Kanon in a-Moll fĂŒr 4 Stimmen in 1, âLacrimoso sonâioâ (K. 555)
von Wolfgang Amadeus Mozart

Mozarts Kanon in a-Moll fĂŒr 4 Stimmen in 1, âLacrimoso sonâioâ (K. 555), ist eine kompakte a-cappella-Miniatur, die er am 2. September 1788 in Wien in sein thematisches Verzeichnis eintrug.[1] Im Schatten der groĂen Werke seiner spĂ€ten Wiener Jahre ĂŒbersehen, verdient sie Aufmerksamkeit dafĂŒr, wie wenige Takte Kontrapunkt eine ĂŒberraschend intensive, beinahe theatrale Klage evozieren können.[2]
Hintergrund und Kontext
Mozart schrieb in Wien kontinuierlich kleinere VokalstĂŒcke fĂŒr das Musizieren im privaten Rahmen; seine spĂ€ten Kanons bilden dabei eine besonders aufschlussreiche Gruppe: Musik, die weniger fĂŒr den Konzertsaal gedacht war als fĂŒr einen Freundeskreis, der lesen, singen und den kontrapunktischen Witz genieĂen konnte. Lacrimoso sonâio (Italienisch: âIch bin trĂ€nenreich / ich weineâ) gehört zwar in diese gesellige Welt, wirkt im Affekt jedoch bemerkenswert ernst, verglichen mit Mozarts deutlich komischeren Kanons aus ungefĂ€hr derselben Zeit.
In Mozarts eigenem thematischen Verzeichnis ist K. 555 auf den 2. September 1788 datiert â einer von mehreren Kanons, die er um diese Zeit eintrug.[3] Die UmstĂ€nde der ersten AuffĂŒhrung sind nicht verlĂ€sslich dokumentiert, was fĂŒr solche GelegenheitsstĂŒcke typisch ist; dennoch passt das Profil des Werks zur Wiener Hausmusik der spĂ€ten 1780er Jahre und zur Vorliebe fĂŒr knappes gelehrtes Schreiben, das als gesellschaftliche Unterhaltung prĂ€sentiert wurde.
Text und Komposition
Die Gattungsangabe â4 voices in 1â bedeutet, dass alle vier SĂ€nger dieselbe Melodie ausfĂŒhren und nacheinander einsetzen, sodass vierstimmige Polyphonie entsteht. Anders gesagt liegt die âKompositionâ des Kanons in der Strenge seiner Imitation: Die Melodie muss als einzelne Linie singbar sein und zugleich ĂŒberzeugend mit sich selbst harmonieren, wenn sie ĂŒbereinandergeschichtet wird.
Der Text ist kurz â im Grunde die wiederholte Phrase âLacrimoso sonâioâ â und diese Schlichtheit ist ein Vorzug, keine EinschrĂ€nkung. In einem Kanon kann zu viel sprachliche Abwechslung die Einsatzpunkte verwischen; hier lenken die repetierten Worte den Fokus darauf, wie die Stimmen ineinandergreifen. Quellen beschreiben das StĂŒck als italienischsprachig und fĂŒr unbegleitete Stimmen.[2]
Musikalischer Charakter
Obwohl nur eine Miniatur, ist K. 555 unter Mozarts Kanons durch die Ernsthaftigkeit seiner OberflĂ€che auffĂ€llig: a-Moll, Adagio und eine klagende melodische Kontur, die im Verlauf gleichsam zu âseufzenâ scheint. (IMSLP fĂŒhrt den Kanon mit der Tempobezeichnung Adagio und beschreibt das Werk als vierstimmigen a-cappella-Kanon in a-Moll.[2]) Die Ausdruckswirkung kann beinahe opernhaft erscheinen â verdichtet auf den Umfang einer einzigen fugierten Idee.
Gerade diese Verdichtung macht Lacrimoso sonâio hörenswert. Mozart verwandelt eine soziale Gattung â oft als musikalisches Spiel behandelt â in eine winzige Studie des Affekts. Die EinsĂ€tze bauen Spannung auf, ohne dass instrumentale Farben helfen; das Drama entsteht vielmehr aus Timing, Dissonanz und Auflösung sowie aus dem Bewusstsein der Hörenden, dass dieselbe Linie aus unterschiedlichen Blickwinkeln erneut âgehörtâ wird. Im weiteren Kontext des Jahres 1788, als Mozart zugleich in wesentlich gröĂeren Dimensionen komponierte, zeigt dieser Kanon den spĂ€ten Stil im Mikrokosmos: Ăkonomie der Mittel, Klarheit der Anlage und die Gabe, selbst den kleinsten Formen eine starke emotionale IdentitĂ€t zu verleihen.[1]
[1] Mozarteum (Köchel Verzeichnis) work entry for KV 555, including title, scoring, and catalogue context.
[2] IMSLP work page for K. 555 with basic work metadata (key, scoring, language) and score access.
[3] Wikipedia overview page for the Köchel catalogue, including the K. 555 entry with the date 2 September 1788 and place (Vienna).