K. 171

Streichquartett Nr. 11 in Es-Dur, K. 171 — Mozarts Wiener Experiment mit Kontrasten

ヴォルフガング・アマデウス・モーツァルト作

Miniature portrait of Mozart, 1773
Mozart aged 17, miniature c. 1773 (attr. Knoller)

Mozarts Streichquartett Nr. 11 in Es-Dur, K. 171 entstand im August 1773 in Wien, als er erst 17 Jahre alt war, und gehört zu den sechs sogenannten „Wiener“ Quartetten (K. 168–173). Kompakt, scharf konturiert und in seiner Mitte überraschend ernst, zeigt es den jugendlichen Mozart dabei, auszuloten, wie viel Drama und kontrapunktische Kunstfertigkeit ein „häusliches“ Streichquartett in sich aufnehmen kann.

Hintergrund und Kontext

Mozarts Streichquartett Nr. 11 in Es-Dur, K. 171 steht im Zentrum eines entscheidenden, wenn auch bisweilen übersehenen Moments seiner Kammermusik: des Wien-Aufenthalts im Spätsommer 1773, aus dem sechs Quartette für zwei Violinen, Viola und Violoncello hervorgingen (K. 168–173), die später den Beinamen „Wiener“ Quartette erhielten.[1] In Wien traf der 17-jährige Mozart auf eine Streichquartett-Kultur, die Joseph Haydn bereits nachhaltig zu verändern begann—Musik, die nicht bloß das gesellschaftliche Leben begleiten sollte, sondern konzentriertes Zuhören verlangte und die Ausführenden mit einer echten Konversation der Stimmen belohnte.[2]

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K. 171 verdient Aufmerksamkeit, weil es nicht „nur“ eine Lehrlingsarbeit ist. Dieses Quartett denkt in Gegensätzen: langsame Einleitung gegen ein zupackendes Sonatengeschehen; höfischer Tanz gegen dunkleren Kontrapunkt; leuchtendes Es-Dur gegen einen markanten Sturz nach c-Moll. Innerhalb eines Zyklus, der oft als Erkundung beschrieben wird—Mozart lernt das Medium sozusagen vor Publikum—gehört es zu den am klarsten profilierten Einzeläußerungen.

Entstehung und Widmung

K. 171 wurde im August 1773 in Wien komponiert.[3] Die Besetzung entspricht der Standardformation des Streichquartetts:

  • Streicher: Violine I & II, Viola, Violoncello[4]

Ein Widmungsträger ist nicht verlässlich mit dem Werk verbunden, und (wie bei den übrigen Quartetten K. 168–173) scheinen die Stücke zunächst vor allem handschriftlich zirkuliert zu haben, bevor sie später gedruckt und breiter verbreitet wurden.[1]

Form und musikalischer Charakter

K. 171 folgt einem viersätzigen Plan, dessen Proportionen ökonomisch sind, dessen Ausdrucksspektrum jedoch ungewöhnlich weit reicht.[4]

  • I. Adagio – Allegro assai – Adagio (Es-Dur)
  • II. MenuettoTrio (Es-Dur; Trio in As-Dur)
  • III. Andante (c-Moll)
  • IV. Allegro assai (Es-Dur)[4]

I. Adagio – Allegro assai – Adagio

Der Beginn gehört zu den frühen Quartett-Überraschungen Mozarts: eine langsame Adagio-Einleitung, die den Satz wie ein Rahmen umfasst und am Ende wie ein theatralischer Vorhang wiederkehrt.[4] Das zentrale Allegro assai verläuft in einer kompakten Sonatenhauptsatzform (Exposition, Durchführung, Reprise), doch im Gedächtnis bleibt weniger schiere Ausdehnung als das Gefühl rhetorischer Disposition—Mozart begreift bereits, dass ein Quartett in Absätzen „sprechen“ kann, nicht nur gefällige Melodien aneinanderreihen.

II. MenuettoTrio

Das Menuett behält einen Fuß in der höfischen Konvention, doch der Satz ist dialogischer angelegt als bloß begleitend. Im Trio (As-Dur) verteilt Mozart das Gewicht häufig auf die Mittelstimmen, sodass Viola und zweite Violine als echte Gesprächspartner auftreten dürfen statt als harmonische Füllstimmen.[4] Genau diese Art des Ensemble-Denkens sollte ein Jahrzehnt später in den „Haydn“-Quartetten aufblühen.

III. Andante (c-Moll)

Das emotionale Zentrum ist der dritte Satz: ein Andante in c-Moll—eine innerhalb eines Es-Dur-Quartetts frappierende Tonartenwahl—der eine unerwartet nach innen gewendete, ja beinahe strenge Färbung mit sich bringt.[4] Zeitgenössische Einordnungen der Wiener Quartette haben hier oft Mozarts kontrapunktische Ambitionen hervorgehoben: Der Satz wurde als Arbeit „im Stil einer Doppelfuge“ beschrieben und weist damit auf Mozarts frühe Faszination für gelehrte Technik als Ausdrucksmittel hin—nicht als bloße Schulübung.[5]

IV. Allegro assai

Das Finale kehrt mit heller Energie und flinkem motivischem Spiel nach Es-Dur zurück. Nach dem c-Moll-Andante wirkt sein Witz und sein Vorwärtsdrang verdient: weniger ein höflicher Abschluss als eine bewusst herbeigeführte Rückkehr ins Tageslicht. Der Schwung des Satzes unterstreicht zudem eine der größten Qualitäten von K. 171—die Fähigkeit, Drama auf relativ kleinem Raum zu bündeln, eine Kunst, die Mozart in seinem kammermusikalischen Schaffen immer weiter verfeinern sollte.

Rezeption und Nachwirkung

K. 171 hat es in der öffentlichen Bekanntheit nie mit Mozarts späteren Quartetten aufgenommen—besonders nicht mit den sechs Haydn gewidmeten (K. 387, 421, 428, 458, 464, 465)—und ist doch historisch bedeutsam, weil es Mozarts frühe Wiener „Werkstatt“ im Umgang mit dem Medium Streichquartett dokumentiert.[2]

Für heutige Hörer liegt der Reiz in Proportion und Profil: eine langsame Einleitung, die dem ersten Satz ungewohnte Gravitas verleiht; ein Menuett, das bereits eine echte Vierstimmen-Konversation erahnen lässt; und vor allem ein Andante in c-Moll, in dem ein 17-jähriger Mozart mit kontrapunktischem Ernst innerhalb eines Genres experimentiert, das viele eher als leichtgewichtig erwartet hätten. Kurz: K. 171 lohnt die Aufmerksamkeit als Porträt eines Mozart, der im Quartett noch nicht den Gipfel erreicht hat, aber bereits wie ein Dramatiker denkt—und bereits lernt, vier Streichinstrumente streiten, trösten und zustimmen zu lassen.

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[1] Wikipedia: overview of Mozart’s “Viennese Quartets” (K. 168–173), composed in Vienna in late 1773

[2] Cambridge University Press (book chapter PDF): discussion of Mozart’s early quartets and their stylistic context

[3] International Mozarteum Foundation (Köchel catalogue entry): Quartet in E♭ major, K. 171 — work details and dating

[4] IMSLP: String Quartet No. 11 in E♭ major, K. 171 — instrumentation and movement listing

[5] Christer Malmberg / The Compleat Mozart (Zaslaw-derived notes): remarks on the Viennese quartets and the C-minor Andante of K. 171 as contrapuntal (‘double fugue’ style)