K. 458

Streichquartett Nr. 17 B-Dur, „Die Jagd“ (K. 458)

by Wolfgang Amadeus Mozart

Unfinished portrait of Mozart by Lange, 1782-83
Mozart, unfinished portrait by Joseph Lange, c. 1782–83

Mozarts Streichquartett in B-Dur, K. 458—das berĂŒhmte „Jagd“-Quartett—trug er am 9. November 1784 in seinen eigenen thematischen Katalog ein und es gehört zu jenen sechs Quartetten, die er spĂ€ter in Wien als Op. 10 mit einer Widmung an Joseph Haydn veröffentlichte [1] [2]. Das 6/8-Hornruf-Thema des Kopfsatzes gab dem Werk seinen bis heute gebrĂ€uchlichen Beinamen; sein eigentlicher Reiz liegt jedoch darin, wie Mozart ein öffentliches, „draußen“ verortetes musikalisches Zeichen in ein ungewöhnlich vielschichtiges, egalitĂ€res GesprĂ€ch fĂŒr vier „drinnen“ spielende Streichinstrumente verwandelt.

Hintergrund und Kontext

Wien war 1784 fĂŒr Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791) ein Jahr beruflicher Konsolidierung, nicht höfischer Sicherheit: In der Subskriptions- und Salonkultur der Stadt war er als Pianist-Komponist gefeiert und schrieb fĂŒr Gönner, Verleger und sein eigenes Konzertleben. Das Streichquartett nahm in dieser Welt eine besondere Stellung ein. Anders als das Klavierkonzert (ein Vehikel fĂŒr Mozart als ausfĂŒhrenden Virtuosen) war das Quartett ein kompositorischer Schauplatz, auf dem öffentliche Reputation davon abhing, was andere Fachleute auf dem Papier sehen—und spielen—konnten.

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Der unmittelbare Hintergrund ist Joseph Haydns Neudefinition des Quartettstils in den frĂŒhen 1780er Jahren (besonders mit dem Op.-33-Zyklus), die das Genre plötzlich „modern“ erscheinen ließ: witzig, motivisch dicht und dialogisch, statt eine höflich begleitete Melodie zu liefern. Mozarts Antwort war keine rasche Nachahmung, sondern eine langfristige Lehrzeit. Als Artaria im September 1785 schließlich die sechs Quartette als Mozarts Op. 10 herausbrachte, rahmte Mozart sie als mĂŒhsam errungene Werke—„die Frucht einer langen, mĂŒhevollen Arbeit“, wie ein spĂ€teres editorisches Vorwort aus dem Widmungstext zitiert [3]. K. 458 ist das vierte StĂŒck in dieser publizierten Reihenfolge.

Der Beiname „Die Jagd“ (Jagdquartett) kann in die Irre fĂŒhren, als wĂ€re das StĂŒck im romantischen Sinn beschreibend oder malerisch. TatsĂ€chlich „jagt“ hier ein musikalisches Topos—ein konventionelles BĂŒndel von Gesten (zusammengesetzter Takt, Dreiklangsrufe, Betonung von Tonika und Dominante), das mit realen Jagdhörnern und aristokratischem Außenritual verbunden ist. Mozarts Kunst besteht darin, diese Gesten an der OberflĂ€che zu ĂŒbernehmen, wĂ€hrend die innere Arbeit des Quartetts alles andere als rustikal ist.

Komposition und Widmung

Mozart trug K. 458 am 9. November 1784 in seinen persönlichen thematischen Katalog ein—eine ungewöhnlich solide dokumentarische Grundlage fĂŒr das Fertigstellungsdatum des Werks [1]. Dieser Katalog—sein VerzeichnĂŒss aller meiner Werke—gehört ĂŒberhaupt zu den wertvollsten Selbstzeugnissen der Musikgeschichte des 18. Jahrhunderts: Jeder Eintrag verbindet Datum und Beschreibung mit einem musikalischen Incipit und macht das Buch so zu einer Art kompositorischem Tagebuch [4] [5].

Die weitere IdentitĂ€t des Quartetts ist jedoch untrennbar mit der Haydn-Widmung verbunden. Der Online-Eintrag des Köchel-Verzeichnisses ordnet K. 458 den sechs Quartetten zu, mit denen Mozart Haydn seine „Dankesschuld“ erwies—K. 387, 421, 428, 458, 464 und 465—herausgegeben von Artaria in Wien als Op. 10 [2]. Die Widmung war nicht bloß eine höfliche öffentliche Geste; sie war in privates Musizieren eingebettet, in dem Haydns AutoritĂ€t zĂ€hlte.

Eine zeitgenössische Anekdote—oft nacherzĂ€hlt, aber im ursprĂŒnglichen Zusammenhang weiterhin hörenswert—gehört zu den Wiener ZusammenkĂŒnften von 1785, bei denen Haydn diese neuen Quartette hörte. Nach Darstellungen, wie sie in Nachschlagewerken zusammengefasst werden, gehörten Mozart und sein Vater Leopold zu den Mitspielern einer Sitzung im Februar 1785, bei der Haydn Leopold gegenĂŒber mit dem berĂŒhmten Satz reagiert haben soll, Wolfgang sei „der grĂ¶ĂŸte Komponist, den ich kenne“ [6]. Selbst wenn man der Versuchung widersteht, daraus einen einzigen „Krönungsmoment“ zu machen, erhellt die Szene doch den vorgesehenen AuffĂŒhrungsraum dieser Quartette: zunĂ€chst nicht der öffentliche Konzertsaal, sondern kundige Zuhörer, die aus nĂ€chster NĂ€he lesen und spielen.

Auch die geschĂ€ftliche Seite ist aufschlussreich. Leopold berichtete, die Quartette seien fĂŒr 100 Dukaten an Artaria verkauft worden—ein Hinweis darauf, dass diese Werke zugleich bedeutende GĂŒter in Wiens Verlagsökonomie waren [7]. Mit anderen Worten: K. 458 steht an einer Kreuzung von Handwerk, Freundschaft und Markt—genau jene Mischung, die Mozarts Wiener Kammermusik historisch so gut lesbar macht.

Form und musikalischer Charakter

I. Allegro vivace assai (B-Dur, 6/8)

Der Beginn ist Jagdmusik als Topos, nicht als Instrumentation: Das Quartett setzt an, als wĂ€re die erste Violine ein Hornist, auf Naturtöne beschrĂ€nkt—DreiklĂ€nge, krĂ€ftige Auftakte und das wiegende 6/8-Metrum, das Mozarts Zeitgenossen als chasse-Stil erkannt hĂ€tten [1]. Doch fast sofort kompliziert Mozart das Zeichen.

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Erstens ist die Begleitung nicht bloß Begleitung. Mittelstimmen und Violoncello tragen echte argumentative Last; sie schieben die Musik weg von der schlichten Fanfare hin zu kontrapunktischem Wechselspiel. Zweitens ist der Humor des Satzes strukturell: Immer wieder etabliert Mozart eine selbstgewisse, „draußen“ verortete Gewissheit (Tonika–Dominante-Klarheit) und „verstellt“ sie dann durch Ausdehnungen, imitatorische EinsĂ€tze und abrupte Texturwechsel. Der Jagdtopos wird zu einer Art Maske, die Mozart erlaubt, ungewöhnlich kĂŒhn zu sein, ohne um der Gelehrsamkeit willen gelehrt zu klingen.

Auch ein sozialer Subtext ist in der Schreibweise spĂŒrbar: „Jagd“ ist aristokratisches Spektakel, das Streichquartett aber gehört zur gemischt bĂŒrgerlich-aristokratischen hĂ€uslichen Kultur. Mozart ĂŒbersetzt ein öffentliches Rangemblem in ein privates GesprĂ€ch unter Gleichen—vier Spieler, die Balance, Artikulation und Timing aushandeln mĂŒssen. Diese Aushandlung ist das eigentliche Drama des Satzes.

II. Menuetto und Trio (B-Dur; Trio in Es-Dur)

Mozarts Quartettmenuette in diesem Zyklus sind selten bloße TanzsĂ€tze. Hier behĂ€lt das Menuetto einen robusten, öffentlichen Gang, doch die Details—Ausweichmanöver an Phrasenenden, aktive Mittelstimmen und die Art, wie die erste Violine mitunter ins Ensemble hineingezogen wird, statt obenauf zu stehen—lassen es eher als Kammermusik denn als Gesellschaftstanz wirken.

Der Wechsel des Trios nach Es-Dur (in den Bereich der Subdominante) mildert das Profil und öffnet einen weiteren, kantableren Raum. Bemerkenswert ist, wie Mozart die Gleichberechtigung im Quartett auch dann wahrt, wenn die OberflĂ€che schlicht wirkt: Die „Melodie“ ist oft verteilt, und der harmonische Puls hĂ€ngt von der prĂ€zisen Koordination der Mittelstimmen ab.

III. Adagio assai (Es-Dur)

Der langsame Satz ist das emotionale Zentrum des Quartetts, und seine Tonart (erneut Es-Dur) verbindet ihn subtil mit dem Trio, wĂ€hrend sie den gesamten Tonartenplan des Werks vertieft. Statt eine opernhafte Arie mit Begleitung zu prĂ€sentieren, schreibt Mozart eine Textur, die den Hörer dazu einlĂ€dt wahrzunehmen, wer jeweils spricht: erste Violine, dann Viola, dann Violoncello—jede Stimme fĂ€hig, expressives Gewicht zu tragen.

Die ExpressivitĂ€t entsteht nicht durch große GebĂ€rden, sondern durch Nahbereichsrhetorik—Vorhalte, die gestimmt sein mĂŒssen, Linien, die geatmet werden wollen, und ein Zeitmaß, das die Spieler auffordert, Spannung ĂŒber lange Bögen hinweg zu halten. In der AuffĂŒhrung zeigt sich hier oft, ob ein Ensemble K. 458 als „Beinamen“-StĂŒck (hell und zĂŒgig) behandelt oder als eine der innerlichsten Aussagen des Zyklus.

IV. Allegro assai (B-Dur)

Wenn der erste Satz den Jagdtopos als Erkennungszeichen an den Anfang stellt, dann prĂŒft das Finale, was dieses Emblem auszuhalten vermag. Die Satztechnik ist athletisch und voller dialogischer Unterbrechungen: Motive werden zugespielt, beantwortet und bisweilen durch plötzliche dynamische Wendungen unterlaufen. Anstatt „die Jagd zu beenden“, scheint Mozart das Quartett in einen abstrakteren Bereich zu ziehen—Musik, die die Außenenergie des Werks bewahrt und zugleich das kammermusikalische Argument verschĂ€rft.

Das ist ein Finale, in dem Ensemblecharakter ebenso zÀhlt wie Tempo. Zu viel GlÀtte kann den Witz einebnen; zu viel VorwÀrtsdrang kann die Klarheit der Mittelstimmen auslöschen. Gelingen kann der Satz nur, wenn sein Antrieb wie gemeinsamer Wille klingt und nicht wie ein Sprint der ersten Violine.

Rezeption und Nachwirkung

K. 458s anhaltende PopularitĂ€t beruht zum Teil auf der Bequemlichkeit des Beinamens—Programmgestalter und Hörer erfassen sofort ein Profil. Doch die historische Bedeutung des Quartetts liegt darin, wie es zwischen „Topos“ und „Technik“ vermittelt. Die Jagdstil-Gesten sind vertraut, ja konventionell; unverwechselbar war (und ist) Mozarts Bereitschaft, diese Gesten der raffiniertesten Quartettkunst seiner Zeit zu unterziehen.

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Die frĂŒhe AuffĂŒhrungsgeschichte des Zyklus—Haydn hört die Quartette in privaten ZusammenkĂŒnften und reagiert mit ungewöhnlich starkem Lob—wurde beinahe sofort Teil der Mythologie dieser Werke [6]. Die Veröffentlichung bei Artaria 1785 (Op. 10) sicherte ihre Verbreitung, fixierte aber auch ein öffentliches Narrativ: Dies seien Quartette, unter Haydns Schatten geschrieben, an ihn adressiert und implizit von ihm bewertet [2].

Moderne Forschung und Edition behandeln die Haydn-Quartette weiterhin als einen Wendepunkt von Mozarts „gelehrtem“ Stil innerhalb einer klassischen Idiomatik—Musik, die Kontrapunkt, motivische Ökonomie und dialogische Gleichberechtigung aufnimmt, ohne Unmittelbarkeit aufzugeben. K. 458 steht im Zentrum dieser Geschichte, gerade weil es beim ersten Hören so heiter wirkt. Unter dieser heiteren OberflĂ€che liegt ein beinahe demonstrativer Ernst darĂŒber, was ein Quartett sein kann: nicht bloß vier Stimmen in höflicher Übereinstimmung, sondern ein Forum, in dem Symbole (der Jagdruf) geprĂŒft, neu gerahmt und zu neuer KomplexitĂ€t gebracht werden.

[1] Wikipedia: String Quartet No. 17 (Mozart) — completion entry in Mozart’s thematic catalogue (9 Nov 1784) and basic work overview

[2] Internationale Stiftung Mozarteum (Köchel-Verzeichnis online): KV 458 work entry and placement within the six quartets dedicated to Haydn (Op. 10)

[3] G. Henle Verlag preface (PDF) to Mozart’s six quartets dedicated to Haydn — discusses publication context and dedication text (“fruit of a long, laborious effort”)

[4] Mozart & Material Culture (King’s College London): overview of Mozart’s thematic catalogue as a source

[5] Library of Congress item record: Mozart’s *VerzeichnĂŒss aller meiner Werke* — description and scholarly notes on the manuscript’s structure and history

[6] Wikipedia: Haydn and Mozart — summarizes the 1785 quartet gatherings and Haydn’s famous remark to Leopold Mozart

[7] Daniel Heartz (as excerpted in PDF reprint): reports Leopold Mozart’s note about the quartets being played for Haydn and sold to Artaria for 100 ducats