Contredanse in G-Dur „Les filles malicieuses“ (K. 610)
by Wolfgang Amadeus Mozart

Mozarts Contredanse „Les filles malicieuses“ (K. 610) ist ein kompaktes Glanzstück für den Ballsaal; ihr französischer Titel („Die schelmischen Mädchen“) deutet bereits auf den neckischen, flinkfüßigen Charakter. Obwohl das Stück am 6. März 1791 in Wien in Mozarts eigenes thematisches Werkverzeichnis eingetragen wurde, scheint die Musik schon früher im Umlauf gewesen zu sein und stilistisch zu jener höfischen wie öffentlichen Tanzkultur zu gehören, der Mozart nach seiner Ernennung zum kaiserlichen Kammermusicus (Kammermusiker) im Jahr 1787 diente [1] [2].
Hintergrund und Kontext
Mozarts Wien war nicht nur die Stadt der Abonnementkonzerte und neuen Opern, sondern ebenso eine Stadt des Tanzes – mit regelmäßigen Bällen und Redouten, bei denen modische Schritte stets nach neuer Musik verlangten. Nach Mozarts Ernennung zum königlich-kaiserlichen Kammerkomponisten (Kammermusicus) im Dezember 1787 gehörte es zu seinen praktischen Pflichten, Tanzmusik für die Festlichkeiten der Saison zu liefern (besonders für die Faschingszeit) – Musik, die unmittelbar einleuchten und körperlich mitreißen sollte, statt wie ein sinfonisches Argument „durchgearbeitet“ zu sein [3].
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In diesem Umfeld konnte eine Contredanse zugleich zweckmäßig und kunstvoll sein. Das Genre – ursprünglich mit dem englischen Country Dance verbunden und in ganz Kontinentaleuropa breit übernommen – bevorzugte klare Phrasenbildung, ein markantes Rhythmusprofil und periodische Wiederholungen, die den Figuren der Tänzer entgegenkamen. Mozart schrieb in Wien viele solcher Stücke; sie bilden ein Parallelrepertoire zu den berühmten Konzerten und Opern und zeigen seine Fähigkeit, Charakter auf engstem Raum zu verdichten [3].
„Les filles malicieuses“ („Die schelmischen Mädchen“) verdient gerade deshalb Aufmerksamkeit, weil es mehr tut, als nur den Takt zu halten: Es entwirft eine winzige dramatische Szene. Titel solcher Tänze funktionieren oft wie Regieanweisungen – sie suggerieren Haltung, Gestik und gesellschaftliches Spiel –, sodass die Musik selbst ohne Worte etwas Theatralisches annehmen kann.
Komposition und Uraufführung
K. 610 ist eindeutig mit Wien verbunden und in gesicherter Zuschreibung überliefert. Ein zentraler dokumentarischer Bezugspunkt ist Mozarts thematisches Werkverzeichnis (Verzeichnüß aller meiner Werke), in das er die Contredanse zusammen mit einem Deutschen Tanz in derselben Tonart (K. 611) am 6. März 1791 eintrug [1]. Dieser Eintrag verankert das Werk in Mozarts letztem Lebensjahr.
Gleichzeitig deuten Quellenlage und Stilmerkmale auf ein komplexeres „Leben“ der Musik hin als auf einen einzigen „Kompositionstag“. Eine dokumentierte Sichtweise lautet, dass das Stück (ohne seinen Titel) in anderer Gestalt erscheint: Es wurde als letzte der fünf Contredanses von K. 609 neu instrumentiert, einem Zyklus, der typischerweise mit Mozarts Tanzmusikpflichten der späten 1780er Jahre verknüpft wird [1]. IMSLP vermerkt – zusammenfassend zu Katalogunsicherheiten in älteren Referenztraditionen – ebenfalls konkurrierende Datierungen („1783, überarbeitet 1787, 1791?“) [4]. Für Hörer liegt die praktische Konsequenz darin, dass es sich um Tanzmusik mit einer Gebrauchsgeschichte handelt – angepasst und wiederverwendet in einer lebendigen Aufführungskultur.
Eine spezifische Uraufführung ist nicht dokumentiert, wie man etwa die erste Opernvorstellung nachzeichnen könnte. Diese Contredanses waren dafür geschrieben, bei Bällen und öffentlichen Anlässen gespielt zu werden, oft von Hof- oder Theaterorchestern, und gelangten vermutlich rasch durch Abschriften in Umlauf.
Instrumentation
Die Besetzung ist leicht und hell – zugeschnitten auf den Klang eines Tanzorchesters, nicht auf sinfonische Wucht. Die gedruckte Partitur (in der alten Gesamtausgabe von Breitkopf & Härtel) weist Stimmen für Flöten, Hörner in G und Streicher aus [5].
- Holzbläser: 2 Flöten
- Blechbläser: 2 Naturhörner (in G)
- Streicher: Violinen I & II; Violoncelli und Kontrabässe (oft ohne eigenständige Bratschenstimme)
Diese „ohne Bratschen“-Textur – in Teilen von Mozarts Tanzmusik nicht unüblich – schärft die Oberfläche: Oben funkelt es, der Bass treibt, und die Hörner setzen festliche Akzente, ohne die Binnenharmonik zu verdichten.
Form und musikalischer Charakter
„Les filles malicieuses“ ist eine einzelne Contredanse: knapp, aus ausgewogenen Phrasen gebaut und auf Wiederholung angelegt. Am auffälligsten ist, wie schnell das Stück eine Persönlichkeit etabliert. In G-Dur setzt die Musik auf eine beschwingte, gleichsam „draußen“ leuchtende Helligkeit; doch der Titel lädt dazu ein, in den melodischen Wendungen etwas leicht Verschmitztes zu hören – kleine Finte, schnelle Erwiderungen, die wie musikalische Koketterie wirken.
Mehrere Merkmale lassen das Stück innerhalb von Mozarts umfangreichem Tanzschaffen hervorstechen:
- Ökonomie mit Charakter. Mozart kann in wenigen Takten eine „Szene“ skizzieren: ein einprägsames Thema, eine saubere Kadenz – und das Ohr ist sofort orientiert.
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- Orchesterfarbe im Miniaturformat. Die Kombination von Flöten und Hörnern erzeugt eine angenehm verschmolzene Brillanz – die Flöten zeichnen die Kontur, die Hörner stützen harmonische Pfeiler und signalisieren den öffentlichen, zeremoniellen Rahmen des Tanzes.
- Rhythmische Klarheit. Die Melodie liegt auf einem festen, regelmäßigen Puls – für Tänzer unabdingbar –, dennoch vermeidet Mozart Eintönigkeit durch rasche harmonische Wendungen und prägnante Phrasengliederung.
Hört man mit „operatischen Ohren“, liegt es nahe, die Contredanse als winziges Stück Charakter-Musik zu verstehen: nicht erzählend, aber unverkennbar gesellschaftlich. Das ist ein Grund, warum solche Gelegenheitswerke bis heute lohnend bleiben – sie verdichten Mozarts theatrale Instinkte in funktionale Formen.
Rezeption und Nachwirkung
K. 610 hat nie den öffentlichen Rang von Mozarts Konzertwerken erreicht, bleibt aber in Katalogen, Ausgaben und Einspielungen präsent, weil es zugleich typisch (ein Wiener Tanz zur öffentlichen Unterhaltung) und individuell ist (eine scharf profilierte Miniatur mit sprechendem Titel). Die Aufnahme des Werks in die Köchel-Katalogseiten der Internationalen Stiftung Mozarteum – und seine fortgesetzte Verbreitung in modernen Notenrepositorien – belegt seinen festen Platz im dokumentierten Mozart-Repertoire [2] [4].
Im weiteren Sinn hilft „Les filles malicieuses“, eine verbreitete Schieflage in der Mozart-Rezeption zu korrigieren: als spräche sein Genie nur in den „großen“ Gattungen. Die Tänze erinnern daran, dass das Musikleben des späten 18. Jahrhunderts von gesellschaftlicher Gebrauchsmusik durchdrungen war – und dass Mozart selbst in höchst praktischen Aufgaben mit Präzision, Charme und einem Sinn für schnelle Charakterzeichnung schrieb.
Sheet Music
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[1] Christer Malmberg (after Neal Zaslaw, The Compleat Mozart): contextual note on K. 610’s catalogue entry (6 March 1791) and its relationship to K. 609 and K. 611.
[2] Internationale Stiftung Mozarteum, Köchel-Verzeichnis: work entry for K. 610 “Les filles malicieuses.”
[3] Wikipedia: overview article on Mozart’s dance music and his 1787 court appointment as chamber composer for dance obligations.
[4] IMSLP work page for Contredanse, K. 610: general information, alternative dating notes, and instrumentation summary.
[5] IMSLP PDF full score (Breitkopf & Härtel, 1882, Mozarts Werke): instrumentation labels for K. 610.








