K. 603

2 Contredanses (K. 603)

de Wolfgang Amadeus Mozart

Silverpoint drawing of Mozart by Dora Stock, 1789
Mozart, silverpoint by Dora Stock, 1789 — last authenticated portrait

Mozarts 2 Contredanses (K. 603) sind zwei knapp gefasste orchestrale Tanzstücke, die in Wien entstanden und auf den 5. Februar 1791 datiert sind – spät im letzten Lebensjahr des Komponisten. Für den Ballsaal und nicht für den Konzertsaal bestimmt, zeigen sie dennoch Mozarts Begabung, funktionale Gesellschaftsmusik in scharf konturierte Miniaturszenen zu verwandeln.

Hintergrund und Kontext

Im Wien des späten 18. Jahrhunderts war öffentliches Tanzen nicht bloß privates Vergnügen, sondern eine streng organisierte gesellschaftliche Institution – insbesondere während des Karnevals. Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791) bewegte sich in dieser Welt zugleich pragmatisch und mit Vorstellungskraft. Nach seiner Ernennung zum kaiserlichen Hof als Kammermusicus (Hofkammermusiker und Komponist) im Dezember 1787 lieferte er Tänze für die Hofbälle im Wiener Redoutensaal – Musik, die unmittelbar spielbar sein, nach einmaligem Hören im Gedächtnis bleiben und sich an unterschiedliche Besetzungen anpassen sollte.[1]

K. 603 gehört zu dieser „handwerklichen“ Seite von Mozarts spätem Schaffen und steht neben anderen Tanzsammlungen aus dem Jahr 1791 (Menuette, Deutsche Tänze und weitere Contredanses). Dass es aus demselben letzten Jahr stammt, in dem auch Die Zauberflöte (K. 620), das Klarinettenkonzert (K. 622) und das Requiem (K. 626) entstanden, macht einen Teil seiner Faszination aus: Derselbe kompositorische Geist, der in großen opernhaften und sakralen Bögen denken konnte, vermochte auch, Charme, rhythmischen Schwung und orchestrale Farbe auf ein oder zwei Seiten Ballsaal-Nutzmusik zu verdichten.

Komposition und Erstaufführung

Das Köchel-Verzeichnis (Digital Mozart Edition / Mozarteum) datiert die 2 Contredanses auf Wien, den 5. Februar 1791.[1] Das Datum weist deutlich auf einen praktischen Zweck hin: Tanzveranstaltungen in der Karnevalszeit, wenn nach kurzen Sets dieser Art stetig Nachfrage bestand. Wie bei vielen von Mozarts Tänzen ist eine konkrete erste Aufführung schwer zu fassen; üblicherweise erklangen sie als Teil einer fortlaufenden Abfolge von Tänzen während eines Abends und nicht als eigenständige „Premieren“ im heutigen Sinn.

Ein Grund, warum K. 603 mehr ist als eine bloße Randnotiz, liegt in seiner gesicherten Stellung im Katalog als vollständig ausgearbeitetes Tanzpaar (kein Fragment) sowie in seiner Überlieferung in mehreren praxisnahen Formaten. Der Werkeintrag des Mozarteums weist darauf hin, dass Tanzzyklen häufig in unterschiedlichen Besetzungen überliefert sind – Material für volles Orchester, kleinere Streicherfassungen und Klavierauszüge –, was zeigt, wie dieses Repertoire zirkulierte und in verschiedenen Spielstätten erneut genutzt wurde.[1]

Instrumentation

K. 603 steht in der Wiener Redoutensaal-Tradition einer hellen, „öffentlichen“ Orchesterbesetzung für Tanzmusik. Überlieferte Quellen, die mit dem Werk in Verbindung stehen (wie im Köchel-Eintrag des Mozarteums zusammengefasst), belegen Orchesterstimmen mit folgenden Kräften:[1]

  • Holzbläser: 2 Oboen, 2 Fagotte, 1 Flöte (wobei Quellen auch Piccolo erwähnen)
  • Blechbläser: 2 Hörner, 2 Trompeten (clarini)
  • Schlagwerk: Pauken
  • Streicher: Violinen I & II
  • Continuo/Bass: Bassstimme (basso)

Zwei Punkte verdienen Beachtung. Erstens entspricht die Besetzung dem festlichen Klangbild eines „Ballsaalorchesters“: Trompeten und Pauken sorgen für zeremoniellen Glanz, während die Holzbläser jene schnellen Farbwechsel liefern, die wiederholte Teile vor bloßer Gleichförmigkeit bewahren. Zweitens erinnert schon die Existenz verschiedener Quellenbeschreibungen – manche betonen ein „großes Orchester“, andere spiegeln reduzierte Besetzungen – daran, dass diese Musik grundsätzlich anpassungsfähig war: Ihre Identität liegt ebenso sehr in Rhythmus, Periodenbau und signalhafter Instrumentation wie in einer einzigen, fixierten Besetzung.[1]

Form und musikalischer Charakter

Eine Contredanse (englisch „country dance“, französisch contredanse) ist typischerweise aus kurzen, symmetrischen Phrasen gebaut – oft aus viertaktigen Einheiten –, die wiederholte Tanzfiguren tragen sollen. Genau dieses Merkmal hebt das Mozarteum für K. 603 hervor: „mehrere viertaktige Gruppen“, eine musikalische Architektur, die auf dem Papier schlicht wirkt, dem Komponisten aber zahlreiche Möglichkeiten für Witz und Kontrast eröffnet.[1]

Anstatt auf großräumige harmonische Dramatik zu zielen, setzen diese Tänze auf Unmittelbarkeit:

  • Rhythmische Klarheit: Der Puls ist eindeutig, Akzente und Kadenzen sind so gesetzt, dass Tänzer Drehungen und Rückkehrpunkte sicher spüren.
  • Klangfarbe als Zeichensetzung: Holzbläserakkorde, Trompeten-Pauken-Blitze und Streicherfigurationen können wie Bühnenlicht wirken – kurze Wechsel, die einen neuen Teil anzeigen oder eine Kadenz schärfen, ohne den Fluss zu unterbrechen.
  • Charakterisierung im Miniaturformat: Selbst innerhalb engster Phrasenlängen kann Mozart unterschiedliche „gesellschaftliche Stimmungen“ andeuten: Der eine Tanz wirkt vielleicht ländlicher und rustikaler, der andere höfischer oder strahlender – je nach Artikulation, Lage und Orchesterfarbe.

Gerade diese Verbindung von Ökonomie und Persönlichkeit macht K. 603 auch heute hörenswert. Beim späten Mozart zeigt selbst Gebrauchsmusik oft ein gesteigertes Gespür für Kontraste – die Fähigkeit, Affekte rasch zu wechseln und dabei die formale Balance zu wahren. Das Contredanse-Format mit seinen Wiederholungen und kompakten Modulen wird zum Experimentierfeld dieser Begabung: Man hört, wie wenig Material für einen vollständigen, befriedigenden musikalischen Gedanken nötig ist, wenn Proportionierung und Instrumentation meisterhaft gehandhabt werden.

Rezeption und Nachwirkung

Mozarts Orchestertänze nehmen in seinem Nachruhm eine ungewöhnliche Stellung ein. Sie waren in seinem Wiener Arbeitsalltag allgegenwärtig, stehen jedoch am Rand des modernen Kanons – teils, weil sie für konkrete Anlässe geschrieben wurden, teils, weil ihre Kürze der Konzertsaal-Gewohnheit großer „Aussagen“ entgegensteht. Dennoch haben die klare Datierung im Köchel-Verzeichnis und die erhaltenen Orchesterstimmen K. 603 fest im Repertoire von Einspielungen und Ausgaben verankert, häufig zusammen mit anderen späten Tanzserien.[1]

Für heutige Hörer bietet K. 603 eine aufschlussreiche Perspektive auf Mozarts letztes Jahr: nicht nur die monumentalen Werke der Oper, des Konzerts und der geistlichen Musik, sondern auch die Alltagsklänge Wiens – öffentliche Festlichkeit, gesellschaftliches Ritual und die professionellen Anforderungen an einen Hofkomponisten. In diesem Licht werden diese zwei kurzen Contredanses zu mehr als reizvollen Miniaturen: Sie sind dokumentarische Kunst, die den Puls einer Stadt und die geübte Eleganz eines Komponisten einfängt, der selbst funktionale Tanzmusik unverkennbar zu seiner eigenen machen konnte.[1]

[1] Köchel-Verzeichnis (Internationale Stiftung Mozarteum / Digital Mozart Edition), work entry for KV 603 with date (Vienna, 5 Feb 1791) and source/instrumentation notes.