K. 107

3 Klavierkonzerte nach J. C. Bach (K. 107)

av Wolfgang Amadeus Mozart

Miniature portrait of Mozart, 1773
Mozart aged 17, miniature c. 1773 (attr. Knoller)

Mozarts 3 Klavierkonzerte nach J.C. Bach (K. 107/1–3) sind Salzburger Bearbeitungen aus dem Jahr 1772: Der 16-Jährige richtete drei Werke für Tasteninstrument und Streicher von Johann Christian Bach (Op. 5, Nr. 2–4) als Konzerte ein. Häufig als Randkuriositäten neben dem „eigentlichen“ Klavierkonzert-Zyklus betrachtet, eröffnen sie einen besonders klaren Blick auf Mozarts prägende Auseinandersetzung mit dem galanten Konzertstil – und auf jene praktische, anpassungsfähige Musizierkunst, die man in den 1770er-Jahren von einem jungen Berufsmusiker erwartete.

Hintergrund und Kontext

In Mozarts frühen Jahren waren „Komponieren“ und „Aneignen“ eng miteinander verflochten. Der jugendliche Komponist – zurück in Salzburg nach den publikumswirksamen Tourneen der 1760er und frühen 1770er Jahre – sollte Musik für das Musizieren im Haus, höfische Unterhaltung und die vielfältigen Anforderungen seiner Auftraggeber liefern. Bewunderte Werke in neue, vor Ort brauchbare Formen zu übertragen, gehörte zu diesem Handwerk.

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Die Vorlage für K. 107 ist dabei aufschlussreich. Johann Christian Bach (1735–1782), der sogenannte „London Bach“, zählte zu den einflussreichsten Komponisten, denen der junge Mozart begegnete, und sein souveräner, melodisch großzügiger galant-Stil prägte Mozarts eigene Art des Schreibens fürs Tasteninstrument mit. In K. 107 versucht Mozart nicht, Bach zu übertrumpfen; vielmehr lernt er öffentlich – er verwandelt vorhandene Stücke in Konzerte, die in Salzburg von einem versierten Tasteninstrumentalisten mit einer bescheiden besetzten Streichergruppe gespielt werden konnten. Moderne Forschung und Editionen beschreiben K. 107 durchweg als Bearbeitungen von J. C. Bachs Op. 5 Nr. 2–4, nicht als gänzlich originale Konzerte im späteren Wiener Sinn.[1][2]

Entstehung und Uraufführung

K. 107 umfasst drei eigenständige Konzerte (K. 107/1–3), die jeweils aus einem Werk von J. C. Bachs Op. 5 hervorgehen: Nr. 2 (D-Dur), Nr. 3 (G-Dur) und Nr. 4 (E♭-Dur).[3] Im Allgemeinen werden sie nach Salzburg ins Jahr 1772 datiert – passend zu Mozarts Lebensumständen und den Katalogdaten, auf die sich viele Nachschlagewerke stützen.[4]

Anders als bei Mozarts reifen Klavierkonzerten (für öffentliche Subskriptionskonzerte geschrieben und mit gut dokumentierten Anlässen) sind die ersten Aufführungen von K. 107 nicht sicher überliefert. Klar ist jedoch ihre Funktion: Es handelt sich um praxisnahe Konzertstücke für Tasteninstrument und Streicher, verwurzelt in einem Idiom, das Mozart von Bach übernommen und nun für seine eigenen Salzburger Verhältnisse nutzbar gemacht hat.

Besetzung

Da K. 107 von Tastenwerken J. C. Bachs ausgeht, sind die Orchesterkräfte bewusst schlank gehalten. Die entstehende Textur erinnert oft an Kammermusik mit solistischem Tasteninstrument – ein Grund, warum diese Konzerte selbst im modernen Saal intim wirken können.

  • Solo: Tasteninstrument (clavicembalo – ein zeitgenössischer Begriff, der Cembalo und, in der Aufführungspraxis der 1770er Jahre zunehmend, das frühe Fortepiano meinen kann)
  • Streicher: 2 Violinen, Viola, Violoncello/Kontrabass (Basslinie)

Diese Grundbesetzung spiegelt sich sowohl in der heutigen wissenschaftlichen Diskussion als auch in gängigen Aufführungsmaterialien.[5]

Form und musikalischer Charakter

Die besondere Faszination von K. 107 liegt im Kontrast zwischen „entlehnter“ thematischer Substanz und Mozarts sich abzeichnendem Konzertdenken. Jedes Werk bleibt Bachs Material und Proportionen eng verbunden; doch schon der Vorgang, ein Tastenstück in ein Konzert zu verwandeln, verändert zwangsläufig das musikalische Verhalten: Phrasen werden dialogischer, Kadenzen gewinnen rhetorisches Gewicht, und die Passagenarbeit des Tasteninstruments wirkt anders, wenn sie von einem tragenden Streicherklang gerahmt wird.

Hilfreich ist es, K. 107 nicht als Vorstufe zu Mozarts späterem Konzertstil zu hören, sondern als Studie galanter Eleganz – Musik, die auf Klarheit, ausgewogene Phrasierung und rasche Affektwechsel setzt.

Konzert nach J. C. Bach Nr. 1 (D-Dur), K. 107/1

Dieses Konzert übernimmt Bachs helles D-Dur-Klangbild – für den Streicherklang eine dankbare Tonart. Die Brillanz der Ecksätze beruht weniger auf symphonischer Wucht als auf Artikulation und Timing: spritzige Figurationen für den Solisten, federnde Begleitformeln in den Violinen und Kadenzen, die wie gut gesetzte Wendungen eines Gesprächs wirken.

Konzert nach J. C. Bach Nr. 2 (G-Dur), K. 107/2

Das G-Dur-Konzert wird von Hörern oft wegen seiner lyrischen Unangestrengtheit hervorgehoben. Indem Mozart die Vorlage zum Konzert umformt, kann er den Gegensatz von Solo und Tutti selbst mit minimalen Mitteln schärfen – mitunter durch einfache Umverteilung (die Streicher „halten den Raum“, während das Tasteninstrument verziert), mitunter dadurch, dass er eine Passage in einen Miniaturdialog verwandelt.

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Konzert nach J. C. Bach Nr. 3 (E♭-Dur), K. 107/3

E♭-Dur, in Mozarts späterem Konzertschaffen so wichtig, trägt hier bereits eine wärmere, rundere Orchesterfarbe in sich. Der Streicherpart kann besonders „vokal“ klingen, während das Tasteninstrument zugleich Protagonist und Begleiter ist – eine Vorahnung im Keim dessen, was Mozart später an Konzertlyrik in Werken wie dem E♭-Dur-Klavierkonzert Nr. 9, K. 271, vertiefen sollte.

Rezeption und Nachwirkung

K. 107 stand lange in einer etwas unbequemen Zwischenposition: zu sehr „Mozart“, um es beiseitezuschieben, und doch nicht „mozartisch“ in dem Sinn, den das Publikum oft meint – weil die musikalischen Einfälle von J. C. Bach stammen. Gerade diese Ambivalenz macht den Zyklus hörenswert. Diese Konzerte dokumentieren Mozarts Hör- und Lernprozess: wie ein 16-jähriger Berufsmusiker einen führenden internationalen Stil aufnahm und für lokale Bedürfnisse umzusetzen lernte.

Sie beleuchten zugleich eine allgemeinere Wahrheit des 18. Jahrhunderts: Das Konzert war nicht nur ein Monument für den öffentlichen Konzertsaal, sondern eine flexible Gattung – fähig zu kammermusikalischen Dimensionen und fähig, aus früherem Tastenrepertoire neu geformt zu werden. Auf Cembalo oder Fortepiano mit kleiner Streichergruppe gespielt, kann K. 107 ein idealer Einstieg in Mozarts Vor-Wiener Konzertwelt sein, in der Stil, Pädagogik und praktisches Musizieren zusammenkommen.

Zusammengefasst ist K. 107 weniger eine Folge „kleiner“ Konzerte als eine Reihe aufschlussreicher Dokumente: Mozart zeigt 1772 in Salzburg, wie sich der London Bach in ein Konzertidiom übertragen lässt – und legt dabei still das Fundament für die erstaunliche Originalität der Klavierkonzerte, die folgen sollten.[5]

1 IMSLP-Werkseite: „3 Piano Concertos after J.C. Bach, K.107“ (enthält Angaben zur NMA-Reihe und Links zu Partituren). https://imslp.org/wiki/3_Piano_Concertos_after_J.C._Bach%2C_K.107_%28Mozart%2C_Wolfgang_Amadeus%29 2 Wikipedia-Übersichtsseite, die K. 107 als drei Bearbeitungen nach J. C. Bach (Op. 5 Nr. 2–4) innerhalb von Mozarts Klavierkonzertschaffen aufführt. https://en.wikipedia.org/wiki/Piano_concertos_by_Wolfgang_Amadeus_Mozart 3 Wikipedia-Artikel: „Piano Concertos K. 107 (Mozart)“ (Tonarten und Zuordnung der Quellen aus J. C. Bachs Op. 5). https://en.wikipedia.org/wiki/Piano_Concertos_K._107_%28Mozart%29 4 Katalogeintrag der Fundación Mozarteum del Uruguay, der K. 107 als „3 Concertos for Piano after J.C. Bach“ nennt und auf 1772 in Salzburg datiert. https://www.mozarteumuruguay.org/71-75.php 5 Artikel in Early Music Review, der K. 107 als Bearbeitungen (Datierung 1771/72) behandelt und den zeitgenössischen Begriff „per il Clavicembalo“ im Zusammenhang mit diesen Konzerten erwähnt. https://earlymusicreview.com/mozart-piano-concertos-4/