Streichquartett Nr. 4 C-Dur, K. 157 (Mailand, 1772)
de Wolfgang Amadeus Mozart

Mozarts Streichquartett Nr. 4 C-Dur, K. 157 gehört zu den sogenannten âMailĂ€nderâ Quartetten (K. 155â160), die wĂ€hrend seiner Italienreisen 1772â73 entstanden, als er erst sechzehn Jahre alt war.[1] In der kompakten italienischen DreisĂ€tzigkeit angelegt, steht das Quartett an einer aufschlussreichen Weggabelung: noch der Welt der sinfonia und der Triosonate nah, zugleich aber bereits auf der Suche nach jenen dramatischen Kontrasten und dem dialogischen Streichersatz, die spĂ€ter Mozarts reifen Quartettstil prĂ€gen sollten.[2]
Hintergrund und Kontext
Mozarts frĂŒhe Quartette ĂŒbersieht man leicht, weil sie nicht zum gefeierten âHaydnâ-Zyklus der 1780er Jahre zĂ€hlen. Doch K. 157 gehört zu einer entscheidenden Lehrzeit: sechs Quartette, komponiert im Umfeld Mailands wĂ€hrend Mozarts dritter und letzter Italienreise (Ende 1772 bis Anfang 1773).[2] Hauptziel dieser Reise war die Vorbereitung und AuffĂŒhrung von Lucio Silla (UrauffĂŒhrung in Mailand am 26. Dezember 1772), und die Quartette scheinen parallel zu den intensiven Opernverpflichtungen dieser Saison entstanden zu sein.[2]
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Hört man K. 157 vor diesem Hintergrund, wird klar, warum es Aufmerksamkeit verdient. Es ist nicht bloĂ âfrĂŒher Mozartâ: Hier erprobt Mozart, wie viel Ausdrucksgewicht ein vierstimmiger Streichersatz tragen kann, wĂ€hrend die Gattung selbst noch im Werden ist. Das italienische Dreisatzmodell hĂ€lt die musikalische Argumentation knapp, doch innerhalb dieses Rahmens pflegt Mozart schĂ€rfere Wendungen zwischen Dur und Moll sowie einen stĂ€rker theatralisch geprĂ€gten rhetorischen Gestus, als man ihn von einem Teenager erwarten wĂŒrde, der âauf Bestellungâ schreibt.[2]
Entstehung und Widmung
Das Köchelverzeichnis der Mozarteum-Stiftung datiert das Werk allgemein in die Zeit Mailand, Oktober 1772 bis MĂ€rz 1773.[1] Mit anderen Worten: Auch wenn K. 157 oft kurz als âMailand, 1772â zusammengefasst wird, gehört seine Entstehung in den gröĂeren Bogen dieser Wintersaison und deren unmittelbare Nachwirkung.[1]
Ein besonders reizvoller dokumentarischer Faden ergibt sich aus einem spĂ€teren Bericht Leopold Mozarts, der in moderner editorischer Kommentierung zitiert wird: Mozart habe einmal Geld verdient, indem er sechs Quartette âfĂŒr einen italienischen Herrnâ komponierte und dafĂŒr in Dukaten bezahlt wurde (sogar eine Schnupftabakdose wird erwĂ€hnt). Diese Geschichte hat die Hypothese befördertâbis heute nicht endgĂŒltig bewiesenâ, dass es sich bei den âsechs Quartettenâ genau um K. 155â160 gehandelt habe.[2] Ein WidmungstrĂ€ger lĂ€sst sich fĂŒr K. 157 selbst nicht sicher nachweisen; die Anekdote rahmt die MailĂ€nder Quartette jedoch als funktionale Gesellschaftsmusik mit realen Auftraggebern im Blick, nicht bloĂ als jugendliche Ăbungen.[2]
Besetzung (Standard-Streichquartett):
- Streicher: 2 Violinen, Viola, Violoncello (in frĂŒhen Quellen oft als âbassoâ/continuoartig gefĂŒhrte Basslinie katalogisiert, was den Ăbergangscharakter der Gattung widerspiegelt).[1]
Form und musikalischer Charakter
Wie die anderen MailĂ€nder Quartette folgt K. 157 dem frĂŒheren, italienisch geprĂ€gten Dreisatzplanâein wichtiger Hinweis auf seine Ă€sthetische Welt. Das Mozarteum-Verzeichnis vermerkt ausdrĂŒcklich, dass Mozarts frĂŒhe Quartette typischerweise dieser dreisĂ€tzigen Anlage folgen, bevor er spĂ€ter Haydns viersĂ€tziges Modell ĂŒbernimmt.[1]
SĂ€tze:
Selbst innerhalb dieses kompakten Rahmens lebt die IndividualitĂ€t des Quartetts von Kontrast. Eine Hörperspektive besteht darin zu verfolgen, wie Mozart C-Dur nicht als âneutraleâ Tonart behandelt, sondern als BĂŒhne, auf die rasch Schatten fallen könnenâeine Haltung, die fĂŒr die MailĂ€nder Gruppe insgesamt charakteristisch ist und die oft als ungewöhnlich interessiert an MollfĂ€rbungen beschrieben wird, gemessen an ihrer Ă€uĂerlich galanten OberflĂ€che.[3] Das Ergebnis wirkt bisweilen nĂ€her an opernhafter Rhetorik als an der spĂ€teren Wiener Quartett-âKonversationâ: Die erste Violine ĂŒbernimmt hĂ€ufig die fĂŒhrende Rolle, doch die Mittelstimmen sind keineswegs bloĂes FĂŒllwerk, und die Basslinie hilft, dramatische harmonische Wendungen zu artikulieren, statt lediglich eine Melodie zu unterfĂŒttern.[1]
Auch das Fehlen eines Menuetts ist aufschlussreich. Ohne Tanzsatz bĂŒndelt Mozart die Aufmerksamkeit auf die GegenĂŒberstellung eines schnellen eröffnenden Gedankengangs, eines langsameren expressiven Zentrums und einer flinken Schlussentladungâeine effiziente Dreiaktstruktur, die italienisches Theater-Tempo widerspiegelt. In der AuffĂŒhrung profitiert K. 157 oft von einer leichten, sprechenden Artikulation in den EcksĂ€tzen, wĂ€hrend sich das Andante mit einer sanglichen cantabile-Linie formen lĂ€sst, die an das Opernumfeld erinnert, in dem Mozart in jenem Winter arbeitete.[2]
Rezeption und Nachwirkung
Das VermĂ€chtnis von K. 157 liegt weniger in frĂŒher BerĂŒhmtheit als darin, was es ĂŒber Mozarts Entwicklung erkennen lĂ€sst. Die Forschung betrachtet die MailĂ€nder Quartette als geschlossene âitalienischeâ Phaseâderen genaue AuftrĂ€ge und ursprĂŒngliche UmstĂ€nde zwar teilweise im Dunkeln bleiben, deren Datierung auf die dritte Italienreise jedoch weithin akzeptiert ist.[2] Anders gesagt: Diese Werke sind in einem belegten historischen Moment verankert (Mailand, Opernproduktion, Reise), auch wenn ihnen die reich erzĂ€hlten UrauffĂŒhrungsgeschichten von Mozarts spĂ€teren Wiener Meisterwerken fehlen.
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FĂŒr heutige Hörerinnen, Hörer und Interpretierende bietet K. 157 zwei Gewinne. Erstens ist es eine lebendige Momentaufnahme des Streichquartetts bevor Haydns Modell fĂŒr Mozart zum Fixstern wurde: drei SĂ€tze, italienische Ăkonomie und ein Satz, der sich mitunter noch wie Oberstimmen ĂŒber einem âbassoâ-Fundament verhĂ€lt.[1] Zweitens erinnert es eindringlich daran, dass Mozarts reife Quartettstimme nicht ĂŒber Nacht erschien. In K. 157 hört man bereits, wie ein junger Komponist lernt, Drama in kammermusikalische Gesten zu verdichtenâumso beeindruckender, als dies unter dem praktischen Druck einer italienischen Saison geschmiedet wurde und nicht in der Stille eines akademischen Studierzimmers.[2]
[1] Internationale Stiftung Mozarteum, Köchel-Verzeichnis entry for K. 157 (dating, genre classification, movement list, instrumentation wording)
[2] BĂ€renreiter (preface/editorial commentary PDF) discussing the six Italian/Milanese quartets K. 155â160, their dating and documentary context (Leopold Mozart letters; Milan journey; uncertainties of commission)
[3] Wikipedia overview of the Milanese Quartets (K. 155â160) for general context and the setâs place in Mozartâs output








