K. 587

Contredanse in C-Dur „Der Sieg vom Helden Koburg“ (K. 587)

von Wolfgang Amadeus Mozart

Silverpoint drawing of Mozart by Dora Stock, 1789
Mozart, silverpoint by Dora Stock, 1789 — last authenticated portrait

Mozarts Contredanse in C-Dur „Der Sieg vom Helden Koburg“ (K. 587) entstand im Dezember 1789 in Wien, als der Komponist 33 Jahre alt war. Als kompaktes BallsaalstĂŒck ist sie zwar funktionale Tanzmusik, zeigt aber dennoch den spĂ€ten Wiener Mozart in seiner besonderen Begabung, Gebrauchsmusik in prĂ€gnante, einprĂ€gsame Orchesterschrift zu verwandeln.

Hintergrund und Kontext

Im Wien des spĂ€ten 18. Jahrhunderts war Tanzmusik keineswegs ein Randgebiet: Sie bildete einen zentralen Bestandteil des öffentlichen und höfischen Musiklebens der Stadt, besonders wĂ€hrend der Karnevalszeit. Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791) kannte diese Welt aus nĂ€chster NĂ€he, und nach seiner Ernennung zum kaiserlich-königlichen Kammermusicus im Dezember 1787 wurde von ihm erwartet, TĂ€nze fĂŒr HofbĂ€lle und Festlichkeiten zu liefern, die mit dem Redoutensaal in der Hofburg verbunden waren.[3]

In diesem Milieu nahm die Contredanse (oder Contradance) eine eigene Stellung ein: ein lebhafter, gruppenbasierter Tanz—oft im 2/4-Takt—dessen klare Phrasierung und rhythmischer „Biss“ sowohl Eleganz als auch einen Hauch von PopularitĂ€t vermitteln konnten. Selbst wenn die Musik „fĂŒr den Saal“ gedacht war, wurden Mozarts Wiener TĂ€nze fĂŒr melodische Eigenart und feine Instrumentation geschĂ€tzt.[4]

Der Titel „Der Sieg vom Helden Koburg“ (auch in der Variante „Coburg“ anzutreffen) verweist auf eine zeitgebundene, kommemorative Kultur: Das Wien der spĂ€ten 1780er Jahre war durchdrungen von Kriegsnachrichten, zeremoniellem Pathos und der modischen Vorliebe fĂŒr StĂŒcke, die auf aktuelle Ereignisse anspielten—selbst im Ballsaal.[4] FĂŒr heutige Hörerinnen und Hörer gehört gerade dieser Gelegenheitscharakter zum Reiz des Werks: K. 587 erinnert daran, dass Mozarts musikalische Fantasie fortwĂ€hrend mit dem öffentlichen Leben seiner Stadt verbunden war—nicht nur mit OpernhĂ€usern und Abonnementkonzerten.

Entstehung und UrauffĂŒhrung

K. 587 wird in der Köchel-Verzeichnis-Tradition auf Wien, Dezember 1789 datiert.[5] WĂ€hrend die genauen UmstĂ€nde der ersten AuffĂŒhrung nicht so gesichert dokumentiert sind wie bei Mozarts Opern oder Klavierkonzerten, legt schon die Gattung ein unmittelbares praktisches Ziel nahe: die AuffĂŒhrung durch ein Orchester zum Tanz, am plausibelsten im höfisch-öffentlichen Ballbetrieb, fĂŒr den Mozart in seinen Wiener Jahren regelmĂ€ĂŸig solche StĂŒcke lieferte.[3]

Die Aufnahme des Werks in die Neue Mozart-Ausgabe innerhalb der TanzbĂ€nde unterstreicht, dass es zu Mozarts spĂ€tem, professionellem ƒuvre fĂŒr gesellschaftliche AnlĂ€sse gehört—und nicht zu einer „kleinen“ Lehrlingsphase.[1]

Instrumentation

Überlieferte Katalog- und Editionsangaben beschreiben K. 587 als orchestrale Contredanse mit kompaktem, hellem Klang—bestens geeignet fĂŒr einen Ballsaal, in dem Klarheit von Schlag und Phrasierung ebenso zĂ€hlte wie Farbe.

  • HolzblĂ€ser: Flöte, 2 Oboen, 2 Fagotte[2]
  • BlechblĂ€ser: 2 Trompeten[2]
  • Streicher: Violinen I & II, Violoncello, Kontrabass (keine Bratschen)[2]

Gerade dieses letzte Detail—Streicher ohne Bratschen—ist auffĂ€llig. Es schafft eine schlankere Mittellage und schĂ€rft den Kontrast zwischen der Brillanz der Höhe (Violinen, HolzblĂ€ser) und der tragenden Basslinie. In einem kurzen Tanz ist eine solche Ökonomie nicht bloß pragmatisch; sie ist eine kompositorische Entscheidung, die die rhythmische Konturierung verstĂ€rkt und die orchestrale Palette klar und prĂ€gnant hĂ€lt.

Form und musikalischer Charakter

Als einzelne Contredanse (also ein Einzeltanz und keine mehrteilige Suite) ist K. 587 darauf angelegt, seine Wirkung rasch zu entfalten—typischerweise innerhalb von ein bis zwei Minuten.[2] Die Tempobezeichnung wird im Inhaltsverzeichnis der Neuen Mozart-Ausgabe als Allegretto angegeben.[1]

In großen ZĂŒgen zeigt das StĂŒck exemplarisch, was Mozart innerhalb eines „kleinen“ Rahmens leisten konnte:

  • Quadratische Phrasierung mit theatralischer Kante. Die Contredanse lebt von RegelmĂ€ĂŸigkeit—ausbalancierten, wiederholungsfreundlichen Phrasen, die eine Gruppe auf dem Parkett koordinieren. Mozart bietet diese RegelmĂ€ĂŸigkeit, aber mit genĂŒgend melodischem Profil, sodass eher ein Miniatur-CharakterstĂŒck entsteht als bloßes Taktgeben.
  • GlĂ€nzender, öffentlicher C-Dur-Ton. C-Dur, durch Trompeten gestĂŒtzt, ist bei Mozart eine seiner zeremoniellen Tonarten: Sie strahlt Klarheit und eine Art bĂŒrgerlich-öffentliche Helligkeit aus. In einem Werk, dessen Titel auf Sieg und Heldentum anspielt, wirkt diese orchestrale „öffentliche Stimme“ bewusst gesetzt, nicht zufĂ€llig.
  • Texturaler Nachdruck durch die Besetzung. Ohne Bratschenlage werden Binnenstimmen entweder ausdrĂŒcklich gefĂŒhrt oder ganz ausgespart; das Resultat kann wie ein Hochrelief wirken. Das Ohr erfasst rhythmische Signale und melodische Konturen sofort—ideal fĂŒr den Tanz, zugleich aber auch befriedigend fĂŒr aufmerksames Hören.

Darin liegt der Grund, warum K. 587 mehr Aufmerksamkeit verdient, als seine Dauer vermuten lÀsst: Es zeigt Mozarts reife FÀhigkeit, Geste, Farbe und zeitgebundene Anspielung in eine Form zu verdichten, die auf den ersten Blick rein funktional erscheint.

Rezeption und Nachwirkung

Mozarts Tanzmusik wird zunehmend als integraler Bestandteil seiner Wiener Laufbahn anerkannt, nicht als peripheres VergnĂŒgen.[3] K. 587 hat dabei besonderes Interesse auf sich gezogen, weil Tanzidiome in „ernste“ Instrumentalmusik ĂŒbergehen konnten: Die Contredanse-Sprache—mit ihren prĂ€zisen Rhythmen und eingĂ€ngigen, klar konturierten Themen—gehörte zu Mozarts spĂ€tem Stil und ist weit ĂŒber den Ballsaal hinaus hörbar.[4]

Heute begegnet man „Der Sieg vom Helden Koburg“ am hĂ€ufigsten in Einspielungen, die Mozarts TĂ€nze und MĂ€rsche ĂŒberblicksartig versammeln; dort wirkt seine KĂŒrze und das trompetenhelle C-Dur wie ein konzentrierter Ausbruch zeremonieller Energie. In diesem Zusammenhang hilft das StĂŒck auch, den Blick auf das spĂ€te Wien Mozarts neu zu justieren: eine Welt, in der sich der Komponist mĂŒhelos zwischen Oper, Kammermusik, Konzert—und dem Tanzboden bewegte, wo musikalischer Witz und öffentliches Leben unmittelbar zusammentrafen.

[1] Digital Mozart Edition (Mozarteum): Neue Mozart-Ausgabe, dance volume table of contents listing “Kontretanz. Der Sieg vom Helden Koburg KV 587” (Allegretto).

[2] IMSLP work page: Country Dance in C major, K. 587 — alternative titles, year, duration, and instrumentation details (incl. no violas).

[3] Wikipedia: “Mozart and dance” — context for Mozart’s Viennese dance obligations and output (court balls, Redoutensaal, dance genres).

[4] Sotheby’s catalogue essay (2016): discussion of Mozart’s Viennese dances and contredanses; references to K. 587 within the topical dance tradition.

[5] Wikipedia: Köchel catalogue entry noting K. 587 as a Vienna work dated December 1789.