Flötenquartett Nr. 3 in C-Dur, K. 285b (Anh. 171)
par Wolfgang Amadeus Mozart

Mozarts Flötenquartett Nr. 3 in C-Dur (K. 285b, auch als K. Anh. 171 verzeichnet) nimmt innerhalb seiner Kammermusik eine eigentümliche Stellung ein: nach außen ein leichtes, salonfreundliches Flötenquartett, zugleich aber getragen von ungewöhnlich durchdachter Formgestaltung und einem groß angelegten Variationssatz. Oft vom häufiger gespielten D-Dur-Quartett (K. 285) überschattet, lohnt es die Aufmerksamkeit dafür, wie es konzertante Brillanz mit einem unverkennbar wienerischen Sinn für instrumentalen Dialog ausbalanciert.
Hintergrund und Kontext
Als Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791) sich ernsthaft dem Flötenquartett—Flöte mit Violine, Viola und Violoncello—zuwandte, nahm er eine modische Hybridform des späten 18. Jahrhunderts auf: im Kern ein Streichquartett, dessen Oberstimme durch einen Bläsersolisten „eingefärbt“ (und häufig virtuos aufgeladen) wird. Der Eintrag im Köchel-Verzeichnis zu K. 285b bestätigt die Besetzung in knapper Form (fl, vl, vla, vlc) und ordnet das Werk Mozarts „Quartetten mit einem Blasinstrument“ zu—einem Feld, in dem er gesprächige kammermusikalische Schreibweise mit den solistischen Gewohnheiten des Konzerts verbinden konnte [1].
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K. 285b wird gewöhnlich zusammen mit Mozarts früheren Flötenquartetten K. 285 (D-Dur) und K. 285a (G-Dur) genannt, Werken, die mit dem Auftrag zusammenhängen, den Mozart in Mannheim vom niederländischen Amateurflötisten Ferdinand Dejean (oft auch De Jean geschrieben) erhielt [2]. Zugleich ist K. 285b das „Sorgenkind“ der Gruppe: Wissenschaftler und Interpreten weisen seit Langem auf die komplizierte Entstehung und auf die Mischung von Materialien hin, die unterschiedlichen Phasen von Mozarts Entwicklung anzugehören scheinen.
Komposition und Widmung
Schon die Katalogisierung deutet auf Unsicherheit hin. Neben der modernen Bezeichnung K. 285b führt das Köchel-Verzeichnis der Mozarteum-Stiftung die ältere „Anhang“-Nummer K. Anh. 171 und bewahrt sogar eine autographe Skizze (Takte 149–158 des ersten Satzes)—ein Hinweis darauf, dass Mozart zumindest unmittelbar an der musikalischen Substanz des Stücks gearbeitet hat [1].
Ältere Traditionen datieren das Quartett bisweilen auf 1778, und häufig wird es im Zusammenhang mit dem Mannheimer Auftrag diskutiert. Moderne Referenzdarstellungen argumentieren jedoch oft, dass K. 285b in der heute bekannten Gestalt später vollendet wurde—gewöhnlich um 1781–1782 angesetzt—trotz seiner Platzierung neben K. 285 und K. 285a im Köchel-Katalog [3]. Das Naxos-Booklet zu einem vollständigen Flötenquartett-Zyklus behandelt K. 285b ebenfalls als zunächst fragmentarisch und erst 1781 abgeschlossen, als Mozart bereits in Wien etabliert war und an Die Entführung aus dem Serail (K. 384) arbeitete [2].
Wie bei den früheren Flötenquartetten gilt als Widmungsträger meist Dejean, doch angesichts der ungleichmäßigen Überlieferung und der unsicheren Datierung ist Vorsicht geboten, sich für K. 285b einen einzigen, geradlinigen „Anlass“ vorzustellen.
Form und musikalischer Charakter
Besetzung
- Bläser: Flöte
- Streicher: Violine, Viola, Violoncello [1]
K. 285b ist innerhalb von Mozarts Flötenquartetten dadurch besonders, dass es zweisätzig ist—eine Anlage, die es sofort vom dreisätzigen K. 285 (mit seinem berühmten Adagio) und vom späteren dreisätzigen K. 298 abhebt [2].
Sätze
- I. Allegro (C-Dur; Sonatenhauptsatzform)
- II. Andantino — Thema und Variationen [3]
I. Allegro
Das eröffnende Allegro wirkt wie ein komprimierter erster Konzertsatz, in kammermusikalische Proportionen übertragen: Die Flöte steht oft im Vordergrund, doch die Streicher sind keineswegs bloße Begleitung. Besonders fesselnd ist Mozarts Neigung, das thematische Interesse durch das Ensemble „rotieren“ zu lassen—Violine und Viola werden in einen echten motivischen Austausch einbezogen, statt nur harmonisch aufzufüllen. Die von der Mozarteum-Stiftung verzeichnete erhaltene Skizze unterstreicht, dass Mozart Details im Inneren des Satzes durchgearbeitet hat, anstatt lediglich ein fertiges Modell abzuschreiben oder zu arrangieren [1].
II. Andantino — Thema und Variationen
Der zweite Satz ist das Gravitationszentrum des Quartetts: eine weit gespannte Folge von Thema und Variationen, die das Ensemble in eine kleine Bühne für wechselnde Charaktere verwandelt. Zu den reizvollsten Zügen gehört die Verteilung des Rampenlichts—die Variationen können wie eine Abfolge kammermusikalischer „Arien“ wirken, in denen jedes Instrument der Reihe nach expressiv hervortritt. In der Naxos-Besprechung wird dieser Satz als eine Folge beschrieben, die für jedes Instrument eine solistische Variation bietet, gefolgt von einer verträumten langsamen Variation und einem Schluss, der in Richtung eines menuettartigen, scherzohaft gefärbten Charakters abbiegt [2].
Dieser Satz zeigt zudem Mozarts praktische Gewohnheit des Wiederverwendens und Transformierens. Oft wird behauptet, die Andantino-Variationen griffen auf Musik zurück, die später mit der Serenade Nr. 10 („Gran Partita“), K. 361, in Verbindung steht—ein Hinweis darauf, dass Mozart kammermusikalische Gattungen als Experimentierfeld für Ideen behandelte, die in größere Formen wandern konnten [3]. Selbst wenn man die heiklen Details von Übernahme und Chronologie ausklammert, ist das hörbare Ergebnis eindeutig: K. 285b ist nicht bloß „angenehme Hintergrundmusik“, sondern ein Versuch, wie die Variationsform einen langen Bogen aus Kontrast und Wiederkehr tragen kann.
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Rezeption und Nachwirkung
K. 285b hat nie das allgegenwärtige Konzertleben von Mozarts späten Streichquartetten oder Klavierkonzerten erreicht, nicht zuletzt, weil Autorschaft und Vollendungsgeschichte eine Präsentation weniger unkompliziert machen als beim souverän abgeschlossenen K. 285. In der heutigen Aufführungspraxis ist es jedoch zu einem wichtigen Bestandteil des klassischen Kernrepertoires für Flötenquartett geworden—geschätzt wegen seiner idiomatischen Flötenschreibweise, seines ausgewogenen kammermusikalischen Satzes und seines ungewöhnlich ausgreifenden Variationsfinales.
Im weiteren Blick auf Mozarts Schaffen verdient K. 285b gerade deshalb Beachtung, weil es zwischen Welten steht: Es blickt zurück auf den „gesellschaftlichen“ Kammermusikmarkt, der leichte, brillante Flötenstücke willkommen hieß, und weist zugleich in seiner sorgfältigen motivischen Arbeit und in der fantasievollen Dramaturgie der Variationen auf Mozarts wienerische Reife voraus. Kurz: ein Werk im kleinen Format mit handwerklicher Größe—das zeigt, wie viel kompositorischen Ernst Mozart in eine scheinbar bescheidene Gattung zu legen vermochte.
[1] International Mozarteum Foundation, Köchel-Verzeichnis entry for KV 285b/01 (K. Anh. 171): key, instrumentation, publications, and reference to an autographic sketch.
[2] Naxos Music Library booklet (Brilliant Classics BC96863 PDF): discussion of the flute quartets’ Mannheim commission context and notes that K. 285b was fragmentary and completed in 1781; includes movement timings and overview of the variation movement.
[3] Wikipedia: Flute Quartet No. 3 (Mozart), K. Anh. 171/285b — overview, two-movement structure, and commonly cited later dating (c. 1781–82) plus remarks on the variation movement’s connections to other Mozart works.








