K. 406

Streichquintett Nr. 2 c-Moll (nach der BlÀserserenade K. 388/384a), K. 406

av Wolfgang Amadeus Mozart

Silverpoint drawing of Mozart by Dora Stock, 1789
Mozart, silverpoint by Dora Stock, 1789 — last authenticated portrait

Mozarts Streichquintett Nr. 2 c-Moll, K. 406 (1788) ist seine eigene Übertragung der dramatischen BlĂ€serserenade in c-Moll, K. 388/384a—einer innerhalb eines Genres, das oft mit geselliger Unterhaltung verbunden wird, ungewöhnlich dĂŒsteren und streng durchgearbeiteten Partitur. FĂŒr zwei Violinen, zwei Bratschen und Violoncello neu gefasst, fĂŒhrt das Werk Mozarts ernsthaftestes Harmonie-Schreiben in die intime, dialogische Welt des Streichquintetts.[3]

Hintergrund und Kontext

Mozarts Streichquintette nehmen in seiner Kammermusik eine Sonderstellung ein: Sie erweitern das Streichquartett um eine zweite Bratsche, bereichern damit die mittlere Lage und ermöglichen dichteren kontrapunktischen Satz sowie wĂ€rmere harmonische Schattierungen. Im Wien der spĂ€ten 1780er Jahre kehrte Mozart mit bemerkenswertem Anspruch zu dieser Besetzung zurĂŒck—vor allem mit den beiden Originalwerken Streichquintett C-Dur, K. 515 und Streichquintett g-Moll, K. 516 (beide 1787). K. 406 gehört in denselben Ausdrucksbereich, auch wenn es ursprĂŒnglich als Oktett fĂŒr BlĂ€ser entstand.[3]

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Die Vorlage des Quintetts ist die BlĂ€serserenade in c-Moll, K. 388/384a, geschrieben fĂŒr die Wiener Harmonie (paarweise Oboen, Klarinetten, Hörner und Fagotte). Schon das Original hebt sich von den meisten Serenaden ab: Statt heiterer Freiluft-GemĂŒtlichkeit bietet es straffe motivische Arbeit, gelehrten Kontrapunkt und ein ernstes c-Moll-Profil—eine von Mozarts charaktervollsten Molltonarten.[2] Als Mozart das StĂŒck spĂ€ter fĂŒr Streicher als K. 406 neu instrumentierte, lud er die Hörer gewissermaßen ein, die Musik weniger als „BlĂ€serensemble-Repertoire“ zu verstehen, sondern als konzentriertes kammermusikalisches Argument.

Entstehung und Widmung

Das Streichquintett c-Moll, K. 406 entstand 1788 in Wien, als Mozart 32 Jahre alt war.[3] Anders als viele Werke dieser Zeit ist es in Mozarts eigenem thematischen Verzeichnis nicht eindeutig dokumentiert—vielleicht, weil es, wie die Neue Mozart-Ausgabe anmerkt, „einfach eine Bearbeitung“ der frĂŒheren Serenade ist.[3]

Die Besetzung entspricht der ĂŒblichen „Bratschenquintett“-Formation:

  • Streicher: Violine I, Violine II, Bratsche I, Bratsche II, Violoncello[1]

Ein WidmungstrĂ€ger lĂ€sst sich in den gĂ€ngigen Referenzzusammenfassungen nicht zuverlĂ€ssig mit der Bearbeitung verbinden; am besten versteht man sie als praktische und kĂŒnstlerische Neu-Erfindung eines von Mozart geschĂ€tzten Werks, das in einer anderen AuffĂŒhrungswelt ein zweites Leben erhĂ€lt.

Form und musikalischer Charakter

Mozart bewahrt den viersĂ€tzigen Plan der Serenade, doch der Wechsel des Mediums verĂ€ndert die Rhetorik subtil: BlĂ€ser setzen Farbblöcke und antiphonale Wechsel; Streicher können Linien durch kontinuierliches Streichen tragen, mischen und fein abstufen, sodass der Kontrapunkt nach innen gekehrter und stĂ€rker „durchgearbeitet“ wirkt. Das ist ein Grund, warum das StĂŒck heute besondere Aufmerksamkeit verdient: Es ermöglicht den Vergleich von Mozarts Denken ĂŒber Textur, Register und Balance in zwei geradezu prototypisch Wiener Besetzungen.

Die SĂ€tze sind:

  • I. Allegro (c-Moll)
  • II. Andante (E♭-Dur)
  • III. Menuetto in canone (c-Moll) — Trio I und Trio II
  • IV. Allegro (c-Moll)[2]

Besondere Faszination liegt im dritten Satz: Mozarts Menuetto in canone ist, wie der Titel ankĂŒndigt, ein Kanon—ein gelehrtes Verfahren, bei dem eine Stimme einer anderen in festem Abstand nachfolgt. In der Streichfassung kann vor allem das Bratschenpaar diese „strenge“ Schreibweise besonders deutlich hervortreten lassen, ohne dass sie dabei wie eine SchulĂŒbung wirkt: Es bleibt echte Tanzmusik.

In den EcksĂ€tzen wirkt die Musik oft eher wie ein symphonisches Argument als wie leichtes Serenadenidiom: Knapp gefasste Motive werden beharrlich weiterentwickelt, und die harmonischen Wendungen fĂŒhren immer wieder mit beinahe theatralischer Unausweichlichkeit nach c-Moll zurĂŒck. Wenn die spĂ€teren „großen“ Streichquintette weit ausgreifen, ist K. 406 konzentriert—seine IntensitĂ€t entsteht aus Verdichtung.

Rezeption und Nachwirkung

Historisch fĂŒhrte K. 406 ein Doppelleben: als gefeierte BlĂ€serserenade (ein Grundpfeiler des Harmonie-Repertoires) und als Streichquintett, das etwas außerhalb der „kanonischen“ Reihe von Mozarts originalen Quintetten steht. Doch moderne Interpretinnen und Interpreten schĂ€tzen die Bearbeitung zunehmend gerade wegen dessen, was sie sichtbar macht: Mozarts FĂ€higkeit, eine bestehende Partitur in ein neues Medium zu ĂŒbertragen, ohne bloß zu kopieren—mit geschĂ€rfter StimmfĂŒhrung und freigelegten Binnenstimmen, die im BlĂ€serklang verdeckt sein können.

In der Konzertpraxis kann das Werk eine ĂŒberzeugende BrĂŒcke zwischen Mozarts BlĂ€sersatz und seinem reifen Kammerstil schlagen. Zugleich erweitert es die emotionale Landkarte des Streichquintett-Genres und erinnert daran, dass Mozart dieses Ensemble—neben anmutigem Divertimento und lyrischer Unbeschwertheit—auch in einem dunkleren, stĂ€rker kontrapunktischen und unverkennbar Wiener c-Moll-Tonfall sprechen lassen konnte.[2]

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[1] IMSLP work page with instrumentation overview and identification of K. 406 as Mozart’s arrangement of K. 388/384a.

[2] Wikipedia: Serenade No. 12 in C minor, K. 388/384a — original wind scoring and movement outline; notes transcription as K. 406.

[3] Digital Mozart Edition (Mozarteum): New Mozart Edition volume (String Quintets) — editorial discussion of K. 406 as an arrangement and its 1788 Vienna context.