„Del gran regno delle amazzone“ (K. 434): Mozarts unvollendetes Terzett aus einem verlorenen italienischen Bühnenprojekt
de Wolfgang Amadeus Mozart

Mozarts „Del gran regno delle amazzone“ (K. 434; auch als K.⁶ 480b katalogisiert) ist ein unvollendetes italienisches Ensemblestück aus Wien, 1785–86 entworfen und nur in fragmentarischer Form überliefert. Ungewöhnlich besetzt mit Tenor, zwei Bässen und Orchester, erlaubt es einen faszinierenden Blick auf Mozarts theatralische Instinkte im Alter von 29 Jahren – verdichtet in eine eigenständige Nummer, die nie in einen vollständigen Bühnenzusammenhang gelangte.
Hintergrund und Kontext
Wien in der Mitte der 1780er Jahre war Mozarts fruchtbarstes Theaterbiotop: Zwischen Aufträgen, Benefizkonzerten und der unstillbaren Nachfrage der Stadt nach italienisch geprägter Bühnenunterhaltung konnte es leicht geschehen, dass ein Komponist Nummern für Vorhaben entwarf, die später verschwanden, umgearbeitet wurden oder schlicht steckenblieben. „Del gran regno delle amazzone“ (K. 434) gehört zu dieser Schattenwelt des Wiener Theaters – authentischer Mozart, in Quellen überliefert, jedoch im Köchel-Verzeichnis, das von der Internationale Stiftung Mozarteum betreut wird, ausdrücklich als unvollendet geführt.[1]
As an Amazon Associate we earn from qualifying purchases.
Was erhalten ist, wird im Online-Katalog der Fragmente der Neuen Mozart-Ausgabe als Terzett für Tenor, zwei Bässe und Orchester ausgewiesen; das bestätigt, dass es sich nicht um eine konventionelle Konzertarie handelt, sondern um eine dramatische Ensemblennummer – Musik, die Figuren, Situation und szenisches Zusammenspiel voraussetzt.[2] Der Text wird Giuseppe Petrosellini zugeschrieben, einem bedeutenden italienischen Librettisten der Zeit; der Mozarteum-Katalog verbindet die Worte mit Il regno delle amazzoni (1. Akt, 1. Szene) und deutet damit auf eine konkrete theatrale Vorlage hin, auch wenn das größere Werk nicht zu Mozarts vollendetem Opernkanon zählt.[1]
Text und Komposition
Die Anfangszeile – „Del gran regno delle amazzone“ („Vom großen Reich der Amazonen“) – verortet die Szene sofort im Geschmack des 18. Jahrhunderts für exotische oder pseudo-mythologische Schauplätze, also in jenem imaginierten Terrain, das die komische Oper oft nutzte, um Satire zu schärfen, Gesellschaftskritik zu maskieren oder schlicht theatrale Farbe zu bieten. Im Mozarteum-Katalog werden unter den Quellen eine autographe Partitur mit der Datierung 1785 genannt; zudem verweist der Eintrag auf eine zugehörige Skizze (Skb 1785b/02), was nahelegt, dass Mozart Ideen für diese Nummer im Rahmen eines größeren Entwurfsprozesses erprobte.[1][3]
Obwohl deine Katalogdaten die Tonart als „N/A“ ausweisen, identifizieren die erhaltenen musikalischen Quellen das Fragment meist als B-Dur.[4] Das passt gut zu Mozarts häufiger Verwendung von B-Dur für Musik, die Wärme und öffentliche Helligkeit ausstrahlen kann – nützliche Eigenschaften für eine Eingangsszene oder für eine Nummer, die eine Bühnenwelt rasch etablieren soll.
Instrumentation (nach Überlieferung)
- Bläser: 2 Oboen, 2 Klarinetten, 2 Fagotte[1]
- Streicher: Violinen I & II, Viola, Violoncello & Kontrabass[1]
- Stimmen: Tenor, Bass I, Bass II[2]
Musikalischer Charakter
Selbst als Fragment ist „Del gran regno delle amazzone“ durch seine Dramaturgie der Stimmtypen bemerkenswert. Ein Tenor, der zwei Bässen gegenübergestellt ist, bildet von sich aus eine theatralische Konstellation: Sie begünstigt Kontraste in Lage und Autorität und lädt zu komischem oder konfrontativem Dialog ein (ob der Tenor nun in der Minderheit ist, mit den beiden Bässen verhandelt oder von ihnen geprüft wird). Mozart nutzte eine solche vokale Besetzung in Ensembles immer wieder zur Charakterzeichnung; hier legt die Anlage nahe, dass eine kleine Bühnensituation gleichsam im Klang selbst steckt – statt dass es sich um eine Arie handelt, die lediglich auf Glanz und Virtuosität zielt.
Auch die Orchestrierung ist aufschlussreich. Die Einbeziehung von Klarinetten – in den mittleren 1780er Jahren zunehmend zentral für die Wiener Orchesterpalette – verankert das Stück eindeutig in Mozarts reifer Klangwelt und verleiht dem Ensemble eine dunklere, rundere Mittellage, als es Oboen allein könnten.[1] Das ist in einem Terzett wichtig, wo Textverständlichkeit mit verschmolzener Klangfarbe zusammengehen muss; Klarinetten können Vokallinien zugleich stützen und die Kanten einer dichten Textur abrunden.
Warum verdient das Stück heute Aufmerksamkeit? Gerade weil es unvollständig ist: Es zeigt Mozart im Prozess, wie er dramatische Musik für eine konkrete theatrale Prämisse und eine spezifische Stimmkombination entwirft – und uns dann ein unabgeschlossenes, aber höchst aussagekräftiges Artefakt hinterlässt. In einem Jahr, das in der öffentlichen Vorstellung sonst von Klavierkonzerten und dem stetigen Weg hin zu Le nozze di Figaro geprägt ist, erinnert K. 434 daran, dass Mozarts Wiener Theaterarbeit nicht nur aus der Abfolge der berühmten Opern bestand. Sie umfasste auch Experimente, Auftragsarbeiten und abgebrochene Anfänge – kleinere dramatische Formen, in denen seine Opernphantasie auf wenigen Seiten aufflammen konnte.[2]
As an Amazon Associate we earn from qualifying purchases.
[1] Internationale Stiftung Mozarteum (Köchel catalogue): K. 434 entry with authenticity status, dating, key, instrumentation, sources, and text author attribution.
[2] Digital Mozart Edition (Neue Mozart-Ausgabe online): Table of contents for NMA X/30/4 (Fragments), listing K. 434 as a terzet for tenor, two basses and orchestra.
[3] Internationale Stiftung Mozarteum (Köchel catalogue): Skb 1785b/02 sketch entry linked to K. 434 (facsimile/transcription metadata).
[4] IMSLP: work page for “Del gran regno delle amazoni” K. 434/K.⁶ 480b, including key (B♭ major), fragment status, and instrumentation details as catalogued on the page.







