K. 700

„Giunse il momento alfine“ – „Non tardar, amato bene“ (Fragment), K. 700 (F-Dur)

de Wolfgang Amadeus Mozart

Unfinished portrait of Mozart by Lange, 1782-83
Mozart, unfinished portrait by Joseph Lange, c. 1782–83

Mozarts Fragment „Giunse il momento alfine“ – „Non tardar, amato bene“ (K. 700) ist eine verworfene frühe Arbeitsstufe jenes accompagnato-Rezitativs und Rondos, das später zu Susannas Szene im IV. Akt „Giunse alfin il momento – Deh vieni, non tardar“ in Le nozze di Figaro, K. 492, wurde. In F-Dur notiert und meist auf 1785–86 datiert, ist es nur in unvollständiger Gestalt überliefert – und eröffnet dennoch einen seltenen, konkreten Einblick in Mozarts Werkstatt, genau in dem Moment, als er eine der berühmtesten nächtlichen Liebesszenen der Operngeschichte formte.[1]

Handschrift und Entdeckung

K. 700 ist nicht als eine einzige vollständige autographierte Partitur erhalten, sondern in Form überlieferter Blätter, die mit Mozarts Ausarbeitung von Susannas Szene im IV. Akt von Le nozze di Figaro verbunden sind. Das Köchel-Verzeichnis (Digital Mozart Edition / Stiftung Mozarteum) beschreibt das Werk als ein authentisches, erhaltenes, aber unvollendetes Fragment und vermerkt eine Autograph-Quelle aus dem Jahr 1786, bestehend aus einem Blatt (zwei beschriebenen Seiten).[1]

Der Kritische Bericht der Neuen Mozart-Ausgabe (NMA) macht deutlich, wie verstreut und komplex die Überlieferung ist: Material zu dieser frühen Fassung (mit dem Text „Giunse il momento alfine“ / „Non tardar, amato bene“) existierte mindestens in zwei Teilen in Privatbesitz (deutsch und amerikanisch) und wird als Entwurf derselben „frühen Version“ von Nr. 28 (dem Rezitativ und der Arie im IV. Akt der fertigen Oper) beschrieben.[2] Mit anderen Worten: Was wir „K. 700“ nennen, ist weniger eine aufführbare „Alternativnummer“ als vielmehr eine dokumentarische Spur eines noch laufenden Kompositionsprozesses.

Datierung und Kontext

Der KV-Eintrag der Stiftung Mozarteum datiert K. 700 auf Wien, 1785–1786 und verknüpft das Fragment ausdrücklich mit Figaro (K. 492) als Stück für diese Oper.[1] Diese Chronologie verortet die Skizze in Mozarts dichtester Phase italienischer Opernarbeit in Wien – in der er nicht nur Da Pontes Text vertonte, sondern die Charakterzeichnung durch musikalische Psychologie verfeinerte.

Die fertige Szene im IV. Akt ist zentral für dieses psychologische Balancekunststück: Susanna singt, als spräche sie ihren Geliebten an, doch sie weiß, dass noch ein anderer Zuhörer anwesend und getäuscht ist. Schon in der endgültigen Version ist diese doppelte Perspektive – die inszenierte „pastorale“ Oberfläche mit einem Unterstrom theatraler Klugheit – ein Grund dafür, warum die Szene eine so eigentümliche dramatische Spannung besitzt.[3] K. 700 ist wichtig, weil es Forschenden (und neugierigen Interpret:innen) erlaubt zu beobachten, wie Mozart nach dem richtigen Ton suchte, bevor er zum endgültigen, allgemein vertrauten musikalischen Profil gelangte.

Musikalischer Gehalt

Das Erhaltene ist kurz und unvollständig, doch die Quellen identifizieren das Fragment als Scena mit accompagnato-Rezitativ und einem Rondo (Scena con Rondò); der KV-Eintrag nennt als Tonart F-Dur.[1] Der Kritische Bericht der NMA bezeichnet das Stück ebenfalls ausdrücklich als Entwurf des Rezitativs „Giunse il momento alfine“ und der Arie „Non tardar, amato bene“.[2]

Obwohl das Fragment zu kurz ist, um weitreichende Aussagen über großformale Anlage zu stützen, liegt seine Bedeutung anderswo: Es zeigt, wie Mozart die Nummer als konzertartige Scena (Rezitativ + geschlossene Arie) behandelt – und das innerhalb eines Opernakts. Dieser hybride Zugriff – Opernsituation, Verfeinerung einer Konzertarie – hilft zu erklären, warum Susannas Schlussszene zugleich intim, souverän und formal „in sich geschlossen“ wirkt. In K. 700 kann man Mozart dabei „erwischen“, wie er erprobt, wie viel lyrisches „Zurschaustellen“ der Moment erträgt, bevor das Drama von glaubhafter nächtlicher Improvisation ins offen Virtuose kippt.

Verhältnis zu den umgebenden Werken

K. 700 steht in direkter genetischer Beziehung zum vollendeten Rezitativ und zur Arie des IV. Akts, „Giunse alfin il momento – Deh vieni, non tardar“ (K. 492/31 in vielen modernen Zählungen).[1] Die fertige Szene ist das Ergebnis einer langen Kette von Revisionen und Alternativen in der späten Entstehungsphase von Figaro; der kritische Apparat der NMA dokumentiert mehrere Skizzen- und Entwurfsschichten rund um Nr. 28 und die benachbarten Nummern.[2]

Vor dem Hintergrund von Mozarts Gesamtproduktion des Jahres 1786 zeigt das Fragment zudem etwas Typisches für seine reife Opernmethode: Er war bereit, brauchbare Musik zu verwerfen, wenn sie nicht exakt die richtige dramatische „Temperatur“ erzeugte. Für heutige Hörer:innen verdient K. 700 Aufmerksamkeit nicht als verlorenes Meisterwerk, das man „rekonstruieren“ müsse, sondern als selten erhaltene Spur von Mozarts Entscheidungsfindung – als Beleg dafür, dass Susannas endgültige Szene nicht zwangsläufig war, sondern am Schreibtisch aus echten kompositorischen Alternativen heraus ausgewählt wurde.

[1] International Mozarteum Foundation / Köchel Verzeichnis entry for KV 700 (work description, dating, key, source notes, NMA references)

[2] Neue Mozart-Ausgabe (Digital Mozart Edition), Kritischer Bericht for *Le nozze di Figaro* (NMA II/5/16): source descriptions for early versions and sketches related to No. 28, including “Giunse il momento alfine” / “Non tardar, amato bene”

[3] Mary Hunter, *Understanding the Women of Mozart’s Operas* (University of California Press): discussion of Susanna’s Act IV “Deh vieni, non tardar” scene and its dramatic function