K. 123

Contredanse in B-Dur, K. 123 (Rom, 1770)

von Wolfgang Amadeus Mozart

Portrait of Mozart aged 13 in Verona, 1770
Mozart aged 13 at the keyboard in Verona, 1770

Mozarts Contredanse in B-Dur (K. 123) ist ein knappes orchestrales Tanzstück, das im April 1770 in Rom entstand – der Komponist war erst vierzehn Jahre alt. Im Umfang bescheiden, handwerklich jedoch pointiert, erlaubt es einen seltenen Blick darauf, wie Mozart Eindrücke seiner Italienreise in Gesellschaftsmusik verwandelte: Musik für wirkliche Körper in Bewegung.

Hintergrund und Kontext

Im Mozart-Verzeichnis können die Tänze wie leichte Randnotizen wirken – Gebrauchsstücke für gesellige Räume, nicht für Konzertsäle. Zugleich sind sie aber auch Laboratorien: Orte, an denen der junge Komponist Periodenbau, orchestrales Gleichgewicht und die Kunst verfeinert, Musik zu schreiben, die unmittelbar verständlich ist.

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Die Contredanse in B-Dur, K. 123 gehört zur ersten Italienreise (Dezember 1769–März 1771), auf der Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791) mit seinem Vater Leopold Mozart durch die Halbinsel reiste – eine Folge von Vorspielen, Patronatsbesuchen und musikalischen Begegnungen. Rom, zur Karwoche 1770 besucht, zählte zu den Prestigestationen der Tour: berühmt für Liturgie und Antike, zugleich aber auch für aristokratische Salons, in denen Unterhaltung und Selbstdarstellung ebenso viel galten wie Frömmigkeit.

Vor diesem Hintergrund hört man K. 123 am besten als Musik praktischer höfischer Geselligkeit: ein kurzer, klarer, rhythmisch gleichmäßiger Tanz, der sich lehren, wiederholen und genießen ließ – und doch unverkennbar Mozarts Sinn für melodische Eleganz trägt.

Komposition und Uraufführung

Das präziseste zeitgenössische Zeugnis stammt von Leopold. In einem Brief aus Rom vom 14. April 1770 berichtet er, Wolfgang „schickt dir hierbei eine Contredanse“ und gibt sogar an, wie sie choreographiert werden könne: fünf Paare, mit abwechselnd kleineren „Solo“-Abschnitten und volleren tutti-Passagen, sodass unterschiedliche Tänzergruppen eintreten und sich die ganze Gesellschaft zu den orchestralen Refrains zusammenfindet [1]. Diese praktische Notiz ist ungewöhnlich aufschlussreich: Sie bestätigt die gesellschaftliche Funktion des Stücks und legt nahe, dass Mozart mit einem konkreten Tanzplan im Kopf komponierte.

In der modernen Katalogisierung wird K. 123 meist Rom und Mitte April 1770 zugeordnet [2]. Eine konkrete erste Aufführung ist nicht dokumentiert; wie viel Tanzmusik der Zeit war das Stück vermutlich für den unmittelbaren Gebrauch im privaten Rahmen gedacht und nicht für eine öffentliche „Premiere“ im späteren Konzertsinne.

Besetzung

K. 123 ist für ein kleines, klanghelles Orchester gesetzt, wie es für Tanzmusik des 18. Jahrhunderts typisch ist:

  • Holzbläser: 2 Oboen
  • Blechbläser: 2 Hörner
  • Streicher: Violinen I & II, Violoncello und Kontrabass (Basslinie unisono)

Bemerkenswert ist, dass die Quellen die Besetzung als „Streicher (ohne Bratschen)“ beschreiben – eine praktische Vereinfachung, die den Satz schlank hält und den Rhythmus scharf konturiert [3]. In dieser Art Musik ist das Weglassen weniger ein „Verlust“ als eine ästhetische Entscheidung: Eine füllende Mittelstimme ist weniger wichtig als eine federnde Oberstimme und ein verlässliches Fundament im Bass.

Form und musikalischer Charakter

Obwohl K. 123 ein einzelner, kurzer Tanz ist, lohnt genaues Hinhören, weil er zeigt, wie Mozart Abwechslung erzeugt, ohne die quadratische Klarheit aufzugeben, die Tänzer brauchen.

Phrasierung für das Parkett

Leopolds choreographische Hinweise deuten auf eine Refrain-und-Episode-Logik: kleinere Gruppierungen (die „Solos“) werden von volleren Orchesterstellen (den tutti) beantwortet [1]. Auch ohne konkrete Schritte zu rekonstruieren, wirkt die Musik wie eine Einladung zu Einsätzen und Neuformierungen – Musik, die Wechsel eher durch Textur und Kadenzen „anzeigt“ als durch komplexe Durchführung.

Tonale und orchestrale Klarheit

B-Dur ist für dieses Ensemble eine naheliegende Tonart, besonders mit Hörnern: Das Blech kann Kadenzen stützen und die äußeren Ränder der Phrase aufhellen, während die Oboen den melodischen Konturen Schärfe geben. Der Streicherpart ist überwiegend zweistimmig über einem Bass geführt, was einen durchsichtigen Klang ergibt, der gut trägt und sich auch inmitten von Gesprächsgeräusch leicht erfassen lässt.

Warum dieses kleine Stück „mozartisch“ ist

Was Mozart – selbst in gelegentlicher Tanzmusik – auszeichnet, ist das Gefühl, dass die Melodie nicht bloß ein rhythmisches Vehikel ist. Die besten Contredanses balancieren:

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  • Unmittelbare Verständlichkeit (regelmäßiges Metrum, klare Kadenzen)
  • Einprägsames Motivprofil (Melodien, die nach einmaligem Hören hängen bleiben)
  • Taktile Orchestrierung (Bläserfarbe an Phrasenhöhepunkten, federnde Bassstütze)

In K. 123 sind diese Werte auf eine oder zwei Minuten verdichtet: eine Miniaturstudie in Charme, Proportion und instrumentaler Ökonomie.

Rezeption und Nachwirkung

K. 123 gehört nicht zu Mozarts „berühmten“ Orchesterstücken – vor allem, weil die Gattung der Contredanse für den Augenblick gedacht war: saisonal, gesellschaftlich, austauschbar. Dennoch ist das Werk durch moderne Editionen und die Überlieferung in Handschriften gut zugänglich geblieben; das Autograph befindet sich in Berlin (Staatsbibliothek zu Berlin), und das Stück erscheint in den Tanzbänden der Neuen Mozart-Ausgabe ebenso wie in gemeinfreien Scans [3].

Für heutige Hörer liegt sein Wert in zweierlei. Historisch dokumentiert es Mozarts römischen Frühling 1770 aus einem ganz anderen Blickwinkel als die berühmte Miserere-Anekdote: nicht das Wunderkind in der Kirche, sondern der professionelle Jugendliche, der auf Abruf brauchbares Repertoire liefert. Musikalisch erinnert es daran, dass Mozarts Gabe für Balance und melodische Stimmigkeit nicht Symphonien und Opern vorbehalten war; sie belebte auch jene Alltagsgattungen, die das musikalische Leben des 18. Jahrhunderts – ganz wörtlich – über das Parkett in Bewegung hielten.

[1] Digital Mozart Edition (Mozarteum Foundation): Leopold Mozart letter from Rome, 14 April 1770, noting that Wolfgang sends a contredanse and giving choreographic guidance.

[2] Wikipedia: Köchel catalogue table entry for K. 123/73g (Contredanse in B♭), giving Rome and mid-April 1770 dating in the Köchel chronology.

[3] IMSLP: Contredanse/Country Dance in B-flat major, K. 123/73g — general info including key, date, and instrumentation details (2 oboes, 2 horns, strings without violas) plus access to NMA scans.