Divertimento Nr. 4 in B-Dur (K. 186): Mozarts frühe Bläser-„Tafelmusik“ mit ungewöhnlichen Farben
av Wolfgang Amadeus Mozart

Mozarts Divertimento Nr. 4 in B-Dur (K. 186, K⁶ 159b) ist ein kompaktes, fünfsätziges Werk für zehn Blasinstrumente, das vermutlich 1773 entstand, als der Komponist siebzehn Jahre alt war. Geschrieben für ein Ensemble, das unter anderem zwei Englischhörner umfasst – eine besonders markante klangliche Entscheidung –, erlaubt es einen aufschlussreichen Blick auf Mozarts erste selbstbewusste Schritte hin zu den späteren Wiener Bläserserenaden.
Hintergrund und Kontext
In Mozarts Schaffen nehmen die Bläserdivertimenti eine faszinierende Mittelstellung zwischen öffentlicher Zweckmusik und privater Kunst ein. Schon der Begriff Divertimento verweist auf Musik, die gefallen soll – oft im Freien, bei Banketten oder als elegante „Hintergrund“-Unterhaltung gespielt. Doch Mozart nutzte solche Anlässe immer wieder, um neue Klanglichkeiten zu erproben und eine dialogischere Art von Kammermusik zu entwickeln, als es seine kirchlichen oder theatralischen Aufträge gewöhnlich zuließen.
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K. 186 gehört zu einem Paar von Schwesterwerken für zehn Bläser, neben dem Divertimento in Es-Dur, K. 166/159d; zusammen markieren sie, wie Forscher häufig formulieren, Mozarts „erste Phase“ des Komponierens für Bläser – noch vor den späteren Salzburger Divertimenti für kleinere Bläsergruppen und den groß dimensionierten Wiener Serenaden (Gran Partita, Serenade in Es-Dur und die „Nachtmusik“ in c-Moll) [1]. Die Besetzung ist auffällig: Zusätzlich zu je zwei Oboen, Klarinetten, Hörnern und Fagotten verlangt Mozart zwei Englischhörner – eine Farbe, die er im Lauf seines Lebens nur gezielt einsetzte und die hier einen milden, dämmerigen Mittelklang beisteuert, der zwischen pastoraler Stimmung und Opernton zu liegen scheint.
Das Werk erinnert auch daran, dass der jugendliche Mozart 1773 bereits in Kategorien instrumentalen „Charakters“ dachte. Selbst wenn die Satztechnik bewusst unkompliziert gehalten ist – ganz im Sinne der gesellschaftlichen Funktion, die ein Divertimento nahelegt –, zeigen die Mischung der Rohrblattfarben, das Ausbalancieren der hellen Oboen gegen die dunkleren Englischhörner und der sorgfältige Umgang mit dem harmonischen Fundament einen Komponisten, der lernt, Bläser mit Charme und Klarheit sprechen zu lassen.
Entstehung und Uraufführung
Das Autograph von K. 186 wird in der Staatsbibliothek zu Berlin aufbewahrt und ist undatiert [1]. Deshalb bleibt der genaue Entstehungsort ungewiss; meist wird das Stück mit Mozarts Aktivitäten des Jahres 1773 in Verbindung gebracht und häufig entweder Mailand (im Umfeld seiner Italienreisen) oder Salzburg (seinem damaligen Lebensmittelpunkt) zugeordnet [2].
Da es sich um funktionale Unterhaltungsmusik handelte, ist eine einzelne „Uraufführung“ im modernen konzertanten Sinn nicht verlässlich dokumentiert. Die weiter gefasste historische Frage – ob man in Salzburg zu Beginn der 1770er Jahre ein solches Bläserensemble, insbesondere mit Klarinetten und zwei Englischhörnern, ohne Weiteres hätte zusammenstellen können – hat Debatten ausgelöst; moderne Referenzdarstellungen deuten die Besetzung häufig als Hinweis darauf, dass das Werk für ein bestimmtes, vielleicht nicht-salzburgisches Ensemble konzipiert gewesen sein könnte [1]. Wie auch immer die Umstände im Einzelnen waren: K. 186 wirkt hörbar auf eine reale Spielergruppe zugeschnitten – die Stimmen liegen idiomatisch, und der Dialog der Rohrbläser ist mit dem Ohr eines Praktikers gedacht.
Instrumentation
Mozart besetzt das Divertimento für ein Bläserdezett (zehn Spieler) [2]:
- Holzbläser: 2 Oboen, 2 Englischhörner, 2 Klarinetten, 2 Fagotte
- Blechbläser: 2 Hörner
Ein bemerkenswertes Merkmal – wichtig für die Art, wie man das Stück hört – ist, dass die Klarinetten in K. 186 häufig eher als harmonisches „Füllwerk“ oder als tragende Stütze fungieren (oft in einer tragpfeilerartigen Rolle, die an Hörner erinnert), während die wichtigsten melodischen Aussagen meist von Oboen und Englischhörnern getragen werden [1]. Diese Arbeitsverteilung trägt dazu bei, dass das Divertimento zugleich pragmatisch und farbbewusst wirkt: Mozart lernt, eine überzeugende Klangpalette zu bauen, auch wenn nicht jedes Instrument ununterbrochen als Solist im Vordergrund steht.
Form und musikalischer Charakter
K. 186 ist in fünf Sätzen angelegt [2]:
- I. Allegro assai
- II. Menuetto – Trio
- III. Andante
- IV. Adagio
- V. Allegro
I. Allegro assai
Der Beginn erfüllt eine bewusst schlichte, beinahe „zeremonielle“ Funktion – eher eine Einladung in die Klangwelt als ein symphonisches Ringen. Der Satz bewegt sich mit tänzerischer Federkraft, und die Klarheit der Phrasenstruktur passt zu einer Umgebung im Freien oder zu geselligem Beisammensein. Doch schon die Besetzung leistet subtile Arbeit: Die Oboen können Brillanz ausstrahlen, während die Englischhörner den Klang vertiefen und dem Ensemble einen runden Kern geben, statt bloß ein grelles Oberregister.
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II. Menuetto – Trio
Das Menuett verkörpert die sozialen Wurzeln der Gattung: ausgewogene Periodik, höfische Haltung und eine Schreibweise, die das Ensemble ohne Aufwand zusammenhält. Das Trio ist aus Werkstattperspektive besonders interessant. In der Quellenliteratur wird erwähnt, Mozart habe zunächst ein anderes Trio (enger instrumentiert) vorgesehen und es dann durch eines ersetzt, das einen Dialog zwischen Oboen und Englischhörnern über dem Bass in den Vordergrund rückt [1]. Ohne in editorische Details zu gehen, deutet dieser Wechsel auf einen Komponisten hin, der das „Theater“ instrumentaler Rollen aktiv verfeinert – auf der Suche nach farblicher Vielfalt und gesprächsartigem Zusammenspiel.
III. Andante
Hier wird der Ton intimer. In Bläserdivertimenti dieser Art liefert der langsame Satz oft den Moment, in dem aus „Hintergrund“-Musik leicht wirklich ausdrucksvolle Musik werden kann. Entscheidend ist die Wärme der Englischhörner in der Mittellage: Sie erlaubt Mozart, melodische Linien singen zu lassen, ohne schrill zu wirken, und innerhalb des Ensembles einen sanften Hell-Dunkel-Kontrast (chiaroscuro) zu erzeugen.
IV. Adagio
Einen zweiten langsamen Satz auf das Andante folgen zu lassen, ist eine der kleinen Abweichungen, mit denen diese beiden Divertimenti für zehn Bläser vom gängigsten Divertimento-Schema abweichen (häufig zwei Menuette, die einen zentralen langsamen Satz umrahmen). Das Ergebnis ist ein etwas stärker ausgeprägtes lyrisches Gravitationszentrum – ein Hinweis darauf, dass Mozart nicht bloß Zeit füllt, sondern über die gesamte Suite hinweg ein stimmiges Hörerlebnis formt 1(https://en.wikipedia.org/wiki/Divertimenti_for_ten_winds_%28Mozart%29.
V. Allegro
Das Finale bringt die flinkfüßige Heiterkeit zurück, mit einem rondoartigen Impuls, der zum Abschiednehmen passt. Selbst wenn die Satztechnik „ökonomisch“ bleibt (Mozart schichtet die Bläser oft paarweise und nutzt die Fagotte als geschlossenes Fundament), besitzt der Schlusssatz jene helle, nach außen gerichtete Energie, die man von Musik erwartet, die eine Gesellschaft in guter Stimmung entlassen soll [1].
Rezeption und Nachwirkung
K. 186 ist nicht so allgemein bekannt wie Mozarts spätere Bläsermeisterwerke, verdient aber gerade deshalb Aufmerksamkeit, weil es den Beginn einer Entwicklung zeigt. Hört man von den Wiener Serenaden aus zurück, erkennt man in diesem Divertimento frühe Entscheidungen, die später zu Markenzeichen werden: ein Sinn für charakteristische Bläserfarben, ein Gespür für dialogische Texturen und ein Instinkt dafür, mehrsätzige Unterhaltungsmusik so zu disponieren, dass sie abwechslungsreich und zielgerichtet bleibt.
Seine Nachwirkung ist auch ganz praktisch. Für Ausführende ist das Werk ein zugänglicher, zugleich charaktervoller Einstieg in Mozarts Bläserrepertoire – kurz (etwa ein Dutzend Minuten) und dankbar zu spielen, dabei aber mit echten Lektionen in Klangmischung, Balance und Phrasierung in einem gemischten Rohrblatt- und Blechbläserensemble [2]. Für Hörende bietet es eine reizvolle Momentaufnahme des siebzehnjährigen Mozart: bereits fähig, „Gelegenheitsmusik“ in Musik mit unverwechselbarer Stimme zu verwandeln, und schon fasziniert von den Ausdrucksmöglichkeiten der Bläser jenseits bloßer Verdoppelung oder Fanfare.
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[1] Wikipedia — overview of the companion ten-wind divertimenti K. 186/159b and K. 166/159d (scoring, movement plan, autograph notes, and contextual discussion).
[2] IMSLP — Divertimento in B-flat major, K. 186/159b: work information (instrumentation, movements, composition year) and links to the Neue Mozart-Ausgabe volume details.
[3] Neue Mozart-Ausgabe (Digitized) — Series VII/17/1 (Divertimentos and Serenades for Wind): English foreword PDF (volume context and editorial framing).











