6 Menuette in D-Dur, K. 164 (1772)
par Wolfgang Amadeus Mozart

Mozarts 6 Menuette in D-Dur, K. 164 (K⁶ 130a) bilden ein kompaktes Salzburger Tanz-Set vom Juni 1772, entstanden, als der Komponist sechzehn Jahre alt war. In den Dimensionen bescheiden, im orchestralen Kolorit jedoch lebendig, zeigen diese Menuette, wie Mozart lernte, für reale höfische und bürgerliche Anlässe zu schreiben – Situationen, in denen Eleganz, Klarheit und unmittelbare Wirkung ebenso zählten wie Erfindung.
Hintergrund und Kontext
1772 war Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791) wieder in Salzburg, eingebunden in den musikalischen Betrieb des Fürsterzbischofs und mit einem kontinuierlichen Strom funktionaler Werke beschäftigt – Kirchenmusik, Sinfonien, Serenaden und nicht zuletzt Tänze. Das Menuett war keineswegs nur ein stilisiertes Überbleibsel des Ballsaals: In Salzburg gehörte es zur gelebten Klangwelt sozialer Zeremonien, öffentlicher Festlichkeiten und höfischer Unterhaltung – und wurde oft in Reihen gespielt, nicht als vereinzeltes Konzertstück.
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Die 6 Menuette, K. 164 stehen ganz in dieser Praxis. Man hört sie am treffendsten nicht als „Miniatursinfonien“, sondern als Musik, die sofort zünden soll: mit markanten rhythmischen Profilen für die Tanzenden, klarer Phrasierung für ein Publikum in Bewegung und leuchtender Instrumentation, die im Freien oder in halligen Sälen trägt. Für heutige Hörer liegt ihr Reiz gerade in dieser Verbindung von Zweck und Kunstfertigkeit – in Mozarts früher Fähigkeit, Konvention in Charakter zu verwandeln.
Entstehung und Uraufführung
Mozart datierte das Set in Salzburg auf Juni 1772; der Autographentitel (auf Italienisch) nennt ausdrücklich Stadt und Monat – eine ungewöhnlich konkrete Verankerung für ein kleines Gelegenheitswerk.[2] Die sechs Menuette sind sicher als K. 164 (K⁹) katalogisiert und waren auch unter der älteren Nummer K⁶ 130a bekannt.[1]
Ein konkretes Datum oder ein Aufführungsort der Erstaufführung ist nicht so dokumentiert, wie es bei manchen Salzburger Serenaden möglich ist. Das ist typisch für Tanzsammlungen: Sie wurden geschrieben, um genutzt zu werden, nicht um „enthüllt“ zu werden. Die überlieferte Quellenlage weist jedoch auf eine praktische Verbreitung hin. Teile des Autographs sind seit Langem auf bedeutende Sammlungen verstreut (unter anderem die Library of Congress für die Menuette Nr. 1–2) – ein Hinweis darauf, dass selbst solche schlichte Tanzmusik als Mozart-Handschrift geschätzt wurde.[2]
Instrumentation
Die Quellen geben das Werk als orchestrales Tanz-Set mit folgender (üblich überlieferter) Besetzung an:[1]
- Holzbläser: 1 Flöte, 2 Oboen
- Blechbläser: 2 Trompeten (oder 2 Hörner, je nach Quelle/Anlass)
- Streicher: 2 Violinen, Bass
Zwei Punkte sind dabei besonders bemerkenswert. Erstens sind die Bläser nicht bloß „Verdopplung“ der Streicher: In der Salzburger Tanzmusik trugen Oboen sowie Trompeten- bzw. Hornstimmen dazu bei, den Puls zu projizieren und die Textur aufzuhellen – gerade in größeren Räumen oder im Freien. Zweitens erinnert die Option „2 Trompeten (oder 2 Hörner)“ daran, dass lokale Kräfte und konkrete Umstände mitbestimmten, wie solche Tänze tatsächlich klangen. Auch wenn das musikalische Material knapp ist, verweist die Besetzung auf eine flexible, anlassbezogene Aufführungspraxis.
Form und musikalischer Charakter
Jedes Menuett ist mit einem Trio gekoppelt und folgt damit dem gängigen spätbarock/frühklassischen Tanzschema (Menuett–Trio–Menuett da capo). So entstehen zwölf kurze Abschnitte: sechs nach außen gerichtete Menuette, die meist klare Kadenzen und eine kräftige rhythmische Interpunktion betonen, und sechs Trios, die häufig ausdünnen oder weicher werden und vor der Rückkehr einen Kontrast anbieten.
Als Zyklus gehört, zeigt K. 164 Mozarts frühe Begabung zur Differenzierung von Charakteren innerhalb enger Grenzen. Statt Themen sinfonisch „zu entwickeln“, variiert er:
- Rhythmus und Akzent: kleine Verschiebungen in den Auftakten, hemiolenartige Betonungen oder flüssig wiederholte Figuren lassen ein Menuett feierlich wirken und ein anderes eher spielerisch.
- Orchestralen Glanz: D-Dur begünstigt von Natur aus helle Klangfarben; mit Oboen und Blech kann Mozart mit wenigen prägnanten Gesten den Eindruck festlicher Musik im Freien evozieren.
- Phrasenbalance: die typische Vier- und Acht-Takt-Phrasierung ist vorhanden, doch Mozarts Gespür für Kadenz-Timing (wie schnell eine Phrase „ankommt“ und wie sie wiederholt oder beantwortet wird) wirkt bereits zielgerichtet.
Für Hörer, die an Mozarts spätere Wiener Menuette gewöhnt sind – wo der Tanz zum Vehikel für Witz, chromatische Überraschungen und bisweilen regelrechtes Drama wird –, kann K. 164 schlicht erscheinen. Doch genau diese Schlichtheit ist hier der Kern: Sie zeigt Mozart beim Erlernen der sozialen Grammatik des Tanzes und beim Finden von Vielfalt, ohne die Funktion zu überfrachten.
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Rezeption und Nachwirkung
Die 6 Menuette, K. 164 gehören nicht zu Mozarts Repertoire-Dauerbrennern – vor allem, weil Tanz-Sets dieser Art für konkrete Kontexte gedacht waren und nicht recht in das Konzertnarrativ des 19. Jahrhunderts vom „Meisterwerk“ passen. Dennoch führen sie ein stilles modernes Leben in Einspielungen von Mozarts Salzburger Orchesterwerken und in Editionen wie der Neuen Mozart-Ausgabe (die K. 164 unter den frühen Orchestertänzen aufführt).[1]
Ihr heutiger Wert ist zweifach. Historisch dokumentieren sie den sechzehnjährigen Mozart, der für Salzburgs praktische Musikwirtschaft schreibt: Musik, die gespielt, wiederholt und sofort genossen werden soll. Musikalisch zeigen sie, wie viel Persönlichkeit Mozart in einer eng umrissenen Form anzudeuten vermag – wie ein Menuett zugleich gesellschaftlicher Gebrauch und ein kleines kompositorisches Statement sein kann. Für Ausführende bieten sie prägnante, dankbare Stimmen und Gelegenheit, Artikulation und Balance der Klassik auszuloten; für Hörende öffnen sie ein Fenster auf Mozarts Alltagsklassizismus, in dem Eleganz keine „nebensächliche“ Tugend ist, sondern das zentrale Handwerk.
[1] IMSLP — work page for *6 Minuets, K. 164/130a*, including composition year, movement list, and commonly cited instrumentation; also points to NMA score scans.
[2] Sotheby’s catalogue note (2019) describing the autograph leaf for Minuets 5–6, and summarizing the complete autograph’s distribution (Library of Congress: Minuets 1–2; Vienna collections: Minuets 3–4) and Mozart’s dated Salzburg June 1772 title inscription.







