Divertimento Nr. 12 in Es-Dur, K. 252 (240a)
von Wolfgang Amadeus Mozart

Mozarts Divertimento Nr. 12 in Es-Dur (K. 252/240a) ist ein Salzburger Bläsersextett aus dem Jahr 1776 – Musik, die für geselliges Beisammensein gedacht ist, aber mit einem Witz und einer handwerklichen Raffinesse geschrieben, die „Hintergrundhören“ unmöglich machen. Besetzt mit je zwei Oboen, Hörnern und Fagotten, zeigt es den 20-jährigen Komponisten dabei, wie viel Farbe, Kontrast und formale Überraschung er einem kleinen, Harmonie-ähnlichen Ensemble entlocken kann.
Hintergrund und Kontext
1776 war Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791) wieder fest in Salzburg, im Dienst des Hofes von Fürsterzbischof Hieronymus Colloredo, und er rang mit den praktischen Anforderungen eines Berufsmusikers: Kirchenmusik, gelegentliche Instrumentalwerke und Musik für das gesellschaftliche Leben am Hof. Bläserensembles standen im Zentrum dieser Welt. Sie konnten im Freien spielen, in großen Räumen, in denen Streicherklang sich leicht verliert, und bei Mahlzeiten oder Festlichkeiten, wo durchgehende Musik erwünscht war.
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K. 252 gehört zu einer eng verwandten Salzburger Gruppe von fünf Bläserdivertimenti (K. 213, 240, 252/240a, 253 und 270), die lange mit „Tafelmusik“ (Tafelmusik) für den Hof in Verbindung gebracht wurden. Die erhaltenen Quellen deuten darauf hin, dass diese Stücke als Zyklus gedacht waren: Die Bezeichnung „divertimento“ findet sich in Leopold Mozarts Hand auf den Autographen, und er hat die Werke sogar fortlaufend nummeriert – ein Hinweis sowohl auf einen editorischen Impuls im familiären Umfeld als auch auf den Wunsch, sie breiter zu verbreiten.[3]
Die Gattungsbezeichnung „Divertimento“ kann heutige Hörer leicht in die Irre führen, als handle es sich um bloß leichte Kost. Doch selbst innerhalb funktionaler Musik zielt Mozart häufig auf mehr als gefälligen Klang: Er erprobt Form, Charakter und instrumentale „Persönlichkeit“. In diesen Sextetten verschärft sich die Aufgabe durch die Begrenzungen – und die Ausdruckschancen – klassischer Oboen, Naturhörner und Fagotte. Der Lohn ist ein unverwechselbarer Klang: schilfige Helligkeit, warm glänzende Hornresonanz und eine Fagottbeweglichkeit, die zugleich Bassfundament und Komiker sein kann.
Entstehung und Uraufführung
Überliefert ist das Werk als Divertimento in E flat (K. 252), mit einem Autograph aus dem Jahr 1776, das im Köchel-Verzeichnis des Mozarteums verzeichnet ist.[1] Ein genaues Datum ist in der Handschrift nicht festgehalten; die Forschung verortet es in der Regel innerhalb des Salzburger Jahres 1776, zwischen den Schwesterwerken K. 240 und K. 253.[3]
Eine konkrete Uraufführung ist nicht zuverlässig dokumentiert. Das überrascht kaum: Musik dieser Art gelangte oft ohne singuläre „Erstaufführung“ in den Gebrauch und diente vielmehr als Repertoire, das Hofmusiker je nach Anlass abrufen konnten. Die früheste Druckausgabe entstand erst später (das Köchel-Verzeichnis nennt als ersten Druck 1800), was ebenfalls darauf hindeutet, dass das Werk ursprünglich als praktische Salzburger Gebrauchsmusik gedacht war und nicht als Ware für den breiteren Verlagsmarkt.[1]
Besetzung
Mozart schreibt für ein Bläsersextett mit paarweise geführten Instrumenten – eine archetypische Band für Freiluft- und Zeremonialmusik des späten 18. Jahrhunderts:
- Holzbläser: 2 Oboen, 2 Fagotte
- Blechbläser: 2 Naturhörner
Diese Besetzung ist entscheidend. Ohne Streicher, die einen kontinuierlichen Klangteppich liefern, muss die Harmonik „aus sich heraus“ tragen – und Mozart reagiert, indem er die Verantwortung verteilt: Die Fagotte stützen nicht nur, sie können auch singen, plaudern und antreiben. Die Hörner, auf die Töne der Naturtonreihe beschränkt, liefern dennoch sowohl harmonische Pfeiler als auch Momente überraschender Präsenz. Die Oboen tragen mit ihrem durchdringenden Ton einen Großteil des melodischen Arguments, fügen sich aber ebenso in akkordische Texturen ein.
Form und musikalischer Charakter
K. 252 ist viersätzig angelegt; sein Reiz liegt darin, wie Mozart Tempo und Gattungscharakter variiert und dabei das Ensemble in ständigem Gespräch hält.[3]
- I. Andante (6/8)
- II. Menuetto (mit Trio)
- III. Polonaise
- IV. Presto assai
I. Andante (Es-Dur, 6/8)
Statt mit dem erwarteten hellen Allegro zu eröffnen, beginnt Mozart mit einem „trägen“ (unaufgeregten) Andante im 6/8-Takt.[3] Die Tempowahl rückt die Gattung sofort in ein anderes Licht: Das ist nicht bloß ein Auftakt, sondern ein Charakterstück, im Schwung beinahe pastoral. Die Bläserführung lädt dazu ein, Klangfarbe als Struktur zu hören – wie sich eine Wendung verändert, wenn sie von den Oboen an die Fagotte übergeht oder wenn die Hörner hinzutreten und das harmonische Licht vertiefen.
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Zugleich erinnert dieser Satz daran, dass Bläserdivertimenti ausdrucksvoll sein können, ohne schwer zu werden. Mozart nutzt das sanfte zusammengesetzte Metrum, um die Linien schwebend zu halten, während die schilfige Mischfarbe dem Es-Dur einen besonders warmen, herbstlichen Ton verleiht.
II. Menuetto und Trio
Tanzsätze sind der „gesellschaftliche Kern“ vieler Divertimenti, doch Mozart behandelt sie selten als bloße Konvention. Hier kann das Menuetto fast theatral wirken: Instrumentenpaare necken einander über Rhythmus und Lage, und die Hornstimmen treten bemerkenswert deutlich hervor – stärker als in vielen zeitgenössischen Bläserstücken.[3]
Das Trio wechselt nach As-Dur, was die Palette unmerklich weicher färbt (As ist die Subdominantregion von Es-Dur und wirkt in der klassischen Tonalität oft wie ein entspanntes „Nebenzimmer“). So entsteht ein kleines, aber aufschlussreiches Beispiel für Mozarts Dramaturgie: Das Divertimento wird zur Abfolge von Szenen statt zu einer Kette funktionaler Nummern.
III. Polonaise
Eine Polonaise ist in Mozarts Œuvre eine ungewöhnliche Wahl – und gerade diese Seltenheit gehört zum Reiz des Satzes.[3] Der Rhythmus trägt einen würdevollen Schwung – höfisch, ein wenig selbstbewusst – und ermöglicht Mozart einen stärker akzentuierten, schreitenden Gestus als in den umgebenden Sätzen.
Zugleich zeigt der Satz Mozarts Talent, aus bescheidenen Mitteln Vielfalt zu gewinnen. Mit nur sechs Spielern muss „Kontrast“ über Artikulation, Register und den raschen Rollentausch erzeugt werden. Das Ohr verfolgt bald nicht nur die Melodie, sondern den Einsatzplan: Wer führt gerade, wer kommentiert, wer liefert die komische oder tröstende Fagottlinie.
IV. Presto assai
Das Finale wird ausgelassen: ein Presto assai, das (wie in Kommentaren zur Werkgruppe angemerkt) auf eine österreichische Melodie zurückgreift, „Die Katze lässt das Mausen nicht“ („The cat won’t leave off the mousing“).[3][4] Ob man die Melodie erkennt oder nicht – die Wirkung ist eindeutig: Volksnahe Energie wird in kultivierte Gesellschaft hineingetragen.
Im Bläsersextett ist Tempo nicht nur virtuose Zurschaustellung, sondern auch eine Probe auf die Rhetorik des Zusammenspiels. Mozart schreibt so, dass der Vortrieb kollektiv wirkt – die Oboen beißen sich in die Figuren, die Fagotte sind beweglich genug, um wie Quecksilber statt wie Ballast zu klingen, und die Hörner markieren die Harmonie mit athletischer Sicherheit.
Rezeption und Nachwirkung
K. 252 hat nie den allgemeinen Ruhm der späteren Wiener Bläserserenaden erreicht (vor allem der „Gran Partita“, K. 361/370a), verdient aber gerade deshalb Aufmerksamkeit, weil es zeigt, wie Mozart das Handwerk ausbildet, das jene späteren Werke erst möglich macht. Die Sextette demonstrieren, wie er über Bläser als einen autarken Chor nachdenkt – fähig zu tragender Form, nicht nur zu Fanfare und Füllwerk.
Die moderne Forschung und Editionsarbeit haben zudem der alten Vorstellung widersprochen, diese Stücke seien „nur“ Tafelmusik. Die Neue Mozart-Ausgabe (wie sie in übergreifenden Referenzdarstellungen zusammengefasst wird) hält fest, dass die Gruppe in Literatur und Aufführungspraxis unterschätzt worden ist – eine Unterschätzung, die mit der Annahme zusammenhängt, funktionale Musik müsse oberflächlich sein.[3] In der Praxis belohnt K. 252 das genaue Hören: kompakt, gattungsmäßig vielfältig und ungewöhnlich charaktervoll – schon durch die Eröffnungswahl und die Tanztypen.
Für heutige Interpreten liegt das Stück in einer idealen Zone. Es ist vom Umfang her gut zugänglich und stellt doch fortwährend interpretatorische Fragen: Wie balanciert man Oboen gegen Hörner, wie artikuliert man Tanzrhythmus ohne Schwere, wie färbt man Wiederholungen so, dass aus „Unterhaltung“ Kunst wird? Für Hörer ist es eine überzeugende Erinnerung daran, dass Mozarts Salzburger Jahre nicht bloß ein Vorspiel zu Wien waren – sondern ein Labor, in dem er lernte, jedes Ensemble, wie klein auch immer, wie eine lebendige Bühne klingen zu lassen.
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[1] Mozarteum Köchel-Verzeichnis entry for K. 252 (sources, scoring, dating context, early print information).
[2] IMSLP work page for Divertimento in E-flat major, K. 252/240a (basic catalog data and scoring tags).
[3] Wikipedia: “Divertimenti for six winds (Mozart)” — overview of the Salzburg set, Leopold’s numbering, movement list and descriptive notes for K. 252/240a; references NMA and other scholarship.
[4] Brilliant Classics PDF liner notes (Mozart Complete Edition) mentioning the finale’s Austrian tune “Die Katze lässt das Mausen nicht” in connection with the wind divertimenti set.












