Lucio Silla (K. 135) — Mozarts jugendliche Opera seria in Mailand
di Wolfgang Amadeus Mozart

Lucio Silla (K. 135) ist eine italienische opera seria in drei Akten, komponiert 1771–72 (in Salzburg begonnen und in Mailand vollendet) und am 26. Dezember 1772 im Mailänder Teatro Regio Ducale uraufgeführt.[1] Entstanden, als Wolfgang Amadeus Mozart gerade 16 war, liefert das Werk einen eindrucksvollen frühen Beleg für seine Fähigkeit, die Konventionen der heroischen Oper mit psychologischer Spannung, leuchtender Orchesterfarbe und Szenen zu beleben, die bereits den Dramatiker der 1780er Jahre erahnen lassen.[1]
Hintergrund und Kontext
Anfang der 1770er Jahre hatte Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791) sich bereits auf dem anspruchsvollsten Opernmarkt Europas erprobt: an italienischen Theatern – mit ihren Star-Sängern, den schnellen Produktionsabläufen und den strengen Erwartungen an Form und Stil. Gerade Mailand wurde für ihn zu einem entscheidenden Prüfstein. Dort kamen in rascher Folge drei seiner Bühnenwerke heraus: Mitridate, re di Ponto (K. 87), Ascanio in Alba (K. 111) und schließlich Lucio Silla (K. 135) – sämtlich am Teatro Regio Ducale (dem wichtigsten herzoglichen Theater, das nach einem Brand später durch die Scala ersetzt wurde).[2]
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Das Genre war die opera seria (oft als dramma per musica bezeichnet): eine Form, die von moralischen Dilemmata, politischer Macht und der Zurschaustellung vokaler Virtuosität lebt. In weniger begabten Händen wirkt sie leicht wie eine Abfolge von Arien, lose verbunden durch Rezitativ. Dass Lucio Silla heute erneute Aufmerksamkeit verdient, liegt gerade an Mozarts Bemühen – bereits mit sechzehn –, aus diesen überlieferten Strukturen echtes Theater zu machen. Selbst dort, wo ihn die konventionelle Architektur der „Abgangsarie“ bindet, schärft er Figuren, steuert das Drama über Kontraste und verleiht entscheidenden Momenten ein beinahe symphonisches Gewicht.[1]
Komposition und Auftrag
Der Auftrag kam aus Mailand für die Karnevalssaison 1772–73, im Gefolge der Erfolge von Mozarts früheren italienischen Triumphen. Ein Brief vom 19. Juli 1771 von Leopold Mozart (Vater, Manager und unermüdlicher Fürsprecher) erwähnt bereits die Einladung der Mailänder Impresarios, Wolfgang solle die nächste Karnevalsoper komponieren.[1]
Mozart arbeitete 1771–72 an Lucio Silla an zwei Orten – Salzburg und Mailand.[1] Leopolds spätere Korrespondenz aus Mailand (November–Dezember 1772) ist besonders aufschlussreich für die praktischen Bedingungen hinter der Partitur: Mozart schrieb Chöre, überarbeitete Rezitative und komponierte die Ouvertüre, während das Libretto in Wien vor der endgültigen Genehmigung noch beträchtliche Änderungen durchlief.[1]
Uraufgeführt wurde die Oper am 26. Dezember 1772 im Teatro Regio Ducale in Mailand.[1] Dieses Datum ist nicht nur biografisch wichtig: Es verortet das Werk an der Schwelle zwischen Mozarts „italienischer Lehrzeit“ und den folgenden Salzburger Jahren – einer Phase, in der er italienische Vokalkunst in sich aufnahm, zugleich aber (oft schmerzlich) nach einer dauerhaften Anstellung suchte.
Libretto und dramatische Struktur
Der italienische Text stammt von Giovanni de Gamerra, mit Revisionen und Verbesserungen von Pietro Metastasio – der weiterhin überragenden Autorität der opera seria-Dichtung.[1] Metastasios Mitwirkung ist nicht bloßes Beiwerk: Sie verankert das Stück fest in der hochseriösen Tradition moralisch aufgeladener Politik und der Idee von „Tugend, die durch Macht auf die Probe gestellt wird“. Leopold Mozart berichtet, Metastasio habe „sehr vieles verbessert und geändert“ und sogar eine neue Szene im zweiten Akt hinzugefügt, was weitere Umarbeitungen durch den Komponisten nach sich zog.[1]
Im Zentrum der Handlung steht der römische Diktator Lucio Silla (Sulla), der den Senator Cecilio verbannt hat und Giunia (die Tochter von Sillas erschlagenem Rivalen) zur Heirat zwingen will. Um dieses Zwangsdreieck herum entfaltet das Drama widerstreitende Loyalitäten: politische Verschwörung, private Treue und die ständige Spannung zwischen Tyrannei und Milde. Wie viele opera seria-Geschichten gipfelt es in einer öffentlichen Gnadenhandlung des Herrschers – doch Mozart sorgt dafür, dass der Weg dorthin psychologisch unruhig bleibt, statt bloß zeremoniell zu wirken.
Schon die Besetzung erzählt eine Geschichte der Epoche. Der zentrale „Held“ Cecilio ist für einen Kastraten geschrieben (heute meist von Sopran oder Mezzosopran in Hosenrolle gesungen), Giunia ist ein hoher Sopran und Cinna ein weiterer Sopran en travesti; die Titelpartie Silla ist ein Tenor, ebenso Aufidio.[3] Diese Konstellation – mehrere hohe Stimmen im Kontrast zu zwei Tenören – schafft eine klangliche Hierarchie: Liebende und Verschwörer bewegen sich in einem hellen, schwebenden Register, während die politische Autorität (Silla) in einem stärker deklamatorischen Tenorprofil geerdet ist.
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Musikalische Anlage und Schlüsselnummern
Mozarts Partitur wird oft als „früher Mozart“ etikettiert, doch die besten Szenen entziehen sich diesem schwachen Lob. Die Energie der Oper entsteht daraus, wie er Affekt (affetto) und Situation voneinander absetzt: lyrische Sehnsucht, Zorn, Schrecken, rituelle Feierlichkeit – und jenen unheimlichen „Unterwelt“-Ton, den Autoren des 18. Jahrhunderts mit dem ombra-Stil verbanden (dunkle Tonarten, pochende Rhythmen, übernatürliche Beklemmung).
Drei Momente sind besonders markant.
Giunias risikoreiche Scena: „Ah se il crudel periglio“
Giunia ist nicht nur ein tugendhaftes Opfer; sie ist der dramatische Motor der Oper, und Mozart gibt ihr immer wieder Musik, die vokalen Glanz mit echter Angst und Entschlossenheit verbindet. Ihre Arie „Ah se il crudel periglio“ ist ein Paradebeispiel: ein hoch aufgeladenes Stück, in dem die Athletik der Gesangslinie wie das äußere Zeichen innerer Dringlichkeit wirkt.[4]
Sillas Tyrannenarie: „Il desìo di vendetta“
In der opera seria kann der Tyrann leicht zur Pappfigur werden. Mozart macht Silla komplexer, indem er seinen Zorn in scharf konturierter musikalischer Rhetorik sprechen lässt. „Il desìo di vendetta, e di morte“ ist mehr als eine konventionell „rasende“ Arie: Gerade ihre Beharrlichkeit dramatisiert die Instabilität der Figur – Autorität als Zwang, nicht als Kontrolle.[5]
Die späte Folge im III. Akt: „Pupille amate“ und Giunias „Fra i pensier…“
Gegen Ende der Oper verlagert Mozart das Gewicht von der politischen Konfrontation zu einer ausgedehnten Meditation über bedrohte Liebe. Cecilios „Pupille amate“ (mit der Bezeichnung Tempo di Menuetto) bietet einen trügerisch schlichten, tröstenden Ton; seine Gelassenheit kann wie das menschliche Gegenbild zu Sillas früherer Raserei wirken. Unmittelbar danach stürzt Giunias „Fra i pensier più funesti di morte“ in tragische Intensität und wird oft als eine der packendsten Eingebungen der Partitur hervorgehoben.[6]
Zusammen zeigen diese Nummern, warum Lucio Silla mehr verdient als den Status einer bloßen Kuriosität. Mozart bewegt sich noch innerhalb der Logik der „Nummernoper“, doch er denkt bereits in szenischen Blöcken – in Abfolgen, in denen ein Affekt den nächsten auslöst und in denen die emotionale Temperatur durch Gegenüberstellung steigt, nicht durch eine einzelne Melodie allein.
Uraufführung und Rezeption
Lucio Silla wurde am 26. Dezember 1772 im Mailänder Teatro Regio Ducale erstmals aufgeführt – als drittes Mozart-Bühnenwerk, das dort innerhalb von nur zwei Jahren herauskam.[2] Die Uraufführung war im wörtlichsten Sinn eine Sängeroper: Sie wurde für – und durch – erstklassige Künstler eingerichtet und geprägt. Die Partie der Giunia wurde bei den ersten Aufführungen von der gefeierten Sopranistin Anna de Amicis gesungen (belegt in italienischen biografischen Nachschlagewerken), was das Niveau unterstreicht, dem der jugendliche Komponist genügen musste.[7]
Berichte über den Erfolg der Oper sowie über ihren Fortgang und die Umarbeitungen finden sich in Leopolds Briefen aus Mailand im Spätherbst 1772.[1] Doch die längere Rezeptionsgeschichte des Werks verlief ungleichmäßig: Es ist vollständig überliefert und wird immer wieder neu belebt, ist jedoch nie in dem Maß ins Repertoire eingegangen wie Mozarts reife Zusammenarbeit mit Lorenzo Da Ponte. Diese Lücke ist aufschlussreich. Lucio Silla besitzt nicht die konzentrierte Ensemble-Dramaturgie und die Gesellschaftskomik von Le nozze di Figaro oder Don Giovanni – Eigenschaften, die spätere Publika als „mozartisch“ zu erwarten lernten. Stattdessen bietet es etwas Selteneres: einen jungen Komponisten, der sich ernsthaft mit dem Ideal der opera seria auseinandersetzt und es stellenweise von innen heraus übersteigt.
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In modernen Aufführungen gewinnt das Werk oft Bewunderung für seine „unerwartete“ dramatische Wucht – besonders in Giunias Musik und in den dunkleren, atmosphärischen Passagen der Oper. Mit frischen Ohren gehört, ist es nicht nur ein Lehrlingsstück, sondern ein lebendiges Dokument davon, wie Mozart lernt, theatralische Zeit zu gestalten: wie man Spannung dehnt, Emotion verdichtet und Virtuosität in Charakter verwandelt.
[1] Mozart & Material Culture (King’s College London) — work entry with commission letters, revisions, and premiere details for *Lucio Silla*, K. 135.
[2] Mozart & Material Culture — Milan place entry summarizing Mozart’s Milan premieres and Teatro Regio Ducale context.
[3] American Guild of Musical Artists (AGMA) — role/voice-type list for *Lucio Silla* (useful for modern casting conventions).
[4] Digital Mozart Edition (Mozarteum) — Critical report PDF referencing specific numbers including Giunia’s “Ah se il crudel periglio”.
[5] Wikipedia — synopsis and numbered pieces list including Silla’s aria “Il desìo di vendetta, e di morte”.
[6] Heinrich-von-Trotta.eu — detailed recording notes (Harnoncourt/Teldec) discussing key numbers including “Pupille amate” and Giunia’s “Fra i pensier…”.
[7] Treccani (Dizionario Biografico degli Italiani) — Anna de Amicis entry noting her participation as Giunia in the 26 Dec 1772 Milan performance.












