Mozarts Manuskripte: Was seine Handschrift verrät

Nimmt man eine Seite von Mozarts Musik zur Hand, fällt als Erstes nicht eine Note ins Auge – sondern die unheimliche Perfektion. Zeile um Zeile winziger, sicherer Notenschrift fließt über das Papier, fast ohne eine einzige Streichung, als hätte der Mann aus einer fertigen Partitur abgeschrieben, die nur er sehen konnte. Sopranistin Barbara Bonney, die das Originalmanuskript der Zauberflöte betrachtete, brachte es schlicht auf den Punkt: „Es ist erstaunlich, wie perfekt es niedergeschrieben ist, als würde er es von irgendwo andersher diktieren.“¹
Stellen Sie sich nun Beethovens Manuskripte vor. Durchgestrichene Takte, Tintenkleckse, in Wut zerrissenes Papier und wieder zusammengeklebt. Zdzisław Pietrzyk, Direktor der Jagiellonen-Bibliothek in Krakau – die Originalpartituren beider Komponisten besitzt –, formulierte den Gegensatz einmal unverblümt: „Mozart war sehr ordentlich. Er schrieb, ohne irgendwelche Änderungen vorzunehmen. Beethoven dagegen – seine Manuskripte waren unordentlich, durchgestrichen, Korrekturen überall.“ Zwei überragende Genies, zwei völlig gegensätzliche Schreibtische.
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Die Nacht vor der Premiere in Prag
Keine Geschichte veranschaulicht Mozarts unheimliches Tempo besser als die Ouvertüre zu Don Giovanni. Am Abend des 28. Oktober 1787 – in der Nacht vor der Prager Uraufführung der Oper – existierte die Ouvertüre noch nicht auf dem Papier. Constanze Mozart zufolge hielt sie ihren Mann mit Märchen und Punsch wach, während er bis in die frühen Morgenstunden komponierte. Die Kopisten wurden gerade noch rechtzeitig mit dem Ausschreiben der Orchesterstimmen fertig; die Musiker lasen die Ouvertüre bei der Aufführung vom Blatt. Mozarts eigener handschriftlicher Themenkatalog, heute in der British Library, bestätigt das Fertigstellungsdatum der Oper als den 28. Oktober – einen Tag, bevor sich der Vorhang hob.²
Moderne Forschende nennen die romantischen Details „plausibel, aber ausgeschmückt“. Der Kern der Sache jedoch – dass Mozart die Oper gefährlich spät vollendete und wesentliche Teile auf Prager Papier schrieb, das er vor Ort kaufte – hält einer Prüfung stand. Er hatte die Musik im Kopf. Er hatte sich nur noch nicht die Mühe gemacht, sie aufzuschreiben.
Hat er wirklich ohne Korrekturen komponiert?
Zwei Jahrhunderte lang nahm man an, Mozart habe nie revidiert. Dieser Mythos geht zum Teil auf einen gefälschten Brief zurück, den der frühe Verleger Friedrich Rochlitz in Umlauf brachte: Er zeichnete Mozarts Schaffen als müheloses Abschreiben aus dem Geist Gottes. Die heutige Forschung erzählt eine andere Geschichte. Rund 320 Skizzen und Entwürfe sind erhalten, sie betreffen ungefähr zehn Prozent seiner katalogisierten Werke – und Constanze selbst gab zu, viele „unbrauchbare Autographe“ vernichtet zu haben. Der Musikwissenschaftler Ulrich Konrad hat gezeigt, dass Mozart eine systematische Methode verwendete: zuerst Melodie und Bass, die Mittelstimmen später ergänzt; unterschiedliche Tintenfarben kennzeichnen die jeweiligen Schichten. Seine Partituren wirken sauber, weil sie die letzte Stufe eines äußerst organisierten Prozesses zeigen – nicht, weil es keinen gegeben hätte.
Von der Hand des Vaters zu den ersten Noten eines Kindes
Mozarts früheste Kompositionen – vier winzige Klavierstücke, heute als K. 1a bis 1d katalogisiert – liegen in der Morgan Library in New York; er schrieb sie, als er gerade fünf war. Doch die Handschrift ist nicht seine. Leopold Mozart notierte alle ersten vierzehn Kompositionen seines Sohnes, weil der Junge Musik improvisieren konnte, bevor er einen Stift richtig halten konnte. Wolfgangs eigene Hand erscheint erstmals im Nannerl Notenbuch der Familie um das achte Lebensjahr, und der Handschriftenkundler Wolfgang Plath urteilte später über den reifen Mozart rundweg, er sei „der Kalligraphie unfähig“ – schnell, funktional, brillant, aber nie hübsch → Mehr über Mozarts frühes Leben lesen.
Über die ganze Welt verstreut – und Millionen wert
Heute befinden sich rund achtzig Prozent der erhaltenen Mozart-Autographe in der Staatsbibliothek zu Berlin. Das Mozarteum in Salzburg verwahrt über hundert Musikmanuskripte, zweihundert Briefe und seine Kindergeige. Die Morgan besitzt die Haffner-Sinfonie und das berühmte Hornkonzert K. 495 – in vier Tintenfarben geschrieben, möglicherweise um seinen Freund, den Hornisten Leutgeb, zu necken. 1987 wurde bei Sotheby’s ein gebundener Band mit neun Mozart-Sinfonien für etwa 4,5 Millionen Dollar verkauft – damals ein Rekord für jedes Musikmanuskript → Erfahren, wie Mozart seine eigene Musik verkaufte.
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Jede Seite, die bei einer Auktion auftaucht, erinnert daran, wie wenige sich noch in Privatbesitz befinden – und wie viel ein einziges Blatt dieser unmöglich ordentlichen Handschrift bis heute wert ist.
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¹ Barbara Bonney, quoted in "Was Wolfgang Amadeus Mozart the Greatest Composer of All?", *Gramophone*.
² Mozart's autograph thematic catalogue (*Verzeichnüss aller meiner Werke*), British Library, Zweig MS 63; the Prague premiere is documented in Otto Erich Deutsch, *Mozart: A Documentary Biography* (London, 1965), pp. 302–303.







