Kanon in F für 4 Stimmen, „Ave Maria“ (K. 554)
von Wolfgang Amadeus Mozart

Mozarts Kanon in F für 4 Stimmen in 1, „Ave Maria“ (K. 554) ist eine knappe a-cappella-Studie in imitatorischer Kunst, die er am 2. September 1788 in Wien in seinen thematischen Katalog eintrug.[1] Entstanden im Alter von 32 Jahren, zeigt das Stück, wie selbst die kleinsten späten Wiener Vokalwerke Andachtstext, geselliges Musizieren und ausgefeilten Kontrapunkt verbinden können.
Hintergrund und Kontext
Im Wien Mozarts waren Kanons nicht bloß akademische Kontrapunktübungen: Sie dienten ebenso als witzige, handliche „Tafelmusik“ für gesellige Runden mit Freunden und Kollegen. Das Köchelverzeichnis Online der Mozarteum-Stiftung betont, dass die meisten Kanons Mozarts in Wien entstanden und im privaten Kreis eine wichtige Rolle spielten – mitunter mit Texten, die Mozart vermutlich selbst beisteuerte.[1] K. 554 gehört genau in diese Welt: ein intimes vierstimmiges Stück, kurz genug fürs Vom-Blatt-Singen, zugleich so kunstvoll, dass es konzentriertes Zuhören lohnt.
Das Werk ist zuverlässig überliefert und gilt als authentisch; derselbe Katalog nennt als Entstehungsort und -datum Wien, 2. September 1788, und gibt die Besetzung schlicht mit vier gleichen Stimmen (V1–V4) an.[1] Dieses Datum ist innerhalb von Mozarts Chronologie bemerkenswert: 1788 ist das Jahr der letzten Symphonien-Trilogie (Nr. 39–41) – und zugleich eine Zeit, in der eine Fülle kurzer Kanons entstand, die zwischen Sakralem und Übermütigem wechseln. Auch ohne festlichen öffentlichen Anlass verdient K. 554 Aufmerksamkeit als „Miniatur“ und Blick in denselben Spätstil: Klarheit der Linie, Ökonomie der Mittel und eine mühelose Meisterschaft der Stimmführung.
Text und Komposition
Der Text ist die bekannte lateinische Anrufung „Ave Maria“, ohne zusätzliche poetische Ausschmückung vertont. Als Kanon „für vier Stimmen in 1“ ist die Musik aus einer einzigen notierten Linie gebaut, die durch Imitation das gesamte Gefüge erzeugt – jede Stimme setzt nacheinander im Einklang ein (also auf derselben Tonhöhe, nicht in einem anderen Intervall).[1] In der Aufführung entsteht so ein sanft anwachsener Klang: Was als einfache Melodie beginnt, wird fast unmerklich zu einem verwobenen vierstimmigen Gewebe.
K. 554 ist im Autograph erhalten und wurde später in handschriftlichen Abschriften weiterverbreitet; zudem erschien er relativ früh im Druck (der Mozarteum-Katalog nennt als „Erstdruck“ eine Ausgabe von 1804 bei Breitkopf & Härtel in einem Band mit „VI Canons“).[1] Heutige Musiker begegnen dem Stück meist in Choranthologien oder über frei verfügbare Editionen und Scans (etwa auf IMSLP).[2]
Musikalischer Charakter
K. 554 steht in F-Dur, und entsprechend ist sein Ausdruck warm und schlicht – eher privates Gebet als öffentliche Proklamation.[1] Die Kanontechnik ist der eigentliche Kern: Mozart hält die Melodie singbar und ausgewogen, sodass sie in der Schichtung durchsichtig bleibt und nicht überladen wirkt. Man kann die nacheinander einsetzenden Stimmen wie ein kontrolliertes Echo verfolgen; Konsonanzen und milde Vorhalte ergeben sich organisch aus den überlappenden Linien.
Das Besondere an diesem Stück innerhalb von Mozarts Kanonschaffen ist gerade diese Zurückhaltung. Viele späte Kanons sind wegen ihrer Witze, ihres Dialekts oder ihrer derben Anzüglichkeit im Gedächtnis; K. 554 zeigt dagegen, wie dasselbe gesellschaftliche Genre einem lateinischen Andachtstext mit Aufrichtigkeit und Haltung dienen kann. Im Kleinen bündelt es ein spätklassisches Ideal: maximaler musikalischer Sinn aus minimalem Material – eine einzige Linie, die durch Imitation vervielfacht zu einer vollständigen, in sich geschlossenen Chortextur wird.
[1] Internationale Stiftung Mozarteum, Köchel Catalogue Online: KV 554 entry (authenticity, date/place, key, scoring, transmission, early print info)
[2] IMSLP work page: Canon for 4 Voices in F major, K. 554 (public domain editions/scans and basic work metadata)