K. 557

Kanon in f-Moll fĂŒr 4 Stimmen in 1, „Nascoso Ăš il mio sol“ (K. 557)

von Wolfgang Amadeus Mozart

Silverpoint drawing of Mozart by Dora Stock, 1789
Mozart, silverpoint by Dora Stock, 1789 — last authenticated portrait

Mozarts Kanon in f-Moll fĂŒr 4 Stimmen in 1, „Nascoso Ăš il mio sol“ (K. 557), ist eine kompakte vokale Miniatur aus seiner spĂ€ten Wiener Zeit, die er am 2. September 1788 in sein eigenhĂ€ndiges Werkverzeichnis eintrug. Hinter dem gesellschaftlichen, scheinbar amourösen italienischen Text verbirgt sich eine souverĂ€ne Demonstration kontrapunktischer Kontrolle – ein Beleg dafĂŒr, dass Mozart selbst in einer Gattung fĂŒr geselliges Musizieren f-Moll mit eindringlichem Ernst zum Sprechen bringen konnte.

Hintergrund und Kontext

Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791) schrieb „Nascoso Ăš il mio sol“ in Wien und datierte es in seinem eigenen thematischen Werkverzeichnis auf den 2. September 1788 – dadurch ist seine Stellung innerhalb des SpĂ€twerks fĂŒr ein kleines GelegenheitsstĂŒck ungewöhnlich gut abgesichert [1]. Der Eintrag im Köchel-Verzeichnis nennt zudem Antonio Caldara als Autor des Textes – eine reizvolle Verbindung zur Ă€lteren Wiener Vokalkultur und ein Hinweis darauf, dass Mozarts Kanons fĂŒr den „Privatkreis“ durchaus auf bereits vorhandenes dichterisches und musikalisches Material zurĂŒckgreifen konnten, statt allein aus improvisiertem Wirtshauswitz zu entstehen [1].

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Obwohl Kanons hĂ€ufig fĂŒr informelle AnlĂ€sse entstanden, waren Mozarts Wiener Kanons zugleich eine Art Visitenkarte: kurze StĂŒcke, die von Freunden gesungen werden konnten, aber zugleich raffiniert genug, um seine Beherrschung des strengen Kontrapunkts zu demonstrieren. Die Mozarteum-Beschreibung der Gattung – Stimmen, die nacheinander mit derselben Melodie einsetzen – trifft die soziale ZweckmĂ€ĂŸigkeit der Form und deutet zugleich ihren pĂ€dagogischen und technischen Prestigecharakter an [1]. 1788, im Jahr der letzten drei Symphonien, steht dieser bescheidene Kanon neben großformatigen Projekten als ein anderes Artefakt des SpĂ€tstils: intim, ökonomisch, aber nicht weniger konzentriert.

Text und Komposition

Der Kanon ist fĂŒr vier gleiche Stimmen gesetzt (in der AuffĂŒhrung oft von einem Quartett oder kleinen Chor realisiert), wobei alle vier Stimmen aus einer einzigen notierten Zeile abgeleitet sind – daher die gelĂ€ufige Katalogbezeichnung „fĂŒr 4 Stimmen in 1“ [1]. Moderne Nachschlagewerke fĂŒhren das StĂŒck entsprechend als weltlichen Kanon in italienischer Sprache und behandeln es in der Praxis hĂ€ufig als unbegleitet (a cappella) [2].

Der kurze italienische Text wird gewöhnlich wie folgt ĂŒberliefert:

  • „Nascoso Ăš il mio sol, e sol qui resto,
  • Piangete voi il mio duol,
  • ch’io moro presto, ch’io moro.
  • Piangete, piangete!“ [3]

Auch ohne benannten dramatischen Kontext evozieren die Worte Abwesenheit („meine Sonne ist verborgen“), Verlassenheit („ich bleibe allein“) und eine drĂ€ngende Klage („ich sterbe bald“). Dieses emotionale Profil ist bedeutsam: Es hilft zu erklĂ€ren, warum Mozarts Wahl von f-Moll – einer Tonart, die er oft fĂŒr gesteigerte Pathetik reservierte – in diesem winzigen StĂŒck mehr als nur dekorativ wirkt.

Musikalischer Charakter

Als Kanon ist „Nascoso Ăš il mio sol“ aus einer einzigen melodischen Idee gebaut, die durch versetzte Imitation ihre eigene Harmonik hervorbringt. Die technische PrĂ€misse ist einfach; das expressive Ergebnis ist es nicht. Weil vier Stimmen nacheinander einsetzen, verdichtet sich die Musik ganz natĂŒrlich von Einsamkeit zu gemeinschaftlicher Äußerung – ein elegantes musikalisches Analogon zur Bitte „Piangete“ („weint“).

Von Mozarts Kanons erwartet man oft etwas Schnelles, Spöttisches, ja Derbes. K. 557 hebt sich dagegen durch seinen Adagio-Charakter (belegt in Spezialverzeichnissen zu Mozarts autographen Tempoangaben) ab und dadurch, dass die imitatorische Textur zu einer getragenen, beinahe chorischen Klage wird, statt zu einem geselligen Rundgesang [4]. Der Reiz dieses Kanons liegt somit in einem Paradox, das zutiefst mozartisch ist: strenger Kontrapunkt nicht als akademische Übung, sondern als Medium konzentrierten Affekts.

Im weiteren Panorama von Mozarts spĂ€ten Wiener Werken verdient K. 557 gerade wegen seiner KĂŒrze Aufmerksamkeit. Er zeigt, wie Mozart mit 32 Jahren die VorzĂŒge des „SpĂ€tstils“ – Klarheit, expressive Ökonomie und kontrapunktische Finesse – in ein kaum minutenlanges StĂŒck fĂŒr den gesellschaftlichen Gebrauch verdichten konnte, ohne weder Kunstfertigkeit noch Empfindung zu verwĂ€ssern.

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[1] Internationale Stiftung Mozarteum (Köchel-Verzeichnis): KV 557 work entry with dating (Vienna, 2 Sept 1788), key, instrumentation, and text-author attribution.

[2] IMSLP work page: general information (year, key, language) and typical categorization as unaccompanied vocal canon.

[3] LiederNet Archive: commonly transmitted Italian text for “Nascoso ù il mio sol”.

[4] NOMOS eLibrary PDF (register/index): listing of Mozart’s autograph tempo indications, including K. 557 marked *Adagio*.