Offertorium in G-Dur, „Inter natos mulierum“ (K. 72)
von Wolfgang Amadeus Mozart

Mozarts Offertorium in G-Dur, Inter natos mulierum (K. 72), ist ein kompaktes Salzburger Kirchenstück, dessen konzentrierte chorische Rhetorik bereits unverkennbar „mozartisch“ klingt. Für das Fest Johannes des Täufers geschrieben, verwandelt es einen kurzen liturgischen Text in eine stringent gearbeitete Miniatur – dramatisch in den Kontrasten, sparsam in der Besetzung und ungewöhnlich aufmerksam für Wort und Motiv.
Hintergrund und Kontext
Salzburg in den 1770er Jahren bot Mozart ein praktisches, anspruchsvolles Labor für geistliche Musik: ein stetiger Rhythmus von Messen und Stundengebeten, knappe Probenzeit und klare Erwartungen an Länge und Verständlichkeit. Das Offertorium war zwar nur ein Moment in der Messe, aber ein besonders gut hörbarer – Musik während der Gabenbereitung, oft anvertraut einer kurzen lateinischen, motettenartigen Vertonung, die von den verfügbaren Sängerinnen und Sängern sowie den bescheidenen Instrumentalkräften der Kirche ausgeführt werden konnte.
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Inter natos mulierum gehört zu Mozarts „kleineren Kirchenwerken“ und zeigt den jugendlichen Komponisten, wie er innerhalb dieser Vorgaben arbeitet und dennoch nach pointiertem Ausdruck sucht. Die Besetzung ist schlank (Chor mit Streichern und Continuo), die Anlage knapp – in der Aufführung rund drei Minuten – und doch zielt das Stück eher auf maximale rhetorische Schärfe als auf dekorative Frömmigkeit.[1]
Komposition und liturgische Funktion
Der Text beginnt mit der Schriftstelle „Inter natos mulierum non surrexit maior Joanne Baptista“ („Unter den von Frauen Geborenen ist keiner aufgetreten, der größer wäre als Johannes der Täufer“), und in seiner Überlieferung ist das Werk ausdrücklich mit dem Fest Johannes des Täufers verknüpft.[2] Mit anderen Worten: Das ist keine „allgemeine“ Kirchenmusik, sondern an einen konkreten Festtag gebunden – und Mozart reagiert darauf, indem er Name und Bildwelt Johannes’ des Täufers zu einem treibenden Element der musikalischen Argumentation macht.
Die Datierung ist in den Referenzquellen nicht völlig einheitlich. Der Eintrag im Köchel-Verzeichnis nennt derzeit Salzburg, 1776,[2] während Verlags- und editorische Materialien auf den Frühsommer 1771 verweisen (und erörtern, weshalb eine spätere Datierung als Mozarts früheste Kindheitsjahre plausibel ist).[1][3] Sicher ist die Salzburger Provenienz, der beabsichtigte Festtag und die Stellung des Werks innerhalb von Mozarts früher liturgischer Produktion – Musik für den Gebrauch, nicht für die Nachwelt.
Musikalischer Aufbau
Trotz ihrer Kürze ist die Offertoriumsvertonung sorgfältig organisiert: als durchkomponierte Motette mit instrumentaler Einleitung und einer abschließenden „Alleluja“-Coda.[3] Das Ausdrucksgewicht liegt in der Chorstimme: Federhofers Vorwort betont die „stark kontrastierende“ Anlage des Chorsatzes und merkt an, dass die Instrumente überwiegend eine stützende Rolle übernehmen.[1]
Zwei Merkmale erklären, warum das Stück über seinen bescheidenen Umfang hinaus Aufmerksamkeit verdient:
- Motivische Einheit mit dramatischer Zielrichtung. Ein wiederkehrender Gedanke hält das Ganze zusammen, im Bärenreiter-Vorwort als refrainartige Einheit beschrieben, die durch ein Quintenfall-Motiv entsteht, das bereits im eröffnenden Orchesterabschnitt präsent ist.[1] Mehr als bloßes „Handwerk“ erzeugt dies einen Eindruck von Nachdruck – als würde hier eine Behauptung aufgestellt, nicht einfach nur Klangfläche gesponnen.
- Textgeleitete Kontraste. Der Text greift auf Matthäus 11,11 und Johannes 1,29 („Ecce agnus Dei“) zurück, und die Musik schärft diese biblischen Bilder durch gegeneinandergesetzte Klangblöcke, wechselnde dynamische Gewichtungen und eine gesteigerte Konzentration auf die Deklamation des Chors.[1][3]
Innerhalb der Tradition der Salzburger Proprium-Vertonungen wirkt diese Kombination – strenge motivische Kontrolle plus lebendige Textausdeutung – wie eine Vorschau im Kleinen auf jene Art, wie Mozarts spätere Messsätze thematische Arbeit mit rhetorischer „Szenenanlage“ verbinden können.
Rezeption und Nachwirkung
Inter natos mulierum hat nie die öffentliche Präsenz von Mozarts großen späten Messen erreicht, ist jedoch in moderner Forschung und im Aufführungsmaterial gut erschlossen – einschließlich seiner kritischen Edition in der Neuen Mozart-Ausgabe (NMA I/3) sowie der unkomplizierten Verfügbarkeit über große Notenbibliotheken.[4] Für Chöre bietet das Werk eine attraktive Brücke zwischen liturgischer Funktion und konzertanter Verwendbarkeit: kurz genug für eine einfache Programmplanung, zugleich so kontrastreich geformt und motivisch prägnant, dass es in der Aufführung deutlich Eindruck macht.
Zusammengefasst liegt der Wert dieses Offertoriums genau in dem, was seine Gattung verlangt: Ökonomie, Klarheit und liturgische Tauglichkeit. Mozart erfüllt diese Anforderungen – und hinterlässt dabei eine Miniatur, die genaues Hinhören ebenso belohnt wie den praktischen Einsatz.
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[1] Bärenreiter preface (Federhofer): date estimate (early summer 1771), duration, textual sources, and motivic/choral characterization.
[2] Mozarteum Köchel-Verzeichnis entry for K. 72: work type, feast association (St John the Baptist), Salzburg provenance, and cataloging details.
[3] Carus (Stuttgarter Mozart-Ausgaben) PDF (front matter): discussion of provenance/dating, structure (prelude, two main parts, coda), and text sources.
[4] IMSLP work page: access to NMA-based score scan and basic catalog metadata (key, scoring tags, publication/edition references).








