K. 315b

Scena (K. 315b) — die verlorene Saint-Germain-Scena für Tenducci

von Wolfgang Amadeus Mozart

Mozart with Golden Spur medal, 1777
Mozart wearing the Order of the Golden Spur, 1777 copy

Mozarts Scena (K. 315b) entstand Ende August 1778 in Saint-Germain-en-Laye während seines schwierigen Paris-Aufenthalts für den gefeierten Kastraten Giusto Ferdinando Tenducci. Die Musik gilt heute als verschollen, doch zeitgenössische Zeugnisse bewahren ein ungewöhnlich konkretes Bild von Besetzung und Anspruch des Werks.

Hintergrund und Kontext

Im August 1778 verließ Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791) Paris für kurze Zeit und reiste nach Saint-Germain-en-Laye, wo er im Haushalt von Louis, Herzog von Noailles, zu Gast war. Zu den dortigen Musikern gehörte der italienische Kastrat Giusto Ferdinando Tenducci (ca. 1736–1790), den Mozart aus dem Pariser Musikkreis um Johann Christian Bach kannte [1]. In einem auf den 27. August 1778 datierten Brief teilte Mozart seinem Vater Leopold mit, er müsse sich „beeilen“, um für Tenducci bis Sonntag (also innerhalb weniger Tage) eine Scena zu schreiben, und nannte ausdrücklich ein gemischtes Kammerensemble mit Pianoforte, Oboe, Horn und Fagott [2].

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Diese Episode rückt K. 315b in die Nähe von Mozarts anderen dramatischen Konzertstücken aus der Paris-/Mannheim-Zeit—Werken, in denen opernhafte Deklamation auf instrumentale Virtuosität trifft und der Komponist erprobt, wie weit sich eine Szene durch obbligato-Bläserführung statt allein durch Streicher beleben lässt [1].

Was erhalten ist

Weder Autograph noch Abschrift oder Druckausgabe von K. 315b sind derzeit bekannt; das Stück lässt sich daher im üblichen Sinn nicht „nach der Partitur“ beschreiben [1]. Dennoch liefern zwei nahezu zeitgenössische Beschreibungen eine seltene Präzision.

Erstens nennt Mozarts eigener Brief die konzertierende Grundidee: eine vokale Scena mit prominenter Tasten-Partie und hervorgehobenen Bläsern [2]. Zweitens beschrieb der Musikhistoriker Charles Burney—der gedruckt Informationen an Daines Barrington weitergab—eine Scena, die Mozart 1778 für Tenducci komponiert habe, als aufwändiges Werk „in 14 Stimmen“, mit mehreren obbligati und einem umfangreichen Ensemble, darunter (wie Burney es aufzählt) zwei Violinen, zwei Bratschen („tenors“), Oboe, zwei Klarinetten, Tasteninstrument („piano forte“), Hörner sowie ein verstärkender Bass [1]. Burneys Urteil ist dabei zwiespältig: Er rühmt Mozarts Beherrschung mehrstimmigen Satzes und seine kühnen Modulationen, empfindet jedoch die melodische Erfindung als weniger herausragend als den Gesamteindruck [1].

Wissenschaftlicher Kontext

Die moderne Forschung versteht K. 315b in der Regel als eigenständige Konzert-Scena, die für Tenducci in Saint-Germain geschrieben wurde, und nicht als erhaltenen Teil eines größeren Opernprojekts [1]. Eine seit langem vertretene Hypothese—das fehlende Mozart-Werk könne mit einer in London gedruckten anonymen Scena in Verbindung mit Tenducci identisch sein—wurde zwar argumentiert, bleibt jedoch unbestätigt; stilistische und besetzungsbezogene Einwände finden sich bereits in der kritischen Literatur zur Neuen Mozart-Ausgabe [1].

Auch in seiner Abwesenheit ist K. 315b für den 22-jährigen Mozart aufschlussreich: Es zeigt einen Komponisten, der theatralisch im Kleinen denkt und Tasteninstrument und Bläser als dramatische Partner der Stimme behandelt—ein Ansatz, der bald in seinen reifen Konzertarien und schließlich in den Opern der 1780er Jahre besser dokumentierte Früchte tragen sollte.

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[1] Digital Mozart Edition (Mozarteum): New Mozart Edition II/7/2 (Arias, Scenes, Ensembles and Choruses) — foreword passage discussing the lost scena for Tenducci (KV App. 3/315b), instrumentation, and Burney report.

[2] Mozart letter from St. Germain, 27 August 1778 (to Leopold Mozart), mentioning the need to write a scena for Tenducci and naming instruments (pianoforte, oboe, horn, bassoon).