K. 622

Klarinettenkonzert A-Dur, K. 622

de Wolfgang Amadeus Mozart

Silverpoint drawing of Mozart by Dora Stock, 1789
Mozart, silverpoint by Dora Stock, 1789 — last authenticated portrait

Mozart vollendete das Klarinettenkonzert A-Dur, K. 622 Anfang Oktober 1791 in Wien. Er schrieb es für seinen Freund und künstlerischen Weggefährten Anton Stadler sowie für dessen Bassettklarinette in A mit erweitertem Tonumfang. Oft als Mozarts instrumentaler Abschiedsgruß beschrieben, verbirgt die leuchtende Oberfläche des Konzerts ein ebenso reizvolles wie heikles Quellenproblem: Das Autograph ist verschollen, und ein großer Teil der Aufführungstradition des 19. Jahrhunderts stützt sich auf eine „angepasste“ Solostimme, die die ursprünglich vorgesehenen tiefen Töne des Instruments glättet und damit verwischt.

Hintergrund und Kontext

Ende 1791 komponierte Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791) in Wien in atemberaubendem Tempo – er vollendete Die Zauberflöte, lieferte Musik zu La clemenza di Tito und arbeitete unter dem Druck von Theaterfristen, Unterricht, finanziellen Sorgen und fragiler Gesundheit. Das Klarinettenkonzert A-Dur, K. 622 gehört in diese komprimierte letzte Schaffensphase, und doch wirkt sein Tonfall bemerkenswert unaufgeregt: weit gespannte Melodieabschnitte, lang atmende Übergänge und eine Solostimme, die eher „spricht“ als blendet.

Der Widmungsträger Anton Stadler (1753–1812) war kein gewöhnlicher Orchesterklarinettist. Zeitgenössische Berichte heben immer wieder seinen ausdrucksvollen Klang hervor und – entscheidend – seine Meisterschaft im Chalumeau- (tiefen) Register, das Mozart mit ungewöhnlicher Zartheit und rhetorischem Gewicht auslotet. Stadlers Wiener Instrumentenbau-Umfeld (insbesondere der Hofinstrumentenmacher Theodor Lotz) förderte neue Klarinettentypen mit erweitertem Tonumfang nach unten; Mozarts Konzert ist untrennbar mit diesem Moment technischer Experimentierfreude verbunden, in dem die Identität der Klarinette noch zwischen vokaler Nachahmung, virtuoser Brillanz und orchestraler Mischfähigkeit ausgehandelt wurde.[1][2]

Was K. 622 – über seinen Ruhm hinaus – besonders reich macht, ist die historische Instabilität seines „Textes“. Mozarts fertige Partitur im Autograph ist nicht erhalten, und in das Repertoire des 19. Jahrhunderts gelangte das Konzert über frühe Druckausgaben, die jene Stellen anpassten, die unterhalb des Umfangs der Standardklarinette liegen.[2] Daraus ergibt sich eine Interpretationsdebatte mit handfesten musikalischen Konsequenzen: Sind die bewegendsten Momente des Konzerts diejenigen, die uns die Drucküberlieferung vermittelt hat – oder jene, die wir aus Indizien, Analogien und Instrumentengeschichte erst rekonstruieren müssen?

Entstehung und Uraufführung

Mozart trug das Konzert in sein eigenes thematisches Werkverzeichnis zwischen Ende September 1791 (Die Zauberflöte ist dort auf den 28. September datiert) und die Freimaurer-Kantate, K. 623 (15. November 1791), ein – damit lässt sich die Fertigstellung des Konzerts auf ein enges Zeitfenster eingrenzen.[3] Den anschaulichsten dokumentarischen Hinweis liefert Mozarts Brief vom 7./8. Oktober 1791 an seine Frau Constanze, in dem er auf die Vollendung des Finalsatzes Bezug nimmt – häufig paraphrasiert als habe er „orchestriert“ oder „Stadlers Rondo“ fertiggestellt.[1][2]

Die Uraufführung lässt sich nicht mit der wünschenswerten Sicherheit belegen. Oft wird eine Aufführung durch Stadler in Prag am 16. Oktober 1791 angenommen; dieses Datum passt plausibel zu Stadlers nachgewiesenen Reisen und Konzertaktivitäten, doch ist kein Programm erhalten, das es zweifelsfrei bestätigte.[2] Diese Unsicherheit legt zwei hilfreiche Vorsichtsmaßnahmen für Interpretinnen, Interpreten und Hörende nahe:

1. Das „erste Publikum“ des Konzerts muss nicht in Wien gesessen haben, sondern könnte ebenso gut die kosmopolitische, opernorientierte Prager Szene gewesen sein, die kurz zuvor La clemenza di Tito beherbergt hatte (September 1791). 2. Die früheste Rezeption ist mit Stadlers persönlichem Tourneerepertoire und den praktischen Bedingungen eines seltenen Instruments verknüpft – Faktoren, die die spätere editorische „Normalisierung“ der Solostimme vermutlich beschleunigten.

Hinter der Frage der Uraufführung steht ein noch gewichtigeres Problem: das Verschwinden des Autographs. Constanze Mozart deutete später gegenüber dem Verleger Johann Anton André an, Stadler sei verwickelt gewesen – sei es durch Verlust, Verpfändung oder Diebstahl. Diese Anekdote hält sich auch deshalb, weil sie zu der unbequemen Tatsache passt, dass die originalen Aufführungsmaterialien genau in dem Moment verschwanden, als Stadler, der entscheidende Vermittler, sie mit auf Reisen nahm.[2][1]

Besetzung

Mozart instrumentiert das Konzert mit charakteristischer Zurückhaltung: ein Orchester, das den Solisten eher mit Klarheit als mit Gewicht umrahmt und klangliche „Nahaufnahmen“ sowie kammermusikalische Dialoge ermöglicht.

  • Solo: Bassettklarinette in A (erweiterter tiefer Tonumfang; heute oft auf A-Klarinette mit Anpassungen gespielt)[2]
  • Holzbläser: 2 Flöten, 2 Fagotte
  • Blechbläser: 2 Hörner
  • Streicher: Violinen I & II, Viola, Violoncello, Kontrabass

Auffällig fehlen Oboen, Klarinetten (im Orchester), Trompeten und Pauken – Auslassungen, die den milden, herbstlichen Farbton des Konzerts stabilisieren. Die Orchesterbläser wirken oft weniger als brillanter „Chor“ denn als Schattierungsinstrumente: Flöten können den Glanz einer Phrase aufhellen, während Fagotte die Harmonik mit einer Intimität verankern, die eher an Kammermusik als an öffentlichen Zeremonienstil erinnert.

Form und musikalischer Charakter

I. Allegro (A-Dur) — Sonatenhauptsatzform

Der erste Satz ist beispielhaft für Mozarts späte Konzert-Rhetorik: Die orchestrale Eröffnungsexposition ist gefasst und unangestrengt und etabliert doch leise eine Welt, in der der Einsatz des Solisten wie die Fortsetzung eines bereits begonnenen Gesprächs wirkt. Man hört Mozart für einen konkreten Spieler schreiben – nicht nur in technischer Bequemlichkeit, sondern darin, wie die Linie ein gesangliches Legato begünstigt und dann zu artikulierter Passagenarbeit kippt, ohne die Klarinette zum Violin-Ersatz zu machen.

Das meistdiskutierte „nicht auf den ersten Blick“ erkennbare Merkmal ist weniger thematisch als registral. In einer rekonstruierten Lesart für Bassettklarinette lösen sich mehrere Kadenzen- und Übergangsmomente abwärts in den erweiterten Tiefbereich, was jenen Stellen harmonische Schwerkraft verleiht, die spätere Ausgaben häufig nach oben umlenken. Der Unterschied ist nicht kosmetisch: Er verändert die Überzeugungskraft des Konzerts. Abwärtsauflösung wirkt wie Ankommen; Aufwärtsverlagerung kann wie höfliches Ausweichen klingen. Weil Mozarts Autograph fehlt, triangulieren moderne Rekonstruktionen aus frühen Drucken, der Binnenlogik des Konzerts und verwandten Mozart-Materialien – einschließlich einer früheren, nur teilweise erhaltenen Fassung, die mit einem Konzept für ein Bassethornkonzert verbunden ist (K. 621b/584b) und zeigt, wie selbstverständlich Mozart Besetzung und Tonart beim Feilen am Werk für Stadler neu denken konnte.[2][1]

II. Adagio (D-Dur) — dreiteilige Anlage

Das Adagio gilt als Inbegriff mozartischer Gelassenheit, doch seine Anlage ist kühner, als der Ruf vermuten lässt. Die Solostimme hält lange Bögen, die Atemführung und tonliche Stabilität auf die Probe stellen – besonders auf historischen oder Bassett-Instrumenten – während das Orchester oft bewusst „dünne“ Begleittexturen liefert und die Klarinette exponiert stehen lässt.

Hier wird die Bassettklarinetten-Frage eher expressiv als bloß historisch. Die erweiterten tiefen Töne (wo sie in rekonstruierten Texten eingesetzt werden) erlauben Mozart, die Wiederkehr von Material mit einem dunkleren vokalen Register zu färben – weniger Sopranarie, mehr menschliche Sprechstimme. Selbst in der Standardfassung für A-Klarinette versuchen viele Interpretinnen und Interpreten, die rhetorische Absicht zu bewahren, indem sie Phrasenenden so formen, als könnten sie noch weiter absinken: ein diminuendo bis an den „Boden“ des Instruments, mit konsonantenhafter Artikulation, die die Linie auch in sehr leisen Dynamiken verständlich hält.

III. Rondo: Allegro (A-Dur, 6/8)

Mozarts Bezug auf „Stadlers Rondo“ Anfang Oktober 1791 hat Musikerinnen und Musiker dazu angeregt, das Finale als Porträt zu hören: gesellig, beweglich und warm extrovertiert.[2] Doch der Satz ist mehr als freundliche Unterhaltung. Das Rondothema ist auf Einprägsamkeit gebaut, aber seine Episoden prüfen immer wieder die Fähigkeit des Solisten, blitzschnell den Charakter zu wechseln – pastorale Leichtigkeit, opernhaftes cantabile, dann helle Virtuosität –, ohne die Illusion einer einzigen „sprechenden“ Persona zu zerstören.

Gerade im Finale ist zudem die Anpassung des 19. Jahrhunderts besonders gut hörbar. Wo der tiefste Tonumfang der Solostimme nicht verfügbar ist, leiten Herausgeber Phrasen häufig in das mittlere Register um. Das Problem: Mozart schreibt oft mit dem Ohr eines Dramatikers für Richtung. Eine Phrase, die zu einem dunklen tiefen Ton hinabsteigt, „wählt“ nicht bloß eine Tonhöhe – sie entscheidet sich für einen Kadenztyp, für eine Geste des Abschlusses, ja für eine Art Bühnenbewegung. Um diese Gesten wiederzugewinnen, greifen viele Solistinnen und Solisten sowie Ensembles heute zu Ausgaben mit Bassettklarinetten-Lesart oder markieren zumindest die originalen Tiefen als Ossia-Alternativen.

Rezeption und Nachwirkung

Die frühe Drucküberlieferung sicherte das Fortleben des Konzerts – und verzerrte es zugleich. Nach Mozarts Tod erschien das Werk 1801 in Ausgaben bei André, Sieber sowie Breitkopf & Härtel, allesamt mit einer Solostimme, die auf die Standardklarinette zugeschnitten war und nicht auf Stadlers erweitertes Instrument.[2] Diese „publizierbare“ Version half dem Konzert, sich rasch zu verbreiten; zugleich normierte sie aber einen Text, den mindestens ein früher Kritiker dem Prinzip nach für unbefriedigend hielt.

Ein bemerkenswertes Dokument ist die Besprechung in der Allgemeinen musikalischen Zeitung vom 17. März 1802. Sie rühmt das Konzert als unverkennbar mozartisch und, der Sache nach, als das beste Klarinettenkonzert, das dem Rezensenten bekannt sei – kritisiert jedoch die editorische Lösung. Der Kritiker meint, man hätte besser Mozarts Original als Haupttext gedruckt und die nötigen Transpositionen lediglich als kleingedruckte Alternativen beigefügt.[4] Für heutige Leserinnen und Leser ist das ein frappierender Hinweis darauf, dass „historisch informierte“ Bedenken nicht bloß Purismus des späten 20. Jahrhunderts sind: Schon 1802 konnte man wahrnehmen, dass ein Kompromisstext einen künstlerischen Preis hat.

So haben das 20. und 21. Jahrhundert zwei parallele Traditionen übernommen:

  • Die lange dominierende Standardklarinetten-Tradition, geprägt von Ausgaben des 19. Jahrhunderts und einem Jahrhundert kanonischer Einspielungen.
  • Die Bassettklarinetten-Renaissance, getragen von Forschung, Rekonstruktion und Instrumentenbau, die Mozarts registrale Dramaturgie und die dunkleren, stärker vokalen Tiefen des Konzerts zurückzugewinnen sucht.[2][1]

Keiner der beiden Ansätze ist in der Aufführung automatisch „wahrer“; der Verlust des Autographs stellt sicher, dass jede Bassettfassung editorisches Urteil einschließt. Doch die größere Nachwirkung ist klar: K. 622 wurde nicht nur deshalb zu einem Eckpfeiler, weil es schön ist, sondern weil es definiert, was die Klarinette im klassischen Stil sein kann – ein Instrument zu lyrischer Intimität, sprechähnlicher Inflexion und architektonischem Gewicht.

Unter den bedeutenden modernen Aufnahmen sind oft jene Entscheidungen am aufschlussreichsten, die die Textfrage hörbar machen: Aufführungen auf Bassettklarinette (oder mit Ausgaben, die den Tiefumfang wiederherstellen) können ein subtil anderes Konzert sichtbar machen – vielleicht weniger geschniegelt im „aufrechten“ Sinn, dafür überzeugender in seiner Abwärtsgravitation und seiner späten mozartischen Wärme.[2]

Partitura

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[1] Neue Mozart-Ausgabe (NMA/DME Mozarteum): Foreword to the Clarinet Concerto (historical context, sources, Stadler, text issues)

[2] Reference overview: composition (Oct 1791), dedicatee Stadler, basset clarinet, loss of autograph, early editions and adaptations

[3] Mozarteum programme booklet (documents concerto’s placement in Mozart’s thematic catalogue between 28 Sep and 15 Nov 1791; cites Mozart’s 7/8 Oct letter context)

[4] Discussion of the 17 March 1802 Allgemeine musikalische Zeitung review and its critique of the adapted edition; includes contextual translation notes