K. 600

6 Deutsche TĂ€nze in C, K. 600

av Wolfgang Amadeus Mozart

Silverpoint drawing of Mozart by Dora Stock, 1789
Mozart, silverpoint by Dora Stock, 1789 — last authenticated portrait

Mozarts 6 Deutsche TĂ€nze in C-Dur (K. 600) wurden am 29. Januar 1791 in Wien vollendet, als der Komponist 35 Jahre alt war – als offizieller Beitrag zu den Ballveranstaltungen der Stadt in der Karnevalssaison. FĂŒr das Tanzorchester des Redoutensaals geschrieben, zeigen diese kurzen StĂŒcke, wie Mozart funktionale Gesellschaftsmusik in scharf konturierte Charakterminiaturen verwandeln konnte: farbenreich, rhythmisch wach und (im Trio von Nr. 5) mit unverwechselbar bildhafter Wirkung.

Hintergrund und Kontext

Im Wien des spĂ€ten 18. Jahrhunderts war das öffentliche und höfische Tanzen keine Randunterhaltung, sondern eine zentrale stĂ€dtische Institution – besonders wĂ€hrend des Karnevals, wenn in den RedoutensĂ€len der Hofburg große, elegante MaskenbĂ€lle stattfanden. Mozarts kontinuierliche Verbindung zu dieser Welt beginnt mit seiner Ernennung zum Kammermusikus und Hofkomponisten im Dezember 1787; von da an lieferte er fĂŒr die Saison Sammlungen von Menuetten, Contredanses und Deutschen TĂ€nzen, die fĂŒr den unmittelbaren öffentlichen Gebrauch bestimmt waren.[1]

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K. 600 gehört zu Mozarts spĂ€tem Wiener Tanzschaffen – Musik, die parallel zu den gewichtigen „Konzert“-Werken des Jahres 1791 entstand (Die Zauberflöte, La clemenza di Tito, das Clarinet Concerto). Gerade diese Nachbarschaft macht den Reiz des Zyklus aus. Die TĂ€nze sind bewusst anspruchslos angelegt, tragen aber denselben SpĂ€tstil in sich, den man 1791 auch andernorts hört: durchsichtige Satzweise, ein souverĂ€nes GespĂŒr fĂŒr BlĂ€serfarben und die FĂ€higkeit, mit wenigen Takten eine Szene zu skizzieren. In einer Zeit, die sich rasch dem Walzer zubewegte, bot der Deutscher Tanz – ein schnellerer, federnder Dreiertakt-Verwandter des Menuetts – Komponisten die Gelegenheit, knapp und prĂ€gnant zu sein; Mozart erfĂŒllt diese Aufgabe mit typischer Fantasie.[1]

Entstehung und UrauffĂŒhrung

Das Köchel-Verzeichnis (Digital Köchel Catalogue der Internationalen Stiftung Mozarteum) datiert die 6 Deutschen TĂ€nze K. 600 exakt auf Wien, den 29. Januar 1791.[1] In der Praxis wurden solche TanzsĂ€tze fĂŒr die KarnevalsbĂ€lle im Redoutensaal komponiert, hĂ€ufig in zusammenhĂ€ngenden Gruppen gespielt und oft in mehreren Besetzungen verbreitet (großes Ensemble, reduzierte Streicher-mit-Bass-Fassung sowie Klavierbearbeitungen fĂŒr den Hausgebrauch).[1]

Die ĂŒberlieferte Quellenlage zeigt zudem, wie K. 600 innerhalb eines grĂ¶ĂŸeren Pakets von Deutschen TĂ€nzen des Jahres 1791 verortet ist. Das Inhaltsverzeichnis der Neuen Mozart-Ausgabe fasst K. 600 mit K. 602 und K. 605 als Dreizehn deutsche TĂ€nze zusammen – ein Hinweis darauf, dass diese Werke eher als grĂ¶ĂŸere Einheit tradiert und aufgefĂŒhrt wurden denn als isolierte „Konzert“-Nummern.[2]

Instrumentation

K. 600 ist fĂŒr ein typisches Wiener Tanzorchester mit HolzblĂ€sern, Blech, Pauken und Streichern gesetzt – Musik, die einen großen Ballsaal fĂŒllen sollte und dennoch eine prĂ€zise rhythmische Kontur erlaubt.

  • HolzblĂ€ser: 2 Flöten, 2 Oboen, 2 Fagotte
  • BlechblĂ€ser: 2 Trompeten
  • Schlagwerk: Pauken
  • Streicher: Violinen I & II, Violoncello und Kontrabass

Dies ist die Grundbesetzung, wie sie im Eintrag des Digital Köchel Catalogue zu K. 600 angegeben ist.[1]

Zugleich ist der Zyklus – sowohl in der modernen AuffĂŒhrungstradition als auch in der gĂ€ngigen Diskussion – eng mit der farbenreicheren „Redouten“-Praxis verbunden, bei einigen der 1791 ĂŒberlieferten Deutschen TĂ€nze, die neben K. 600 kursierten, besondere Effekte hinzuzufĂŒgen (insbesondere Piccolo und sogenannte „tĂŒrkische“ Perkussion).[2] FĂŒr Hörer ist das ein nĂŒtzlicher Hinweis: Mozarts Tanzmusik war nicht bloß Hintergrund – sie sollte im sozialen Raum glĂ€nzen, und die Instrumentation gehörte zum Spektakel.

Form und musikalischer Charakter

Mozarts Deutsche TĂ€nze folgen typischerweise einem einfachen, aber wirkungsvollen Ballsaal-Schema: ein Haupttanz im Dreiertakt, ein kontrastierender Trio-Abschnitt und anschließend die Wiederkehr des Hauptteils. Die allgemeinen Anmerkungen des Digital Köchel Catalogue zu Mozarts TĂ€nzen betonen diese Norm: Menuette und Deutsche TĂ€nze in 3/4, mit einem alternierenden Abschnitt (meist Trio genannt), bevor der Anfang zurĂŒckkehrt.[1]

In K. 600 wird dieser vertraute Rahmen zu einer Folge von sechs deutlich voneinander abgesetzten Stimmungsbildern. Selbst wenn der harmonische Plan schlicht ist, variiert Mozart die musikalische „OberflĂ€che“ fortwĂ€hrend: eine witzige Neuverteilung der Melodie zwischen BlĂ€sern und Streichern, plötzliche dynamische Kontraste oder ein um einen Takt hinausgezögerter Schluss, der den TĂ€nzern einen Moment des Auftriebs gibt, bevor der nĂ€chste Auftakt wieder fest einrastet.

Ein Grund, warum K. 600 besondere Beachtung verdient, ist, dass Mozart Tanzmusik nicht als anonymes Material behandelt. Der Zyklus enthĂ€lt Momente expliziter Charakterisierung, vor allem im Trio des fĂŒnften Tanzes, das berĂŒhmt unter dem Namen „Der Kanarienvogel“ („The Canary“) bekannt ist. Der Digital Köchel Catalogue vermerkt diesen Beinamen ausdrĂŒcklich; auch die moderne Werk- und Notenkatalogisierung auf IMSLP fĂŒhrt das Trio von Nr. 5 unter diesem Titel.[1][3] Es geht dabei nicht darum, dass die Musik in romantischem Sinn „programmatisch“ wĂŒrde; vielmehr schenkt Mozart dem Ballsaal ein kurzes theatralisches Augenzwinkern – ein momentanes Bild, das die TĂ€nzer erkennen und genießen konnten.

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Außerdem lohnt es sich, diese TĂ€nze als Teil von Mozarts spĂ€tem orchestralen Denken zu hören. Im Kleinen zeigen sie dieselben PrioritĂ€ten, die auch seine grĂ¶ĂŸeren spĂ€ten Werke prĂ€gen: klare Phrasenbildung, leuchtendes BlĂ€serschreiben und ein Instinkt fĂŒr klangliche Transparenz. Die KĂŒrze der TĂ€nze erzwingt Ökonomie; das musikalische „Argument“ muss in Sekunden gelingen, nicht in Minuten. Mozart antwortet darauf mit einer konzentrierten Erfindungskraft, die einen 40-taktigen Tanz vollstĂ€ndig, ja geradezu zwingend wirken lassen kann.

Rezeption und Nachwirkung

An Bekanntheit hat K. 600 nie mit Mozarts Symphonien oder Klavierkonzerten konkurriert – auch deshalb, weil Tanzmusik eine konkrete gesellschaftliche Funktion erfĂŒllte und lange als „Gelegenheitswerk“ statt als „kanonisch“ galt. Doch die Quellen erzĂ€hlen eine andere Geschichte: Diese Werke wurden rasch kopiert, bearbeitet und veröffentlicht (darunter frĂŒhe Klavierfassungen und Versionen fĂŒr reduzierte Besetzung) – ein Zeichen realer Nachfrage im Wien Mozarts.[1]

Heute begegnet man den 6 Deutschen TĂ€nzen hĂ€ufig in Einspielungen und Anthologien von Mozarts spĂ€ten TĂ€nzen, teils im erweiterten Zusammenhang der Gruppe Dreizehn deutsche TĂ€nze, die K. 600 mit K. 602 und K. 605 verbindet.[2] So gehört, ist K. 600 mehr als eine charmante NebenbeschĂ€ftigung: Es ist ein Beleg fĂŒr Mozart als arbeitenden Wiener Profi, der fĂŒr reale RĂ€ume, reale Körper und den realen Publikumsgeschmack schrieb – und dabei doch, in StĂŒcken wie „Der Kanarienvogel“, eine unverkennbare persönliche Handschrift hinterließ.

[1] Internationale Stiftung Mozarteum, Digital Köchel Catalogue entry for KV 600: date (Vienna, 29 Jan 1791), status, context on Mozart’s dance music, and basic instrumentation.

[2] Digital Mozart Edition (Neue Mozart-Ausgabe) table of contents for NMA IV/13/1/2, showing the grouping “Dreizehn deutsche TĂ€nze KV 600, 602 und 605” and related listings.

[3] IMSLP work page for “6 German Dances, K.600,” including identification of No. 5’s trio as “Der Kanarienvogel” and access to public-domain score materials.