K. 611

Deutscher Tanz in C-Dur, K. 611 („Die Leyerer“ )

di Wolfgang Amadeus Mozart

Silverpoint drawing of Mozart by Dora Stock, 1789
Mozart, silverpoint by Dora Stock, 1789 — last authenticated portrait

Mozarts Deutscher Tanz in C-Dur, K. 611 („Die Leyerer“) ist eine spĂ€te Wiener Ballsaalminiatur, vollendet am 6. MĂ€rz 1791 und von ihm selbst in sein thematisches Werkverzeichnis eingetragen. Festlich im Kolorit der Hofkapelle besetzt – und doch geprĂ€gt von einem auffĂ€lligen volkstĂŒmlichen Einbruch (einer obligaten Drehleier-/Leier-Stimme) –, zeigt das StĂŒck, wie einfallsreich Mozart selbst die funktionalste Gesellschaftsmusik in seinem letzten Lebensjahr behandeln konnte.[1]

Hintergrund und Kontext

In Wien war Tanzmusik fĂŒr Mozart keineswegs nur ein Randgebiet, sondern eine seiner regelmĂ€ĂŸigsten beruflichen Verpflichtungen. Nach seiner Ernennung zum Kammermusicus (k. k. Kammerkomponist) im Dezember 1787 lieferte er dem Hof fĂŒr die BĂ€lle der Faschingssaison Menuette, Contredanses und Deutsche TĂ€nze – Musik fĂŒr den Redoutensaal und Ă€hnliche öffentliche Hoffestlichkeiten, so geschrieben, dass sie von den Hofmusikern sofort praktisch eingesetzt werden konnte.[1][2]

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K. 611 gehört zu diesem spĂ€ten Strom „gesellschaftlicher“ Orchestermusik, verdient jedoch gerade deshalb Beachtung, weil es sich nicht damit begnĂŒgt, nur allgemein zu bleiben. Sein Beiname „Die Leyerer“ (hĂ€ufig als Hinweis auf Straßenmusiker wie LeierkastenmĂ€nner oder Leierspieler gedeutet) verweist auf Mozarts Interesse an der durchlĂ€ssigen Grenze zwischen höfischer Unterhaltung und populĂ€ren Klangwelten.[3][4]

Entstehung und UrauffĂŒhrung

Der Köchel-Katalog des Mozarteums verzeichnet K. 611 als authentisches, erhaltenes, vollendetes Werk, datiert Wien, 6. MĂ€rz 1791.[1] Das ist spĂ€te Mozart-Zeit: Er war 35 Jahre alt, und im selben Jahr sollte er Werke an den entgegengesetzten Polen des öffentlichen/privaten Spektrums schreiben – von zeremoniellen StĂŒcken bis zur nach innen gerichteten IntensitĂ€t des Requiem.

Ein besonders aufschlussreiches Detail ist, dass K. 611 außerdem als in der musikalischen Substanz identisch mit *Deutscher Tanz in C*, K. 602 Nr. 3 beschrieben wird, jedoch mit anderer Besetzung (mit anderen Worten: Mozarts Tanzrepertoire kursierte in flexiblen instrumentalen „Fassungen“, je nach verfĂŒgbarer Formation).[1][5]

Wie bei vielem höfischen Tanzrepertoire ist die ErstauffĂŒhrung in den erhaltenen Quellen nicht sicher dokumentiert; diese StĂŒcke wurden geschrieben, um gebraucht zu werden – oft kurzfristig –, nicht um feierlich uraufgefĂŒhrt zu werden. Sicher sagen lĂ€sst sich, dass K. 611 fest in der Welt der Wiener öffentlichen Ballkultur steht, der Mozart in den spĂ€ten 1780er- und frĂŒhen 1790er-Jahren diente.[1]

Instrumentation

Die Besetzung von K. 611 ist fĂŒr einen einzelnen Deutschen Tanz ungewöhnlich farbig; der Katalog des Mozarteums nennt eine prĂ€zise Instrumentationsliste:[1]

  • HolzblĂ€ser: 2 Oboen, 2 Fagotte
  • BlechblĂ€ser: 2 Clarini (Naturtrompeten)
  • Schlagwerk: Pauken
  • „Volks“-Obligat: lir (die AbkĂŒrzung des Katalogs, die in der Tradition dieses Werks gemeinhin mit dem durch den Titel „Die Leyerer“ nahegelegten Drehleier-/Leierklang verbunden wird)
  • Streicher: Violinen I & II, Violoncello + Kontrabass

Zwei Punkte fallen besonders ins Auge. Erstens verortet die Einbeziehung von Trompeten und Pauken den Tanz in einer festlichen, „höfischen“ Klangwelt und nicht in einer rein hĂ€uslichen. Zweitens ist die obligate FĂ€rbung eines Straßeninstruments (welches konkrete Instrument in der Praxis auch immer verwendet wurde) eine bewusst theatralische Geste: Sie bringt ein draußen verortetes, volkstĂŒmliches Timbre in das polierte Ballsaal-Orchester.

Form und musikalischer Charakter

Als Deutscher Tanz gehört K. 611 zur schnellen Dreiertakt-Tradition, die spĂ€tere Generationen als VorlĂ€ufer des Walzers des 19. Jahrhunderts hören sollten. Typischerweise wechselt das Genre zwischen einem Haupttanz und einem kontrastierenden Mittelteil (Trio) und kehrt dann zum Anfang zurĂŒck; Mozarts Tanzproduktion folgt diesem Grundplan, optimiert auf klare Phrasierung und Wiederholungen, die dem Tanz dienen.[1]

Was K. 611 auszeichnet, ist nicht harmonische KĂŒhnheit oder sinfonische Durcharbeitung, sondern Charakterzeichnung – eine FĂ€higkeit, die Mozart mĂŒhelos aus der Oper in instrumentale Miniaturen ĂŒbertrug. In wenigen Minuten kann er ein helles, öffentliches C-Dur-Gesicht etablieren und dann eine „Szenenunterbrechung“ inszenieren: Das Leyerer-Element wirkt wie eine Kameo-Rolle und verschiebt die Vorstellung des Hörers vom Ballsaal zur Straßenecke. Dieser timbrale Witz lĂ€sst sich leicht ĂŒberhören, wenn man voraussetzt, Tanzmusik mĂŒsse austauschbar sein.

Zugleich zeigt sich seine praktische Meisterschaft. Der Tanz bleibt rhythmisch schlicht (wie er es sein muss), und doch lĂ€sst sich die Orchestrierung als LehrstĂŒck spĂ€tachtzehnter Jahrhundert-Farbkunst lesen: HolzblĂ€ser artikulieren die Harmonie, Blech und Pauken krönen die Kadenzen, und das Volksinstrument setzt einen Unterschiedspunkt, der einprĂ€gsam genug ist, um den Beinamen zu rechtfertigen und das Werk als eigenstĂ€ndigen Eintrag im Katalog zu erhalten.[1]

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Rezeption und Nachwirkung

K. 611 zĂ€hlt nicht zu den „berĂŒhmten“ spĂ€ten Werken – auch deshalb, weil Tanzmusik lange als Gelegenheitsarbeit und nicht als Konzertrepertoire galt. Moderne Katalogisierung und AuffĂŒhrungspraxis haben diese StĂŒcke jedoch zunehmend wieder ins Blickfeld gerĂŒckt, nicht zuletzt, weil sie Mozarts Wiener Arbeitsleben ebenso deutlich dokumentieren wie seine grandes Ɠuvres.[1][2]

Das besondere VermĂ€chtnis des Werks liegt in seiner klassenĂŒbergreifenden Klangphantasie: ein Hoforchester, das einen „Deutschen Tanz“ spielt und dabei den Klang von Straßenmusikern imitiert (oder zumindest an ihn anspielt). FĂŒr heutige Hörer ist das mehr als ein reizendes Detail. Es erinnert daran, dass Wiens musikalisches Ökosystem 1791 – Mozarts letztes Jahr – nicht in hermetisch getrennte Abteilungen zerfiel. Selbst in einem kurzen C-Dur-Tanz lĂ€sst Mozart den Ballsaal die Straße mithören – und lĂ€sst diese Begegnung ganz selbstverstĂ€ndlich klingen.

[1] Mozarteum Köchel catalogue entry for KV 611: dating (Vienna, 6 March 1791), authenticity status, and instrumentation list.

[2] Wikipedia overview article on Mozart and dance music, including his court appointment and the broader context of his dance output in Vienna.

[3] Digital Mozart Edition (Mozarteum) PDF (NMA context) mentioning the title “Die Leyerer” and related dance-item descriptions.

[4] IMSLP list of Mozart works showing KV 611 as “German Dance (‘Die Leyerer’)” for orchestra in C major (1791).

[5] Christer Malmberg (after Zaslaw’s catalogue-based notes) discussing “Die Leyerer” and the relationship to KV 602/3, including Mozart’s catalogue wording.