Streichquartett Nr. 17 B-Dur, âDie Jagdâ (K. 458)
by Wolfgang Amadeus Mozart

Mozarts Streichquartett in B-Dur, K. 458âdas berĂŒhmte âJagdâ-Quartettâtrug er am 9. November 1784 in seinen eigenen thematischen Katalog ein und es gehört zu jenen sechs Quartetten, die er spĂ€ter in Wien als Op. 10 mit einer Widmung an Joseph Haydn veröffentlichte [1] [2]. Das 6/8-Hornruf-Thema des Kopfsatzes gab dem Werk seinen bis heute gebrĂ€uchlichen Beinamen; sein eigentlicher Reiz liegt jedoch darin, wie Mozart ein öffentliches, âdrauĂenâ verortetes musikalisches Zeichen in ein ungewöhnlich vielschichtiges, egalitĂ€res GesprĂ€ch fĂŒr vier âdrinnenâ spielende Streichinstrumente verwandelt.
Hintergrund und Kontext
Wien war 1784 fĂŒr Wolfgang Amadeus Mozart (1756â1791) ein Jahr beruflicher Konsolidierung, nicht höfischer Sicherheit: In der Subskriptions- und Salonkultur der Stadt war er als Pianist-Komponist gefeiert und schrieb fĂŒr Gönner, Verleger und sein eigenes Konzertleben. Das Streichquartett nahm in dieser Welt eine besondere Stellung ein. Anders als das Klavierkonzert (ein Vehikel fĂŒr Mozart als ausfĂŒhrenden Virtuosen) war das Quartett ein kompositorischer Schauplatz, auf dem öffentliche Reputation davon abhing, was andere Fachleute auf dem Papier sehenâund spielenâkonnten.
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Der unmittelbare Hintergrund ist Joseph Haydns Neudefinition des Quartettstils in den frĂŒhen 1780er Jahren (besonders mit dem Op.-33-Zyklus), die das Genre plötzlich âmodernâ erscheinen lieĂ: witzig, motivisch dicht und dialogisch, statt eine höflich begleitete Melodie zu liefern. Mozarts Antwort war keine rasche Nachahmung, sondern eine langfristige Lehrzeit. Als Artaria im September 1785 schlieĂlich die sechs Quartette als Mozarts Op. 10 herausbrachte, rahmte Mozart sie als mĂŒhsam errungene Werkeââdie Frucht einer langen, mĂŒhevollen Arbeitâ, wie ein spĂ€teres editorisches Vorwort aus dem Widmungstext zitiert [3]. K. 458 ist das vierte StĂŒck in dieser publizierten Reihenfolge.
Der Beiname âDie Jagdâ (Jagdquartett) kann in die Irre fĂŒhren, als wĂ€re das StĂŒck im romantischen Sinn beschreibend oder malerisch. TatsĂ€chlich âjagtâ hier ein musikalisches Toposâein konventionelles BĂŒndel von Gesten (zusammengesetzter Takt, Dreiklangsrufe, Betonung von Tonika und Dominante), das mit realen Jagdhörnern und aristokratischem AuĂenritual verbunden ist. Mozarts Kunst besteht darin, diese Gesten an der OberflĂ€che zu ĂŒbernehmen, wĂ€hrend die innere Arbeit des Quartetts alles andere als rustikal ist.
Komposition und Widmung
Mozart trug K. 458 am 9. November 1784 in seinen persönlichen thematischen Katalog einâeine ungewöhnlich solide dokumentarische Grundlage fĂŒr das Fertigstellungsdatum des Werks [1]. Dieser Katalogâsein VerzeichnĂŒss aller meiner Werkeâgehört ĂŒberhaupt zu den wertvollsten Selbstzeugnissen der Musikgeschichte des 18. Jahrhunderts: Jeder Eintrag verbindet Datum und Beschreibung mit einem musikalischen Incipit und macht das Buch so zu einer Art kompositorischem Tagebuch [4] [5].
Die weitere IdentitĂ€t des Quartetts ist jedoch untrennbar mit der Haydn-Widmung verbunden. Der Online-Eintrag des Köchel-Verzeichnisses ordnet K. 458 den sechs Quartetten zu, mit denen Mozart Haydn seine âDankesschuldâ erwiesâK. 387, 421, 428, 458, 464 und 465âherausgegeben von Artaria in Wien als Op. 10 [2]. Die Widmung war nicht bloĂ eine höfliche öffentliche Geste; sie war in privates Musizieren eingebettet, in dem Haydns AutoritĂ€t zĂ€hlte.
Eine zeitgenössische Anekdoteâoft nacherzĂ€hlt, aber im ursprĂŒnglichen Zusammenhang weiterhin hörenswertâgehört zu den Wiener ZusammenkĂŒnften von 1785, bei denen Haydn diese neuen Quartette hörte. Nach Darstellungen, wie sie in Nachschlagewerken zusammengefasst werden, gehörten Mozart und sein Vater Leopold zu den Mitspielern einer Sitzung im Februar 1785, bei der Haydn Leopold gegenĂŒber mit dem berĂŒhmten Satz reagiert haben soll, Wolfgang sei âder gröĂte Komponist, den ich kenneâ [6]. Selbst wenn man der Versuchung widersteht, daraus einen einzigen âKrönungsmomentâ zu machen, erhellt die Szene doch den vorgesehenen AuffĂŒhrungsraum dieser Quartette: zunĂ€chst nicht der öffentliche Konzertsaal, sondern kundige Zuhörer, die aus nĂ€chster NĂ€he lesen und spielen.
Auch die geschĂ€ftliche Seite ist aufschlussreich. Leopold berichtete, die Quartette seien fĂŒr 100 Dukaten an Artaria verkauft wordenâein Hinweis darauf, dass diese Werke zugleich bedeutende GĂŒter in Wiens Verlagsökonomie waren [7]. Mit anderen Worten: K. 458 steht an einer Kreuzung von Handwerk, Freundschaft und Marktâgenau jene Mischung, die Mozarts Wiener Kammermusik historisch so gut lesbar macht.
Form und musikalischer Charakter
I. Allegro vivace assai (B-Dur, 6/8)
Der Beginn ist Jagdmusik als Topos, nicht als Instrumentation: Das Quartett setzt an, als wĂ€re die erste Violine ein Hornist, auf Naturtöne beschrĂ€nktâDreiklĂ€nge, krĂ€ftige Auftakte und das wiegende 6/8-Metrum, das Mozarts Zeitgenossen als chasse-Stil erkannt hĂ€tten [1]. Doch fast sofort kompliziert Mozart das Zeichen.
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Erstens ist die Begleitung nicht bloĂ Begleitung. Mittelstimmen und Violoncello tragen echte argumentative Last; sie schieben die Musik weg von der schlichten Fanfare hin zu kontrapunktischem Wechselspiel. Zweitens ist der Humor des Satzes strukturell: Immer wieder etabliert Mozart eine selbstgewisse, âdrauĂenâ verortete Gewissheit (TonikaâDominante-Klarheit) und âverstelltâ sie dann durch Ausdehnungen, imitatorische EinsĂ€tze und abrupte Texturwechsel. Der Jagdtopos wird zu einer Art Maske, die Mozart erlaubt, ungewöhnlich kĂŒhn zu sein, ohne um der Gelehrsamkeit willen gelehrt zu klingen.
Auch ein sozialer Subtext ist in der Schreibweise spĂŒrbar: âJagdâ ist aristokratisches Spektakel, das Streichquartett aber gehört zur gemischt bĂŒrgerlich-aristokratischen hĂ€uslichen Kultur. Mozart ĂŒbersetzt ein öffentliches Rangemblem in ein privates GesprĂ€ch unter Gleichenâvier Spieler, die Balance, Artikulation und Timing aushandeln mĂŒssen. Diese Aushandlung ist das eigentliche Drama des Satzes.
II. Menuetto und Trio (B-Dur; Trio in Es-Dur)
Mozarts Quartettmenuette in diesem Zyklus sind selten bloĂe TanzsĂ€tze. Hier behĂ€lt das Menuetto einen robusten, öffentlichen Gang, doch die DetailsâAusweichmanöver an Phrasenenden, aktive Mittelstimmen und die Art, wie die erste Violine mitunter ins Ensemble hineingezogen wird, statt obenauf zu stehenâlassen es eher als Kammermusik denn als Gesellschaftstanz wirken.
Der Wechsel des Trios nach Es-Dur (in den Bereich der Subdominante) mildert das Profil und öffnet einen weiteren, kantableren Raum. Bemerkenswert ist, wie Mozart die Gleichberechtigung im Quartett auch dann wahrt, wenn die OberflĂ€che schlicht wirkt: Die âMelodieâ ist oft verteilt, und der harmonische Puls hĂ€ngt von der prĂ€zisen Koordination der Mittelstimmen ab.
III. Adagio assai (Es-Dur)
Der langsame Satz ist das emotionale Zentrum des Quartetts, und seine Tonart (erneut Es-Dur) verbindet ihn subtil mit dem Trio, wĂ€hrend sie den gesamten Tonartenplan des Werks vertieft. Statt eine opernhafte Arie mit Begleitung zu prĂ€sentieren, schreibt Mozart eine Textur, die den Hörer dazu einlĂ€dt wahrzunehmen, wer jeweils spricht: erste Violine, dann Viola, dann Violoncelloâjede Stimme fĂ€hig, expressives Gewicht zu tragen.
Die ExpressivitĂ€t entsteht nicht durch groĂe GebĂ€rden, sondern durch NahbereichsrhetorikâVorhalte, die gestimmt sein mĂŒssen, Linien, die geatmet werden wollen, und ein ZeitmaĂ, das die Spieler auffordert, Spannung ĂŒber lange Bögen hinweg zu halten. In der AuffĂŒhrung zeigt sich hier oft, ob ein Ensemble K. 458 als âBeinamenâ-StĂŒck (hell und zĂŒgig) behandelt oder als eine der innerlichsten Aussagen des Zyklus.
IV. Allegro assai (B-Dur)
Wenn der erste Satz den Jagdtopos als Erkennungszeichen an den Anfang stellt, dann prĂŒft das Finale, was dieses Emblem auszuhalten vermag. Die Satztechnik ist athletisch und voller dialogischer Unterbrechungen: Motive werden zugespielt, beantwortet und bisweilen durch plötzliche dynamische Wendungen unterlaufen. Anstatt âdie Jagd zu beendenâ, scheint Mozart das Quartett in einen abstrakteren Bereich zu ziehenâMusik, die die AuĂenenergie des Werks bewahrt und zugleich das kammermusikalische Argument verschĂ€rft.
Das ist ein Finale, in dem Ensemblecharakter ebenso zÀhlt wie Tempo. Zu viel GlÀtte kann den Witz einebnen; zu viel VorwÀrtsdrang kann die Klarheit der Mittelstimmen auslöschen. Gelingen kann der Satz nur, wenn sein Antrieb wie gemeinsamer Wille klingt und nicht wie ein Sprint der ersten Violine.
Rezeption und Nachwirkung
K. 458s anhaltende PopularitĂ€t beruht zum Teil auf der Bequemlichkeit des BeinamensâProgrammgestalter und Hörer erfassen sofort ein Profil. Doch die historische Bedeutung des Quartetts liegt darin, wie es zwischen âToposâ und âTechnikâ vermittelt. Die Jagdstil-Gesten sind vertraut, ja konventionell; unverwechselbar war (und ist) Mozarts Bereitschaft, diese Gesten der raffiniertesten Quartettkunst seiner Zeit zu unterziehen.
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Die frĂŒhe AuffĂŒhrungsgeschichte des ZyklusâHaydn hört die Quartette in privaten ZusammenkĂŒnften und reagiert mit ungewöhnlich starkem Lobâwurde beinahe sofort Teil der Mythologie dieser Werke [6]. Die Veröffentlichung bei Artaria 1785 (Op. 10) sicherte ihre Verbreitung, fixierte aber auch ein öffentliches Narrativ: Dies seien Quartette, unter Haydns Schatten geschrieben, an ihn adressiert und implizit von ihm bewertet [2].
Moderne Forschung und Edition behandeln die Haydn-Quartette weiterhin als einen Wendepunkt von Mozarts âgelehrtemâ Stil innerhalb einer klassischen IdiomatikâMusik, die Kontrapunkt, motivische Ăkonomie und dialogische Gleichberechtigung aufnimmt, ohne Unmittelbarkeit aufzugeben. K. 458 steht im Zentrum dieser Geschichte, gerade weil es beim ersten Hören so heiter wirkt. Unter dieser heiteren OberflĂ€che liegt ein beinahe demonstrativer Ernst darĂŒber, was ein Quartett sein kann: nicht bloĂ vier Stimmen in höflicher Ăbereinstimmung, sondern ein Forum, in dem Symbole (der Jagdruf) geprĂŒft, neu gerahmt und zu neuer KomplexitĂ€t gebracht werden.
[1] Wikipedia: String Quartet No. 17 (Mozart) â completion entry in Mozartâs thematic catalogue (9 Nov 1784) and basic work overview
[2] Internationale Stiftung Mozarteum (Köchel-Verzeichnis online): KV 458 work entry and placement within the six quartets dedicated to Haydn (Op. 10)
[3] G. Henle Verlag preface (PDF) to Mozartâs six quartets dedicated to Haydn â discusses publication context and dedication text (âfruit of a long, laborious effortâ)
[4] Mozart & Material Culture (Kingâs College London): overview of Mozartâs thematic catalogue as a source
[5] Library of Congress item record: Mozartâs *VerzeichnĂŒss aller meiner Werke* â description and scholarly notes on the manuscriptâs structure and history
[6] Wikipedia: Haydn and Mozart â summarizes the 1785 quartet gatherings and Haydnâs famous remark to Leopold Mozart
[7] Daniel Heartz (as excerpted in PDF reprint): reports Leopold Mozartâs note about the quartets being played for Haydn and sold to Artaria for 100 ducats










