Zwei Menuette mit Contredanses (K. 463 / K³ 448c): Mozarts Miniaturdramen für den Ballsaal
av Wolfgang Amadeus Mozart

Mozarts Zwei Menuette mit Contredanses (K. 463; K³ 448c) sind zwei kompakte orchestrale Tanzstücke, im April 1783 in Wien vollendet, die jeweils ein zeremonielles Menuett mit einer eingeschobenen, schnelleren Contredanse verbinden. Für den praktischen Gebrauch im gesellschaftlichen Rahmen und nicht für den Konzertsaal geschrieben, zeigen sie dennoch Mozarts Gabe für Charakter, dramaturgisches Timing und orchestrale Farbgebung in kleinsten Formen.
Hintergrund und Kontext
Als Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791) sich in Wien niederließ, kam er in eine Stadt, in der Tanzmusik kein Randvergnügen war, sondern zum Kern des öffentlichen wie aristokratischen Lebens gehörte. Menuette, Deutsche Tänze und Contredanses erklangen bei höfischen Anlässen, in privaten Salons und bei den großen saisonalen Festlichkeiten, die den gesellschaftlichen Kalender der Hauptstadt prägten.
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K. 463 gehört in diese Welt der Gebrauchsmusik — Werke, die zum Tanzen bestimmt waren, wiederholt und im Augenblick genossen. Doch selbst unter solchen Gelegenheitsstücken fallen diese beiden Nummern durch ihre Anlage auf: Jedes ist ein Menuett mit eingeschobener Contredanse — eine Art „Doppelszene“, in der ein würdevoller Anfang eine bewegtere zentrale Episode rahmt. Das Köchel-Verzeichnis bewahrt sogar die praktische Logik der Tanzmusik, die Mozarts Schaffen in diesem Genre zugrunde liegt: Tänze im Dreiertakt wie Menuette wechseln normalerweise mit einem kontrastierenden Mittelteil, bevor der Haupttanz wiederkehrt.[1]
Entstehung und Uraufführung
Das Köchel-Verzeichnis der Internationalen Stiftung Mozarteum datiert den ersten der beiden Tänze (K. 463/1) auf Wien, 1783–April 1783, und bezeichnet ihn als „vollendetes Werk“, dessen Echtheit „bestätigt“ ist.[1] (Der zweite Tanz ist im selben Konvolut als K. 463/2 katalogisiert.) Diese Datierung auf 1783 ist hervorzuheben, weil in älteren Katalogangaben und in manchen Sekundärlisten auch andere Jahre kursierten.
Wie bei einem Großteil von Mozarts Tanzmusik ist eine konkrete erste Aufführung nicht verlässlich dokumentiert: Wahrscheinlich wurden diese Stücke als Teil einer längeren Abfolge von Tänzen eines Abends gespielt, statt als eigenständiger Konzertbeitrag „uraufgeführt“ zu werden. Ihre spätere Rezeption als Miniatur-Zugaben im Konzert (oder als charmante Füllstücke auf Aufnahmen mit Mozart-Tänzen) ist weitgehend eine moderne Gewohnheit, begünstigt durch die knappe Besetzung und das klare Format von zwei Nummern.[2]
Instrumentation
Für K. 463/1 gibt das Köchel-Verzeichnis folgende Besetzung an:[1]
- Holzbläser: 2 Oboen, Fagott
- Blechbläser: 2 Hörner
- Streicher: 2 Violinen
- Bass: Violoncello + Kontrabass
Zwei Punkte verdienen Beachtung.
Erstens handelt es sich um Tanzmusik für ein kleines, praxisnahes Ensemble — genau die Art flexibel einsetzbarer Kapelle, die man in einem Ballsaal aufbieten konnte: Die Streicher tragen das rhythmische Rückgrat, die Bläser sorgen an Kadenzen für Glanz und Gewicht.
Zweitens weisen viele moderne Überblicksdarstellungen auf das auffällige Fehlen von Bratschen hin; auch die Instrumentationsangabe bei IMSLP beschreibt den Zyklus als „2 oboes, bassoon, 2 horns, strings (no violas).“[2] Die schlanke Innenstimmen-Textur kann die Harmonik ungewöhnlich „offen“ wirken lassen und die mittlere Klangfarbe der Bläser nach vorn holen — eine ökonomische Art, in einer lauten Gesellschaftssituation für Klarheit zu sorgen.
Form und musikalischer Charakter
Auch wenn man K. 463 leicht unterschätzt — zwei kurze Tänze, jeweils nur wenige Minuten —, ist das Konzept beinahe theatralisch: eine öffentliche, zeremonielle Haltung etablieren; in gesellige Bewegung umschalten; dann zur Ausgangspose zurückkehren.
Nr. 1: Menuett mit eingeschobener Contredanse (F-Dur)
IMSLP führt Nr. 1 in F-Dur.[2] Der Menuett-Teil wirkt wie ein würdiges Portal. Im Ballsaal waren das kontrollierte Tempo und die symmetrische Phrasierung eines Menuetts nicht bloß musikalische Konventionen, sondern Signale sozialer Ordnung — wer führt, wer folgt, wie die Gruppe „erscheint“, während sie sich bewegt.
Dann folgt die eingeschobene Contredanse: schneller, extrovertierter, gemacht für Muster und Figuren statt für repräsentatives Auftreten. Der Reiz des Formats liegt in der plötzlichen Veränderung der körperlichen Energie — von gesetzten Schritten zu lebhaften Drehungen —, ohne den Rahmen einer einzigen, nummerierten Tanzfolge zu verlassen.
Nr. 2: Menuett mit eingeschobener Contredanse (B-Dur)
IMSLP führt Nr. 2 in B-Dur.[2] Dieses zweite Paar wird häufig wegen seiner Ausdrucksbezeichnung hervorgehoben: Eine moderne, auf Zaslaw basierende Zusammenfassung berichtet, Mozart habe über das zweite Menuett „Menuetto cantabile Adagio“ notiert und damit einen gesanglicheren, bewusst verlangsamten Charakter unterstrichen, bevor die lebhafte Contredanse einsetzt.[3]
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In der Aufführung kann dies wie eine Miniaturlektion in Affekten der Klassik wirken: cantabile-Eleganz schließt rhythmische Zielgerichtetheit nicht aus; vielmehr schärft sie den Kontrast, wenn die Contredanse erscheint. Der eingeschobene Abschnitt ist nicht bloß „ein schnellerer Teil“, sondern ein neuer sozialer Modus — gemeinschaftlich, kinetisch und leicht überschäumend.
Rezeption und Nachwirkung
Tanzmusik wird bisweilen als Mozarts „Nebenwerk“ betrachtet, doch K. 463 zeigt, warum diese Kategorie irreführen kann. Diese Stücke verdichten mehrere von Mozarts bleibenden Stärken — klare Phrasierung, rasche Charakterisierung und einfallsreiche Instrumentation — in einem Format, das auf unmittelbaren Gebrauch zielt.
Ihre Nachwirkung ist auch bibliographisch: In der Neuen Mozart-Ausgabe erscheint das Set als „Zwei Quadrillen“ in Tänze, Band 2 (NMA IV/13/Abt. 1/2), herausgegeben von Marius Flothuis.[4] Dieser Titel (Quadrillen) deutet an, wie spätere Hörer und Katalogisierer versuchten, Mozarts Tanzstücke des späten 18. Jahrhunderts mit dem sich entwickelnden Ballsaalrepertoire des 19. Jahrhunderts in Beziehung zu setzen — ein Nachleben, das daran erinnert, wie leicht Gebrauchsmusik ihre Kontexte wechselt.
Heute verdient K. 463 Aufmerksamkeit nicht, weil es sinfonische Argumentation anstrebt, sondern weil es die Wiener Musikgesellschaft auf Bodenhöhe einfängt: Musik, geschrieben, um Körper im Raum zu koordinieren, die Rituale eines Abends zu gliedern — und dies mit handwerklicher Sorgfalt. Genau hingehört werden diese „kleinen“ Tänze zu aufschlussreichen Dokumenten von Mozarts Wiener Ohr: eine Kunst der Eleganz, des Kontrasts und des Timings, weitab von der Opernbühne und doch dem Drama stets nahe.
[1] International Mozarteum Foundation, Köchel-Verzeichnis entry for K. 463/1 (dating, authenticity status, key, instrumentation, general notes on Mozart’s dance forms).
[2] IMSLP work page for 2 Minuets, K. 463/448c (keys, general information, commonly cited instrumentation detail).
[3] Christer Malmberg’s Zaslaw-based summary list (*The Compleat Mozart*) noting the minuet–contredanse structure and the marking “Menuetto cantabile Adagio” for the second.
[4] DME/Mozarteum table of contents for NMA IV/13/Abt. 1/2 (*Dances, vol. 2*), listing “Zwei Quadrillen KV 463 (448c)”.








