Köchel-Verzeichnis · K. 605

3 Deutsche Tänze (Drei Deutsche Tänze), K. 605

Silverpoint drawing of Mozart by Dora Stock, 1789
Mozart, silverpoint by Dora Stock, 1789 — last authenticated portrait
Köchel-Verzeichnisnummer
K9 605 | K6 605
Genre
Orchestermusik
Form
Tänze und Märsche
Datum
12 Februar 1791
Ort
Vienna
Alter
35

Mozarts 3 Deutsche Tänze (K. 605) sind drei kompakte orchestrale Miniaturen, 1791 in Wien entstanden – mitten in seinem letzten und stilistisch wohl breitesten Jahr. Für höfische öffentliche Bälle gedacht und nicht für den Konzertsaal, zeigen sie, wie Mozart dieselbe Präzision in Farbe, Tempo und Witz, die man aus seinen „großen“ Werken kennt, auf Musik anwendet, die ganz wörtlich in Bewegung setzen soll.

Hintergrund und Kontext

Gegen Ende der 1780er Jahre war Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791) zu einem regelmäßigen Lieferanten von Tanzmusik für die Wiener Saisonfestlichkeiten geworden. Nach seiner Ernennung zum Kammermusicus (Kaiserlicher Kammerkomponist) im Dezember 1787 gehörte es zu seinen erwarteten Aufgaben, neue Tänze für die Hofbälle in den Redoutensälen der Hofburg zu schreiben – Anlässe, bei denen funktionale Tanzfolgen in großer Zahl gebraucht wurden, die aber zugleich das Prestige einer kaiserlichen Veranstaltung trugen.[3][4]

In dieser Welt kam dem Deutscher Tanz („Deutscher Tanz“) besondere Bedeutung zu. Schneller und in seiner Kontur rustikaler als das Menuett gehört er zu jener Familie gesellschaftlicher Tänze im Dreiertakt, die historisch in Richtung Walzer führt.[1] Mozart schrieb viele Stücke dieser Art, oft in Gruppen, die unmittelbar hintereinander gespielt werden sollten; K. 605 wird gemeinhin mit dem größeren Komplex später Deutscher Tänze aus dem Jahr 1791 in Verbindung gebracht.[3]

Was K. 605 heute hörenswert macht, ist nicht „Tiefe“ im sinfonischen Sinn, sondern Mozarts Fähigkeit, Charakter auf wenige Dutzend Takte zu verdichten: prägnante Kadenzen, markante Instrumentation und ein theatralisches Gespür für Timing. In der Tanzmusik wird das Ohr des Hörers ebenso sehr von der Klangfarbe (wer spielt) und von Gesten an der Oberfläche eingefangen wie von harmonischen Überraschungen – und Mozart ist ein Meister solcher schnellen, treffsicheren Entscheidungen.

Entstehung und Uraufführung

Das als Three German Dances, K. 605, bekannte Set ist in Mozarts eigenem Werkverzeichnis in Wien auf den 12. Februar 1791 datiert.[2][5] Diese Tänze waren für den gesellschaftlichen Gebrauch geschrieben – sehr wahrscheinlich für Aufführungen in den kaiserlichen Ballsälen (Redoutensäle) – und nicht für ein öffentliches Konzert mit Eintrittskarten.[3]

Auch die Druckgeschichte unterstreicht ihre praktische Bestimmung: Bereits 1791 erschienen in Wien frühe Ausgaben, darunter Klavierbearbeitungen für das häusliche Musizieren – typisch für ein populäres Tanzrepertoire, das rasch vom Ballsaal in den Salon wanderte.[2] Die Stücke sind kurz (zusammen etwa acht Minuten) und so gebaut, dass sie sofort „lesbar“ sind – Musik, die Tänzer in Echtzeit erfassen können.[2]

Hier ist ein Hinweis zur Vorsicht angebracht: In der Diskussion des Mozarteum-Köchel-Verzeichnisses wird darauf hingewiesen, dass Nr. 3 offenbar eine andere Überlieferungsgeschichte als Nr. 1–2 hat und nicht in derselben Weise in Mozarts eigenhändigem thematischen Werkverzeichnis enthalten ist – eine Frage der Quellenlage und späterer Gruppierungstraditionen.[6] In Aufführungspraxis und auf Tonträgern werden die drei jedoch weithin als zusammengehöriges Set behandelt, nicht zuletzt, weil die berühmte Episode „sleigh ride“ in Nr. 3 einen naheliegenden, effektvollen Höhepunkt bietet.[3]

Instrumentation

Mozarts Besetzung für K. 605 ist festlicher als das Minimum, das man zum Tanzen bräuchte, und sie illustriert eine typische Wiener Praxis: Ein Streichergrundbestand konnte für Farbe und öffentliche Wirkung mit Bläsern und Schlagwerk erweitert werden.[1]

Eine gängige Orchesterbesetzung für das Set lautet:[2]

  • Holzbläser: Piccoloflöte, 2 Flöten, 2 Oboen, 2 Fagotte
  • Blechbläser: 2 Hörner, 2 Trompeten
  • Schlagwerk: Pauken
  • Streicher: Violinen I & II, Violoncello, Kontrabass (auffällig: keine Bratschen)

Der dritte Tanz enthält die berühmte Episode Die Schlittenfahrt („The sleigh ride“), die charakteristische „Freiluft-“ und „Novitäten“-Klangfarben hinzufügt – Posthörner und Schellen –, wodurch innerhalb eines ansonsten geradlinigen Ballsaal-Genres ein bildhafter, beinahe bühnenhafter Effekt entsteht.[2][3]

Form und musikalischer Charakter

Jeder Tanz folgt dem vertrauten Muster des späten 18. Jahrhunderts: ein Hauptteil mit kontrastierendem Mittelteil (oft Trio oder Minore genannt), danach kehrt der Anfang zurück – Musik, die auf Wiederholung und Orientierung angelegt ist.[1] Innerhalb dieses praktischen Rahmens unterscheidet Mozart die drei Tänze durch Tonartbereich, rhythmisches Profil und – am wichtigsten – instrumentalen Charakter.[2]

  • Nr. 1 (D-Dur): Hell und zeremoniell in einer Tonart, die nach außen wirkt; eher „Ballsaalglanz“ als rustikale Vertrautheit. Die Phrasen sind meist regelmäßig und klar gegliedert, ideal für koordiniertes Gruppentanzen, doch Mozart hält die Oberfläche mit scharfer Artikulation und schnellen Wechseln im Ensemble lebendig.
  • Nr. 2 (G-Dur): Oft als der gelassenere Gegenpart gehört, betont er die freundliche, volksnahe Seite des Deutscher Tanz. Sein Reiz liegt in der sauberen Balance: einfache melodische Zellen, klare kadenzielle Zeichensetzung und ein federnder Schwung, der nie schwerfällig wird.
  • Nr. 3 (C-Dur), mit *Die Schlittenfahrt*: Das „Schaustück“ des Sets. Die zusätzliche Farbe von Posthörnern und Schellen verwandelt funktionale Tanzmusik in eine kleine Tongemälde-Szene – winterlich, geschäftig und unverkennbar theatralisch.[3] Im Grunde baut Mozart einen kleinen dramatischen Bogen: Man gelangt aus der gewöhnlichen Ballsaalbewegung in ein lebhaftes öffentliches Spektakel und wieder zurück, als hätte sich kurz ein Vorhang für ein komisches Intermezzo gehoben.

Als Gruppe zeigt K. 605, wie der späte Mozart selbst utilitäre Gattungen als Felder kompositorischer Kunst behandelt. Die Musik ist ökonomisch, aber nicht anonym: Die Instrumentation ist kalkuliert, die Höhepunkte sind präzise gesetzt, und die „Auszahlung“ von Nr. 3 wird so vorbereitet, dass ihre Neuheit in einem vollen Saal sofort zündet.

Rezeption und Nachwirkung

K. 605 führte ein Doppelleben. Zu Mozarts Zeit gehörte es zur saisonalen Ökonomie der Wiener Tanzmusik – rasch komponiert, in öffentlichen Ballsälen gespielt und in Bearbeitungen für Hausmusiker verbreitet.[2][3] In der heutigen Hörkultur überlebt es weniger als „Tanzmusik zum Tanzen“ denn als konzentrierter Blick auf das höfische Wien: kurz, funkelnd und klar in seinem sozialen Ort verankert.

Der dauerhafteste Wiedererkennungseffekt ist Die Schlittenfahrt im dritten Tanz, deren Schellen und Posthörner sie zu einem häufigen saisonalen Liebling und zu einem Emblem von Mozarts bildhaftem Witz gemacht haben.[3] Der weiterreichende Wert des Sets ist jedoch kontextuell: Es zeigt den 35-jährigen Mozart, wie er im selben Jahr, in dem er Werke in weit größeren Formen schreibt, für den alltäglichen Zeremoniellbetrieb der Hauptstadt komponiert. K. 605 erinnert daran, dass „später Mozart“ nicht nur Oper, Konzert und Kirchenmusik ist – sondern auch die urbane Kunst, Wiens Tänzer mit Eleganz und unverwechselbarer Persönlichkeit in Bewegung zu halten.

Noten

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Quellen

[1] Mozarteum Köchel-Verzeichnis overview of dances (triple meter, trio/minore practice, court ball context) on the K. 605-related page.

[2] IMSLP work page for *3 German Dances, K. 605* (date, movement list, publication notes, instrumentation summary).

[3] Wikipedia article “Three German Dances” (historical context, Redoutensäle intention, and the “sleigh ride” instrumentation/episode).

[4] Wikipedia overview “Mozart and dance” (appointment context and Mozart’s dance output in Vienna).

[5] Wikipedia “Köchel catalogue” entry listing K. 605 with date and Vienna as place of composition.

[6] Mozarteum Köchel-Verzeichnis page for KV 605,01-03 discussing transmission and the special status/history of No. 3 within K. 605 sources.