K. 599

6 Menuette, K. 599

von Wolfgang Amadeus Mozart

Silverpoint drawing of Mozart by Dora Stock, 1789
Mozart, silverpoint by Dora Stock, 1789 — last authenticated portrait

Mozarts 6 Menuette (K. 599) bilden den ersten Teil einer kompakten spĂ€ten Trilogie von orchestralen TanzsĂ€tzen, die er Anfang 1791 in Wien schrieb – beginnend am 23. Januar. Im Umfang bescheiden und doch in der Ausarbeitung unverkennbar mozartisch, zeigen diese Menuette, wie er selbst mit 35 noch „Gebrauchs“-Hofmusik in scharf profilierte Miniaturen verwandeln konnte.

Hintergrund und Kontext

In Mozarts Wien war Tanzmusik kein RandvergnĂŒgen, sondern ein verlĂ€sslicher kultureller Motor: BĂ€lle, Redouten (Maskenversammlungen) und private Unterhaltung verlangten fortwĂ€hrend nach modischen ContretĂ€nzen, Deutschen TĂ€nzen und Menuetten. Mozart hatte solche StĂŒcke sein ganzes Leben hindurch geschrieben – von Salzburger Serenaden bis zu Wiener Ballsaalsammlungen; in den spĂ€ten 1780er- und frĂŒhen 1790er-Jahren wurde das Tanzrepertoire jedoch auch ein praktischer Bestandteil seines professionellen Portfolios, in einer Stadt, in der Theater- und Konzertmöglichkeiten schwanken konnten.

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K. 599 gehört zu Mozarts letztem Jahr (1791) – derselben erstaunlich arbeitsreichen Phase, in der auch Werke weit grĂ¶ĂŸerer Dimension entstanden, darunter Die Zauberflöte (K. 620) und das Klarinettenkonzert (K. 622). Vor diesem Hintergrund können die 6 Menuette wie Ephemera wirken. Ihr Wert liegt jedoch gerade darin, dass sie Mozarts spĂ€tklassische Tonsprache in ein Format verdichten, das fĂŒr TĂ€nzer gedacht ist: schnell erfassbar, rhythmisch klar, dabei fĂ€hig zu witzigen Details, leuchtender Orchesterfarbe und einem ProportionsgefĂŒhl, das geringere Meister nur selten erreichen.

Entstehung und UrauffĂŒhrung

Die 6 Menuette sind im Köchelverzeichnis sicher auf Wien, den 23. Januar 1791 datiert (K. 599). Bald wurden sie mit zwei weiteren Sammlungen zusammengefasst – 4 Menuette (K. 601) und 2 Menuette (K. 604) – und ergeben so eine Folge von zwölf Menuetten, die innerhalb weniger Wochen komponiert wurden (23. Januar; 5. Februar; 12. Februar 1791). Die zwölf wurden 1791 in Wien bei Artaria & Co. als Sammlung fĂŒr zwei Violinen und Bass herausgegeben und zirkulierten zudem in weiteren praktischen Fassungen – ein Hinweis darauf, dass sie als gebrauchstaugliche Gesellschaftsmusik gedacht waren, nicht als Konzert-„Werke“ im modernen Sinn.[1]

Konkrete ErstauffĂŒhrungen sind nicht in der Weise dokumentiert, wie man es von Mozarts Konzerten oder BĂŒhnenwerken kennt. Diese LĂŒcke ist fĂŒr Tanzsammlungen typisch: Sie wurden dafĂŒr geschrieben, dort gespielt zu werden, wo man sie brauchte – bei Hoffunktionen oder öffentlichen BĂ€llen – von jeweils verfĂŒgbaren Ensembles, mitunter im volleren Orchestergewand, mitunter reduziert. Deutlich ĂŒberliefert ist hingegen die Spur von Veröffentlichung und Katalogisierung, die sowohl AuthentizitĂ€t als auch praktische Verbreitung bestĂ€tigt.[1]

Instrumentation

Die Quellen ĂŒberliefern K. 599 sowohl als Orchester-Tanzmusik als auch in reduzierten AuffĂŒhrungsmaterialien. Eine hĂ€ufig genannte Orchesterbesetzung umfasst eine vollstĂ€ndige „doppelte BlĂ€ser“-Ausstattung mit Pauken – eine opulente Palette fĂŒr StĂŒcke, die jeweils nur wenige Minuten dauern mögen:

  • HolzblĂ€ser: 2 Flöten (2. auch Piccolo), 2 Oboen, 2 Klarinetten, 2 Fagotte
  • BlechblĂ€ser: 2 Hörner
  • Schlagwerk: Pauken
  • Streicher: Violinen I & II, Viola, Violoncello, Kontrabass

Diese Orchesterbesetzung ist im IMSLP-Werkeintrag zu 6 Minuets, K. 599 angegeben.[2] Zugleich belegt Artarias Ausgabe der zwölf Menuette von 1791 in kammermusikalisch dimensionierten Stimmen (zwei Violinen und Bass) die AnpassungsfÀhigkeit und MarktgÀngigkeit der Musik.[1]

Man sollte K. 599 daher weniger als eine einzige feststehende „Edition“ verstehen, sondern als Tanzrepertoire, das je nach UmstĂ€nden erweitert oder reduziert werden konnte – ein wichtiger Hinweis darauf, wie das Wiener Musikleben tatsĂ€chlich funktionierte.

Form und musikalischer Charakter

Jedes Menuett ist ein in sich geschlossener Tanzsatz; die Sammlung umfasst insgesamt sechs solcher StĂŒcke:

  • Menuetto Nr. 1
  • Menuetto Nr. 2
  • Menuetto Nr. 3
  • Menuetto Nr. 4
  • Menuetto Nr. 5
  • Menuetto Nr. 6

(Die einzelnen Tonarten und internen Wiederholungen variieren je nach Nummer und nach herangezogener AuffĂŒhrungsfassung; moderne Kataloge und Aufnahmen heben mitunter bestimmte StĂŒcke hervor – etwa ein „Nr. 5 in F“ –, was unterstreicht, dass die Sammlung oft eher als Folge von Miniaturen denn als unteilbarer Zyklus aufgefasst wurde.)[2]

Als Tanzmusik besteht die Hauptaufgabe eines Menuetts darin, ein gefasstes Metrum im Dreiertakt und einen vorhersehbaren Phrasenrhythmus zu halten, der fĂŒr Choreografie taugt. Mozart erfĂŒllt diese gesellschaftliche Funktion, doch selten lĂ€sst er die Textur bloß „quadratisch“. Stattdessen lĂ€dt K. 599 auf drei besonders spĂ€t-mozartische Arten zum Hinhören ein:

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1. Orchesterfarbe als Charakterisierung. Selbst kurze TĂ€nze können durch Klangfarben „typisiert“ werden. Die PrĂ€senz der Klarinetten – eines Instruments, das Mozart in seinen Wiener Jahren zunehmend liebte – ermöglicht eine warme innere Schattierung, die sich deutlich vom helleren, oboengeprĂ€gten Klang frĂŒherer Jahrzehnte unterscheidet.[2]

2. Ökonomie mit Schliff. Diese Menuette zielen nicht auf sinfonische Entwicklung; vielmehr zeigen sie Mozarts spĂ€te Gabe, kleine Zeitspannen als zwingend wirken zu lassen. Die besten Nummern klingen, als ließe sich nichts hinzufĂŒgen oder wegnehmen, ohne ihr Profil zu verwischen.

3. SpĂ€tstil im Kleinen. Weil K. 599 im Januar 1791 steht, liegt es nahe (und ist oft erquicklich), es neben Mozarts andere spĂ€te Wiener Werke zu hören – nicht um gemeinsame Themen zu behaupten, sondern um gemeinsame Gewohnheiten zu bemerken: klares kontrapunktisches Denken unter glatten OberflĂ€chen und eine Vorliebe fĂŒr BlĂ€serfĂŒhrung, die selbst im Orchestergewand wie Ensemblemusik „spricht“.

Kurz: K. 599 verdient Aufmerksamkeit nicht als verborgenes sinfonisches Monument, sondern als Beleg fĂŒr Mozarts Ernst im Umgang mit dem Genre. Er behandelt das Menuett nicht als FĂŒllmaterial, sondern als verfeinerte soziale Sprache – eine, in der eine Kadenz, eine harmonische Wendung oder ein plötzliches instrumentales Aufleuchten wie eine hochgezogene Augenbraue im GesprĂ€ch wirken kann.

Rezeption und Nachwirkung

Anders als Mozarts Konzertwerke stehen die 6 Menuette im heutigen Konzertsaal selten im Rampenlicht. Ihr ursprĂŒnglicher Lebensraum war funktional: Sie gehören zu jenem breiten Strom Wiener Tanzrepertoires, das schnell gedruckt, weithin gespielt und erst spĂ€ter (selektiv) zum Hörrepertoire erhoben wurde. Zugleich sind sie fĂŒr AusfĂŒhrende gerade deshalb zugĂ€nglich geblieben, weil sie kurz sind, sich in der Besetzung flexibel handhaben lassen und in Ausgaben und Bibliotheken bewahrt wurden – IMSLP stellt etwa leicht konsultierbare Materialien und Werkdaten bereit.[2]

Ihr tieferes VermĂ€chtnis ist ebenso historisch wie musikalisch. K. 599 dokumentiert, was ein Komponist von Mozarts Rang 1791 zum alltĂ€glichen Musikleben Wiens beitrug: nicht nur Opern und Konzerte, sondern auch die kultivierten Tanzformen, die das gesellschaftliche Miteinander der Elite strukturierten. Heute gehört – ob in einer leicht besetzten Bearbeitung oder mit der brillant wirkenden „doppelten BlĂ€ser“-Orchesterpalette – bieten diese Menuette ein kleines, aber eindrĂŒckliches Fenster in die Klanglandschaft der Stadt am Ende von Mozarts Leben und in die kompositorische Sorgfalt, die er selbst auf das zeitgebundenste aller Genres verwenden konnte.[1]

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[1] IMSLP work page: publication note (Artaria, Vienna 1791), grouping with K. 601 and K. 604, and composition dates for the three sets.

[2] IMSLP work page: 6 Minuets, K. 599 — basic work data and commonly cited orchestral instrumentation details.