K. 172

Streichquartett Nr. 12 in B-Dur, K. 172 — Mozarts Wiener Quartett in sonnigem Kontrapunkt

von Wolfgang Amadeus Mozart

Miniature portrait of Mozart, 1773
Mozart aged 17, miniature c. 1773 (attr. Knoller)

Mozarts Streichquartett Nr. 12 in B-Dur, K. 172 entstand im Spätsommer 1773 in Wien, als der Komponist gerade 17 Jahre alt war. Als eines der sechs sogenannten „Wiener Quartette“ (K. 168–173) zeigt es, wie schnell Mozart den neueren, stärker dialogischen Quartettstil aufnimmt, der mit Joseph Haydn verbunden wird – und dabei doch noch mit der federnden Selbstverständlichkeit eines jugendlichen Wunderkindes schreibt.

Hintergrund und Kontext

Mozarts Streichquartett Nr. 12 in B-Dur, K. 172 gehört zu einem kurzen, aber aufschlussreichen Moment des Jahres 1773: Mozart und Leopold waren in Wien, und Wolfgang hörte sehr genau hin, wie die Komponisten der Stadt mit der Gattung Streichquartett umgingen. Die sechs Quartette K. 168–173 werden weithin als die „Wiener Quartette“ zusammengefasst – in Wien im späteren Verlauf des Jahres 1773 komponiert und gegenüber Mozarts früheren, stärker divertimentohaften Mailänder Quartetten sowohl im Anspruch als auch in der viersätzigen Anlage deutlich abgesetzt [1].

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In groben Zügen ist K. 172 eine frühe Antwort auf eine Frage, die Mozart bis ans Ende seiner Laufbahn beschäftigen sollte: Wie lässt man vier Streicher wie vier Figuren in einem Gespräch klingen – statt wie eine führende erste Violine mit bloßer Begleitung? Das Quartett ist noch kein „Haydn“-Quartett im reifen, psychologisch aufgeladenen Sinn der 1780er Jahre, doch es ist bereits hellwach für Dialog, für Imitation und für das Vergnügen, jeder Stimme etwas Eigenes zu geben – zumal innerhalb des höfisch-eleganten Rahmens eines Werkes in B-Dur.

Entstehung und Widmung

Die Internationale Stiftung Mozarteum datiert K. 172 auf Wien, August–September 1773, und führt es als authentifiziertes Werk mit erhaltenem Autograf [2]. Die Besetzung entspricht dem Standard des Streichquartetts:

  • Streicher: 2 Violinen, Viola, Violoncello [2]

Zu Mozarts Lebzeiten wurde das Quartett nicht gedruckt. Die „Wiener Quartette“ scheinen überhaupt erst posthum erschienen zu sein; Wikipedia nennt eine Veröffentlichung durch Johann André im Jahr 1801 als Mozarts Op. 94 [1]. (Der IMSLP-Katalogeintrag zu K. 172 verortet die Erstausgabe ebenfalls um 1800, in Offenbach bei André.) [3]

Eine Widmung lässt sich mit K. 172 nicht zuverlässig verbinden; seine Bedeutung liegt vielmehr in dem, was es anzeigt: Mozart erprobt das Handwerk des Quartettkomponierens in derselben Stadt, in der er ein Jahrzehnt später seinen Quartettstil in den sechs Haydn gewidmeten Werken neu erfinden sollte.

Form und musikalischer Charakter

K. 172 folgt dem inzwischen etablierten viersätzigen Plan – schnell, langsam, Menuett, schnell –, den die gesamte Gruppe K. 168–173 teilt [1]. Die Sätze sind:

  • I. Allegro spiritoso [1]
  • II. Adagio (Es-Dur) [1]
  • III. Menuetto – Trio (Trio in g-Moll) [1]
  • IV. Allegro assai [1]

Wenn das eröffnende Allegro spiritoso ein selbstbewusstes, nach außen gerichtetes B-Dur ausstrahlt, schafft der Wechsel des Adagio nach Es-Dur (in die Subdominante) einen wärmeren, weiter atmenden Raum des Gesangs – eine Tonartenwahl, die in ihrer Unangestrengtheit und Weite bereits sehr „wienerisch“ wirkt. Das Finale, Allegro assai, hält das Werk in Bewegung: flink, klar konturiert und auf jene prägnante, ensemblefreundliche Brillanz hin angelegt, von der Mozart wusste, dass sie in einem Salon oder höfischen Rahmen unmittelbar zündet.

Was K. 172 innerhalb dieser Gruppe von 1773 besonders hervorhebt, ist die Art, wie Mozart beginnt, innerhalb eines gesellschaftlichen Tanztyps kontrapunktisch zu denken. Eine spätere Übersicht zu Mozarts Kammermusik hält fest, dass er im B-Dur-Quartett die „kanonische Imitation“ besonders weit treibt – vor allem im Menuett; ein frühes Zeichen für die Freude des Komponisten an gelehrten Verfahren, die er mit lächelnder Leichtigkeit einsetzt [4]. Die Wirkung ist kein akademischer Selbstzweck; vielmehr lässt sie das Menuett wie ein vielschichtiges Gespräch erscheinen, in dem die Stimmen einander verfolgen, antworten und sich überlagern – eine Vorahnung im Kleinen jener stärker integrierten Satzweise, die Mozart später in den „Haydn“-Quartetten erreichen sollte.

Rezeption und Nachwirkung

Da K. 172 und die begleitenden Quartette erst nach Mozarts Tod gedruckt wurden, prägten sie seinen öffentlichen Ruf nicht in dem Maß wie die späteren Quartette; ihre Wirkung war stiller und lebte vor allem im Repertoire von Ensembles weiter, die sich für Mozarts Lehrjahre im Wiener Quartettstil interessieren [1]. Doch gerade diese Bescheidenheit gehört zu ihrem Reiz. Im Vergleich zu den Mailänder Quartetten (K. 155–160) und dann dem großen Sprung zu K. 387–465 fungiert K. 172 als deutliches „Mittelstück“: Mozart entdeckt, wie vier gleichberechtigte Instrumente Drama durch Textur, Imitation und Spannungsverlauf erzeugen können – nicht bloß durch Glanz.

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Für Hörerinnen, Hörer und Ausführende heute lohnt sich K. 172 als lebendiges Momentbild des Jahres 1773: Mozart mit 17, der Technik bereits in Charme verwandelt und anfängt, das Quartett nicht als höfliche Hintergrundmusik zu behandeln, sondern als ein kleines Theater musikalischer Persönlichkeiten.

[1] Wikipedia — overview of the “Viennese Quartets” K. 168–173 (Vienna, late 1773), publication notes, and movement list for K. 172.

[2] International Mozarteum Foundation (Köchel Catalogue, KV) — K. 172 work entry with dating (Vienna, 08–09/1773) and instrumentation.

[3] IMSLP — K. 172 general information (key, movements, year/date and place, instrumentation, first publication information).

[4] Christer Malmberg summarizing Zaslaw’s chamber-music catalogue (“The Compleat Mozart”) — note on canonic imitation in the minuet of K. 172.