K. 567

6 Deutsche TĂ€nze (Sechs Deutsche TĂ€nze), K. 567 (1788)

von Wolfgang Amadeus Mozart

Silverpoint drawing of Mozart by Dora Stock, 1789
Mozart, silverpoint by Dora Stock, 1789 — last authenticated portrait

Mozarts 6 Deutsche TĂ€nze (K. 567) sind ein kompaktes Set von BallsaalstĂŒcken, in Wien entstanden und im Köchelverzeichnis der Internationalen Stiftung Mozarteum auf den 6. Dezember 1788 datiert [1]. FĂŒr die ausgelassene gesellschaftliche Welt des spĂ€ten josephinischen Wien geschrieben, zeigen sie Mozarts Gabe, funktionale Tanzmusik in scharf konturierte Miniaturen zu verwandeln – brillant instrumentiert, leichtfĂŒĂŸig und mit wachem Sinn fĂŒr theatralische Gesten.

Hintergrund und Kontext

Gegen Ende der 1780er Jahre war Tanzmusik fĂŒr Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791) kein Randgebiet mehr, sondern ein wiederkehrender, institutionell gestĂŒtzter Bestandteil seiner Wiener Berufspraxis. Nach seiner Ernennung an den kaiserlichen Hof im Dezember 1787 lieferte Mozart regelmĂ€ĂŸig Tanzzyklen fĂŒr die öffentlichen HofbĂ€lle (besonders in der Karnevalszeit) in den Wiener RedoutensĂ€len – Veranstaltungen, die zwar viel neue Musik verlangten, dafĂŒr aber Anschaulichkeit, Eleganz und unmittelbare Wirkung belohnten [1].

K. 567 gehört in diese Welt zweckgebundenen Musizierens: kein Konzertrepertoire im modernen Sinn, sondern Gesellschaftsmusik, die eine TanzflĂ€che beleben und den Festabend kolorieren sollte. Der Deutsche Tanz selbst – oft als VorlĂ€ufer des Walzers beschrieben – war tendenziell schneller und beschwingter als das feierliche Menuett, blieb dabei aber im Dreiertakt und integrierte typischerweise einen kontrastierenden Trio-Abschnitt [1]. In solchen StĂŒcken lag Mozarts Herausforderung darin, in kĂŒrzester Zeit Abwechslung zu schaffen: sechs knappe Nummern so zu gestalten, dass sie wie sechs eigenstĂ€ndige Szenen wirken.

Entstehung und UrauffĂŒhrung

Das Köchelverzeichnis der Internationalen Stiftung Mozarteum datiert den Zyklus auf den 6. Dezember 1788 und verortet seine Entstehung damit in Wien, als Mozart 32 Jahre alt war [1]. Das Werk ist vollstĂ€ndig ĂŒberliefert und wird im selben Eintrag als authentisch gefĂŒhrt [1].

Genaue Angaben zu einer ersten AuffĂŒhrung sind bei Wiener Tanzzyklen meist schwer zu fassen: Sie wurden fĂŒr AnlĂ€sse (BĂ€lle, Saisonzeiten, Spielorte) geschrieben und nicht als singulĂ€re öffentliche „Ereignisse“ uraufgefĂŒhrt, zu denen sich Dokumente erhalten hĂ€tten. Mit Sicherheit lĂ€sst sich sagen, dass K. 567 in Mozarts etabliertes Muster passt, TĂ€nze in Gruppen (oft zu sechs oder zwölf) fĂŒr den Ballsaalgebrauch zu komponieren – in Formen, die je nach verfĂŒgbaren KrĂ€ften entweder in einer reduzierten Streicherfassung oder in einer volleren, farbigeren Orchesterfassung gespielt werden konnten [1].

Instrumentation

Mozarts Tanzmusik liegt oft in flexiblen Besetzungen vor; K. 567 ist jedoch weithin in einer Orchesterfassung ĂŒberliefert und wird so aufgefĂŒhrt, deren Klangpalette fĂŒr Musik von so bescheidenen Ausmaßen ungewöhnlich festlich ist.

  • HolzblĂ€ser: Piccolo; 2 Flöten; 2 Oboen; 2 Klarinetten; 2 Fagotte [1]
  • BlechblĂ€ser: 2 Hörner; 2 Trompeten [1]
  • Schlagwerk: Pauken [1]
  • Streicher: Violinen I & II; Violoncelli und KontrabĂ€sse (basso) [1]

Ein auffĂ€lliges Merkmal vieler gĂ€ngiger Umlaufmaterialien ist das Fehlen der Bratschen in der Orchesteranlage (die Innenstimmen werden hĂ€ufig von den BlĂ€sern und der Basslinie getragen) – eine Besetzung, die sich auch in gebrĂ€uchlichen Referenzlistungen widerspiegelt [2]. Selbst gemessen an den Standards funktionaler Tanzmusik deutet die Kombination aus Piccolo, Trompeten und Pauken auf ein Faible fĂŒr Brillanz hin – Musik, die nicht bloß „den Takt halten“, sondern in einem großen, lauten öffentlichen Raum tragfĂ€hig sein sollte.

Form und musikalischer Charakter

Jeder der sechs TĂ€nze ist eine in sich geschlossene Nummer und folgt (ganz im Sinne der Gattung) im Allgemeinen dem vertrauten Muster des Deutscher Tanz: ein Hauptteil im Dreiertakt, ein kontrastierender Trio-Ă€hnlicher Abschnitt und die RĂŒckkehr zum Anfang – Musik, die auf Wiederholung, körperliche Bewegung und rasches Wiedererkennen zielt, nicht auf weit gespannte thematische Argumentation [1].

Gerade deshalb verdient K. 567 Aufmerksamkeit: Mozart behandelt diese kleinen Formen als Gelegenheiten zur Charakterisierung. Man hört mehrere Kennzeichen seines spĂ€ten Wiener Orchesterdenkens – im Miniaturformat:

  • Klangfarbe als unmittelbare Rhetorik. Die hellen Farben im oberen Register (nicht zuletzt Piccolo und hohe HolzblĂ€ser) können wie BĂŒhnenlicht wirken: eine plötzliche Änderung der instrumentalen „Farbtemperatur“, die den Tanz neu rahmt, ohne das Grundschrittmuster zu verĂ€ndern. Trompeten und Pauken wiederum verleihen zeremoniellen Glanz – sie evozieren einen öffentlichen, beinahe outdoorhaften Klang, der in den Ballsaal versetzt ist.
  • Phrasierung, die mit den TĂ€nzern atmet. Die Gattung bevorzugt symmetrische, wiederholte Einheiten (oft mit geradzahliger PhrasenlĂ€nge), und Mozart nutzt diese RegelmĂ€ĂŸigkeiten nicht als Fessel, sondern als SpielflĂ€che fĂŒr Witz: kleine Vorwegnahmen, schnelle Echoeffekte zwischen Instrumentengruppen und Kadenzen, die unabwendbar wirken und doch frisch gewendet sind.
  • Kontrast im Trio. In der Ballpraxis bringt das Trio Entlastung – oft durch Wechsel von Farbe, Lage oder Affekt – bevor der Anfang zurĂŒckkehrt. In Mozarts Tanzzyklen kann dieser Kontrast wie ein Umschlag der gesellschaftlichen Stimmung erscheinen: von Glanz zu IntimitĂ€t, von lĂ€ndlicher Energie zu urbaner Haltung, und dann wieder zurĂŒck.

Weil die einzelnen TĂ€nze so kurz sind, lĂ€sst sich die „Architektur“ am besten ĂŒber den gesamten Zyklus hinweg hören. K. 567 wird zur Kette wechselnder AtmosphĂ€ren – jede Nummer ein kurzes Panel, das Ganze eine Art Miniatur-Divertimento fĂŒr die TanzflĂ€che.

Rezeption und Nachwirkung

Mozarts Deutsche TĂ€nze stehen in einer Zwischenkategorie: fĂŒr konkrete Saisonzeiten und gesellschaftliche Funktionen geschrieben, erhalten sie selten jene anhaltende kritische Aufmerksamkeit, die Sinfonien oder Konzerte genießen. Doch moderne Forschung und Katalogisierung betonen, wie zentral solche Werke fĂŒr das Wiener Musikleben waren – und wie regelmĂ€ĂŸig Mozart TĂ€nze in Zyklen fĂŒr den Ballsaalgebrauch komponierte, oft mit der Möglichkeit, sie fĂŒr mehr instrumentale Farbe zu einer volleren Orchesterbesetzung zu erweitern [1].

Gerade K. 567 lohnt sich heute aus drei GrĂŒnden im Konzert- und AuffĂŒhrungsleben. Erstens bietet es ein lebendiges Momentbild des Wien der spĂ€ten 1780er Jahre „in Bewegung“ – Musik, die gebraucht werden wollte, nicht bloß bewundert. Zweitens verweist die Besetzung auf den höfisch-öffentlichen Hybrid der Redoutensaal-Welt: festliche KrĂ€fte, brillante Klanglichkeit und scharf geschnittene Kontraste, passend zu großformatigem gesellschaftlichem Spektakel. Drittens erinnert der Zyklus daran, dass Mozarts Genie nicht großen Formen vorbehalten war; es zeigt sich ebenso unverkennbar in der Kunst, einen einprĂ€gsamen Acht- oder Sechzehntakter zu schreiben, der endlose Wiederholungen aushĂ€lt – weil er harmonisch lebendig, klar profiliert und instrumentatorisch einfallsreich ist.

Zusammengefasst sind die 6 Deutsche TĂ€nze (K. 567) nicht so sehr „kleiner Mozart“ als vielmehr Mozart in einem anderen Register: dieselbe PrĂ€zision und derselbe theatralische Instinkt, angewandt auf die praktische Kunst, einen Raum voller Menschen zu erfreuen, die – im wörtlichen Sinn – auf den Beinen sind.

[1] International Mozarteum Foundation (Köchel Catalogue): entry for K. 536 and K. 567 (*Zwölf Deutsche TÀnze*), including dating (6 Dec 1788), authenticity, genre notes, and instrumentation.

[2] IMSLP work page for *6 German Dances, K. 567* (general info and commonly cited instrumentation details).