K. 555

Kanon in a-Moll für 4 Stimmen in 1, „Lacrimoso son’io“ (K. 555)

von Wolfgang Amadeus Mozart

Silverpoint drawing of Mozart by Dora Stock, 1789
Mozart, silverpoint by Dora Stock, 1789 — last authenticated portrait

Mozarts Kanon in a-Moll für 4 Stimmen in 1, „Lacrimoso son’io“ (K. 555), ist eine kompakte a-cappella-Miniatur, die er am 2. September 1788 in Wien in sein thematisches Verzeichnis eintrug.[1] Im Schatten der großen Werke seiner späten Wiener Jahre übersehen, verdient sie Aufmerksamkeit dafür, wie wenige Takte Kontrapunkt eine überraschend intensive, beinahe theatrale Klage evozieren können.[2]

Hintergrund und Kontext

Mozart schrieb in Wien kontinuierlich kleinere Vokalstücke für das Musizieren im privaten Rahmen; seine späten Kanons bilden dabei eine besonders aufschlussreiche Gruppe: Musik, die weniger für den Konzertsaal gedacht war als für einen Freundeskreis, der lesen, singen und den kontrapunktischen Witz genießen konnte. Lacrimoso son’io (Italienisch: „Ich bin tränenreich / ich weine“) gehört zwar in diese gesellige Welt, wirkt im Affekt jedoch bemerkenswert ernst, verglichen mit Mozarts deutlich komischeren Kanons aus ungefähr derselben Zeit.

As an Amazon Associate we earn from qualifying purchases.

In Mozarts eigenem thematischen Verzeichnis ist K. 555 auf den 2. September 1788 datiert – einer von mehreren Kanons, die er um diese Zeit eintrug.[3] Die Umstände der ersten Aufführung sind nicht verlässlich dokumentiert, was für solche Gelegenheitsstücke typisch ist; dennoch passt das Profil des Werks zur Wiener Hausmusik der späten 1780er Jahre und zur Vorliebe für knappes gelehrtes Schreiben, das als gesellschaftliche Unterhaltung präsentiert wurde.

Text und Komposition

Die Gattungsangabe „4 voices in 1“ bedeutet, dass alle vier Sänger dieselbe Melodie ausführen und nacheinander einsetzen, sodass vierstimmige Polyphonie entsteht. Anders gesagt liegt die „Komposition“ des Kanons in der Strenge seiner Imitation: Die Melodie muss als einzelne Linie singbar sein und zugleich überzeugend mit sich selbst harmonieren, wenn sie übereinandergeschichtet wird.

Der Text ist kurz – im Grunde die wiederholte Phrase „Lacrimoso son’io“ – und diese Schlichtheit ist ein Vorzug, keine Einschränkung. In einem Kanon kann zu viel sprachliche Abwechslung die Einsatzpunkte verwischen; hier lenken die repetierten Worte den Fokus darauf, wie die Stimmen ineinandergreifen. Quellen beschreiben das Stück als italienischsprachig und für unbegleitete Stimmen.[2]

Musikalischer Charakter

Obwohl nur eine Miniatur, ist K. 555 unter Mozarts Kanons durch die Ernsthaftigkeit seiner Oberfläche auffällig: a-Moll, Adagio und eine klagende melodische Kontur, die im Verlauf gleichsam zu „seufzen“ scheint. (IMSLP führt den Kanon mit der Tempobezeichnung Adagio und beschreibt das Werk als vierstimmigen a-cappella-Kanon in a-Moll.[2]) Die Ausdruckswirkung kann beinahe opernhaft erscheinen – verdichtet auf den Umfang einer einzigen fugierten Idee.

Gerade diese Verdichtung macht Lacrimoso son’io hörenswert. Mozart verwandelt eine soziale Gattung – oft als musikalisches Spiel behandelt – in eine winzige Studie des Affekts. Die Einsätze bauen Spannung auf, ohne dass instrumentale Farben helfen; das Drama entsteht vielmehr aus Timing, Dissonanz und Auflösung sowie aus dem Bewusstsein der Hörenden, dass dieselbe Linie aus unterschiedlichen Blickwinkeln erneut „gehört“ wird. Im weiteren Kontext des Jahres 1788, als Mozart zugleich in wesentlich größeren Dimensionen komponierte, zeigt dieser Kanon den späten Stil im Mikrokosmos: Ökonomie der Mittel, Klarheit der Anlage und die Gabe, selbst den kleinsten Formen eine starke emotionale Identität zu verleihen.[1]

As an Amazon Associate we earn from qualifying purchases.

[1] Mozarteum (Köchel Verzeichnis) work entry for KV 555, including title, scoring, and catalogue context.

[2] IMSLP work page for K. 555 with basic work metadata (key, scoring, language) and score access.

[3] Wikipedia overview page for the Köchel catalogue, including the K. 555 entry with the date 2 September 1788 and place (Vienna).