Rezitativ âCampagne ameneâ (K. 667) in C-Dur â Mozarts pastorales *accompagnato* zu *Il re pastore*
von Wolfgang Amadeus Mozart

Mozarts Rezitativ âCampagne ameneâ (K. 667) ist ein kurzes, aber eindringliches recitativo accompagnato fĂŒr Sopran und Orchester, komponiert 1775 in Salzburg, als der Komponist 19 Jahre alt war. Als Anhang zu Nr. 3 von Il re pastore (K. 208) verwandelt es eine scheinbar schlichte pastorale Betrachtung in eine Mini-Szeneâeine, die durch ihre Orchesterfarben und ihre souverĂ€ne, theatrale Rhetorik genaues Hinhören belohnt.
Hintergrund und Kontext
Mozarts Serenata Il re pastore (K. 208) gehört zu seinen Salzburger Jahren, in denen er an einer Opernsprache feilte, die mĂŒhelos zwischen höfischer Zeremonie, metastasianischer Moraldidaktik und Momenten konzentrierter lyrischer IntimitĂ€t wechseln konnte [1]. Das Werk vertont ein Libretto von Pietro Metastasioâeinem ungemein einflussreichen Dichter, dessen Texte bereits von zahlreichen Komponisten verwendet worden warenâund stellt Mozart damit in eine Tradition, in der Eleganz der Deklamation und Klarheit des Affekts oberstes Gebot waren [2]).
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In dieser Ăsthetik ist Rezitativ keineswegs nur verbindendes âFĂŒllmaterialâ. Selbst in Opera-seria-Traditionen, die die in sich geschlossene Arie hochhalten, ereignen sich entscheidende psychologische Wendungen oft im Rezitativ; und wenn ein Komponist vom recitativo secco (mit Continuo) zum recitativo accompagnato (mit Orchester) ĂŒbergeht, verdichtet sich das Drama implizit. âCampagne ameneâ ist genau ein solcher Moment: Das Orchester tritt hinzu, um Amintas pastorale Selbstvergewisserung zu adeln und farblich auszuleuchtenâund bereitet so auf die nachfolgende Arie innerhalb von Nr. 3 aus Il re pastore vor [3].
Komposition und Auftrag
Das Rezitativ ist separat als K. 667 (Tonart: C-Dur) katalogisiert, steht jedoch in AuffĂŒhrungspraxis und dramatischer Funktion in Verbindung mit K. 208 Nr. 3 aus Il re pastore [4]. Eine solche âDoppelidentitĂ€tâ ist in der Mozart-Rezeption nicht ungewöhnlich: AuszĂŒge, EinfĂŒgungen, Alternativfassungen und spĂ€tere editorische Traditionen fĂŒhren hĂ€ufig dazu, dass einzelne Nummern eigene Köchel-EintrĂ€ge erhalten.
Die neuere Forschung betont, dass K. 667 kein beliebiges, losgelöstes Fragment ist, sondern ein Bestandteil, der zu Il re pastore âgehörtâ (auch wenn er in manchen editorischen ZusammenhĂ€ngen auĂerhalb der kanonischeren Nummerierung der Oper steht) [5]. In der kritischen Libretto-Edition der Digital Mozart Edition erscheint die Passage als Recitativo [Fassung B] (âVersion Bâ) und markiert damit einen varianten textlich-musikalischen Zustand innerhalb der Ăberlieferung des Werks [3]. Der Quellenkommentar der DME verweist zudem auf Kopistenmaterialien zu diesem Rezitativ im VerhĂ€ltnis zur autographen Partitur (eine Information, die mit erklĂ€rt, warum die Nummer in der Katalogisierung als eigenstĂ€ndige Einheit auftauchen kann) [6].
Libretto und dramatische Struktur
âCampagne amene, / romite selveâŠâ (âAngenehme Fluren, einsame WĂ€lderâŠâ) beginnt als Anrufung der Natur: Aminta wendet sich an die Landschaft als WohltĂ€terin seines Friedens und seines âwahren VergnĂŒgensâ und erklĂ€rt, er wĂŒrde fĂŒr eine solche Zufriedenheit jeden Thron ausschlagen [3]. In der metastasianischen Dramaturgie ist dieses pastorale Ethos nie bloĂ Zierde: Es ist eine moralische Haltung, die politischen Glanz dem inneren GleichmaĂ gegenĂŒberstellt.
Dramatisch steht das Rezitativ an einem Gelenkpunkt. Aminta ist mit der Sogkraft einer gröĂeren Welt konfrontiert worden (Alexander und die AnsprĂŒche des Standes); die pastorale Anrede wirkt als rhetorischer Neubeginnâein Versuch, die eigene IdentitĂ€t durch Ort, Gewohnheit und erinnerte Liebe zu stabilisieren. Wirksam wird die Szene durch ihre Verlaufsgestalt: Sie beginnt in Dankbarkeit und Ruhe, fĂŒhrt ĂŒber SelbstportrĂ€t (Flöte, Herde, einsames Beobachten) und erhitzt sich dann zu einer nahezu ekstatischen BekrĂ€ftigung gegenseitiger Liebeâsodass die Landschaft selbst zum Chor der Zeugen wird (âjeder Bach⊠jedes Blatt⊠sogar die Vögelâ) [3]. Die moralische SchlussfolgerungââRuhe, Frieden und wahre Liebe wohnen im Hirtenlebenââist weniger naiv als strategisch: Sie ist Amintas Gegenargument zu den Verlockungen der Macht.
Musikalische Anlage und SchlĂŒsselstellen
Obwohl K. 667 ein Rezitativ und keine abgeschlossene âNummerâ im Sinne einer Arie ist, wirkt es wie eine kompakte Szene: eine Kette kontrastierender Affekte, geformt durch orchestrale Akzente und vokale Deklamation.
Orchesterrezitativ als Charakterzeichnung
Als accompagnato (instrumentiertes) Rezitativ signalisiert âCampagne ameneâ gesteigerte expressive Dringlichkeit: Das Orchester liefert nicht bloĂ StĂŒtze fĂŒr Tonhöhe und Harmonie, sondern trĂ€gt Bedeutung mitâes koloriert das pastorale Bild und schĂ€rft die Wendepunkte des Textes [3]. Selbst fĂŒr Hörerinnen und Hörer, die Mozart vor allem aus seinen spĂ€teren Wiener Opern kennen, zeigt dieses Salzburger Werk einen jungen Komponisten, der bereits fĂŒr die theatralische Kraft orchestraler âRedeâ im stimmbestimmten Medium des Rezitativs sensibilisiert ist.
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Der Ăbergang zu gemessener Lyrik (Andante)
Ein besonders aufschlussreicher Moment ist der ausdrĂŒcklich markierte Tempowechsel: Andante erscheint innerhalb des Rezitativs, wenn Aminta von der Beschreibung zur direkten Anrede ĂŒbergeht (âDitelo voi, pastoriâŠâ / âSagt ihr es mir, HirtenâŠâ) [3]. Das ist mehr als eine Anweisung zur Gangart; es ist ein dramaturgisches Signal. Die Deklamation löst sich und nĂ€hert sich dem Ariosoâhalb zwischen Sprechen und Singenâund lĂ€sst die pastorale Philosophie aufblĂŒhen, ohne bereits zur formalen Arie zu werden.
Wie K. 667 K. 208 Nr. 3 rahmt
In der Libretto-Edition der DME folgt auf das Rezitativ unmittelbar die Nr. 3 Arie (âAer tranquillo e dĂŹ sereniâ), deren helles pastorales Bild und zweigeteilte Tempogestalt Amintas Zufriedenheitâund die BrĂŒchigkeit dieser Haltungâunterstreichen [3]. So gehört, ist K. 667 kein entbehrliches Vorspiel: Es ist die psychologische Fundierung, die die Heiterkeit der Arie ĂŒberzeugend statt beliebig wirken lĂ€sst.
UrauffĂŒhrung und Rezeption
Il re pastore wurde 1775 in Salzburg erstmals aufgefĂŒhrtâein frĂŒhes Markenzeichen in Mozarts BĂŒhnenschaffen und ein wichtiger PrĂŒfstein fĂŒr seinen Umgang mit Metastasios feingeschliffener Dramaturgie [1]. Die spĂ€tere AuffĂŒhrungsgeschichte der Serenata (heute hĂ€ufig als Oper inszeniert) hat eine Kultur des Exzerpierens begĂŒnstigt: Arien kursieren im Konzertsaal, und alternative Fassungen einzelner Nummern tauchen in Ausgaben und Wiederaufnahmen auf.
Dieser Kontext hilft zu erklĂ€ren, warum âCampagne ameneâ leicht ĂŒbersehen werden kann: Rezitative werden seltener als Arien exzerpiert, und ein accompagnato, das an eine konkrete Szene gebunden ist, wirkt auf dem Papier schnell âfunktionalâ. Doch K. 667 verdient gerade deshalb Beachtung, weil Mozart hier Funktion in Ausdruck verwandelt. Im Kleinen demonstriert es ein Prinzip, das in seinen reifen Opern zentral wird: Drama entsteht nicht nur dort, wo Figuren formale Arien singen; es entsteht auch dort, wo sie laut denkenâund das Orchester, schon 1775, dieses Denken hörbar machen kann.
[1] Wikipedia: overview of Mozartâs Il re pastore (K. 208), including context and basic history.
[2] Wikipedia: Il re pastore (libretto) â Metastasioâs text and its broader setting history.
[3] Digital Mozart Edition (DME), Libretti Edition PDF: Il re pastore (K. 208), includes the text for Recitativo [Fassung B] âCampagne ameneâ and the following No. 3 aria.
[4] Wikipedia: Köchel catalogue table entry referencing K. 667 as the recitative âCampagne ameneâ (for K. 208 No. 3).
[5] Der Opernfreund (book review of the Köchelverzeichnis new edition): discusses K. 667 âCampagne ameneâ as belonging with Il re pastore and notes cataloguing/editorial issues.
[6] Digital Mozart Edition (DME), Libretti Edition source commentary: notes sources/copyist materials for the recitative âCampagne ameneâ (Fassung B) within the autograph context.








