Satz für ein Streichquintett in F (in Verbindung mit K. 590), K. 589b
de Wolfgang Amadeus Mozart

Mozarts Satz für ein Streichquintett in F (K. 589b) ist ein kurzer, unvollendeter Nachtrag aus Wien (1790), der eng mit seinen späten „Preußischen“ Kammerwerken verbunden ist – vor allem mit dem Streichquartett in F-Dur, K. 590. Als Fragment überliefert und als Zubehörstück katalogisiert, bietet er dennoch einen aufschlussreichen Einblick in Mozarts Werkstatt im Alter von 34 Jahren, als er seinen späten Wiener Stil zu einer ungewöhnlich konzentrierten, klassizistischen Klarheit verdichtete.
Hintergrund und Kontext
1790 lebte Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791) in Wien, durchlief eine schwierige finanzielle Phase und schrieb zugleich Kammermusik von bemerkenswerter Ausgewogenheit und handwerklicher Meisterschaft. Die Monate um 1789–1790 werden von den drei sogenannten „Preußischen“ Streichquartetten (K. 575, K. 589, K. 590) geprägt, komponiert mit Blick auf den cellospielenden König Friedrich Wilhelm II. von Preußen und – oft subtil – gekennzeichnet durch eine stärker hervortretende, kantable Basslinie als in vielen früheren Quartetten.[1]
K. 589b gehört in dieses gleiche späte Quartett-Umfeld, allerdings im Miniaturformat: Er ist als Fragment eines letzten Satzes in F-Dur für die übliche Quartettbesetzung (zwei Violinen, Viola, Violoncello) erhalten und wird heute als Ergänzung zum F-Dur-Quartett K. 590 überliefert.[2] Schon die Tatsache, dass es sich um ein Fragment eines „letzten Satzes“ handelt, ist bezeichnend. Für Mozart waren Finali keine nachträglichen Zugaben; sie waren strukturelle Schlüsselsteine, verantwortlich dafür, einen ganzen mehrsätzigen Gedankengang auszubalancieren. Spät in seiner Laufbahn konnte er Finali von bestechender Ökonomie entwerfen – er konnte sie aber auch verwerfen, neu bedenken oder ersetzen, wenn ihm das dramatische Gewicht nicht stimmig erschien.
Entstehung und Widmung
Der Köchel Catalogue Online führt K. 589b als authentischen Quartettsatz in F für 2 Violinen, Viola und Violoncello (als Fragment erhalten), der im Katalogzusammenhang mit dem Quartett K. 590 steht.[3] In der Neuen Mozart-Ausgabe (NMA) erscheint er in den Bänden, die Fragmente und ergänzende Sätze versammeln, und wird ausdrücklich als Fragment eines letzten Satzes (eines Rondos) für ein Quartett in F, KV Anhang 73 (589b), bezeichnet.[2]
Da K. 589b im üblichen Sinn des 18. Jahrhunderts kein „veröffentlichtes Werk“ ist, lassen sich Fragen der Widmung am besten indirekt behandeln: Der übergeordnete Zusammenhang ist K. 590, ein Preußisches Quartett, im Juni 1790 entstanden und mit der preußischen Widmungstradition verknüpft.[4] Das, was von K. 589b erhalten ist, sollte man allerdings weniger als eigenständiges „verlorenes Meisterwerk“ hören, sondern als dokumentarischen Beleg für Mozarts kompositorische Entscheidungsprozesse – dafür, was er aufs Papier setzte, bevor er sich für das Finale entschied, das wir heute in K. 590 kennen.
Form und musikalischer Charakter
Besetzung
Auch wenn Ihre Katalogüberschrift von einem „Satz für ein Streichquintett“ spricht, beschreiben die maßgeblichen wissenschaftlichen Kataloge K. 589b als Quartettsatz (also für das standardmäßige Streichquartett):
- Streicher: 2 Violinen, Viola, Violoncello[2]
Funktion: ein alternatives Ende
Am sinnvollsten lässt sich K. 589b als ein alternativer oder aufgegebener Schluss verstehen, entworfen im Umfeld von K. 590. Damit ist sofort umrissen, was daran besonders ist. Ein spätes Mozart-Finale vermittelt normalerweise Unausweichlichkeit: Thematische Einfälle wirken dazu bestimmt, wiederzukehren, und die Textur erscheint zugleich durchsichtig und geschäftig, mit dialogischen Wechseln, die auf alle vier Instrumente verteilt sind. Ein Fragment dagegen hält den Hörer mitten im Prozess fest. Man hört die Absicht – die Wendung zur Schlussrhetorik, den Impuls zu Witz und Vorwärtsdrang –, ohne das beruhigende Gefühl eines eindeutig erreichten Ziels.
Eine spätstilistische Miniatur, die Aufmerksamkeit verdient
Auch als Fragment verdient K. 589b aus drei Gründen Beachtung:
1. Er schärft unser Ohr für Mozarts Prioritäten in den späten Quartetten. Die Preußischen Quartette werden oft für ihre klaren Oberflächen gerühmt, doch ihre Kunst liegt in subtiler Neujustierung: Register, Balance und die melodische Eigenständigkeit des Cellos werden mit außergewöhnlicher Sorgfalt behandelt.[1] 2. Er zeigt, dass „klassische Leichtigkeit“ erarbeitet sein konnte. Mozarts Spätwerke können mühelos klingen; K. 589b erinnert daran, dass auch er Lösungen erprobte und mitunter weiterzog. 3. Er lädt Interpreten und Hörer ein, wie Editoren zu denken. Da K. 589b als Ergänzung überliefert ist und nicht als Konzertstück zum festen Bestand gehört, stellt er sich von selbst interpretatorischen Fragen: Soll man ihn als eigenständigen Torso spielen (wie manche Schubert-Fragmente), oder als kontextuelle Beigabe in Programmen, die K. 590 gewidmet sind?
In groben formalen Umrissen weist die NMA-Beschreibung des Fragments als Rondo-Schlusssatz auf die Gattung, die Mozart für Quartettfinali häufig bevorzugte: ein wiederkehrendes Refrain-Thema, das kontrastierende Episoden aufnehmen kann und dennoch den Vorwärtsimpuls bewahrt.[2] Späte Mozart-Rondos gehen dabei oft in ein Sonatenrondo-Verhalten über (Wiederkehr plus entwickelnder Argumentationsgang), und selbst ein unvollständiger Entwurf kann etwas von dieser hybriden Energie andeuten.
Rezeption und Nachwirkung
K. 589b hat nie das öffentliche „Leben“ der vollendeten Quartette geführt: Er ist kein Grundpfeiler des Repertoires und wurde zu Mozarts Lebzeiten nicht als Teil des preußischen Sets vermarktet, das in frühen Drucken um 1791–1792 erschien.[3] Sein Nachleben ist stattdessen wissenschaftlich und dokumentarisch – getragen von seiner Bewahrung im editorischen Apparat der Neuen Mozart-Ausgabe sowie von seinem Platz in der Köchel-Tradition der Katalogisierung von Zubehörstücken.[2]
Doch für ein breites Publikum mit musikalischer Neugier bietet K. 589b eine seltene Art von Vergnügen: nicht den vollendeten rhetorischen Bogen eines Meisterwerks, sondern die Intimität, Mozart bei der Arbeit gleichsam zu belauschen. Neben dem Streichquartett in F-Dur, K. 590 gehört, kann er die Wertschätzung für das Finale dieses Quartetts vertiefen, indem er die endgültige Entscheidung neu als bewusst und gewollt erfahrbar macht. Mit anderen Worten: K. 589b ist nicht trotz seiner Unvollständigkeit wertvoll, sondern gerade weil er den Moment bewahrt, in dem ein „fertiges“ Mozart-Werk noch dabei war, zu sich selbst zu werden.
[1] Overview of the “Prussian” string quartets (K. 575, 589, 590) and their context and dedication.
[2] Neue Mozart-Ausgabe (DME) table of contents listing K. Anh. 73 (589b) as a fragment of the last movement (rondo) of a quartet in F.
[3] Köchel Catalogue Online entry for K. 590 with links to K. 589b and early-print information for the Prussian quartets.
[4] Reference overview of String Quartet No. 23 in F major, K. 590 (date and basic work description).