K. 15a-ss

Mozarts Londoner Skizzenbuch: 43 Stücke für Cembalo (K. 15a–ss)

von Wolfgang Amadeus Mozart

Mozart family portrait by Carmontelle, 1764
The Mozart family in Paris, 1763–64 (Carmontelle)

Mozarts Londoner Skizzenbuch (K. 15a–ss) ist eine Zusammenstellung von 43 kurzen Tastenstücken und Fragmenten, die 1764–65 in London entstanden, als Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791) erst acht Jahre alt war. Es ist eher Dokument als „Zyklus“: Es bewahrt die ersten Versuche des jungen Komponisten, Einfälle unmittelbar aufs Papier zu bringen—Miniaturen, die erhellen, wie Mozart lernte, am Tasteninstrument zu denken.

Mozarts Leben in dieser Zeit

1764 hielt sich die Familie Mozart in London auf, als Teil ihrer ausgedehnten europäischen „Grand Tour“, auf der das Wunderkind Wolfgang und seine Schwester Maria Anna („Nannerl“) aristokratischen wie auch öffentlichen Kreisen vorgestellt wurden. Kurz nach der Ankunft traten die Kinder am Hof auf und gaben zudem öffentliche Konzerte—ein Hinweis darauf, dass London nicht bloß eine Zwischenstation war, sondern ein wichtiges Erprobungsfeld für das Tasteninstrumentenspiel und die improvisatorischen Gaben des Achtjährigen [1] [2].

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In diese Phase fällt auch Mozarts Begegnung mit dem kosmopolitischen Musikleben der Stadt (italienische Oper, englische Konzertkultur und ein starker Markt für Tastenmusik). Für den komponierenden Jungen war ein solches Umfeld bedeutsam: Das Londoner Skizzenbuch steht neben formal ausgearbeiteteren Londoner Werken (insbesondere den begleiteten Tasten-Sonaten K. 10–15) als Beleg für eine rasche stilistische Assimilation—Musik, die am Instrument aufgenommen, erprobt und umgeformt wird [3].

Entstehung und Manuskript

Das Londoner Skizzenbuch (englisch: London Sketchbook) ist im Köchel-Verzeichnis als K. 15a–ss geführt und umfasst 43 kurze, meist unbetitelte Nummern, in zwei Systemen notiert—von gedrängten Tänzen bis zu winzigen, unvollendeten Einfällen [4] [5].

Die neuere Forschung (wie sie sich in der Neuen Mozart-Ausgabe spiegelt) betont die praktische, nahezu „technologische“ Bedeutung des Hefts: Es dokumentiert, wie Mozart lernte, Musik flüssig mit Feder und Tinte zu notieren, um Eingebungen festzuhalten, ohne stets auf Eltern oder Kopisten angewiesen zu sein. Auch Leopold Mozarts Mitwirkung ist erkennbar—Korrekturen in Bleistift deuten auf eine lehrende Hand hin, die über den ersten eigenständigen Notationsschritten eines Kindes schwebt [4].

Gerade weil es sich um ein Skizzenbuch und nicht um ein Publikationsvorhaben handelt, sollte die Sammlung im wörtlichen Sinn als Jugendwerk verstanden werden: als Arbeitsheft, aus dem der spätere „fertige“ Mozart erst allmählich hervorgeht. Manche Einträge sind fragmentarisch (etwa K. 15rr und K. 15ss), und Umfang wie Zuschreibungen lassen sich am besten über kritische Ausgaben erschließen—nicht über romantische Vorstellungen eines einheitlichen Opus [5].

Musikalischer Charakter

Der Reiz des Notizbuchs liegt nicht in großer Architektur, sondern in konzentrierten Gesten. Viele Einträge sind einminütige Charakterstücke—Menuetto, Contredanse, Andante, Rondo—als würde Mozart in schneller Folge das soziale und galante Grundvokabular des Tastenstils der mittleren 1760er Jahre erproben [5]. Selbst wenn ein Stück nur aus wenigen Zeilen besteht, hört man oft den Instinkt des späteren Dramatikers für Kadenzdramaturgie, Kontrast und „Szenerieaufbau“ am Tasteninstrument.

Mehrere Einträge werden in modernen Verzeichnissen als „Sonaten“ bezeichnet; gemeint sind hier jedoch meist kurze Sonatensätze oder sonatenähnliche Versuche, nicht jene mehrsätzige, auf öffentliche Wirkung angelegte Gattung, die Mozart später meisterhaft ausformen sollte. Das Londoner Skizzenbuch nimmt innerhalb von Mozarts Tastenwerk daher eine besondere Stellung ein: Es zeigt den Prozess—wie Tanzrhythmen, Passagenwerk-Muster und Periodenbildung durchs Tun erlernt und dann sofort in neuen Kombinationen wiederverwendet werden.

Warum verdient es heute Aufmerksamkeit? Gerade weil es kein „reifes Repertoire“ ist. K. 15a–ss lässt Hörerinnen und Hörer wie auch Spielerinnen und Spieler Mozarts kompositorisches Denken aus nächster Nähe beobachten: winzige Experimente mit Form, Figuration und Tonart-zu-Tonart-Bewegung, mit gelegentlichen Ambitionsblitzen (ein Fugenfragment unter den letzten Stücken), die über den bescheidenen Maßstab des Hefts hinausweisen [5]. Für allgemein neugierige Musikerinnen und Musiker ist es zudem eine Erinnerung daran, dass Genie eine materielle Geschichte hat: Selbst Mozart musste das Handwerk lernen, niederzuschreiben, was er im Kopf hörte—eine kleine Londoner Seite nach der anderen.

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[1] Overview of the Mozart family’s grand tour; London timeline and court appearance dates.

[2] MozartDocuments.org: documentation of London concert life and the Mozarts’ public/court appearances (context for 1764–65).

[3] Reference overview of the London keyboard sonatas with accompaniment (K. 10–15), placing K. 15a–ss alongside Mozart’s other London keyboard output.

[4] Wikipedia article summarizing the London Sketchbook (K. 15a–ss), including NMA-derived remarks about purpose and Leopold’s pencil corrections.

[5] IMSLP work page for The London Sketchbook, K. 15a–15ss, including item list and links to Neue Mozart-Ausgabe materials.