Divertimento Nr. 9 in B-Dur (K. 240)
von Wolfgang Amadeus Mozart

Mozarts Divertimento Nr. 9 in B-Dur, K. 240 ist ein kompaktes, zugleich charaktervolles Salzburger BlĂ€serwerk, vollendet im Januar 1776, als der Komponist 20 Jahre alt war. Besetzt mit sechs Instrumenten (je zwei Oboen, Hörner und Fagotte), zeigt es, wie Mozart ein höfisches âHintergrundâ-Genre mit auffallend wacher Konversation, rhythmischem Witz und sicherem GespĂŒr fĂŒr klassisches MaĂ behandelt.[1]
Hintergrund und Kontext
In Mozarts Salzburger Jahren waren BlĂ€ser-divertimenti und serenaden im modernen Sinn nicht in erster Linie âKonzertwerkeâ. Sie gehörten zu einer lebendigen mitteleuropĂ€ischen Tradition der BlĂ€sermusik im Freien und in InnenrĂ€umen, oft verbunden mit Diners, abendlichen VergnĂŒgungen und höfischen Festlichkeiten â Musik, die gefallen, begleiten und wĂŒrdevoll umrahmen sollte, ohne konzentriertes Zuhören zu verlangen.[1] Doch Mozart nutzt dieses Gelegenheitsgenre immer wieder als Experimentierfeld: Wie viel lĂ€sst sich mit einer Handvoll Klangfarben, knappen Formen und einem Publikum erreichen, das womöglich nicht in andĂ€chtiger Stille sitzt?
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K. 240 steht an einem besonders interessanten Punkt seiner Entwicklung. 1776 war Mozart tief in Salzburgs Musikbetrieb eingebunden, schrieb in groĂer FĂŒlle fĂŒr unterschiedlichste Gattungen und schĂ€rfte zugleich den prĂ€gnanten, theatralisch denkenden Stil, der spĂ€ter seine Wiener Meisterwerke beleben sollte. Die Besetzung als BlĂ€sersextett (paarweise Oboen, Hörner, Fagotte) ist gegenĂŒber den groĂformatigeren âHarmonieâ-Serenaden der 1780er Jahre bescheiden, fördert aber bereits eine Art instrumentalen Dialog, der eher Kammermusik ist als bloĂ funktionale Begleitung.
Was K. 240 erneute Aufmerksamkeit lohnt, ist seine Balance aus ZweckmĂ€Ăigkeit und Einfallsreichtum. In vier knappen SĂ€tzen variiert Mozart Textur und Rollenverteilung: Die Fagotte verstĂ€rken nicht nur die Basslinie, die Hörner fĂ€rben die Harmonik und markieren Kadenzen, und die Oboen tragen melodische Profile, die ökonomisch, aber unverwechselbar sind. Das Ergebnis ist ein Divertimento, das als gesellige Tafelmusik funktionieren kann â und dennoch genaues Hinhören belohnt.
Komposition und UrauffĂŒhrung
Das Divertimento in B-Dur, K. 240 ist als authentisches, vollstĂ€ndiges Werk zuverlĂ€ssig ĂŒberliefert; es existiert eine Autographquelle mit der Datierung ânel Gianaro 1776â (Januar 1776).[1] Das Köchel-Verzeichnis verortet es in Salzburg und datiert es ausdrĂŒcklich auf Januar 1776.[1] Moderne Nachschlagekataloge und Notenplattformen bringen das StĂŒck ebenfalls mit Januar 1776 in Verbindung.[2]
Wie bei vielen Salzburger BlĂ€serdivertimenti sind die UmstĂ€nde der ersten AuffĂŒhrung in den erhaltenen Quellen nicht eindeutig dokumentiert; vermutlich entstand es fĂŒr jene höfischen und bĂŒrgerlichen AnlĂ€sse, bei denen solche Ensembles besonders gefragt waren. Veröffentlicht wurde das Werk erst spĂ€ter (Anfang des 19. Jahrhunderts), was auch mit erklĂ€rt, warum es nie die öffentliche PrĂ€senz von Mozarts spĂ€teren Wiener BlĂ€serserenaden erreicht hat.[2]
Besetzung
Mozart schreibt K. 240 fĂŒr ein klassisches Salzburger BlĂ€sersextett:[1]
- HolzblÀser: 2 Oboen, 2 Fagotte
- BlechblÀser: 2 Hörner
Diese Kombination ist trĂŒgerisch klangreich. Die beiden Oboen bieten Brillanz und gesangliche Klarheit; die Fagotte liefern sowohl Bassfundament als auch bewegliche Innenstimmen; und die Hörner â auf der Naturtonreihe basierend â setzen an Kadenzen einen leuchtenden Glanz, stĂŒtzen die tonikalen und dominantischen Pfeiler und verdichten in Tuttis den Klang. In der AuffĂŒhrung wirkt die Besetzung am besten, wenn man sie als echte Kammermusik versteht: Die Balance muss so angelegt sein, dass die Gegenlinien der Fagotte und die akzentuierenden Rufe der Hörner als strukturelle Ereignisse wahrnehmbar werden â nicht bloĂ als Hintergrundfarbe.
Form und musikalischer Charakter
K. 240 umfasst vier SĂ€tze â ein Plan, der den Unterhaltungscharakter wahrt und zugleich nahe an symphonischer Logik bleibt (schnellâlangsamâTanzâschnell):[2]
- I. Allegro
- II. Andante grazioso
- III. Menuetto â Trio
- IV. Allegro
I. Allegro
Der Kopfsatz signalisiert sofort, dass Mozart sich nicht mit bloĂer GefĂ€lligkeit begnĂŒgt. Das Material ist hell und reprĂ€sentativ (B-Dur eignet sich besonders fĂŒr BlĂ€serklang im Freien), doch der Reiz liegt darin, wie rasch die Themen im Ensemble weitergereicht werden. Statt eines simplen âMelodie plus Begleitungâ entsteht eine Konversation im Satz: Die Oboen fĂŒhren zwar hĂ€ufig, doch die Fagotte beleben die Harmonik immer wieder mit aktiver Bewegung, und die Hörner markieren die architektonischen Gelenke des Verlaufs.
II. Andante grazioso
Die Bezeichnung grazioso (âanmutigâ) ist bezeichnend. Dieser langsame Satz ist weder tragisch noch opernhaft aufgeladen; vielmehr pflegt er Haltung, Durchsichtigkeit und eine Art höfischer IntimitĂ€t. Im BlĂ€sersatz ist es eine kompositorische Herausforderung, lange Linien zu tragen, ohne schwer zu wirken â Mozart antwortet mit leichter Instrumentation, klarer Phrasensymmetrie und sanften harmonischen Wendungen, die eher an elegantes Sprechen als an rhetorische Deklamation erinnern.
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III. Menuetto â Trio
Das Menuett verankert K. 240 fest in der gesellschaftlichen Welt des Divertimentos. Doch selbst hier vermeidet Mozart Gleichförmigkeit: Das eigentliche Menuett hat einen robusten, öffentlichen Schritt, wĂ€hrend das Trio typischerweise die Textur aufhellt und das Ensemble neu austariert, sodass man dieselbe Gruppe gleichsam mit frischen Ohren hört. Die Wirkung ist Theatralik im Miniaturformat â ein Raum, dieselben sechs Spieler, aber ein Wechsel von âBeleuchtungâ und Charakter.
IV. Allegro
Das Finale stellt die extrovertierte Bewegung wieder her. Statt mit einem bloĂen LĂ€rm-Ausbruch zu enden, zielt Mozart auf prĂ€gnante Artikulation und klare Kadenzgestaltung â Eigenschaften, die Freiluft- oder Tafelmusik in realen RĂ€umen tragfĂ€hig machen. FĂŒr den aufmerksamen Hörer liegt das VergnĂŒgen dieses Satzes in seiner Ăkonomie: Kurze Motive genĂŒgen, sofern sie mit Timing, Kontrast und sicherem Ankunftssinn verteilt werden.
Rezeption und Nachwirkung
K. 240 ist weniger berĂŒhmt als Mozarts spĂ€tere BlĂ€serserenaden â vor allem die Gran Partita, K. 361/370a, sowie die Wiener Serenaden K. 375 und K. 388/384a â, nicht zuletzt, weil es kleiner dimensioniert und enger an Salzburgs funktionale Musizierpraxis gebunden ist. Doch gerade diese Bescheidenheit macht seinen historischen Wert aus. Es zeigt Mozart mit 20 dabei, ein praktisches höfisches Genre mit derselben kompositorischen Intelligenz zu meistern, die er auch in âhöherenâ Formen entfaltet.
FĂŒr heutige Interpretinnen und Interpreten wie auch fĂŒr Hörerinnen und Hörer bietet das Divertimento zudem eine reizvolle BrĂŒcke zwischen Hintergrundunterhaltung und Konzertrepertoire. Mit wacher Artikulation und echtem kammermusikalischem Miteinander gespielt, offenbart K. 240 eine typisch mozartische Gabe: gesellschaftliche Musik wie ein Drama ohne Worte wirken zu lassen â Musik, die höflich den Rand eines Anlasses bewohnen kann und doch im Moment, in dem man genau hinhört, in den Vordergrund tritt.[1][2]
[1] International Mozarteum Foundation (Köchel-Verzeichnis): work entry for KV 240 (dating, authenticity, Salzburg context, instrumentation, sources including autograph).
[2] IMSLP: Divertimento in B-flat major, K. 240 â general information (movements, key, instrumentation, composition date; publication notes).







