Streichquartett Nr. 2 in D-Dur, K. 155 (K. 134a)
av Wolfgang Amadeus Mozart

Mozarts Streichquartett in D-Dur, K. 155 (K. 134a) ist ein frĂŒhes, italienisch geprĂ€gtes Kammermusikwerk aus dem Jahr 1772, entstanden, als er erst sechzehn war. Obwohl bescheiden dimensioniertâdrei knappe SĂ€tze fĂŒr vier Streicherâzeigt es bereits einen Komponisten mit schnellen Ohren, der mit tonalen Ăberraschungen experimentiert und innerhalb des Quartettidioms ein neu erwachtes GespĂŒr fĂŒr konversationelle Textur entwickelt.
Hintergrund und Kontext
Wolfgang Amadeus Mozart (1756â1791) begegnete dem Streichquartett zunĂ€chst nicht als jener spĂ€ter âernstenâ Wiener Gattung, wie sie mit Joseph Haydn verbunden ist, sondern als flexible italienische Kammermusik-Idiomatikâdem Geist nach nah an der sinfonia (OpernouvertĂŒre) und am salonhaften Divertimento. Das Streichquartett in D-Dur, K. 155 gehört zu der Gruppe, die traditionell die âMailĂ€nderâ Quartette (K. 155â160) genannt wird, komponiert wĂ€hrend Mozarts Italienreisen 1772â73, also deutlich vor seinem intensiven Studium von Haydns reifem Quartettstil in Wien 1773. In dieser Phase ist der Dreisatzplan (schnellâlangsamâschnell) die Regel, und die erste Violine fĂŒhrt hĂ€ufig mit einem deutlich opernhaft-melodischen Profil.[1][2]
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Gerade diese âZwischenâ-IdentitĂ€t macht K. 155 heute hörenswert. Es ist weder eine juvenile FingerĂŒbung fĂŒr Streicher noch ein proto-haydnscher Versuch, vier SĂ€tze architektonisch auszubalancieren. Stattdessen zeigt es Mozart dabei, auszuloten, was ein Quartett leisten kann, wenn seine Rhetorik noch italienisch bleibtâschnell im Singen, schnell im Umschlag, schnell im Ăberraschenâund doch bereits neugierig auf Textur, Imitation und harmonische Ausweichmanöver, die das Drama schĂ€rfen, ohne die Form zu vergröĂern.[3]
Entstehung und Widmung
Das Werk ist als authentisches, abgeschlossenes Quartett fĂŒr zwei Violinen, Viola und Violoncello ĂŒberliefert.[1] Datierung und selbst die vertrauten Ortsetiketten der Reise (âBozen/Bolzanoâ und Verona) sind weniger eindeutig, als es scheint: Ăltere Nachschlagewerke verbinden K. 155 hĂ€ufig mit der Reise, wĂ€hrend spĂ€tere Quellen- und Papierstudien betonen, dass die Autographe der sechs Quartette denselben Papiertyp aufweisen und vermutlich auf Mozarts Zeit in Mailand Ende 1772 bis in den frĂŒhen Winter 1773 zurĂŒckgehen.[1][4]
Das Autograph trĂ€gt die Ăberschrift âQuartetto Iâ, doch mahnt die Forschung zur Vorsicht: Die römischen Ziffern (IâVI) wurden wahrscheinlich spĂ€ter hinzugefĂŒgtâsehr plausibel von Leopold Mozartâals die StĂŒcke bereits existierten und geordnet werden mussten, und sind weniger als Beleg fĂŒr einen geplanten âZyklusâ zu verstehen, der an einem bestimmten Etappenort begonnen worden wĂ€re.[4] Zu Mozarts Lebzeiten wurde das Quartett nicht gedruckt; das Köchel-Verzeichnis verzeichnet einen Erstdruck erst 1792 (Artaria & Co.), was unterstreicht, dass diese jugendlichen Quartette zunĂ€chst nicht mit der Selbststilisierung eines spĂ€teren Opus in den europĂ€ischen Markt gebracht wurden.[1]
Form und musikalischer Charakter
Besetzung
- Streicher: Violine I, Violine II, Viola, Violoncello[1]
SĂ€tze
- I. Allegro (D-Dur)
- II. Andante (A-Dur)
- III. Molto allegro (D-Dur)[3]
I. Allegro
Der Kopfsatz wird fĂŒr ein so frĂŒhes Quartett oft als ungewöhnlich unruhig in seiner harmonischen WegfĂŒhrung beschrieben: Modulationen, die den Hörer fĂŒr Momente aus der sonnigen StabilitĂ€t von D-Dur âkippenâ lassen. Besonders auffĂ€llig ist Mozarts Einsatz einer unterbrochenen Kadenz (eine tĂ€uschende Wendung weg vom erwarteten Schluss) als witzige, Zeit kaufende Gesteâein frĂŒhes Beispiel dafĂŒr, wie nicht nur Melodie, sondern auch Kadenz zum dramatischen Mittel werden kann.[3] Innerhalb der insgesamt von der ersten Violine gefĂŒhrten Textur erprobt Mozart zudem kurze imitatorische Passagen, als teste er, wie weit sich Quartett-Rhetorik vom bloĂen Begleiten hin zum Dialog bewegen kann.
II. Andante (A-Dur)
Der langsame Satz in der Dominanttonart verkörpert das italienische Ideal eines âLieds ohne Worteâ: klare Phrasenbildung, leichte Begleitung und eine kantable Linie, die Mozarts Operninstinkt nahe steht. Das Interesse liegt hier weniger in gelehrtem Kontrapunkt als in Balance und Atemâdarin, wie die Mittelstimmen die Harmonie kolorieren und wie das Cello mehr tun kann, als nur den Bass zu markieren.
III. Molto allegro
Das Finale bringt D-Dur mit quecksilbriger Energie zurĂŒck. Selbst wenn das thematische Material kompakt ist, zeigt Mozarts Dispositionâwie er ĂbergĂ€nge strafft und auf einen klaren, entschiedenen Schluss zieltâeinen Komponisten, der bereits ĂŒber Momentum als Form nachdenkt. In der AuffĂŒhrung gewinnt der Satz, wenn man Artikulation und dynamische Kontraste als formbildende Werkzeuge behandelt: Der âFunkeâ ist nicht Dekoration, sondern das Mittel, mit dem dieses kleinformatige Ende seine Unausweichlichkeit erreicht.
Rezeption und Nachwirkung
K. 155 steht auĂerhalb der gĂ€ngigen ErzĂ€hlung vom âgroĂen Quartettâ, weil es dem Zeitpunkt vorausgeht, an dem Mozart Haydns Quartette op. 20 aufnahm und begann, viersĂ€tzige Werke mit einem ausdrĂŒcklich egalitĂ€reren instrumentalen GesprĂ€ch zu schreiben.[1] Genau darin liegt jedoch seine Bedeutung. Auf eigenen Voraussetzungen gehörtâals KammermusikstĂŒck aus der italienischen Reisezeitâzeigt es Mozart beim öffentlichen Lernen: mit harmonischen Finte, Experimenten mit Imitation und der Ăbersetzung theatralischer Instinkte in das intime Medium von vier Streichern.
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Zugleich ist es ein nĂŒtzliches âDavorâ-PortrĂ€t fĂŒr Hörerinnen und Hörer, die die spĂ€teren Wiener Quartette (K. 387â465) und den âPreuĂischenâ Zyklus (K. 575â590) kennen. Der Plan schnellâlangsamâschnell und die Dominanz der ersten Violine sind weniger MĂ€ngel als vielmehr der stilistische Boden, von dem Mozart spĂ€ter aufbrechen sollte. In diesem Sinn nĂ€hert man sich dem Streichquartett in D-Dur, K. 155 am besten nicht als verkleinerter Ausgabe der reifen Meisterwerke, sondern als lebendigem Dokument des 16-jĂ€hrigen Mozart, der zuhört, sich anpasst undâschon damalsâĂŒberrascht.
[1] Internationale Stiftung Mozarteum, Köchel-Verzeichnis entry for KV 155 (key, instrumentation, dating range, autograph and first print information).
[2] Wikipedia overview of the âMilanese Quartetsâ K. 155â160 (group context and general dating).
[3] Wikipedia article on *String Quartet No. 2 (Mozart)* (movement list; note on key changes and interrupted cadence).
[4] Henle Blog (scholarly editorial discussion) on the uncertain âBozenâ attribution and later-added Roman numerals in the autographs of K. 155â160.







