Kanon in F für 4 Stimmen in 1, „O du eselhafter Martin“ (K. 560)
di Wolfgang Amadeus Mozart

Mozarts Kanon in F-Dur, „O du eselhafter Martin“ (K. 560), ist ein kurzer vierstimmiger canon (Kanon), 1788 in Wien entstanden – eines jener späten, privaten „gesellschaftlichen“ Stücke des Komponisten, deren Witz untrennbar mit ihrem handwerklichen Können verbunden ist.[1] Für vier Stimmen im Unisono (4 in 1) gesetzt, verdichtet er pointierte Charakterzeichnung und einen bewusst derben Scherz in den engsten kontrapunktischen Rahmen und zeigt, wie Mozart gelehrte Technik wie spontane Neckerei klingen lassen konnte.[2]
Hintergrund und Kontext
Mozart komponierte „O du eselhafter Martin“ am 2. September 1788 in Wien, im Alter von 32 Jahren.[3] Das Datum verortet das Stück in derselben späten Schaffensphase, in der auch die große Symphonien-Trilogie (K. 543, K. 550, K. 551) und andere umfangreiche Werke entstand – und doch gehört der Kanon in eine andere Sphäre: in die intime, oft auch derb-ausgelassene Welt des Musizierens unter Freunden.
Diese weltlichen Kanons waren nicht für das öffentliche Konzertleben gedacht, sondern für gesellige Runden, in denen ausgebildete Musiker ebenso wie Liebhaber mitwirken konnten. Dafür ist der Kanon ideal: Er ist kompakt, nach ein- oder zweimaligem Hören einprägsam und gerade deshalb amüsant, weil strenge Imitation die Wirkung eines beiläufig hingeworfenen Satzes noch steigern kann. „O du eselhafter Martin“ verdient Beachtung, weil er in der Technik keineswegs „klein“ ist – nur im Umfang. Der Witz zündet sofort, doch die kompositorische Grundidee ist die alte, ernsthafte Disziplin des Kontrapunkts.
Text und Komposition
Der Titel („Oh, du eselhafter Martin“) signalisiert eine komische Beschimpfung, die sich gegen einen bestimmten „Martin“ richtet; der zusätzliche Klammerzusatz „(Jakob)“ im Online-Eintrag des Köchelverzeichnisses weist darauf hin, dass der Name in Überlieferung und Gebrauch variieren konnte.[1] Ein solcher Namenswechsel ist typisch für Gelegenheitsstücke: Der musikalische Kern bleibt gleich, während der Text der jeweiligen Runde angepasst wird.
Mozarts Kanon ist in Quellen überliefert, die mit der Neue Mozart-Ausgabe (New Mozart Edition) verbunden sind; dort wird er den Kanons des Komponisten zugeordnet (Serie III/10).[1] Heute begegnet man ihm oft in gedruckten oder online verfügbaren Noten, in denen sein derber Humor ebenso deutlich wird wie seine musikalische Ökonomie: Ein einziger Melodiestrang erzeugt die gesamte Textur.[2]
Musikalischer Charakter
„O du eselhafter Martin“ ist ein canon a 4 im Unisono (4 in 1): Vier Sänger tragen dieselbe Melodie vor und setzen nacheinander in festgelegten Zeitabständen ein, sodass die Überlagerung Harmonie entstehen lässt, ohne dass separate Stimmen ausgeschrieben wären.[2] Die Tonart F-Dur – traditionell mit Wärme und ungekünstelter Klarheit verbunden – unterstützt die Direktheit des Stücks; die eigentliche Pointe liegt jedoch in der Kanontechnik: Jeder neue Einsatz häuft denselben verbalen Seitenhieb an und macht aus einer privaten Neckerei eine Art musikalischen „Haufen“.
Was diesen Kanon innerhalb von Mozarts Œuvre besonders macht, ist die Reibung zwischen „hoher“ Methode und „niedrigem“ Text. Kanonschreiben gehört zu den regelstrengsten Künsten der Komposition; hier nutzt Mozart diese Disziplin, um Timing, Wiederholung und Akzentuierung zu schärfen – ähnlich wie ein Komiker Rhythmus und wiederkehrende Pointen einsetzt. Im Zusammenhang mit seinen anderen späten Kanons zeigt K. 560 Mozart, wie er den Kontrapunkt nicht als akademische Zurschaustellung behandelt, sondern als gesellschaftliches Theater: Musik, die dazu da ist, gesungen, belacht und sofort weitergegeben zu werden – selbst in einem Jahr, das man sonst vor allem mit Werken von großer öffentlicher Ambition verbindet.[3]
[1] Mozarteum Köchel-Verzeichnis entry for “O du eselhafter Martin (Jakob)” (K. 560), including NMA series reference.
[2] IMSLP score page: “Canon for 4 Voices in F major, K.560 (O du eselhafter Martin)” (public-domain materials and basic work data).
[3] Wikipedia overview of Köchel catalogue entries (useful for the dated entry for K. 560: 2 September 1788; Vienna; age 32).