Le nozze di Figaro (K. 492): Mozarts Opera buffa in D-Dur
von Wolfgang Amadeus Mozart

Le nozze di Figaro (K. 492) ist Mozarts vieraktige opera buffa nach einem italienischen Libretto von Lorenzo Da Ponte, am 29. April 1786 in Wien vollendet und am 1. Mai 1786 im Burgtheater uraufgeführt [1] [2]. Als Posse der Verkleidungen ebenso wie als messerscharfe Gesellschaftskomödie verwandelt die Oper Beaumarchais’ „Tag des Wahnsinns“ in ein durchkomponiertes Musikdrama, in dem Klasse, Begehren und Macht—Takt für Takt—durch Ensembles ebenso wie durch Arien ausgehandelt werden.
Hintergrund und Kontext
Wien in der Mitte der 1780er Jahre war ein opernpolitisches Kampfgebiet: Italienische komische Oper (opera buffa) war am Hof weiterhin en vogue, doch ihre Sujets—Diener, die Herren ausstechen, aristokratische Privilegien, die verspottet werden—konnten mit der Repräsentationspolitik einer absolutistischen Gesellschaft kollidieren. Beaumarchais’ Schauspiel La folle journée, ou Le Mariage de Figaro hatte europaweit den Ruf des Explosiven. Selbst wenn seine offensten polemischen Passagen für die Opernbühne entschärft wurden, stellte die Grundkonstellation—ein Kammerdiener-Hochzeitstag, sabotiert von einem Grafen, der auf sexuelle Vorrechte pocht—dem Publikum weiterhin die Zumutung, über eine soziale Hierarchie zu lachen, die als natürlich und dauerhaft zu erscheinen hatte.
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Mozart (1786 dreißig Jahre alt) betrat diese Welt nicht als bloßer Lieferant gefälliger Melodien, sondern als Dramatiker mit ungewöhnlich scharfen Werkzeugen. Die Monate vor Figaro fallen in eine der konzentriertesten Schaffensphasen seines Lebens, überlappen mit Klavierkonzerten, Kammermusik und Gelegenheitswerken; mit anderen Worten: Die Oper ist kein isoliertes „Theaterprojekt“, sondern Teil eines breiteren Wiener Stils, in dem instrumentale Raffinesse in den Orchestergraben einwandert [3].
Von Beginn an gehörte Figaro auch zu einem entstehenden „System“ der Wiener Aufführungspraxis: Starsänger mit ausgeprägten Bühnen-Personae, ein Hoftheater, das üppige Ensembles stemmen konnte, und ein Publikum, das die Codes der italienischen Oper verstand und zugleich begierig zeitnahes Theater konsumierte. In diesem Umfeld konnte die Oper von Mozart und Da Ponte zugleich Unterhaltung und ein riskanter Akt kulturellen Judo sein—die elegante Maschinerie der buffa gegen das gepflegte Selbstbild der Mächtigen in Stellung gebracht.
Komposition und Auftrag
Anders als viele Hofaufträge scheint Le nozze di Figaro ohne garantierte Aufführung begonnen worden zu sein—eine Lage, die sich in späteren institutionellen Darstellungen spiegelt und in der verschwommenen Grenze zwischen Initiative, Opportunismus und politischer Genehmigung, die das Werk umgab [4]. Erschwert wird das Bild durch die Beschaffenheit der überlieferten Dokumente: Mozart und Da Ponte lebten in derselben Stadt, daher hinterließ ihre Zusammenarbeit kaum direkte Spuren in Briefen zwischen ihnen. Vieles der Erzählung stammt folglich aus indirekten Zeugnissen—Familienkorrespondenz, spätere Memoiren und Erinnerungen von Sängern, jeweils mit eigener Agenda.
Ein fester Ankerpunkt ist die Chronologie. Die Arbeit war Anfang November 1785 im Gang, als Leopold Mozart in einem Brief an seine Tochter erwähnte, sein Sohn stecke „bis über die Ohren“ in der Oper, und zugleich pragmatisch anmerkte, Beaumarchais’ „lästiges Stück“ müsse für die Bühne stark umgearbeitet werden [5]. Mozart trug die vollendete Oper am 29. April 1786—zwei Tage vor der Premiere—in seinen eigenen thematischen Katalog ein; diese zeitliche Koinzidenz hat die seit langem verbreitete Auffassung begünstigt, dass zum Schluss ein Endspurt gehörte, einschließlich der in letzter Minute geschriebenen Ouvertüre [6] [1].
Eine aufschlussreiche Anekdote über das institutionelle Klima stammt von Michael Kelly (Sänger der Uraufführungsbesetzung), der später behauptete, ein Streit darüber, wessen Oper als Nächstes herausgebracht werden solle—Mozarts oder die der Rivalen—sei so erbittert geworden, dass Mozart geschworen habe, die Partitur zu verbrennen [2]. Selbst wenn durch Memoiren gefärbt, weist die Geschichte auf eine reale strukturelle Spannung: Oper in Wien war nicht nur Kunst, sondern auch Spielplan, Fraktionen und Patronage.
Musikalisch nutzt die Partitur das volle klassische Orchester, typisch für den „Trompeten-und-Pauken“-Glanz der D-Dur—ein Apparat, der zeremonielle Brillanz ebenso kann wie kammermusikalische Intimität.
- Holzbläser: 2 Flöten, 2 Oboen, 2 Klarinetten, 2 Fagotte [7]
- Blechbläser: 2 Hörner, 2 Trompeten [7]
- Schlagwerk: Pauken [7]
- Streicher: Violinen I & II, Viola, Violoncello, Kontrabass [7]
- Continuo: Fortepiano/Cembalo (für Rezitative, in der Aufführungspraxis) [7]
Die Instrumentation ist dramaturgisch entscheidend. In Figaro skaliert Mozart den Klang immer wieder nach oben und unten, um Machtverhältnisse zu markieren: öffentliche versus private Räume, die Autorität des Grafen versus das konspirative „Small Talk“-Geflüster der Dienerschaft, und das zentrale Verfahren der Oper—Menschen hören zu, belauschen, verhören sich.
Libretto und dramatische Struktur
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Da Pontes Libretto, nach Beaumarchais, ist weniger eine geradlinige „Adaption“ als eine strategische Verdichtung. Die vieraktige Architektur der Oper verwandelt eine lange Sprechkomödie in eine hochkomprimierte Abfolge von Situationen—Zimmer, Korridore, Gärten—unter Zeitdruck und im Blick der anderen. Daraus ergibt sich eine wesentliche musikalische Konsequenz: Figuren bleiben selten lange allein mit ihren Gefühlen. Privates Empfinden wird ständig von sozialer Realität unterbrochen.
Eine zentrale strukturelle Innovation ist der Umgang der Oper mit Information als Drama. Briefe, Verabredungen, Verkleidungen und Gerüchte sind nicht bloße Handlungsmittel; sie erzeugen musikalische Formen. In Figaro wird das Ensemble oft zu einer Art öffentlichem Forum, in dem private Motive unter Druck erprobt werden. Da Pontes Text erleichtert dies, indem er Mozart Zeilen liefert, die sich schichten und umschichten lassen: Dieselben Worte können Beruhigung, Ironie, Drohung oder Panik bedeuten—je nachdem, wer mithört.
Die politische Schärfe Beaumarchais’ wird nicht einfach „entfernt“; sie wird umverteilt. Was an explizitem Monolog verloren geht, wird in der Dramaturgie gewonnen: Der Missbrauch von Privilegien durch den Grafen wird zu etwas, das man wiederholt in Aktion hört—durch Unterbrechungen, Befehle und dadurch, wie andere Figuren in Echtzeit reagieren müssen. In diesem Sinne handelt die Oper nicht nur von einem Herrn, der von seinem Hausstand zurechtgewiesen wird; sie handelt von einer sozialen Maschine, die hörbar gemacht wird.
Musikalische Anlage und zentrale Nummern
Mozarts Lösung für Figaro wird oft als Triumph der Ensembles beschrieben, und das stimmt—doch der tiefere Punkt ist, wie er durch Ensembletechnik moralische und soziale Komplexität lesbar macht. In einem gesprochenen Stück können Figuren sich erklären. In Mozarts opera buffa entlarven sie sich dadurch, wie sie singen, während andere über sie hinweg singen.
Einige Nummern zeigen den dramaturgischen Anspruch des Werks besonders deutlich:
- „Se vuol ballare, signor contino“ (Figaro, 1. Akt). Figaros „Tanz“ ist eine rhetorische Falle: höfische Eleganz wird zur Drohung. Mozart schreibt Musik, die zugleich schmeichlerisch und gefährlich klingen kann—ein frühes Signal, dass dieser Diener die Sprache des Aristokraten beherrscht und sie als Waffe einsetzen kann.
- „Non più andrai, farfallone amoroso“ (Figaro, 1. Akt). Oft als „Hit-Melodie“ genossen, ist sie auch ein Miniaturakt sozialer Disziplinierung. Figaro demütigt Cherubino, indem er sich das Soldatenleben ausmalt; das Marsch-Thema wird zur Komödie mit Biss, und die Öffentlichkeit der Arie ist entscheidend—der Haushalt überwacht sich selbst.
- Finale des 2. Akts (das große mehrszenige Ensemble). Hier verwandelt Mozart Farce in etwas, das fast an sozialen Realismus grenzt: Auf- und Abtritte wirken wie Konsequenzen, nicht bloß wie Theatertricks. Die sich beschleunigende Komplexität der Musik macht hörbar, was die Figuren nicht mehr kontrollieren—ein aristokratischer Haushalt, der in prozedurales Chaos zerfällt.
- „Porgi, amor“ und „Dove sono i bei momenti“ (Gräfin, 2. und 3. Akt). Die Gräfin wird bisweilen als „Insel der Aufrichtigkeit“ innerhalb der Komödie behandelt. Doch Mozart macht es bequemerweise nicht so einfach: Die Arien sind nicht reine Klage, sondern kultivierte Selbstbeherrschung—ein nobles Idiom, geprüft durch Verrat. Zugleich verschieben sie das moralische Gravitationszentrum der Oper hin zu einer Figur, die Rang, aber keine Macht besitzt.
- „Giunse alfin il momento… Deh vieni, non tardar“ (Susanna, 4. Akt). Die berühmte canzonetta ist eine Meisterklasse der dramatischen Doppeladressierung: Sie wird „für“ den Grafen gesungen, „über“ Figaro und zugleich „an“ das Publikum. Die Verführung ist real genug, um zu schmerzen, und doch als Spiel gerahmt—Susanna gewinnt, indem sie besser spielt als der Mann, der glaubt, die Szene zu dirigieren.
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Hinter diesen Höhepunkten steht eine leisere technische Meisterleistung: Mozarts Tempo- und Spannungsregie zwischen Rezitativ und Arie. Die Rezitative sind nicht bloßes Bindemittel, sondern ein Taktmechanismus, der steuert, wie schnell Geheimnisse durch den Haushalt zirkulieren. In der Aufführung wird der Continuo-Spieler (oft der Dirigent am Tasteninstrument) Teil des Nervensystems des Dramas.
Uraufführung und Rezeption
Le nozze di Figaro wurde am 1. Mai 1786 im Wiener Burgtheater uraufgeführt [1]. Die Erstbesetzung war außergewöhnlich stark, darunter Nancy Storace (Susanna) und Francesco Benucci (Figaro), mit Michael Kelly in Nebenrollen [1] [8]. Zeitgenössische und spätere Berichte sind sich einig, dass die Probenzeit knapp war; eine moderne Gesamtdarstellung bewahrt sogar das anschauliche Detail, das Orchester habe aus hastig vorbereiteten handschriftlichen Stimmen gespielt—mit vorhersehbaren Missgeschicken [9].
Doch die Premiere ist nur ein Datenpunkt in einer komplizierten Rezeptionsgeschichte. Nach manchen Berichten errang die Oper einen klaren künstlerischen Triumph, ohne sich allerdings sofort im Wiener Repertoire durchzusetzen. Eine häufig zitierte Zahl lautet, dass es 1786 in Wien nur neun Aufführungen gab—eine begrenzte Serie, die scharf mit dem späteren Rang des Werks und mit seinem sensationellen Erfolg anderswo kontrastiert [10].
Das wichtigste „anderswo“ war Prag. Bondinis Truppe brachte Figaro dort im Dezember 1786 heraus, und die Reaktion—nach mehreren späteren Zusammenfassungen—war elektrisierend; das Werk wurde rasch Teil des lokalen Musiklebens und trug dazu bei, Mozart im Januar 1787 in die Stadt zu ziehen [11] [12]. In diesem Licht wird Figaro zu einem lehrreichen Fall spätachtzehnteljähriger Kulturgeographie: Wien liefert Infrastruktur und Zensur; Prag liefert die geballte Begeisterung, die eine neue Oper zum bürgerlichen Ereignis macht.
Aufführungstradition und Nachwirkung
Zwei Aufführungstraditionen haben das moderne Verständnis von Figaro geprägt.
Erstens geht es um die Frage textlicher und musikalischer Vollständigkeit—weniger glamourös als „Interpretation“, aber entscheidend. Figaro war lange Zeit Kürzungen unterworfen (zumal in einer Theaterökonomie, in der Tempo und Starauftritte zählten), und die Integrität der Oper kann sich spürbar verändern, wenn bestimmte Nummern wegfallen. Don Basilios Arie im 4. Akt „In quegli anni in cui val poco“ ist ein prominentes Opfer: Dramaturgisch entbehrlich, ist sie musikalisch aufschlussreich—eine zynische Philosophie des Klatsches, die die Moralwelt der Oper in schärferes Licht rückt.
Zweitens gibt es die interpretatorische Debatte über den Ton. Ist Figaro im Kern eine Komödie, die zufällig ernste Musik enthält, oder ein ernstes Drama, das komische Kleidung trägt? Moderne Inszenierungen entscheiden sich häufig in die eine oder andere Richtung—entweder sie betonen Sozialkritik (Klassenkonflikt, Zustimmung/Einverständnis, institutionelle Macht) oder sie heben die menschliche Zärtlichkeit und Vergebungsbereitschaft des Werks hervor. Mozarts Partitur trägt beides, und genau deshalb hat sich das Stück als so haltbar erwiesen: Es kann als volatile „Haushaltsrevolution“ gespielt werden, ohne aufzuhören, eine Komödie der Sitten zu sein.
Ein historischer Strang ist besonders erhellend: die Beziehung der Oper zu Sängern als Personen, nicht nur als Stimmfächern. Nancy Storaces Susanna war nicht einfach „eine Sopranrolle“; es war eine Rolle, geformt durch eine spezifische theatralische Intelligenz. Die spätere Konzertarie „Ch’io mi scordi di te?… Non temer, amato bene“ (K. 505), für Storaces Abschiedskonzert in Wien (23. Februar 1787) geschrieben—mit Mozart selbst am Tasteninstrument—deutet die Nähe von Komponist und Interpretin an und zeigt, wie Mozart vokales Schreiben weiterhin als Charakterschreiben dachte—selbst außerhalb des Opernhauses [13] [14].
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Am Ende wird Le nozze di Figaro nicht nur gefeiert, weil es „schön“ oder „genial“ sei, sondern weil es ein ungewöhnlich modernes künstlerisches Problem löst: wie man eine Gesellschaft hörbar macht. Mozart gelingt dies, indem er jede musikalische Form—Arie, Duett, Finale, Rezitativ—als soziale Situation mit Einsatz behandelt. Das Ergebnis ist eine Oper, deren Komik nie ganz in Behaglichkeit ausruht und deren Momente der Gnade nie naiv sind; sie werden errungen, kurz und prekär, mitten im Wahnsinn dieses Tages.
Noten
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[1] Italian Wikipedia: completion date (29 April 1786), premiere (1 May 1786), and premiere cast details
[2] Mozarteum (Köchel Catalogue) KV 492 page with work overview and Kelly anecdote about production dispute
[3] MozartDocuments.org contextual essay on March 1786 and Mozart’s productivity leading up to Figaro
[4] Wiener Staatsoper synopsis/history note on the work’s risk and Da Ponte’s adaptation choices
[5] San Francisco Opera article quoting Leopold Mozart (letter of 2 Nov 1785 mentioned) and discussing the Vienna environment
[6] Otto Jahn, Life of Mozart (Project Gutenberg): discussion of 29 April 1786 catalogue date and last-minute completion
[7] Quizlet study set summarizing standard orchestral forces and continuo practice for Figaro (used only for instrumentation list)
[8] German Wikipedia: detailed Vienna premiere cast list and contextual notes
[9] Die Welt der Habsburger: rehearsal difficulties and last-minute preparation around the Vienna premiere
[10] San Francisco Opera article: quotation from Michael Kelly and note on limited Vienna performances in 1786 and later revival
[11] English Wikipedia: premiere, Prague success, and Mozart’s 1787 Prague visit dates as commonly summarized
[12] English Wikipedia: overview of Mozart’s Prague relationship and Figaro’s role in the commission pipeline
[13] English Wikipedia: K. 505 concert aria written for Nancy Storace (date and occasion)
[14] MozartDocuments.org: documentation on a Mozart benefit concert and K. 505 at Storace’s farewell context


















