K. 536

6 Deutsche TĂ€nze in F-Dur, K. 536

by Wolfgang Amadeus Mozart

Silverpoint drawing of Mozart by Dora Stock, 1789
Mozart, silverpoint by Dora Stock, 1789 — last authenticated portrait

Mozarts 6 Deutsche TĂ€nze in F-Dur (K. 536) bilden ein kompaktes Ensemble von BallsaalstĂŒcken, das er am 27. Januar 1788 in Wien komponierte – kurz nach seiner Ernennung an den kaiserlichen Hof. FĂŒr die Faschingssaison und die öffentlichen BĂ€lle im Redoutensaal geschrieben, zeigen sie, wie Mozart Witz, orchestrale Farbigkeit und klare Form in Musik verdichten konnte, die – im wörtlichen Sinn – zum Tanzen bestimmt ist.[1]

Hintergrund und Kontext

Ende 1787 erhielt Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791) in Wien den Titel eines königlich-kaiserlichen Kammerkomponisten (Kammermusicus), ein Amt, das eng mit dem Schreiben von Tanzmusik fĂŒr die öffentlichen Festlichkeiten des Hofes verbunden war – insbesondere fĂŒr die FaschingsbĂ€lle im Redoutensaal.[1] Solche AuftrĂ€ge hatten nicht das Prestige einer Symphonie oder eines Konzerts; sie brachten Mozart jedoch in unmittelbaren Kontakt mit dem gesellschaftlichen Leben der Stadt und verlangten eine besondere Kunstfertigkeit: Musik, die sofort einleuchtet, rhythmisch verlĂ€sslich ist und zugleich genug Abwechslung bietet, um eine Folge von TĂ€nzen zu tragen.

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Der „Deutsche Tanz“ (Deutscher Tanz) – ein lebhafter Paartanz im Dreiertakt, verwandt mit dem LĂ€ndler und oft als VorlĂ€ufer des Walzers beschrieben – war im Charakter meist schneller und rustikaler als das höfische Menuett.[1] Mozart schrieb in Wien zahlreiche derartige Zyklen; K. 536 gehört zu diesem spĂ€t entstandenen Strom funktionaler Musik, in dem Erfindung nicht an LĂ€nge oder KomplexitĂ€t gemessen wird, sondern an Ökonomie: eine treffende Wendung, ein klug gesetzter Orchesterakzent, eine frische Modulation, die den Raum aufhellt, ohne die TĂ€nzer aufzuhalten.

Komposition und UrauffĂŒhrung

Der Eintrag im Köchel-Verzeichnis datiert K. 536 exakt auf den 27. Januar 1788 in Wien.[1] Dieselbe Quelle ordnet die TĂ€nze in Mozarts regelmĂ€ĂŸige BeitrĂ€ge zu den Redoutensaal-BĂ€llen nach seiner Hofernennung im Dezember 1787 ein und weist darauf hin, dass solche Tanzzyklen oft in mehreren Besetzungen kursierten (vom praktischen Kern „2 Violinen und Bass“ bis zur volleren Orchesterfassung, mitunter auch in Bearbeitungen fĂŒr Tasteninstrument).[1]

FĂŒr heutige Hörer ist dabei weniger die Vorstellung einer einzigen „UrauffĂŒhrung“ im konzertant-modernen Sinn entscheidend als der Kontext der wiederkehrenden, saisonalen AuffĂŒhrung: Diese TĂ€nze waren dazu gemacht, Abend fĂŒr Abend gespielt zu werden – von jenen Ensembles, die fĂŒr öffentliche Unterhaltung zur VerfĂŒgung standen. Ihre musikalische Logik ist daher bewusst schlicht und direkt – und doch in Mozarts HĂ€nden niemals bloß beliebig.

Instrumentation

Mozarts Wiener Tanzmusik war hĂ€ufig so angelegt, dass sie in reduzierter Streicherbesetzung funktionieren konnte, wĂ€hrend BlĂ€ser und Schlagwerk – sofern vorhanden – fĂŒr zusĂ€tzliche Farbe sorgten.[1] Eine weit verbreitete Orchesterbesetzung fĂŒr K. 536 (wie sie sich in Referenzverzeichnissen und AuffĂŒhrungsmaterialien spiegelt) nutzt eine helle, festliche Palette – bemerkenswerterweise ohne Bratschen, eine in diesem Repertoire hĂ€ufige ökonomische Entscheidung.[2]

  • HolzblĂ€ser: Piccoloflöte, 2 Flöten, 2 Oboen, 2 Klarinetten, 2 Fagotte[2]
  • BlechblĂ€ser: 2 Hörner, 2 Trompeten[2]
  • Schlagwerk: Pauken[2]
  • Streicher: Violinen I & II, Basslinie (Violoncello und Kontrabass gemeinsam; keine Bratschen)[2]

Dieses Fehlen der Bratschen ist weniger ein „Mangel“ als ein stilistisches Kennzeichen. Es rĂ€umt das mittlere Register frei, sodass das Profil der Musik von melodischem Diskant (Violinen und BlĂ€ser) und einem festen, unkomplizierten Bass geprĂ€gt wird – ideal, um in einem großen Saal den Rhythmus deutlich zu tragen und von Tanz zu Tanz rasche klangliche Kontraste zu ermöglichen.

Form und musikalischer Charakter

Als Zyklus ist K. 536 auf Abwechslung in kurzen ZeitrĂ€umen angelegt. Mozarts Tanzfolgen schreiten gewöhnlich in in sich geschlossenen Nummern voran, nicht als durchgehendes „symphonisches“ Argument; die Kunst besteht darin, jede Miniatur als eigenstĂ€ndig erscheinen zu lassen und dennoch eine insgesamt gesellschaftlich flĂŒssige Dramaturgie zu wahren.

Jeder Tanz steht im Dreiertakt und folgt dem bekannten Ballsaalprinzip, wie es in der Beschreibung des Köchel-Verzeichnisses umrissen wird: ein Hauptteil mit einem alternierenden Abschnitt (oft Trio genannt, manchmal auch Minore), woraufhin der Hauptteil wiederkehrt.[1] In der Praxis entsteht so eine Abfolge knapper binĂ€rer oder gerundet-binĂ€rer AbsĂ€tze – Musik, die nach Belieben wiederholt werden kann, um die LĂ€nge des Tanzens anzupassen.

Aufmerksamkeit verdient K. 536 wegen Mozarts FĂ€higkeit zur Charakterzeichnung unter strengen Vorgaben. Selbst in wenigen Dutzend Takten kann er andeuten:

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  • LĂ€ndlichen Charme durch „freiluftige“ HornfĂŒhrung und schlichte Tonika–Dominante-Harmonik, die eher an populĂ€res Tanzen als an höfische Zeremonie erinnert.
  • Opernhafte Gestik in Miniatur, wenn eine Melodie sich „wendet“ wie eine gesprochene Phrase – ein Auftakt, der wie eine Bemerkung wirkt, eine antwortende Kadenz, die wie ein Augenzwinkern erscheint.
  • Orchestrales Chiaroscuro (Hell–Dunkel-Kontraste), erzeugt nicht durch DurchfĂŒhrung, sondern durch Besetzung: BlĂ€ser als plötzlicher Farbakzent, Trompeten und Pauken als festliche Interpunktion, und der schlanke Streicherklang, der den Puls scharf konturiert.[2]

Zugleich schreibt Mozart mit einem ausgeprĂ€gten Sinn fĂŒr körperliche Bewegung. Diese TĂ€nze „schweben“ nicht wie stilisierte Menuette; sie drĂ€ngen eher vorwĂ€rts, mit federnden Akzenten, die Drehschritte begĂŒnstigen. In dieser Hinsicht ist K. 536 ein kleines, aber sprechendes Zeugnis des Wiener Geschmacks der spĂ€ten 1780er Jahre – eines Geschmacks, der sich bald in der Walzerkultur des nĂ€chsten Jahrhunderts verdichten sollte.

Rezeption und Nachwirkung

Weil K. 536 Gelegenheitsmusik ist, hat es ein Doppelleben gefĂŒhrt. Historisch gehörte es zu einem praktischen Repertoire – fĂŒr bestimmte Orte komponiert, oft in anpassungsfĂ€higen Besetzungen aufgefĂŒhrt und in Formen publiziert, die hĂ€usliche Nutzung oder reduzierte Formate begĂŒnstigten.[1] In der Moderne taucht es seltener in „Greatest Hits“-Programmen auf, doch in Einspielungen und Sammlungen, die Mozarts TĂ€nzen gewidmet sind, ist es weiterhin prĂ€sent; zudem ist es als Notentext leicht zugĂ€nglich.[2]

Seine anhaltende Anziehungskraft liegt in einem Paradox: Die Musik ist bescheiden im Anspruch, aber im Zugriff unverkennbar mozartisch. K. 536 zeigt den 32-jĂ€hrigen Komponisten im alltĂ€glichen Klangbild Wiens – wie er gesellschaftliche Notwendigkeit in Kunst verwandelt und beweist, dass selbst die funktionalsten Gattungen Eleganz, Überraschung und ein lebendiges GespĂŒr fĂŒr den menschlichen Anlass in sich tragen können.[1]

[1] Mozarteum Foundation Salzburg, Köchel-Verzeichnis entry for K. 536 (date, context of Redoutensaal balls, genre/form notes, sources/publications).

[2] IMSLP work page for 6 German Dances, K. 536 (public-domain scores; commonly cited orchestral instrumentation including no violas).