K. 299b

Les petits riens (K. 299b) — Mozarts Pariser Ballett-Pantomime

von Wolfgang Amadeus Mozart

Mozart with Golden Spur medal, 1777
Mozart wearing the Order of the Golden Spur, 1777 copy

Les petits riens (K. 299b; K.Anh. 10) ist Mozarts einaktige Ballett-Pantomime fĂŒr die Pariser OpĂ©ra, uraufgefĂŒhrt am 11. Juni 1778 wĂ€hrend seines schwierigen, kĂŒnstlerisch jedoch folgenreichen Paris-Aufenthalts. Entstanden, als er 22 war, zeigt das Werk, wie er im Kleinen theatral denkt: rasche CharakterstĂŒcke, eine sichere Hand fĂŒr orchestrale Farben und ein Instinkt fĂŒr BĂŒhnen-Timing, der seine reifen Opern vorwegnimmt.

Hintergrund und Kontext

Als Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791) 1778 in Paris ankam, suchte er, was Salzburg ihm nicht bieten konnte: grĂ¶ĂŸere öffentliche Sichtbarkeit, lukrative AuftrĂ€ge und (idealerweise) eine feste Anstellung. Die Reise – unternommen mit seiner Mutter Anna Maria – erwies sich emotional wie beruflich als belastend; zugleich brachte sie ihn in das RĂ€derwerk einer der bedeutendsten europĂ€ischen Unterhaltungsmaschinen: die Pariser OpĂ©ra (AcadĂ©mie Royale de Musique) mit ihrem etablierten Appetit auf Ballett. In diesem Umfeld schuf Mozart das Werk, das oft als die einzige eigenstĂ€ndige Pantomimen-Ballettkomposition seiner Laufbahn beschrieben wird: Les petits riens (K. 299b). [1]

As an Amazon Associate we earn from qualifying purchases.

Das Ballett der SpĂ€tzeit des 18. Jahrhunderts in Paris war keineswegs bloß schmĂŒckendes Zwischenspiel. Es gehörte zu einer reformerischen Strömung (vor allem mit dem Choreografen Jean-Georges Noverre verbunden), die Tanz durch Gestik und ausdrucksvolle Bewegung erzĂ€hlerisch verstĂ€ndlich machen wollte – „Handlung“ ohne Worte. Auch moderne Rekonstruktionen von Les petits riens betonen weiterhin diese PrĂ€misse: eine durch Pantomime erzĂ€hlte Handlung, getragen von kurzen, scharf konturierten Musiknummern statt von symphonischer Weite. [2]

Diese Kombination – Pariser BĂŒhnenpraxis, Noverres Ideale des dramatischen Tanzes und Mozarts Gabe zur Charakterzeichnung – erklĂ€rt, warum diese Partitur Aufmerksamkeit verdient. Es ist kein „großes“ Mozart-Werk im Sinne von Figaro oder den spĂ€ten Symphonien; es ist etwas Selteneres: ein Blick darauf, wie Mozart fĂŒr sich bewegende Körper schreibt und fĂŒr eine Theaterinstitution mit Vorlieben, die sich deutlich von denen Salzburgs oder Wiens unterscheiden.

Komposition und Auftrag

Les petits riens war ein einaktiges Ballett in drei Tableaux von Jean-Georges Noverre und wurde am 11. Juni 1778 an der Pariser OpĂ©ra erstmals aufgefĂŒhrt. [1] In zumindest einigen Darstellungen der ursprĂŒnglichen PrĂ€sentation diente das Ballett als Entr’acte-Material im Zusammenhang mit NiccolĂČ Piccinnis Oper Le finte gemelle (wobei die Pariser Praxis, Oper und Tanz zu koppeln, zentral fĂŒr die IdentitĂ€t der OpĂ©ra war). [2]

Eine weitere Komplikation – wichtig fĂŒr das VerstĂ€ndnis von Ruf und Kataloggeschichte des Werks – besteht darin, dass die Ballettmusik bisweilen als Flickwerk diskutiert wurde, bei dem nicht jede Nummer zweifelsfrei von Mozart stammt. Erhaltene Drucke und Archivmaterialien zur Produktion von 1778 können Vermerke tragen, wonach bestimmte TĂ€nze „nicht von Mozart“ seien – ein Hinweis darauf, dass Pariser BĂŒhnenproduktionen hĂ€ufig mehrere HĂ€nde einbezogen und praktische Austauschlösungen kannten. [3]

Dennoch behandeln AuffĂŒhrungstradition und Köchel-Verzeichnis Les petits riens durchgĂ€ngig unter der gelĂ€ufigen Bezeichnung K. 299b (oft auch als K.Anh. 10/299b gefĂŒhrt), und die Verbindung des Werks zu Mozarts Pariser Zeit ist in den ĂŒbergeordneten Chronologien seines Aufenthalts gut dokumentiert. [4]

Libretto und dramatische Struktur

Noverres Szenario – typisch fĂŒr das Ballett-Pantomime-Genre – beruht auf einer Abfolge von Situationen statt auf ausgedehnter verbaler Argumentation. Entscheidend fĂŒr Mozarts Beitrag ist die dramatische Ökonomie: Die Musik muss Stimmungswechsel verdeutlichen, Auf- und Abtritte signalisieren und eine stilisierte „Rede“ in Gesten tragen.

Genau hier kann Les petits riens erstaunlich mozartisch wirken. Selbst wenn eine Nummer nur ein oder zwei Minuten dauert, artikuliert die Musik meist einen einzelnen Affekt mit ungewöhnlicher PrĂ€gnanz: ein helles AnfangsstĂŒck, das sozialen „öffentlichen“ Raum etabliert; elegante TĂ€nze, die AnnĂ€herung oder Spiel andeuten; und schnellere, rhythmisch zugespitzte StĂŒcke, die das BĂŒhnengeschehen beleben. Diese affektive Klarheit ist nicht bloße Zierde; sie ist Dramaturgie – Klang ĂŒbernimmt die Arbeit, die in der Oper die Worte leisten wĂŒrden.

Wenn das Ballett heute weniger bekannt ist, liegt das vielleicht daran, dass seine ErzĂ€hlung nicht durch eine ikonische Arie oder ein Finale verankert wird. Doch gerade die PrĂ€misse der Pantomime lĂ€dt zu einer anderen Art des Hörens ein: Man erlebt Mozart beim EinĂŒben der Kunst der sofortigen Charakterisierung – eine FĂ€higkeit, die spĂ€ter in seinen Ensembles und Finali zentral wird, wo sich die BĂŒhne im Handumdrehen wenden kann.

As an Amazon Associate we earn from qualifying purchases.

Musikalische Anlage und SchlĂŒsselnummern

In AuffĂŒhrung und Einspielung begegnet man Les petits riens hĂ€ufig als Suite: als Folge kurzer Nummern, die zur Auswahl, Umstellung oder zum Exzerpieren einladen – so, wie das Theater des 18. Jahrhunderts selbst mit solcher Musik umging. Moderne Ausgaben und Bibliotheksquellen prĂ€sentieren das Werk entsprechend als Set eigenstĂ€ndiger SĂ€tze innerhalb des grĂ¶ĂŸeren BĂŒhnenzusammenhangs. [5]

Drei Aspekte machen die Partitur innerhalb von Mozarts ƒuvre (und innerhalb der Gattung der Ballett-„Nummern“) besonders.

1) Orchestrale Farbe als Charakter

Paris bot Mozart eine Orchesterpalette, die kosmopolitischer sein konnte als das, was ihm in Salzburg routinemĂ€ĂŸig zur VerfĂŒgung stand. Selbst bei aller praktischen VariabilitĂ€t wird Les petits riens gemeinhin mit einer vergleichsweise reich besetzten BlĂ€sergruppe fĂŒr Theatermusik jener Zeit verbunden (darunter paarweise HolzblĂ€ser und oft Klarinetten), was den TĂ€nzen einen hellen, öffentlichen Glanz verleiht statt kammermusikalischer IntimitĂ€t. [5]

2) Das Prinzip der „Miniaturszene“

Jede Nummer funktioniert wie eine Miniaturszene: ein einziger dramatischer Punkt, scharf gesetzt. Statt einer entwickelnden „symphonischen“ Argumentation bevorzugt Mozart Profil – eine sofort einprĂ€gsame rhythmische Idee, eine klare Phrasenstruktur und eine Kadenz, die wie eine Vorhanglinie wirkt. Das ist BĂŒhnenhandwerk, nicht Konzert-Rhetorik.

3) Eine BrĂŒcke zwischen Serenadenstil und Oper

1778 schrieb Mozart in Paris viele Arten von Musik fĂŒr die Öffentlichkeit, von Konzertwerken bis zu GelegenheitsstĂŒcken. Les petits riens liegt in einer aufschlussreichen Zwischenzone: leichter als Oper, theatralisch zielgerichteter als ein Divertimento. Im Licht seiner spĂ€teren BĂŒhnenwerke kann es wie eine Werkstatt fĂŒr Dramaturgie wirken – wie man Aufmerksamkeit hĂ€lt, wĂ€hrend die Szenen rasch wechseln.

UrauffĂŒhrung und Rezeption

Das Ballett wurde am 11. Juni 1778 an der Pariser OpĂ©ra uraufgefĂŒhrt, mit Choreografie von Noverre. [1] Zu seiner Zeit gehörte es zu einem lebendigen Theaterökosystem, in dem Tanz, Oper und Spektakel eng miteinander verflochten waren; seine unmittelbare „Rezeption“ hatte daher weniger damit zu tun, dass eine Partitur fĂŒr sich allein beurteilt wurde, als damit, wie wirksam sie einen Theaterabend trug.

Langfristig hat Les petits riens ein anderes Leben gefĂŒhrt als Mozarts kanonische Opern: Es zirkuliert in AuszĂŒgen, als Material fĂŒr Orchestersuiten und als Ressource fĂŒr historisch informierte Tanzrekonstruktionen. Gerade dieses Nachleben ist eine Empfehlung. Wer Mozart jenseits der vertrauten Meisterwerke kennenlernen möchte, findet in diesem Ballett etwas zugleich Bescheidenes und Anschauliches – „kleine Nichtigkeiten“, die in Mozarts HĂ€nden zu fein abgewogenen theatralen Momenten werden, und ein seltenes Dokument dafĂŒr, wie der 22-jĂ€hrige Komponist die Pariser BĂŒhnenkultur in Echtzeit verhandelte. [4]

As an Amazon Associate we earn from qualifying purchases.

[1] Overview, genre, authorship, and premiere date (11 June 1778) for *Les petits riens* (K. 299b).

[2] Oxford (New College) feature on re-imagining Noverre’s *Les Petits Riens*; discusses its June 1778 Paris OpĂ©ra context and pantomime-based storytelling.

[3] BibliothĂšque nationale de France / Wikimedia scan note indicating some dances in the 1778 *Les Petits Riens* materials are marked as not by Mozart (evidence of mixed/complex attribution).

[4] Mozart & Material Culture (King’s College London) page on Mozart’s Paris stay; mentions Noverre’s *Les petits riens* and its performance date at the AcadĂ©mie Royale de Musique.

[5] IMSLP work page for *Les petits riens*, K.Anh.10/299b, including bibliographic/edition details and commonly listed instrumentation fields.