3 Klavierkonzerte nach J. C. Bach (K. 107)
von Wolfgang Amadeus Mozart

Mozarts 3 Klavierkonzerte nach J.C. Bach (K. 107/1â3) sind Salzburger Bearbeitungen aus dem Jahr 1772: Der 16-JĂ€hrige richtete drei Werke fĂŒr Tasteninstrument und Streicher von Johann Christian Bach (Op. 5, Nr. 2â4) als Konzerte ein. HĂ€ufig als RandkuriositĂ€ten neben dem âeigentlichenâ Klavierkonzert-Zyklus betrachtet, eröffnen sie einen besonders klaren Blick auf Mozarts prĂ€gende Auseinandersetzung mit dem galanten Konzertstil â und auf jene praktische, anpassungsfĂ€hige Musizierkunst, die man in den 1770er-Jahren von einem jungen Berufsmusiker erwartete.
Hintergrund und Kontext
In Mozarts frĂŒhen Jahren waren âKomponierenâ und âAneignenâ eng miteinander verflochten. Der jugendliche Komponist â zurĂŒck in Salzburg nach den publikumswirksamen Tourneen der 1760er und frĂŒhen 1770er Jahre â sollte Musik fĂŒr das Musizieren im Haus, höfische Unterhaltung und die vielfĂ€ltigen Anforderungen seiner Auftraggeber liefern. Bewunderte Werke in neue, vor Ort brauchbare Formen zu ĂŒbertragen, gehörte zu diesem Handwerk.
As an Amazon Associate we earn from qualifying purchases.
Die Vorlage fĂŒr K. 107 ist dabei aufschlussreich. Johann Christian Bach (1735â1782), der sogenannte âLondon Bachâ, zĂ€hlte zu den einflussreichsten Komponisten, denen der junge Mozart begegnete, und sein souverĂ€ner, melodisch groĂzĂŒgiger galant-Stil prĂ€gte Mozarts eigene Art des Schreibens fĂŒrs Tasteninstrument mit. In K. 107 versucht Mozart nicht, Bach zu ĂŒbertrumpfen; vielmehr lernt er öffentlich â er verwandelt vorhandene StĂŒcke in Konzerte, die in Salzburg von einem versierten Tasteninstrumentalisten mit einer bescheiden besetzten Streichergruppe gespielt werden konnten. Moderne Forschung und Editionen beschreiben K. 107 durchweg als Bearbeitungen von J. C. Bachs Op. 5 Nr. 2â4, nicht als gĂ€nzlich originale Konzerte im spĂ€teren Wiener Sinn.[1][2]
Entstehung und UrauffĂŒhrung
K. 107 umfasst drei eigenstĂ€ndige Konzerte (K. 107/1â3), die jeweils aus einem Werk von J. C. Bachs Op. 5 hervorgehen: Nr. 2 (D-Dur), Nr. 3 (G-Dur) und Nr. 4 (Eâ-Dur).[3] Im Allgemeinen werden sie nach Salzburg ins Jahr 1772 datiert â passend zu Mozarts LebensumstĂ€nden und den Katalogdaten, auf die sich viele Nachschlagewerke stĂŒtzen.[4]
Anders als bei Mozarts reifen Klavierkonzerten (fĂŒr öffentliche Subskriptionskonzerte geschrieben und mit gut dokumentierten AnlĂ€ssen) sind die ersten AuffĂŒhrungen von K. 107 nicht sicher ĂŒberliefert. Klar ist jedoch ihre Funktion: Es handelt sich um praxisnahe KonzertstĂŒcke fĂŒr Tasteninstrument und Streicher, verwurzelt in einem Idiom, das Mozart von Bach ĂŒbernommen und nun fĂŒr seine eigenen Salzburger VerhĂ€ltnisse nutzbar gemacht hat.
Besetzung
Da K. 107 von Tastenwerken J. C. Bachs ausgeht, sind die OrchesterkrĂ€fte bewusst schlank gehalten. Die entstehende Textur erinnert oft an Kammermusik mit solistischem Tasteninstrument â ein Grund, warum diese Konzerte selbst im modernen Saal intim wirken können.
- Solo: Tasteninstrument (clavicembalo â ein zeitgenössischer Begriff, der Cembalo und, in der AuffĂŒhrungspraxis der 1770er Jahre zunehmend, das frĂŒhe Fortepiano meinen kann)
- Streicher: 2 Violinen, Viola, Violoncello/Kontrabass (Basslinie)
Diese Grundbesetzung spiegelt sich sowohl in der heutigen wissenschaftlichen Diskussion als auch in gĂ€ngigen AuffĂŒhrungsmaterialien.[5]
Form und musikalischer Charakter
Die besondere Faszination von K. 107 liegt im Kontrast zwischen âentlehnterâ thematischer Substanz und Mozarts sich abzeichnendem Konzertdenken. Jedes Werk bleibt Bachs Material und Proportionen eng verbunden; doch schon der Vorgang, ein TastenstĂŒck in ein Konzert zu verwandeln, verĂ€ndert zwangslĂ€ufig das musikalische Verhalten: Phrasen werden dialogischer, Kadenzen gewinnen rhetorisches Gewicht, und die Passagenarbeit des Tasteninstruments wirkt anders, wenn sie von einem tragenden Streicherklang gerahmt wird.
Hilfreich ist es, K. 107 nicht als Vorstufe zu Mozarts spĂ€terem Konzertstil zu hören, sondern als Studie galanter Eleganz â Musik, die auf Klarheit, ausgewogene Phrasierung und rasche Affektwechsel setzt.
Konzert nach J. C. Bach Nr. 1 (D-Dur), K. 107/1
Dieses Konzert ĂŒbernimmt Bachs helles D-Dur-Klangbild â fĂŒr den Streicherklang eine dankbare Tonart. Die Brillanz der EcksĂ€tze beruht weniger auf symphonischer Wucht als auf Artikulation und Timing: spritzige Figurationen fĂŒr den Solisten, federnde Begleitformeln in den Violinen und Kadenzen, die wie gut gesetzte Wendungen eines GesprĂ€chs wirken.
Konzert nach J. C. Bach Nr. 2 (G-Dur), K. 107/2
Das G-Dur-Konzert wird von Hörern oft wegen seiner lyrischen Unangestrengtheit hervorgehoben. Indem Mozart die Vorlage zum Konzert umformt, kann er den Gegensatz von Solo und Tutti selbst mit minimalen Mitteln schĂ€rfen â mitunter durch einfache Umverteilung (die Streicher âhalten den Raumâ, wĂ€hrend das Tasteninstrument verziert), mitunter dadurch, dass er eine Passage in einen Miniaturdialog verwandelt.
As an Amazon Associate we earn from qualifying purchases.
Konzert nach J. C. Bach Nr. 3 (Eâ-Dur), K. 107/3
Eâ-Dur, in Mozarts spĂ€terem Konzertschaffen so wichtig, trĂ€gt hier bereits eine wĂ€rmere, rundere Orchesterfarbe in sich. Der Streicherpart kann besonders âvokalâ klingen, wĂ€hrend das Tasteninstrument zugleich Protagonist und Begleiter ist â eine Vorahnung im Keim dessen, was Mozart spĂ€ter an Konzertlyrik in Werken wie dem Eâ-Dur-Klavierkonzert Nr. 9, K. 271, vertiefen sollte.
Rezeption und Nachwirkung
K. 107 stand lange in einer etwas unbequemen Zwischenposition: zu sehr âMozartâ, um es beiseitezuschieben, und doch nicht âmozartischâ in dem Sinn, den das Publikum oft meint â weil die musikalischen EinfĂ€lle von J. C. Bach stammen. Gerade diese Ambivalenz macht den Zyklus hörenswert. Diese Konzerte dokumentieren Mozarts Hör- und Lernprozess: wie ein 16-jĂ€hriger Berufsmusiker einen fĂŒhrenden internationalen Stil aufnahm und fĂŒr lokale BedĂŒrfnisse umzusetzen lernte.
Sie beleuchten zugleich eine allgemeinere Wahrheit des 18. Jahrhunderts: Das Konzert war nicht nur ein Monument fĂŒr den öffentlichen Konzertsaal, sondern eine flexible Gattung â fĂ€hig zu kammermusikalischen Dimensionen und fĂ€hig, aus frĂŒherem Tastenrepertoire neu geformt zu werden. Auf Cembalo oder Fortepiano mit kleiner Streichergruppe gespielt, kann K. 107 ein idealer Einstieg in Mozarts Vor-Wiener Konzertwelt sein, in der Stil, PĂ€dagogik und praktisches Musizieren zusammenkommen.
Zusammengefasst ist K. 107 weniger eine Folge âkleinerâ Konzerte als eine Reihe aufschlussreicher Dokumente: Mozart zeigt 1772 in Salzburg, wie sich der London Bach in ein Konzertidiom ĂŒbertragen lĂ€sst â und legt dabei still das Fundament fĂŒr die erstaunliche OriginalitĂ€t der Klavierkonzerte, die folgen sollten.[5]
1 IMSLP-Werkseite: â3 Piano Concertos after J.C. Bach, K.107â (enthĂ€lt Angaben zur NMA-Reihe und Links zu Partituren). https://imslp.org/wiki/3_Piano_Concertos_after_J.C._Bach%2C_K.107_%28Mozart%2C_Wolfgang_Amadeus%29 2 Wikipedia-Ăbersichtsseite, die K. 107 als drei Bearbeitungen nach J. C. Bach (Op. 5 Nr. 2â4) innerhalb von Mozarts Klavierkonzertschaffen auffĂŒhrt. https://en.wikipedia.org/wiki/Piano_concertos_by_Wolfgang_Amadeus_Mozart 3 Wikipedia-Artikel: âPiano Concertos K. 107 (Mozart)â (Tonarten und Zuordnung der Quellen aus J. C. Bachs Op. 5). https://en.wikipedia.org/wiki/Piano_Concertos_K._107_%28Mozart%29 4 Katalogeintrag der FundaciĂłn Mozarteum del Uruguay, der K. 107 als â3 Concertos for Piano after J.C. Bachâ nennt und auf 1772 in Salzburg datiert. https://www.mozarteumuruguay.org/71-75.php 5 Artikel in Early Music Review, der K. 107 als Bearbeitungen (Datierung 1771/72) behandelt und den zeitgenössischen Begriff âper il Clavicembaloâ im Zusammenhang mit diesen Konzerten erwĂ€hnt. https://earlymusicreview.com/mozart-piano-concertos-4/








