K. 159

Streichquartett Nr. 6 B-Dur, K. 159 (MailÀnder Quartett)

av Wolfgang Amadeus Mozart

Miniature portrait of Mozart, 1773
Mozart aged 17, miniature c. 1773 (attr. Knoller)

Mozarts Streichquartett Nr. 6 B-Dur (K. 159) entstand Anfang 1773 in Mailand, als der Komponist erst siebzehn Jahre alt war. Als letztes der sechs sogenannten „MailĂ€nder“ Quartette (K. 155–160) bietet es eine besonders markante Variante des italienischen dreisĂ€tzigen Quartett-Typs: einen dramatischen, in Moll stehenden Mittelsatz, der nicht als Adagio, sondern als kompaktes Sonaten-Allegro gestaltet ist.

Hintergrund und Kontext

Im Winter 1772–73 kehrte Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791) zum letzten Mal mit seinem Vater Leopold nach Italien zurĂŒck und verbrachte eine lĂ€ngere Zeit in Mailand. Zu den Ergebnissen dieses Aufenthalts gehört eine Gruppe von sechs Streichquartetten (K. 155–160), die gemeinhin als „MailĂ€nder“ Quartette bekannt sind—Werke, die noch nahe an den UrsprĂŒngen der Gattung stehen, als das Quartett eher mit der Divertimento-Tradition und italienischen Kammerstilen ĂŒberlappte als mit dem ausgereiften, viersĂ€tzigen, dialogischen Quartett, wie es mit Joseph Haydn verbunden wird [1].

As an Amazon Associate we earn from qualifying purchases.

K. 159 wird mitunter ĂŒbergangen, weil es dieser „frĂŒhen“ Phase angehört—also noch vor den ambitionierten Zyklen, die Mozart spĂ€ter in Wien schreiben und Haydn widmen sollte. Gerade deshalb verdient es Aufmerksamkeit: als Dokument eines stilistischen Übergangs, in dem der junge Mozart italienischen Geschmack (Klarheit, Sanglichkeit, schnelle rhetorische Kontraste) aufnimmt und zugleich mit gewichtigerer Form und dunklerer Ausdrucksfarbe experimentiert, als man in einem leichten dreisĂ€tzigen Entwurf erwarten wĂŒrde [1].

Entstehung und Widmung

Mozart komponierte Streichquartett Nr. 6 B-Dur, K. 159 1773 in Mailand [2]. Es ist das sechste und letzte Quartett der MailĂ€nder Sammlung (K. 155–160), entstanden, als Mozart sechzehn bis siebzehn Jahre alt war [1]. Eine konkrete Widmung lĂ€sst sich fĂŒr K. 159 in der gĂ€ngigen Referenztradition nicht verlĂ€sslich nachweisen; insgesamt gelten die Quartette eher als Gelegenheits-Kammermusik, geprĂ€gt von lokalen AuffĂŒhrungserwartungen, denn als öffentliches „Statement“ im Sinne der spĂ€teren Wiener Zyklen.

Besetzung (Standard-Streichquartett) [2]

  • Streicher: Violine I, Violine II, Viola, Violoncello (Basso)

Die Quellenlage zu den MailĂ€nder Quartetten ist fĂŒr derart frĂŒhe Kammermusik vergleichsweise gut: Autographe zu K. 155–160 stehen im Zusammenhang mit BestĂ€nden der Staatsbibliothek zu Berlin, und das Quartett ist in spĂ€teren Druckausgaben ĂŒberliefert (darunter die Neue Mozart-Ausgabe) [2].

Form und musikalischer Charakter

Wie die anderen MailĂ€nder Quartette folgt K. 159 dem italienisch geprĂ€gten dreisĂ€tzigen Plan (schnell–langsam/Kontrast–Menuett) und nicht der spĂ€ter klassischen viersĂ€tzigen Anlage [1]. Das Besondere ist hier, dass Mozart die dramatischste Argumentation des Werks ins Zentrum rĂŒckt.

SĂ€tze [2]

  • I. Allegro (B-Dur)
  • II. Allegro (Es-Moll)
  • III. Menuetto (B-Dur)

I. Allegro

Das eröffnende Allegro zeigt Mozart in einer Haltung eleganter, nach außen gerichteter Kammer-Rhetorik. Die Texturen begĂŒnstigen hĂ€ufig eine klare melodische FĂŒhrung (oft in der ersten Violine), getragen von vergleichsweise einfachen Innenstimmen—ein Ansatz, der mit den Wurzeln des Quartettes in Ă€lterer Ensemblemusik ĂŒbereinstimmt. Dennoch deutet die Musik bereits Mozarts GespĂŒr fĂŒr „theatralisches“ Timing an: Phrasen sind so angelegt, dass sie plötzliche Wendungen geradezu provozieren, und Kadenzen erscheinen weniger als schematische Notwendigkeit denn als Ergebnis eines darstellerischen Zeitempfindens.

II. Allegro (Es-Moll)

Das Gravitationszentrum liegt im zweiten Satz: einem Allegro in Moll—Es-Moll—einem fĂŒr ein frĂŒhes Streichquartett ungewöhnlich aufgeladenen Tonraum, und zudem ungewöhnlich, weil Mozart den Mittelsatz nicht als langsame, kantable Episode behandelt [1]. TatsĂ€chlich wird K. 159 innerhalb der MailĂ€nder Reihe eigens hervorgehoben, weil es einen „feurigen“ Sonaten-Allegro-Satz in die Mitte setzt, die Kontraste verschĂ€rft und die dramatische Linie des Werks strafft [1].

FĂŒr Hörerinnen und Hörer ist dieser Satz das stĂ€rkste Argument, das Quartett neu zu bewerten. Die Geste ist kĂŒhn: Mozart verdichtet eine ernste, entwickelnde Argumentation auf einen Raum, in dem die Konvention oft lyrische Ruhe erwartete. Die Wirkung ist beinahe opernhaft—Spannung ohne die „Entlastung“ eines Adagio—und sie lĂ€sst die umrahmenden B-Dur-SĂ€tze umso deutlicher hervortreten.

III. Menuetto

Das abschließende Menuetto stellt gesellschaftliche Fassung und tonales Tageslicht wieder her. Anstatt lediglich als leichtes Nachspiel zu dienen, wirkt es als stabilisierender Schlusspunkt nach der Störung im Zentrum und bestĂ€tigt B-Dur mit höfischer Anmut. Im Rahmen des italienischen Dreisatz-Plans kann ein Menuett am Ende trĂŒgerisch bescheiden erscheinen; hier liest es sich als strukturelle Lösung—Mozart bringt das Quartett wieder ins Gleichgewicht, nachdem er in der Mitte so viel Ausdrucksgewicht riskiert hat.

As an Amazon Associate we earn from qualifying purchases.

Rezeption und Nachwirkung

K. 159 hat es nie an Bekanntheit mit den „Haydn“-Quartetten der 1780er Jahre aufgenommen, noch mit spĂ€teren GlanzstĂŒcken der Quartettkunst wie dem Streichquartett d-Moll, K. 421 oder dem Streichquartett C-Dur, K. 465 („Dissonanzenquartett“). Seine Bedeutung ist subtiler: Es zeigt, wie schnell Mozart lernte, ĂŒberlieferte Gattungen in Richtung Drama und Kontrast zu biegen—noch bevor das Quartett zu einem zentralen Medium seines kompositorischen Anspruchs wurde.

Der heutige Zugang wird durch die erhaltenen frĂŒhen Quellen und die VerfĂŒgbarkeit zuverlĂ€ssiger Ausgaben erleichtert, darunter die Partitur der Neuen Mozart-Ausgabe (als eine der wichtigsten modernen wissenschaftlichen Ressourcen zum Quartett aufgefĂŒhrt) [2]. FĂŒr AusfĂŒhrende wie Hörende lohnt K. 159 Aufmerksamkeit als mehr als nur Jugendwerk: Es ist ein knappes, scharf profiliertes StĂŒck, dessen ungewöhnlicher, schneller Moll-Mittelsatz einen Blick auf die dramatische Imagination des reifen Mozart erlaubt—frĂŒh schon prĂ€sent, frĂŒh schon ungeduldig mit dem erwarteten Drehbuch.

[1] Wikipedia — overview of the Milanese Quartets (K. 155–160), including the note about K. 159’s unusually fiery sonata-allegro middle movement.

[2] IMSLP — String Quartet No. 6 in B-flat major, K. 159: instrumentation, movement list, and publication/source notes including NMA listing.