Divertimento Nr. 10 in F-Dur, „Lodron Nr. 1“ („Lodronische Nachtmusik“), K. 247
par Wolfgang Amadeus Mozart

Mozarts Divertimento Nr. 10 in F-Dur (K. 247), im Juni 1776 in Salzburg komponiert, ist das erste seiner beiden „Lodron“-Nachtmusiken—eine verfeinerte Form der abendlichen Unterhaltungsmusik, geschrieben für das aristokratische Haus Lodron. Für Streicher mit zwei Hörnern gesetzt, verdichtet es die gesellige Serenadenart zu kammermusikalischer Klarheit und zeigt den 20-jährigen Mozart dabei, wie er „Hintergrund“-Anlassmusik in etwas weit Dauerhafteres verwandelt.[1])[2]
Hintergrund und Kontext
In Salzburg war Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791) Mitte der 1770er Jahre als Hofmusiker unter Erzbischof Colloredo angestellt und lieferte kontinuierlich geistliche Musik ebenso wie Instrumentalwerke für bürgerliche und aristokratische Anlässe. Die Familie Lodron—zur Salzburger Oberschicht gehörender Adel—zählte zu jenem Kreis von Förderern und Freunden, für den man Musik zu Feiern, Namenstagen und abendlichen Zusammenkünften in Auftrag geben oder erbitten konnte.[2]
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K. 247 ist fest an eine bestimmte gesellschaftliche Welt gebunden. Gräfin Maria Antonia (Antonia) Lodron, geborene von Arco, galt als begeisterte musikalische Liebhaberin, und Mozart schrieb mehrere Werke im Umfeld ihres Hauses, darunter das berühmte Konzert für drei Klaviere in F-Dur, K. 242 (ebenfalls mit dem Beinamen „Lodron“). In diesem Zusammenhang ist der Beiname „Lodronische Nachtmusik“ weniger eine nachträgliche Romantisierung als vielmehr ein echter Hinweis auf die Funktion: Dies war Musik, die einen Abend beleben sollte—anmutig, abwechslungsreich und im Umfang flexibel.[2]
Dass K. 247 im Vergleich zu den großen Wiener Serenaden oder zu Eine kleine Nachtmusik deutlich weniger bekannt geblieben ist, sollte seinen Rang nicht verdecken. Das Stück ist exemplarisch für Mozarts Salzburger Genie, „Gebrauchs“-Gattungen—Divertimento, Cassation, Serenade—in fein ausbalancierte Werke zu verwandeln, deren Charme untrennbar mit kompositorischer Kunst verbunden ist.
Komposition und Uraufführung
Das Divertimento in F-Dur, K. 247 (oft „Divertimento Nr. 10“ und „Erste Lodronische Nachtmusik“ genannt) wird auf Juni 1776 datiert und ist der Gräfin Lodron gewidmet.[1][3] Mozart Documents bringt K. 247 zudem mit dem Namenstag der Gräfin (13. Juni) in Verbindung und nennt in diesem Zusammenhang das Divertimento sowie den dazugehörigen Marsch (K. 248).[2]
Ein konkreter Aufführungsbeleg stützt dieses Bild: Berichtet wird eine Aufführung am 18. Juni 1776 in Salzburg (im Zusammenhang mit Festlichkeiten zu Ehren der Gräfin). Auch Henles Werkangaben nennen dieses Datum und diesen Ort als erste Aufführung.[3]
Aussagekräftig ist auch, dass K. 247 zu Mozarts Lebzeiten nicht eilig in Druck gegeben wurde: IMSLP verzeichnet als Erstausgabe das Jahr 1799 (Augsburg), was nahelegt, dass die frühe Existenz des Werks zunächst von privatem Gebrauch und handschriftlicher Verbreitung geprägt war, bevor es auf den öffentlichen Markt gelangte.[1]
Besetzung
K. 247 ist ein Divertimento für Streicher mit zwei Hörnern—eine archetypische Salzburger Freiluft-/Anlassbesetzung, die festlich klingen kann, ohne das vollständige Holz- und Blechaufgebot einer großen Serenade zu erfordern.[1]
- Blech: 2 Hörner
- Streicher: 2 Violinen, Viola, Bass (typischerweise je nach verfügbaren Kräften als Violoncello und Kontrabass realisiert)
Die Hörner tun dabei mehr, als nur die Faktur zu „dekorieren“. In F-Dur verstärken sie auf natürliche Weise die heitere Freiluft-Helligkeit der Musik, akzentuieren Kadenzen, beleben Tuttipassagen und verleihen den Tanzsätzen einen zeremoniellen Glanz—genau jene Farbe, die ein mehrsätziges Divertimento durch die wechselnde Aufmerksamkeit eines Abends trägt.
Form und musikalischer Charakter
IMSLP listet sieben Sätze—schon dies ist ein Hinweis auf Unterhaltungsmusik im älteren Sinn: eine suiteartige Folge kontrastierender Affekte und sozialer Funktionen (rascher Beginn, lyrischer langsamer Satz bzw. Sätze, Menuette und ein flottes Finale).[1]
- I. Allegro
- II. Andante grazioso
- III. Menuetto – Trio
- IV. Adagio
- V. Menuetto – Trio
- VI. Andante
- VII. Allegro assai[1]
Serenaden-Geist in kammermusikalischen Dimensionen
Was K. 247 innerhalb von Mozarts Salzburger Divertimento-Schaffen besonders macht, ist seine Haltung und Ausgewogenheit: In der Anlage wirkt es in der Breite „serenadenhaft“ (zwei Menuette, drei eher langsame Mittelteile, ein lebhafter Schlussspurt), ist jedoch für vergleichsweise intime Kräfte gesetzt. Dieses Gleichgewicht erlaubt Mozart, mit dem Ohr eines Kammermusikers für dialogische Textur zu schreiben—Violinen, die Motive austauschen, Mittelstimmen mit harmonischem Biss—während die Hörner das Ensemble mit festlicher Rhetorik rahmen.
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Die langsamen Sätze als inneres Zentrum des Werks
Die Abfolge von Andante grazioso, Adagio und späterem Andante verleiht dem Werk eine ungewöhnlich großzügige lyrische Mitte. In einer Gattung, die oft als leichtgewichtig behandelt wird, nimmt sich Mozart Zeit für kantables Schreiben und harmonische Dramaturgie: Die Idee der „Nachtmusik“ meint hier weniger Geheimnis als vielmehr Bequemlichkeit, Wärme und kultivierte Eleganz—Musik, die ebenso zum Zuhören wie zur sozialen Atmosphäre gedacht ist.
Tanzsätze mit Profil, nicht Routine
Die beiden Menuette (III und V) verankern die gesellschaftliche Identität des Divertimentos, doch Mozarts Satz vermeidet meist bloße Formelhaftigkeit: Der Phrasenrhythmus ist wach, Kadenzen werden spielerisch hinausgezögert oder pointiert bekräftigt, und die Trio-Teile (traditionell der intimere Kontrast) können wie ein Wechsel der Beleuchtung im selben Raum wirken. In der Aufführung zeigt sich hier oft, wie eng Mozart Tanzbarkeit mit motivischer Logik verknüpft.
Ein Finale, das seinen Glanz verdient
Das abschließende Allegro assai rundet das Werk mit jenem flirrenden, schnellen Ausklang ab, den man am Ende einer Serenade oder eines Divertimentos erwartet—Musik, die den Abend weiterträgt. Es geht nicht um sinfonisches Drama, sondern um Vorwärtsdrang, Funkeln und ein verbindliches Gefühl des Abschlusses.
Rezeption und Nachwirkung
K. 247 gehört zu jener Reihe von Mozarts Salzburger „Anlass“-Stücken, die nach und nach als mehr denn bloße funktionale Hintergrundmusik neu gehört wurden. Die posthume Veröffentlichung im Jahr 1799 verweist auf die Fähigkeit des Werks, die konkrete Lodron-Feier, für die es erdacht war, zu überdauern.[1]
Moderne Interpretinnen, Interpreten und Hörerinnen, Hörer können es zudem in eine aufschlussreiche lokale Folge einordnen: 1776 schuf Mozart in Salzburg neben Kirchenmusik eine bemerkenswerte Häufung instrumentaler Werke—Serenaden für große öffentliche Festlichkeiten ebenso wie kleiner dimensionierte Divertimenti für private Auftraggeber. K. 247 zeigt, wie er die Serenadentradition im „menschlichen Maßstab“ verfeinert, wo jede Stimme zählt und der Reiz untrennbar mit Balance und Detail verbunden ist.
Warum verdient es heute Aufmerksamkeit? Weil es Mozart mit 20 zeigt—bereits ein Meister des theatralischen Timings und der melodischen Grazie—wie er innerhalb einer sozialen Gattung arbeitet und sie still und leise erhebt. Mit Aufmerksamkeit gehört, ist die „Erste Lodronische Nachtmusik“ keine Nebensächlichkeit, sondern ein Porträt des Salzburger Musiklebens, mit vollendeter Kunst gestaltet: festlich und doch intim, im Ton öffentlich und doch in der Ansprache privat, und in seinen Wendungen unablässig erfinderisch.
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[1] IMSLP: Divertimento in F major, K. 247 — movements, date (June 1776), dedication, scoring, first publication (1799).
[2] Mozart Documents (Edge & Black, eds.): entry discussing Countess Antonia Lodron and Mozart’s “Lodron” works (name-day context; K. 247 with March K. 248).
[3] G. Henle Verlag work page: March K. 248 / Divertimento K. 247 (“First Lodron Night Music”) — notes name-day purpose and first performance date (18 June 1776, Salzburg).











