K. 617

Adagio und Rondo in c-Moll für Glasharmonika, Flöte, Oboe, Viola und Violoncello (K. 617)

沃尔夫冈·阿马德乌斯·莫扎特

Silverpoint drawing of Mozart by Dora Stock, 1789
Mozart, silverpoint by Dora Stock, 1789 — last authenticated portrait

Mozarts Adagio und Rondo (K. 617), am 23. Mai 1791 in Wien vollendet, zählt zu seinen unheimlich eindringlichen späten Kammerwerken – und zu den prägenden Stücken des Repertoires für Glasharmonika. Für Glasharmonika (armonica) mit Flöte, Oboe, Viola und Violoncello gesetzt, verwandelt es ein Instrument, das man mit schimmernder Neuartigkeit verband, in die Stimme echten opernhaften Pathos in c-Moll.

Hintergrund und Kontext

1791 – in seinem letzten Lebensjahr – bewegte sich Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791) zwischen öffentlichen Verpflichtungen und privater Intensität: die großen Bühnenprojekte (La clemenza di Tito, Die Zauberflöte), das unvollendete Requiem und ein stetiger Strom von Gelegenheitsaufträgen. K. 617 gehört zu diesem späten Wiener Mosaik, steht aber doch etwas für sich. Statt für das Salonklavier oder das modische Streichquartett zu schreiben, komponierte Mozart für die Glasharmonika (auch armonica genannt), deren weicher, silbriger Klang im Hörhorizont des späten 18. Jahrhunderts zugleich Faszination und einen Anflug des Unheimlichen trug.[3]

Beachtung verdient das Werk nicht zuletzt, weil Mozart eine „exotische“ Klangfarbe mit völliger Ernsthaftigkeit behandelt. Die Glasharmonika ist kein Gimmick; vielmehr rückt sie ins expressive Zentrum und spinnt getragenen, stimmähnlichen Linien nach, die an Mozarts innerlichste Opernszenen denken lassen. Selbst in einer bescheidenen Kammerbesetzung entfaltet das Stück konzentriertes Drama: ein eröffnendes Adagio in c-Moll, gefolgt von einem Rondo, das nach C-Dur wendet – der Schatten weicht, nicht einem Triumph, sondern einer gefassten, leuchtenden Ruhe.[1]

Komposition und Widmung

Mozart vollendete Adagio und Rondo am 23. Mai 1791, wie er in seinem eigenen thematischen Verzeichnis festhielt.[2] Es entstand in Wien für die berühmte blinde Glasharmonika-Virtuosin Marianne Kirchgessner (1769–1808), die in jenem Sommer durch die Stadt tourte.[4]

Die Standardbesetzung ist:

  • Glasharmonika (armonica): Solo-/führende Stimme
  • Bläser: Flöte, Oboe
  • Streicher: Viola, Violoncello

Kirchgessner führte Mozarts neu komponiertes Werk im August 1791 in Wien auf (dokumentiert im Rahmen ihrer Konzerttätigkeit in der Stadt).[4] Wie mehrere Stücke, die in Mozarts letzten Jahren mit bestimmten Interpreten verbunden sind, ist K. 617 zugleich maßgeschneidert und experimentierfreudig: Es nutzt die Fähigkeit einer Spezialistin zu getragenem Ton und feiner Artikulation aus und erprobt zugleich, wie dieser Klang mit dem markanten Rohrblatt der Oboe, dem atmenden Schimmer der Flöte und dem dunklen Samt von Viola und Violoncello ins Gespräch treten kann.

Form und musikalischer Charakter

K. 617 besteht aus zwei miteinander verbundenen Teilen:

  • I. Adagio (c-Moll)
  • II. Rondo (C-Dur)[1]

Das Adagio etabliert sofort die unverwechselbare emotionale Atmosphäre des Werks. c-Moll – bei Mozart eine Tonart höchster Ernsthaftigkeit und kontrollierter Erregung – wird hier zum Raum gedämpfter Klage statt zum Sturm.[2] Der gehaltene Klang der Glasharmonika begünstigt weit ausschwingende Phrasen: Melodien scheinen zu schweben, statt in kurzen Gesten zu „sprechen“, und die Zurückhaltung der Begleitung hält den Satz durchsichtig. Man hört Mozart nicht nur Töne setzen, sondern auch Verklingen und Nachglanz komponieren.

Das Rondo antwortet mit dem Wechsel nach C-Dur, doch die Helligkeit ist veredelt, ja fragil. Kammermusikalisch ist die Schreibweise dialogisch: Die Bläser können die Linie der Harmonika einfärben, während Viola und Violoncello ein sanft pulsierendes Fundament liefern, nicht den vollen Klangkörper eines Streicherchors. Historisch ist Mozarts Besetzung ebenfalls aufschlussreich: Anders als spätere romantische Verwendungen ungewöhnlicher Instrumente als bloße Koloristik bleibt K. 617 klassisch in Ausgewogenheit und Klarheit – eine ungewohnte Klangfarbe, ja, doch gebändigt durch eine luzide Phrasenbildung und ein feines Ohr für Mischung.

Eine praktische Fußnote betrifft das Nachleben des Werks: Da Glasharmoniken selten sind, begegnet man K. 617 im Konzert mitunter in Ersatzbesetzungen (etwa auf Tasteninstrumenten). Solche Lösungen können funktionieren, verändern aber unweigerlich die Grundidee des Stücks: das Empfinden, als werde die Melodie von vibrierendem Glas „gesungen“.

Rezeption und Vermächtnis

Auch wenn K. 617 nicht zu den am universellsten gespielten Kammerwerken Mozarts zählt, besitzt es einen besonderen kanonischen Rang: Es wird häufig als eine der eindrucksvollsten Kompositionen überhaupt für Glasharmonika genannt.[3] Seine Anziehungskraft liegt im Zusammentreffen von Zurücknahme und Fremdheit – in der Fähigkeit des späten Mozart, eine ungewöhnliche Klangwelt als selbstverständlich, ja zwingend erscheinen zu lassen.

Zugleich wirkt das Werk wie ein kleines, aufschlussreiches Fenster in Mozarts Wien des Jahres 1791: eine Stadt, in der tourende Virtuosen wie Kirchgessner neue Musik anregen konnten, und in der die Grenze zwischen modischer Neuheit und ernstem Ausdruck durchlässig war. Für heutige Hörerinnen und Hörer bleibt K. 617 eine Erinnerung daran, dass Mozarts Spätstil nicht nur große öffentliche Aussagen suchte; er konnte auch leise sprechen – in kammermusikalischen Proportionen, mit einer Stimme aus Glas.

[1] IMSLP work page (score access; key and basic work data for K. 617).

[2] Wikipedia overview (completion date from Mozart’s thematic catalogue; basic historical notes and publication/performance pointers).

[3] G. Henle Verlag edition page for K. 617 (instrumentation and editorial framing of the glass-harmonica scoring).

[4] MozartDocuments (PDF) discussion of glass harmonica in Vienna and Kirchgessner’s 1791 concerts, including mention of K. 617 in August 1791.