K. 535a

3 Contredanses (K. 535a)

von Wolfgang Amadeus Mozart

Silverpoint drawing of Mozart by Dora Stock, 1789
Mozart, silverpoint by Dora Stock, 1789 — last authenticated portrait

Mozarts 3 Contredanses (K. 535a; Kâč) gehören zum lebhaften Wiener Tanzrepertoire, das er Anfang 1788 lieferte, als er 31–32 Jahre alt war und – zumindest dem Prinzip nach – neu verpflichtet, Musik fĂŒr die kaiserlichen KarnevalsbĂ€lle bereitzustellen. In ihrem Umfang bescheiden und lange als randstĂ€ndig betrachtet (teils sogar mit zweifelhafter Echtheit), bieten sie einen aufschlussreichen Einblick darin, wie Mozart fĂŒr den Ballsaal schrieb: knapp, rhythmisch wach und auf unmittelbare körperliche Reaktion statt auf konzertante Schaustellung angelegt.

Hintergrund und Kontext

Wien erwartete in den spĂ€ten 1780er-Jahren Tanzmusik in großen Mengen, besonders wĂ€hrend der Karnevalszeit. Nach Mozarts Hofbestallung im Dezember 1787 als Kammermusikus und Komponist am kaiserlichen Hof steuerte er „regelmĂ€ĂŸig“ Tanzzyklen fĂŒr die öffentlichen BĂ€lle in der Redoutensaal/RedoutensĂ€le bei – Veranstaltungen, die brauchbare, wiederholbare Nummern verlangten, nicht eine ausgefeilte musikalische Argumentation [1] [2].

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Vor diesem Hintergrund ist K. 535a am besten nicht als „kleines Meisterwerk“ im symphonischen Sinne zu verstehen, sondern als Gesellschaftsmusik von hoher handwerklicher QualitĂ€t. Die Contredanse (contredanse / Kontratanz) – ein Paartanz französisch-englischer Herkunft, normiert zu kurzen, abschnittsweise gebauten Melodien – wurde wegen klarer Phrasierung, eines starken metrischen Profils und der Möglichkeit geschĂ€tzt, sie zu Folgen fĂŒr einen Festabend zusammenzunĂ€hen [1]. Mozarts Contredanses stehen oft an der Grenze zwischen funktionaler Komposition und CharakterstĂŒck: Selbst wenn ein Tanz nur ein bis zwei Minuten dauert, kann er doch eine charakteristische harmonische Wendung, eine witzige Kadenz oder eine Orchesterfarbe tragen, die ihn unverkennbar macht.

K. 535a ist auch deshalb bemerkenswert, weil es Mozart beim Komponieren „kleiner Formen“ zeigt – genau in dem Moment, in dem er zugleich grĂ¶ĂŸere, privatere Aussagen formulierte. Anfang 1788 ist dicht gefĂŒllt mit TanzauftrĂ€gen und kurzen OrchesterstĂŒcken; zugleich ist es das Jahr bedeutender Kammer- und Symphonieprojekte. K. 535a neben diesen Werken zu hören, schĂ€rft den Blick fĂŒr Mozarts Vielseitigkeit – dafĂŒr, wie schnell er von öffentlicher Unterhaltung zu konzentrierter Kunst wechseln konnte.

Komposition und UrauffĂŒhrung

Das Köchel-Verzeichnis verortet die 3 Contredanses (K. 535a) in Wien und datiert sie auf Anfang 1788 [3]. Das Köchel-Verzeichnis der Mozarteum-Stiftung fĂŒhrt sie als KV zu 535a,01–03 und ordnet sie den höfischen Tanztypen zu, die Mozart nach der Anstellung von 1787 lieferte; zugleich beschreibt es das typische Contredanse-Schema: ĂŒberwiegend 2/4 (seltener 6/8), aufgebaut aus bis zu vier wiederholten Abschnitten mit regelmĂ€ĂŸigen PhrasenlĂ€ngen, die zur Choreographie passen [1].

Genaue Details einer ersten AuffĂŒhrung von K. 535a sind nicht so zuverlĂ€ssig dokumentiert, wie es bei Mozarts Konzertwerken oft möglich ist. Das ist fĂŒr Ballsaal-Repertoire nicht ungewöhnlich: Die „Premiere“ war hĂ€ufig schlicht der erste Abend, an dem das Set bei einer Redoute (oder einem verwandten öffentlichen/privaten Ball) gespielt wurde – mitunter von Hofmusikern, die aus praktischen Stimmen lasen. Mit anderen Worten: K. 535a wurde mit großer Wahrscheinlichkeit zum Gebrauch geschrieben, nicht zur AnkĂŒndigung.

Hinzu kommt, dass in der modernen Katalogisierung mindestens eine der einzelnen Contredanses der Gruppe ausdrĂŒcklich mit einem Warnhinweis versehen ist: KV 535a,02 wird als Werk zweifelhafter Echtheit bezeichnet, wobei der Notentext als ĂŒberliefert beschrieben wird [4]. Das nimmt dem ganzen Set nicht automatisch seinen Reiz; vielmehr erinnert es daran, wie fließend die Überlieferung von Tanzmusik sein konnte – ĂŒber Stimmenmaterial, Abschriften und Bearbeitungen hinweg – im Vergleich zu Mozarts stĂ€rker „fixierten“ Gattungen.

Instrumentation

Da Quellenlage und Zuschreibungen bei TanzstĂŒcken variieren können, ist es am sichersten, die Instrumentation nach kataloggestĂŒtzter Dokumentation anzugeben. FĂŒr KV 535a,02 (einen Tanz innerhalb der Gruppe) nennt der Mozarteum-Katalog eine kompakte Besetzung eines „Tanzensembles“:

  • HolzblĂ€ser: 2 Oboen
  • BlechblĂ€ser: 2 Hörner
  • Streicher: Violinen I & II, Bass (b; eine Kurzbezeichnung, die je nach örtlicher Praxis eine Continuo-/Basslinie meinen kann, realisiert durch Violoncello und Kontrabass) [4]

Selbst diese kleine Palette ist aufschlussreich. Zwei Oboen und zwei Hörner waren in Wiens öffentlicher Unterhaltungsmusik Standardfarben des Festlichen: Die Oboen sorgen fĂŒr rhythmischen „Schwung“ und helle melodische Kontur, wĂ€hrend die Hörner Kadenzen stĂŒtzen und zeremonielle WĂ€rme hinzufĂŒgen – ohne den schwereren Prunk von Trompeten und Pauken. Die Basslinie wiederum hĂ€lt den Tanz am Boden: weniger als eigenstĂ€ndige kontrapunktische Stimme, mehr als verlĂ€sslicher Antrieb.

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Form und musikalischer Charakter

Als Gattung ist die Contredanse auf Klarheit hin konstruiert. Die Beschreibung des Typs im Mozarteum-Katalog – kurze wiederholte Abschnitte, regelmĂ€ĂŸige Vielfache von vier Takten und ein starkes gerades Metrum – weist darauf, worauf Hörer zuerst achten sollten: nicht auf thematische Entwicklung, sondern auf Phrasen, die „einrasten“ und Körperbewegung auslösen [1].

Worauf man in Mozarts Contredanse-Stil achten kann

Selbst wenn eine Contredanse im Charakter anonym wirkt, schÀrft Mozart meist drei musikalische Parameter:

  • Kadenzieller Witz. Mozarts TanzschlĂŒsse wirken oft ein wenig „klĂŒger“, als es nötig wĂ€re – eine zusĂ€tzliche harmonische Finte oder eine von den BlĂ€sern verstĂ€rkte Kadenz, die den TĂ€nzern einen klaren Wendepunkt gibt.
  • Orchestrale Interpunktion. Oboen können den Einsatz zu Beginn jeder wiederholten Periode zuspitzen; Hörner können den harmonischen Rahmen weiten, damit die Musik einen Ballsaal fĂŒllt.
  • Ausgewogene Symmetrie mit kleinen Überraschungen. Die Choreographie braucht Symmetrie; Mozart liefert sie, aber er versteht es auch, mit einem raschen dynamischen Kontrast oder einer melodischen Nuance die Wiederholung zu beleben.

K. 535a als Gesellschaftskomposition

Das tiefere Interesse von K. 535a liegt in seinem sozialen Zweck. Diese TĂ€nze waren nicht „Hintergrundmusik“ im modernen Sinn; sie waren funktionale Kunst fĂŒr öffentliche Rituale der Selbstdarstellung und Geselligkeit. Ihr Erfolg beruhte auf Vorhersehbarkeit (damit der Tanz funktioniert) und Charme (damit sich die Wiederholung lohnt). In dieser Hinsicht zeigt K. 535a exemplarisch Mozarts FĂ€higkeit, Musik zu schreiben, die unmittelbar lesbar ist und dennoch die Handschrift einer kompositorischen Persönlichkeit trĂ€gt.

Rezeption und Nachwirkung

K. 535a hat nie zum zentralen Konzertkanon gehört, und die teilweise Einstufung als „zweifelhafte Echtheit“ in der modernen Katalogisierung bremst die Programmierung naturgemĂ€ĂŸ [4]. Dennoch bleibt das Set fĂŒr alle wertvoll, die Mozarts Wien als lebendiges musikalisches Ökosystem verstehen wollen – nicht als Museum der Meisterwerke.

Erstens dokumentiert es die Arbeitsbedingungen hinter den kaiserlichen Tanzsaisons, wie sie in gĂ€ngigen Darstellungen zu „Mozart und Tanz“ beschrieben werden, in denen Mozarts Hofrolle ausdrĂŒcklich mit der Produktion von Redoutensaal-TĂ€nzen verknĂŒpft ist [2]. Zweitens zeigt es, wie Orchesterkomponieren im spĂ€ten 18. Jahrhundert auf einem Kontinuum existierte: von Symphonien und Konzerten bis zu funktionalen Tanznummern, die auf dieselben Spieler zurĂŒckgriffen und oft dasselbe klangliche Vokabular nutzten.

Beim heutigen Hören lĂ€sst sich K. 535a auf zwei sich ergĂ€nzende Arten schĂ€tzen: als kurze Ablenkung – Musik, die lĂ€chelt und weiterzieht – und als historisches Dokument. Sie erinnert daran, dass Mozarts Genie nicht nur in der FĂ€higkeit lag, große Formen zu tragen, sondern auch darin, kleine vollkommen treffend zu gestalten – zugeschnitten auf ein Publikum, das ganz buchstĂ€blich auf den Beinen war.

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[1] Mozarteum Köchel-Verzeichnis: overview page for KV zu 535a,01–03 (genre description; court-ball context; typical contredanse structure).

[2] Wikipedia: “Mozart and dance” (court appointment; RedoutensĂ€le ball context; overview of Mozart’s dance output).

[3] Wikipedia: Köchel catalogue table entry for K. 535a (work title; early 1788; Vienna).

[4] Mozarteum Köchel-Verzeichnis: KV 535a,02 “Contredance in A” (doubtful authenticity; extant; instrumentation listing).