŒr AnlĂ€sse, die Geselligkeit mit ernsthaftem Zuhören verbanden.
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Einen aufschlussreichen Einblick in dieses Milieu bietet Mozarts Korrespondenz mit dem Wiener TextilhĂ€ndler und Freimaurerkollegen Michael von Puchberg. In einem zwischen dem 21. und 27. April 1791 geschriebenen Brief erwĂ€hnt Mozart einen Kammermusikabend im Hause Franz von Greiners und bittetâĂŒber den Cellisten Joseph Orslerâdarum, eine Violine und zwei Bratschen auszuleihen (âein Ă quattro bey Greinerâ). Die Bitte ist vordergrĂŒndig pragmatisch, zeichnet aber zugleich leise die personellen RealitĂ€ten des Wiener Kammerlebens nach: Instrumente zirkulieren, Treffen werden kurzfristig organisiert, und die Bratscheâso zentral fĂŒr Mozarts Klangwelt im Quintettâmuss mitunter wie eine knappe Ressource aufgetrieben werden.[2]
Dieser Kreis erklĂ€rt auch, warum Mozarts Streichquintette so wirken, als seien sie âvon innen herausâ geschrieben. Zeitgenössische Berichte und spĂ€tere Erinnerungen setzen Mozart bei Proben unter Freunden wiederholt auf den Platz der ersten Bratscheâeine Perspektive, die eher Witz in den Binnenstimmen begĂŒnstigt als solistische Selbstdarstellung. Ein deutscher KammermusikfĂŒhrer (der diese Tradition aufgreift) bewahrt sogar eine typische Besetzungâzwei namentlich genannte Geiger, Mozart und AbbĂ© Stadler an den Bratschen sowie Orsler am Celloâund deutet damit an, wie selbstverstĂ€ndlich diese Werke in einer realen, sich wiederholenden sozialen Praxis verankert waren, nicht in einem abstrakten âIdealensembleâ.[3]
Entstehung und Widmung
Mozart datierte das Werk in seinem eigenen Werkverzeichnis: Wien, 12. April 1791.[1] Die zeitliche NĂ€he dieses Datums zu dem gegenĂŒber Puchberg erwĂ€hnten Greiner-Abend hat oft zu der plausiblen Vermutung gefĂŒhrt, das Quintett sei fĂŒr den unmittelbaren Gebrauch bestimmt gewesenâneue Musik, geschrieben, um einen bestimmten Kennerabend zu beleben (und zu monetarisieren). Genau diese Möglichkeit formuliert auch die genannte deutsche Quelle ausdrĂŒcklich: Das Es-Dur-Quintett âsoll offenbarâ bei jener Kammermusikrunde zur AuffĂŒhrung gelangt sein.[3]
Der Publikationsweg fĂŒgt eine interpretatorische Nuance hinzu. Die erste gedruckte Ausgabe (postum 1793 bei Artaria erschienen) trug die verfĂŒhrerische Inschrift âComposto per un Amatore Ongareseâââkomponiert fĂŒr einen ungarischen Amateurâ. Der Eintrag im Köchel-Verzeichnis hĂ€lt diese Formulierung als Bestandteil der Titelangaben der Erstausgabe fest und verankert sie damit in konkreter bibliografischer Evidenz statt in bloĂer Anekdote.[1] Wer dieser âAmateurâ war, bleibt umstritten. Mitunter wird Johann Tost (ehemaliger Geiger im Haydn-Orchester, spĂ€ter Kaufmann) vorgeschlagen; andere Hypothesen zielen auf mit Ungarn verbundene aristokratische Kreise in Wien. Musikalisch ist weniger der Name entscheidend als der soziale Typus: jemand, der kundig genug ist, ein Quintett zu wĂŒnschen, wohlhabend genug, es zu finanzieren, und Mozarts Netzwerk nahe genug, dass das Werk privat erprobt werden konnte, bevor es in den Markt ging.
Ein zweites, damit verwandtes Dokument verkompliziert die âAuftragsâ-ErzĂ€hlung auf produktive Weise. Vorreden moderner Ausgaben verweisen auf eine Notiz in der Wiener Zeitung (18. Mai 1793), wonach K. 593 und K. 614 durch die âsehr thĂ€tige Aneiferung eines Musikfreundesâ entstanden seien. Diese Formulierung deutet weniger auf einen kommerziellen Vertrag als auf einen Impuls aus dem Inneren eines vertrauten Kreisesâvielleicht von jemandem aus jenem Umfeld, das diese Quintette ĂŒberhaupt erst lebendig hielt.[4]
Form und musikalischer Charakter
Mozarts spĂ€te Wiener Violaquintette sind typischerweise viersĂ€tzig, mit Menuett und Trio an dritter Stelle; K. 614 folgt diesem Muster.[1] Doch es tut dies auf eine Weise, die immer wieder mit den Erwartungen daran spielt, wie ein âletztesâ Werk zu klingen habe. Wenn das g-Moll-Quintett K. 516 wie ein tragischer Gipfel wirken kann, ist K. 614 schwerer zu fassen: Seine Helligkeit ist nicht naiv, und sein handwerklicher Eigensinn ist so offenâso voll bewusst gesetzter âRollenâ und instrumentaler Regieâdass Heiterkeit selbst zum Thema wird.
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I. Allegro di molto (Es-Dur, 6/8)
Der Anfang gehört zu Mozarts sprechendsten kammermusikalischen Manövern: Die zwei Bratschen setzen ein, nicht als stĂŒtzende Harmonie, sondern als Protagonisten. Eine Analyse von Villa Musica beschreibt, wie sie in Sexten eine quasi-hornartige Rufgestalt anstimmenâfĂŒr ein Ohr des 18. Jahrhunderts sofort eine âdrauĂenâ-Assoziation im Sinne von alla cacciaânur eben als Kammerjagd, inszeniert von den Binnenstimmen.[3]
Das ist mehr als ein Farbeffekt. Es ist ein Argument ĂŒber Quintett-Textur. In der ĂŒblichen Quartett-Hierarchie âfĂŒllenâ die Innenstimmen; hier aber verkĂŒndet das innere Paar, und die Violinen antworten mit Eleganz statt mit Dominanz. So entsteht eine GesprĂ€chstopologie, in der das Ensemble rasch zwischen zwei Ebenen wechseln kann: (1) einer hellen, öffentlichen Rhetorik (Rufe, Antworten, brillante Figuration) und (2) einer privaten Handwerksrhetorik, in der kleinste MotiveâTriller, Tonwiederholungen, pendelnde Begleitfigurenâmit beinahe demonstrativer Fairness weitergereicht werden. In diesem Sinne kann K. 614 âklassischâ klingen, im sozialen Sinn des Wortes: Musik zivilisierter Wechselseitigkeit.
II. Andante (B-Dur)
Im langsamen Satz wird die zusĂ€tzliche Bratsche weniger zur theatralischen Stimme als zu einem Medium der Schattierung: Verdopplungen können Kanten glĂ€tten; enge Setzweise kann den Klang verdunkeln, ohne Tempo oder Lage zu verĂ€ndern. Manche Hörer erkennen hier eine bewusste Ăkonomie des SpĂ€tstilsâMozart erzeugt WĂ€rme nicht durch eine Verdickung des Basses (wie in manchen symphonischen Adagios), sondern durch eine Neuverteilung der Mitte.
Dieser Satz stĂ€rkt zugleich eine weitergehende Deutung zu K. 614: dass seine Heiterkeit nicht die Verneinung von âspĂ€tem Mozartâ mit tieferem Ausdruck ist, sondern eine gewĂ€hlte OberflĂ€che, die subtilere Spannungen darunter zulĂ€sst. Statt âtragischer Kontrasteâ liegt das Drama in der Balanceâwie weit sich Einfachheit treiben lĂ€sst, bevor sie unheimlich wirkt.
III. Menuetto. Allegretto â Trio
Das Menuett erinnert daran, dass ein Menuetto in Mozarts Kammermusik selten bloĂe Tanzdekoration ist. Es ist ein Labor fĂŒr instrumentalen Charakter: Die Violinen können sich wie höfische TĂ€nzer verhalten, wĂ€hrend die Bratschenâwiederumâdie OberflĂ€che mit wissenden EinwĂŒrfen perforieren. Das Trio hingegen zentriert oft die Lagen des Ensembles neu und verschafft dem Hörer einen akustischen âRaumwechselâ, bevor das Finale sein offensichtlicheres Spiel mit den Erwartungen beginnt.
IV. Allegro (Es-Dur)
Im Finale wird in der Forschung am hĂ€ufigsten eine ausdrĂŒckliche Debatte inszeniert: GrĂŒĂt Mozart hier Haydn, parodiert er ihn, oder tritt er in ein freundschaftliches kompositorisches Duell? Mehrere Kommentatoren haben auf eine auffĂ€llige Ăhnlichkeit zwischen Mozarts Hauptthema und dem Finale von Haydns Streichquartett in Es-Dur op. 64 Nr. 6 hingewiesen (einem Zyklus, der mit Johann Tost in Verbindung gebracht wird). Eine Programmnotiz rahmt Mozarts Satz ausdrĂŒcklich als âgröĂte Huldigungâ dieser Art und beruft sich dabei auf Charles Rosens Hinweis auf die thematische Verwandtschaft.[5]
Erhellend ist der Vergleich weniger als âFinde das Modellâ-Spiel, sondern durch die Art, wie Mozart haydnâschen Witz in quintettspezifische Mechanik ĂŒbersetzt. Die zusĂ€tzliche Bratsche gibt ihm einen weiteren Hebel fĂŒr komisches Timing: Phrasen können von einer Binnenstimme beantwortet werden statt von der erwarteten AuĂenstimme; Kadenzen können durch eine Unterbrechung in mittlerer Lage unterlaufen werden; und das Ensemble kann sich mit einer FlexibilitĂ€t in Duos und Trios aufspalten, die eher an Konversationstheater als an quartettische Dialektik erinnert. Wenn das Finaleâwie ein deutscher Bericht poetisch nahelegtâeine Botschaft ânach Londonâ ist, dann wird sie in Mozarts eigenem Medium ĂŒbermittelt: Quintett-Textur als soziale Intelligenz.[3]
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Rezeption und Nachwirkung
Da K. 614 erst nach Mozarts Tod veröffentlicht wurde (Artarias Erstausgabe 1793), ist seine frĂŒhe Rezeption untrennbar mit der posthumen Mozart-Kultur verbunden: Das Werk tritt bereits als Teil eines memorialisierten âSpĂ€tstilsâ auf, verweigert jedoch die erwartete spĂ€tstilistische Rhetorik der VerdĂŒsterung.[1] Diese Diskrepanz mag erklĂ€ren, warum das Quintett zwar von Spielern seit langem geschĂ€tzt wird, aber bisweilen im Schatten des offenkundig dramatischeren g-Moll-Quintetts (K. 516) und des ausgreifenden C-Dur-Quintetts (K. 515) steht.[3]
Die moderne AuffĂŒhrungsgeschichte hat gerade diese Eigenschaftâseine Helligkeit, seine âAnti-MonumentalitĂ€tââzunehmend als zentral verstanden. Das Werk wird heute nicht als leichtgewichtige Nachschrift gehört, sondern als spĂ€te Mozart-Aussage ĂŒber Kammermusik als Gesellschaft: eine Form, in der VirtuositĂ€t gemeinschaftlich ist, AutoritĂ€t verteilt wird und Freude ebenso komplex sein kann wie Trauer. In einem Ćuvre, das öffentliche Gattungen (Konzert, Oper, Symphonie) oft in psychologisches Theater verwandelt, macht K. 614 aus der privaten Gattung eine Ethik des ZuhörensâfĂŒnf Spieler, die in Echtzeit Raum, Verantwortung und Witz miteinander aushandeln.
[1] Internationale Stiftung Mozarteum, Köchel-Verzeichnis entry for K. 614 (dating, instrumentation, and first-edition details including âComposto per un Amatore Ongareseâ).
[2] Digital Mozart Edition: Mozart to Michael Puchberg (Vienna, between 21â27 April 1791), letter mentioning borrowing a violin and two violas for a chamber-music evening at Greinerâs.
[3] Villa Musica Rheinland-Pfalz, KammermusikfĂŒhrer: background on K. 614, Greiner evening context, typical players (Mozart on first viola), and interpretive remarks on the finaleâs Haydn-facing wit.
[4] BĂ€renreiter edition preface excerpt referencing the Wiener Zeitung notice (18 May 1793) that K. 593 and K. 614 were composed through the âvery spirited instigation of a musically-minded friend.â
[5] Parlance Chamber Concerts program note discussing K. 614, including the reported thematic kinship between Mozartâs finale and Haydnâs Op. 64 No. 6 (via Charles Rosen).









