6 Deutsche Tänze (Sechs Deutsche Tänze), K. 567 (1788)
by Wolfgang Amadeus Mozart

Mozarts 6 Deutsche Tänze (K. 567) sind ein kompaktes Set von Ballsaalstücken, in Wien entstanden und im Köchelverzeichnis der Internationalen Stiftung Mozarteum auf den 6. Dezember 1788 datiert [1]. Für die ausgelassene gesellschaftliche Welt des späten josephinischen Wien geschrieben, zeigen sie Mozarts Gabe, funktionale Tanzmusik in scharf konturierte Miniaturen zu verwandeln – brillant instrumentiert, leichtfüßig und mit wachem Sinn für theatralische Gesten.
Hintergrund und Kontext
Gegen Ende der 1780er Jahre war Tanzmusik für Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791) kein Randgebiet mehr, sondern ein wiederkehrender, institutionell gestützter Bestandteil seiner Wiener Berufspraxis. Nach seiner Ernennung an den kaiserlichen Hof im Dezember 1787 lieferte Mozart regelmäßig Tanzzyklen für die öffentlichen Hofbälle (besonders in der Karnevalszeit) in den Wiener Redoutensälen – Veranstaltungen, die zwar viel neue Musik verlangten, dafür aber Anschaulichkeit, Eleganz und unmittelbare Wirkung belohnten [1].
As an Amazon Associate we earn from qualifying purchases.
K. 567 gehört in diese Welt zweckgebundenen Musizierens: kein Konzertrepertoire im modernen Sinn, sondern Gesellschaftsmusik, die eine Tanzfläche beleben und den Festabend kolorieren sollte. Der Deutsche Tanz selbst – oft als Vorläufer des Walzers beschrieben – war tendenziell schneller und beschwingter als das feierliche Menuett, blieb dabei aber im Dreiertakt und integrierte typischerweise einen kontrastierenden Trio-Abschnitt [1]. In solchen Stücken lag Mozarts Herausforderung darin, in kürzester Zeit Abwechslung zu schaffen: sechs knappe Nummern so zu gestalten, dass sie wie sechs eigenständige Szenen wirken.
Entstehung und Uraufführung
Das Köchelverzeichnis der Internationalen Stiftung Mozarteum datiert den Zyklus auf den 6. Dezember 1788 und verortet seine Entstehung damit in Wien, als Mozart 32 Jahre alt war [1]. Das Werk ist vollständig überliefert und wird im selben Eintrag als authentisch geführt [1].
Genaue Angaben zu einer ersten Aufführung sind bei Wiener Tanzzyklen meist schwer zu fassen: Sie wurden für Anlässe (Bälle, Saisonzeiten, Spielorte) geschrieben und nicht als singuläre öffentliche „Ereignisse“ uraufgeführt, zu denen sich Dokumente erhalten hätten. Mit Sicherheit lässt sich sagen, dass K. 567 in Mozarts etabliertes Muster passt, Tänze in Gruppen (oft zu sechs oder zwölf) für den Ballsaalgebrauch zu komponieren – in Formen, die je nach verfügbaren Kräften entweder in einer reduzierten Streicherfassung oder in einer volleren, farbigeren Orchesterfassung gespielt werden konnten [1].
Instrumentation
Mozarts Tanzmusik liegt oft in flexiblen Besetzungen vor; K. 567 ist jedoch weithin in einer Orchesterfassung überliefert und wird so aufgeführt, deren Klangpalette für Musik von so bescheidenen Ausmaßen ungewöhnlich festlich ist.
- Holzbläser: Piccolo; 2 Flöten; 2 Oboen; 2 Klarinetten; 2 Fagotte [1]
- Blechbläser: 2 Hörner; 2 Trompeten [1]
- Schlagwerk: Pauken [1]
- Streicher: Violinen I & II; Violoncelli und Kontrabässe (basso) [1]
Ein auffälliges Merkmal vieler gängiger Umlaufmaterialien ist das Fehlen der Bratschen in der Orchesteranlage (die Innenstimmen werden häufig von den Bläsern und der Basslinie getragen) – eine Besetzung, die sich auch in gebräuchlichen Referenzlistungen widerspiegelt [2]. Selbst gemessen an den Standards funktionaler Tanzmusik deutet die Kombination aus Piccolo, Trompeten und Pauken auf ein Faible für Brillanz hin – Musik, die nicht bloß „den Takt halten“, sondern in einem großen, lauten öffentlichen Raum tragfähig sein sollte.
Form und musikalischer Charakter
Jeder der sechs Tänze ist eine in sich geschlossene Nummer und folgt (ganz im Sinne der Gattung) im Allgemeinen dem vertrauten Muster des Deutscher Tanz: ein Hauptteil im Dreiertakt, ein kontrastierender Trio-ähnlicher Abschnitt und die Rückkehr zum Anfang – Musik, die auf Wiederholung, körperliche Bewegung und rasches Wiedererkennen zielt, nicht auf weit gespannte thematische Argumentation [1].
Gerade deshalb verdient K. 567 Aufmerksamkeit: Mozart behandelt diese kleinen Formen als Gelegenheiten zur Charakterisierung. Man hört mehrere Kennzeichen seines späten Wiener Orchesterdenkens – im Miniaturformat:
- Klangfarbe als unmittelbare Rhetorik. Die hellen Farben im oberen Register (nicht zuletzt Piccolo und hohe Holzbläser) können wie Bühnenlicht wirken: eine plötzliche Änderung der instrumentalen „Farbtemperatur“, die den Tanz neu rahmt, ohne das Grundschrittmuster zu verändern. Trompeten und Pauken wiederum verleihen zeremoniellen Glanz – sie evozieren einen öffentlichen, beinahe outdoorhaften Klang, der in den Ballsaal versetzt ist.
As an Amazon Associate we earn from qualifying purchases.
- Phrasierung, die mit den Tänzern atmet. Die Gattung bevorzugt symmetrische, wiederholte Einheiten (oft mit geradzahliger Phrasenlänge), und Mozart nutzt diese Regelmäßigkeiten nicht als Fessel, sondern als Spielfläche für Witz: kleine Vorwegnahmen, schnelle Echoeffekte zwischen Instrumentengruppen und Kadenzen, die unabwendbar wirken und doch frisch gewendet sind.
- Kontrast im Trio. In der Ballpraxis bringt das Trio Entlastung – oft durch Wechsel von Farbe, Lage oder Affekt – bevor der Anfang zurückkehrt. In Mozarts Tanzzyklen kann dieser Kontrast wie ein Umschlag der gesellschaftlichen Stimmung erscheinen: von Glanz zu Intimität, von ländlicher Energie zu urbaner Haltung, und dann wieder zurück.
Weil die einzelnen Tänze so kurz sind, lässt sich die „Architektur“ am besten über den gesamten Zyklus hinweg hören. K. 567 wird zur Kette wechselnder Atmosphären – jede Nummer ein kurzes Panel, das Ganze eine Art Miniatur-Divertimento für die Tanzfläche.
Rezeption und Nachwirkung
Mozarts Deutsche Tänze stehen in einer Zwischenkategorie: für konkrete Saisonzeiten und gesellschaftliche Funktionen geschrieben, erhalten sie selten jene anhaltende kritische Aufmerksamkeit, die Sinfonien oder Konzerte genießen. Doch moderne Forschung und Katalogisierung betonen, wie zentral solche Werke für das Wiener Musikleben waren – und wie regelmäßig Mozart Tänze in Zyklen für den Ballsaalgebrauch komponierte, oft mit der Möglichkeit, sie für mehr instrumentale Farbe zu einer volleren Orchesterbesetzung zu erweitern [1].
Gerade K. 567 lohnt sich heute aus drei Gründen im Konzert- und Aufführungsleben. Erstens bietet es ein lebendiges Momentbild des Wien der späten 1780er Jahre „in Bewegung“ – Musik, die gebraucht werden wollte, nicht bloß bewundert. Zweitens verweist die Besetzung auf den höfisch-öffentlichen Hybrid der Redoutensaal-Welt: festliche Kräfte, brillante Klanglichkeit und scharf geschnittene Kontraste, passend zu großformatigem gesellschaftlichem Spektakel. Drittens erinnert der Zyklus daran, dass Mozarts Genie nicht großen Formen vorbehalten war; es zeigt sich ebenso unverkennbar in der Kunst, einen einprägsamen Acht- oder Sechzehntakter zu schreiben, der endlose Wiederholungen aushält – weil er harmonisch lebendig, klar profiliert und instrumentatorisch einfallsreich ist.
Zusammengefasst sind die 6 Deutsche Tänze (K. 567) nicht so sehr „kleiner Mozart“ als vielmehr Mozart in einem anderen Register: dieselbe Präzision und derselbe theatralische Instinkt, angewandt auf die praktische Kunst, einen Raum voller Menschen zu erfreuen, die – im wörtlichen Sinn – auf den Beinen sind.
As an Amazon Associate we earn from qualifying purchases.
[1] International Mozarteum Foundation (Köchel Catalogue): entry for K. 536 and K. 567 (*Zwölf Deutsche Tänze*), including dating (6 Dec 1788), authenticity, genre notes, and instrumentation.
[2] IMSLP work page for *6 German Dances, K. 567* (general info and commonly cited instrumentation details).










