Kanon in f-Moll fĂŒr 4 Stimmen in 1, âNascoso Ăš il mio solâ (K. 557)
von Wolfgang Amadeus Mozart

Mozarts Kanon in f-Moll fĂŒr 4 Stimmen in 1, âNascoso Ăš il mio solâ (K. 557), ist eine kompakte vokale Miniatur aus seiner spĂ€ten Wiener Zeit, die er am 2. September 1788 in sein eigenhĂ€ndiges Werkverzeichnis eintrug. Hinter dem gesellschaftlichen, scheinbar amourösen italienischen Text verbirgt sich eine souverĂ€ne Demonstration kontrapunktischer Kontrolle â ein Beleg dafĂŒr, dass Mozart selbst in einer Gattung fĂŒr geselliges Musizieren f-Moll mit eindringlichem Ernst zum Sprechen bringen konnte.
Hintergrund und Kontext
Wolfgang Amadeus Mozart (1756â1791) schrieb âNascoso Ăš il mio solâ in Wien und datierte es in seinem eigenen thematischen Werkverzeichnis auf den 2. September 1788 â dadurch ist seine Stellung innerhalb des SpĂ€twerks fĂŒr ein kleines GelegenheitsstĂŒck ungewöhnlich gut abgesichert [1]. Der Eintrag im Köchel-Verzeichnis nennt zudem Antonio Caldara als Autor des Textes â eine reizvolle Verbindung zur Ă€lteren Wiener Vokalkultur und ein Hinweis darauf, dass Mozarts Kanons fĂŒr den âPrivatkreisâ durchaus auf bereits vorhandenes dichterisches und musikalisches Material zurĂŒckgreifen konnten, statt allein aus improvisiertem Wirtshauswitz zu entstehen [1].
As an Amazon Associate we earn from qualifying purchases.
Obwohl Kanons hĂ€ufig fĂŒr informelle AnlĂ€sse entstanden, waren Mozarts Wiener Kanons zugleich eine Art Visitenkarte: kurze StĂŒcke, die von Freunden gesungen werden konnten, aber zugleich raffiniert genug, um seine Beherrschung des strengen Kontrapunkts zu demonstrieren. Die Mozarteum-Beschreibung der Gattung â Stimmen, die nacheinander mit derselben Melodie einsetzen â trifft die soziale ZweckmĂ€Ăigkeit der Form und deutet zugleich ihren pĂ€dagogischen und technischen Prestigecharakter an [1]. 1788, im Jahr der letzten drei Symphonien, steht dieser bescheidene Kanon neben groĂformatigen Projekten als ein anderes Artefakt des SpĂ€tstils: intim, ökonomisch, aber nicht weniger konzentriert.
Text und Komposition
Der Kanon ist fĂŒr vier gleiche Stimmen gesetzt (in der AuffĂŒhrung oft von einem Quartett oder kleinen Chor realisiert), wobei alle vier Stimmen aus einer einzigen notierten Zeile abgeleitet sind â daher die gelĂ€ufige Katalogbezeichnung âfĂŒr 4 Stimmen in 1â [1]. Moderne Nachschlagewerke fĂŒhren das StĂŒck entsprechend als weltlichen Kanon in italienischer Sprache und behandeln es in der Praxis hĂ€ufig als unbegleitet (a cappella) [2].
Der kurze italienische Text wird gewöhnlich wie folgt ĂŒberliefert:
- âNascoso Ăš il mio sol, e sol qui resto,
- Piangete voi il mio duol,
- châio moro presto, châio moro.
- Piangete, piangete!â [3]
Auch ohne benannten dramatischen Kontext evozieren die Worte Abwesenheit (âmeine Sonne ist verborgenâ), Verlassenheit (âich bleibe alleinâ) und eine drĂ€ngende Klage (âich sterbe baldâ). Dieses emotionale Profil ist bedeutsam: Es hilft zu erklĂ€ren, warum Mozarts Wahl von f-Moll â einer Tonart, die er oft fĂŒr gesteigerte Pathetik reservierte â in diesem winzigen StĂŒck mehr als nur dekorativ wirkt.
Musikalischer Charakter
Als Kanon ist âNascoso Ăš il mio solâ aus einer einzigen melodischen Idee gebaut, die durch versetzte Imitation ihre eigene Harmonik hervorbringt. Die technische PrĂ€misse ist einfach; das expressive Ergebnis ist es nicht. Weil vier Stimmen nacheinander einsetzen, verdichtet sich die Musik ganz natĂŒrlich von Einsamkeit zu gemeinschaftlicher ĂuĂerung â ein elegantes musikalisches Analogon zur Bitte âPiangeteâ (âweintâ).
Von Mozarts Kanons erwartet man oft etwas Schnelles, Spöttisches, ja Derbes. K. 557 hebt sich dagegen durch seinen Adagio-Charakter (belegt in Spezialverzeichnissen zu Mozarts autographen Tempoangaben) ab und dadurch, dass die imitatorische Textur zu einer getragenen, beinahe chorischen Klage wird, statt zu einem geselligen Rundgesang [4]. Der Reiz dieses Kanons liegt somit in einem Paradox, das zutiefst mozartisch ist: strenger Kontrapunkt nicht als akademische Ăbung, sondern als Medium konzentrierten Affekts.
Im weiteren Panorama von Mozarts spĂ€ten Wiener Werken verdient K. 557 gerade wegen seiner KĂŒrze Aufmerksamkeit. Er zeigt, wie Mozart mit 32 Jahren die VorzĂŒge des âSpĂ€tstilsâ â Klarheit, expressive Ăkonomie und kontrapunktische Finesse â in ein kaum minutenlanges StĂŒck fĂŒr den gesellschaftlichen Gebrauch verdichten konnte, ohne weder Kunstfertigkeit noch Empfindung zu verwĂ€ssern.
As an Amazon Associate we earn from qualifying purchases.
[1] Internationale Stiftung Mozarteum (Köchel-Verzeichnis): KV 557 work entry with dating (Vienna, 2 Sept 1788), key, instrumentation, and text-author attribution.
[2] IMSLP work page: general information (year, key, language) and typical categorization as unaccompanied vocal canon.
[3] LiederNet Archive: commonly transmitted Italian text for âNascoso Ăš il mio solâ.
[4] NOMOS eLibrary PDF (register/index): listing of Mozartâs autograph tempo indications, including K. 557 marked *Adagio*.








