K. 509

6 Deutsche TĂ€nze in D-Dur (K. 509)

by Wolfgang Amadeus Mozart

Silverpoint drawing of Mozart by Dora Stock, 1789
Mozart, silverpoint by Dora Stock, 1789 — last authenticated portrait

Mozarts 6 Deutsche TĂ€nze in D-Dur (K. 509) sind ein kompakter Zyklus von BallsaalstĂŒcken, vollendet in Prag am 6. Februar 1787, der zeigt, wie souverĂ€n er funktionale Tanzmusik in scharf konturierte, miniature Orchesterbilder verwandeln konnte.[1] Entstanden mit 31 Jahren – in jener Prager Phase, die auch zu Don Giovanni fĂŒhrte –, verdient das Set Aufmerksamkeit fĂŒr seinen strahlenden D-Dur-Glanz, seine raschen Kontrastwechsel und den selbstbewussten Einsatz des vollbesetzten klassischen Orchesters fĂŒr Musik, die ursprĂŒnglich den Körper ebenso in Bewegung setzen wie das Ohr erfreuen sollte.[1]

Hintergrund und Kontext

In Mozarts Wiener Jahren war Tanzmusik kein randstĂ€ndiges Nebenfeld, sondern eine konstante Strömung neben den „großen“ Gattungen. Menuette, Contredanses und Deutsche TĂ€nze dienten dem gesellschaftlichen Leben – besonders der winterlichen Ballsaison – und von erfolgreichen Komponisten erwartete man, in großer Zahl stets neue Folgen zu liefern. Der Deutsche Tanz selbst, meist im Dreiertakt und flotter als das höfische Menuett, wird oft als VorlĂ€ufer des Walzers beschrieben: weniger zeremoniell, rhythmisch direkter und fĂŒr ein breiteres Publikum gedacht.[1]

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K. 509 fĂ€llt in einen besonders aufgeladenen Moment. Mozart genoss in Prag nach dem lokalen Erfolg von Le nozze di Figaro (1786) außerordentliche PopularitĂ€t, und er besuchte die Stadt Anfang 1787 – ein Aufenthalt, der auch die Symphonie Nr. 38 in D-Dur „Prager“, K. 504 hervorbrachte und den Boden fĂŒr Don Giovanni im spĂ€teren Verlauf des Jahres bereitete. Vor diesem Hintergrund mag ein Tanzzyklus bescheiden wirken; doch gerade die Leichtigkeit, mit der Mozart zwischen „öffentlicher“ Unterhaltung und theatralischer Komposition mit hohem Einsatz wechselt, gehört zu dem, was sein Schaffen der spĂ€ten 1780er Jahre so unverwechselbar macht.

Komposition und UrauffĂŒhrung

Der Köchel-Katalogeintrag der Internationalen Stiftung Mozarteum datiert die Sechs Deutsche TĂ€nze K. 509 auf Prag, 6. Februar 1787.[1] Mit anderen Worten: Diese TĂ€nze gehören zu jenem Prager Aufenthalt, der Mozarts GespĂŒr fĂŒr den öffentlichen Geschmack und fĂŒr orchestrale Farbigkeit schĂ€rfte – QualitĂ€ten, die Prager Zuhörer bekanntlich besonders schĂ€tzten.

Die genauen UmstĂ€nde der ersten AuffĂŒhrung von K. 509 sind nicht so gesichert dokumentiert wie bei Mozarts Opern und Konzerten. Klar ist aus Mozarts allgemeiner Tanzpraxis jedoch, dass solche Folgen fĂŒr den praktischen Gebrauch gedacht waren: flexibel zu besetzen, mit unkomplizierten, abschnittsweisen Wiederholungen und klaren Rhythmusprofilen fĂŒr die TĂ€nzer.[1] Dieses praktische Ziel schließt allerdings fantasievolle Details nicht aus; in Mozarts HĂ€nden kann selbst ein kurzer Tanz unerwartet in Harmonik, Instrumentation oder Phrasenbau kippen – kleine Gesten, die im Konzert als „Charakter“ wahrgenommen werden.

Besetzung

K. 509 ist fĂŒr ein vollbesetztes spĂ€tklassisches Orchester instrumentiert (wie in gĂ€ngigen Referenzlisten vermerkt):[2]

  • HolzblĂ€ser: 2 Flöten, 2 Oboen, 2 Klarinetten, 2 Fagotte
  • BlechblĂ€ser: 2 Hörner, 2 Trompeten
  • Schlagwerk: Pauken
  • Streicher: Violinen I & II, Viola, Violoncello, Kontrabass

Mozarts Tanzfolgen kursierten hĂ€ufig in mehr als einem AuffĂŒhrungsformat – von kleinen Streichbesetzungen bis zu volleren Instrumentationen, denen HolzblĂ€ser und Schlagwerk fĂŒr Farbe und Wirkung hinzugefĂŒgt wurden.[1] Die Besetzung von K. 509 steht auf der brillanteren Seite dieses Spektrums: Besonders Trompeten und Pauken verleihen D-Dur einen zeremoniellen Glanz, der diese StĂŒcke aus dem Ballsaal in den Konzertsaal heben kann.

Form und musikalischer Charakter

Als Gattung bevorzugt der Deutsche Tanz meist knappe, ausgewogene Perioden, deutliche Kadenzen und eine rhythmische „Feder“, die den Dreiertakt schwebend hĂ€lt. Mozarts Tanzschreiben stĂŒtzt sich zudem auf etwas, das man als orchestrale Kurzschrift bezeichnen könnte: schnell wiedererkennbare Gesten – Fanfaren, UnisonolĂ€ufe, Antworten des BlĂ€serensembles, Bordun- oder Orgelpunkte –, die in einem gesellschaftlichen Rahmen sofort wirken.

K. 509 umfasst sechs kurze TĂ€nze.[2] Statt auf groß angelegte Entwicklung (wie in einem Symphoniesatz) zu zielen, erzeugt es Spannung durch GegenĂŒberstellung: ein helles, nach außen gerichtetes D-Dur-„Außen“ und eine Folge innerer Kontraste – Wechsel von Textur, Lage und instrumentaler Gewichtung. Die Instrumentation lĂ€dt dazu ein, Mozarts GespĂŒr zu verfolgen, Melodie und rhythmische SchĂ€rfe im Ensemble zu verteilen:

  • Die Streicher liefern hĂ€ufig den kinetischen Motor – leichte Stricharten, klare harmonische Gangart und Tonwiederholungsfiguren, die die FĂŒĂŸe sicher am Puls halten.
  • Holz- und BlechblĂ€ser sorgen fĂŒr augenblickliche Farbwechsel: Eine Phrase, die als einfache Melodie beginnt, kann durch Klarinetten- oder Oboenverdopplung „neu gerahmt“ werden oder durch Hornrufe eine schĂ€rfere Kontur bekommen.

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  • Pauken und Trompeten können, maßvoll eingesetzt, einen ansonsten hĂ€uslichen Tanz in etwas verwandeln, das eher an ein festliches Freiluft-Harmonie-Ereignis erinnert – ein Effekt, der besonders natĂŒrlich in der Tonart D-Dur wirkt.

Gerade diese Ökonomie macht K. 509 heute hörenswert. In wenigen Dutzend Takten kann Mozart eine Szene skizzieren: freundlich, lĂ€ndlich, höfisch oder festlich – bisweilen innerhalb desselben Tanzes, indem er verschiebt, welche Instrumente „sprechen“ und wie die Phrasen einander antworten. FĂŒr heutige Hörer, die Mozarts ausgedehnte Formen gewohnt sind, bieten diese Miniaturen ein anderes VergnĂŒgen: die Geschwindigkeit und Klarheit, mit der er Charakter vermittelt.

Rezeption und Nachwirkung

Mozarts Deutsche TĂ€nze sind nicht so allgemein bekannt wie die spĂ€ten Symphonien oder die großen Klavierkonzerte, doch sie erhellen einen wesentlichen Teil seines musikalischen Lebens: das Komponieren fĂŒr reale gesellschaftliche AnlĂ€sse, mit einem Ohr fĂŒr unmittelbare Wirkung. Der Köchel-Katalog vermerkt, dass Mozart viele TĂ€nze in Zyklen schrieb und dass sie fĂŒr den Ballsaal bestimmt waren – hĂ€ufig sowohl in schlankeren Besetzungen als auch in volleren, farbigeren Fassungen auffĂŒhrbar.[1]

Vor diesem Hintergrund lĂ€sst sich K. 509 als mehr denn nur Hintergrundmusik hören. Es zeigt Mozart, wie er den Tanzzyklus als Labor fĂŒr orchestrale Rhetorik nutzt – wie er eine Phrase „dreht“, fĂŒr einen Moment eine Klangfarbe ins Licht setzt und dann weiterzieht, wie er Wiederholung durch Besetzung lebendig hĂ€lt statt durch KomplexitĂ€t. FĂŒr AusfĂŒhrende lohnen sich diese TĂ€nze durch Aufmerksamkeit fĂŒr Artikulation und Balance; fĂŒr Zuhörer bieten sie ein knappes PortrĂ€t von Mozarts Selbstgewissheit im Prager Jahr, in dem öffentliche Freude und kompositorische Raffinesse mĂŒhelos zusammengehen.

[1] International Mozarteum Foundation (Köchel Catalogue) entry for K. 509: dating (Prague, 6 Feb 1787), authenticity, and general notes on Mozart’s dance sets and forms.

[2] IMSLP work page for *6 German Dances*, K. 509: set description and commonly listed orchestral instrumentation details.