K. 418

„Vorrei spiegarvi, oh Dio!“ (K. 418) — Mozarts Wiener Einlagearie in A-Dur

von Wolfgang Amadeus Mozart

Unfinished portrait of Mozart by Lange, 1782-83
Mozart, unfinished portrait by Joseph Lange, c. 1782–83

Mozarts konzertante Einlagearie „Vorrei spiegarvi, oh Dio!“ (K. 418) wurde am 20. Juni 1783 in Wien vollendet und zehn Tage spĂ€ter im Burgtheater erstmals aufgefĂŒhrt. FĂŒr die Sopranistin Aloysia Weber Lange geschrieben, verbindet sie eine flehentliche Gesangslinie mit einer beredt gefĂŒhrten obbligato Oboe und macht aus einem kurzen Opernmoment ein dramatisches MiniaturstĂŒck ĂŒber Gewissen und Begehren.

Hintergrund und Kontext

In Mozarts Wiener Jahren wurden „zusĂ€tzliche“ Arien hĂ€ufig komponiert, um sie fĂŒr eine bestimmte SĂ€ngerin oder einen bestimmten SĂ€nger in eine bereits existierende Oper einzufĂŒgen—eine Einlagearie, die einer Starstimme, ihrem Temperament oder dem aktuellen Geschmack besser entsprechen konnte. „Vorrei spiegarvi, oh Dio!“ (K. 418) gehört in diese praktische, kĂŒnstlerisch jedoch außerordentlich fruchtbare Welt: Mozart vollendete das StĂŒck am 20. Juni 1783 in Wien, und am 30. Juni 1783 wurde es im Burgtheater als Einlage in Pasquale Anfossis damals populĂ€re Oper Il curioso indiscreto aufgefĂŒhrt.[1][2]

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Die Arie entstand fĂŒr Mozarts SchwĂ€gerin Aloysia Weber Lange—eine der in Wien am meisten bewunderten Sopranistinnen—die offenbar fand, Anfossis ursprĂŒngliches Material stelle sie nicht vorteilhaft genug heraus.[2][3] Mozart reagierte nicht mit routinierter vokaler Schaustellung, sondern mit einer szenenartigen psychologischen Studie: ein intimer Beginn, der sich zu drĂ€ngender Beschwörung steigert, geschrieben, um Langes berĂŒhmte Höhe (einschließlich eines hohen E) auszuspielen.[3]

Text und Komposition

Das Köchel-Verzeichnis fĂŒhrt das Werk als Arie fĂŒr Sopran, Oboe und Orchester in A-Dur; der Textdichter ist unbekannt, die Rolle heißt Clorinda.[1] Dramatisch steckt Clorinda in einer vertrauten opernhaften Zwangslage der AufklĂ€rung: Pflicht und gesellschaftliche Bindung („un barbaro dover“) nötigen sie, einen Mann zurĂŒckzuweisen, dessen Zuneigung sie nicht vollstĂ€ndig abtun kann, und sie bittet ihn zu gehen („Ah conte, partite“).[2]

Mozart instrumentiert die Arie mit einer auffallend warmen, verschmolzenen Orchesterfarbe—Streicher mit je zwei Oboen und Fagotten sowie zwei Hörnern—und gibt dem Sopran in der obbligato Oboe einen wirklichen Partner.[1] Diese konzertante Behandlung ist ein Grund, warum das StĂŒck heute so reich belohnt: Es ist nicht bloß „eine Arie mit Begleitung“, sondern ein streng organisiertes Zusammenspiel von Stimmen und Instrumenten, angesiedelt zwischen Oper und Konzert.

Musikalischer Charakter

Im Kern ist „Vorrei spiegarvi, oh Dio!“ eine Studie widerstreitender Regungen—Musik, die gleichsam laut denkt. Der Anfang wird oft als Duett fĂŒr Sopran und Oboe beschrieben: Die Oboe singt mit der Stimme, nicht nur um sie herum, und wirkt wie ein inneres zweites Selbst (zart, ĂŒberredend, ja gefĂ€hrlich verfĂŒhrerisch).[3] Wenn der Text zum Befehl umschlĂ€gt—„geh, lauf, flieh“—zieht Mozart die Rhetorik an. Die Gesangslinie wird brillanter und kantiger, und das Orchester drĂ€ngt vorwĂ€rts, auf eine Weise, die selbst außerhalb der ursprĂŒnglichen OpernbĂŒhne theatral wirkt.

Was K. 418 innerhalb von Mozarts Werkjahr 1783 besonders auszeichnet, ist seine Ökonomie. In nur wenigen Minuten bietet es die geballte IntensitĂ€t der opera seria, die dialogische IntimitĂ€t der Kammermusik und jene instrumentale Hervorhebung, die wir mit Mozarts reifen Konzerten verbinden. Kurz: eine Wiener Visitenkarte—fĂŒr eine bestimmte SĂ€ngerin und einen konkreten Theaterabend geschaffen, und doch stark genug, um (wie geschehen) im Konzertsaal weiterzuleben—wo die Linie des Soprans und die Beredsamkeit der Oboe noch immer dieselbe Frage stellen: Wie kann man wahrhaftig singen, wenn die Pflicht Aufrichtigkeit verbietet?

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[1] Köchel-Verzeichnis (Mozarteum): work record with dating, first performance (Burgtheater, 30 June 1783), role, and instrumentation.

[2] Wikipedia: overview of the aria’s insertion context (*Il curioso indiscreto*), Vienna dates (20 & 30 June 1783), and synopsis/text excerpt.

[3] Boston Baroque program note (Martin Pearlman): context for Aloysia Weber Lange, the soprano–oboe duet idea, and the high E detail.